Aus dem Fenster

In der Klemme sitzend zwischen der Anklagenden und dem introvertierten Kind, das aus dem Fenster sieht und in die Ferne will. Da scheint immer dieser seidene Vorhang zu sein zwischen mir und allem anderen. Ich werde nie dazugehören, und inzwischen ist einer der Gründe dafür auch, dass ich es nicht mehr möchte. Diese ganzen Gespräche über die Ästhetik des Wortes. Bei wem hat die Liebe mich nur zurückgelassen? Und dann richten sie Reyhaneh Jabbari hin, weil sie einer versuchten Vergewaltigung nur entgehen kann, indem sie sich wehrt und ihn tötet. Wo waren wir, als all dies geschah? Als sie vor dem Richter versuchte, ihre Not zu erklären?

Mir fehlen die Autoren und Autorinnen, die es noch schafften, über sich zu schreiben, ohne den Radius ihrer Beschreibungen so eng an sich zu pressen, dass man beim Lesen unwillkürlich das Gefühl bekommen muss, sich um die Autorin oder den Autor zu drehen. Die meisten Texte hören sich an wie bunt gestellte Bilder aus dem hauseigenen Facebookalbum. Als ich Dostojewski las, fühlte ich, dass sein Kämmerlein dunkel war und sein Mantel verstaubt, auch wenn das vielleicht nicht so war. Mir fehlt der Schmerz und der Dreck beim Schreiben. Das Kerzenlicht, der vergilbte Teppich und die Erschöpfung. Heute müssen Texte gut aussehen, wie ein Instagram Foto. Ich glaube, Autoren sind weniger anfällig für diese Art des Schreibens. (Ich lasse mich hier gerne eines Besseren belehren).

Die Tage sind nach oben und unten hin wild. Letztens bin ich durch den Regen gegangen. Während alle anderen die Sicherheit suchten, dachte ich, dass ich mich begießen lassen will. Wie viel Glück eine wahrhaftige Begenung mit einem einfachen Natureieignis wie Regen bescheren kann. Und dennoch hat sich etwas verändert. Je älter ich werde, desto bewusster ist mir in jenem Moment die Begrenzung dieses Augenblickes. Die Freude geht einher mit einer stechenden Erkenntnis. Immer mehr. Weiterlesen

Die Wand

Mich eines Tages trennen. Von der Menschheit. Für einige wenige Augenblicke nur. Nicht mehr zu ihr und ihren Regelkomplexen gehören, die mit aller Macht versuchen, der Menschlichkeit und Destruktivität ihre Legitimation zu verleihen. Willkürliche Grenzen, Maßstäbe, die uns als Anker dienen, von denen aus wir Dinge als zuviel oder zuweing beschreiben. Ich möchte nicht dazu gehören. Manchmal ist es, als würde mir ein starker Sog der Nichtigkeit das Herz aus dem Rippenkäfig ziehen, sobald ich auf uns blicke. Wo ich normalerweise eine Mischung aus Liebe und Verachtung für uns empfinde, gibt es Augenblicke, in denen ich mich nur noch wegreißen will von dieser Spezies. Da ist dann weder Liebe noch Verachtung, sondern ein quälendes Gefühl von Überdruss. Solange ich denken kann, wollte ich dazugehören. Zu irgendetwas Großem: einem Freundeskreis, einer Familie, einem Team, einer Weltrettungsmission. Da ich dennoch nie ankam, habe ich versucht, jene zu sein, bei der man ankommen kann. Soviele Menschen sind bei mir gestrandet, und ich habe sie umarmt mit allem, was ich hatte. In dem Augenblick war ich immer nur in dieser Umarmung. Und zwei Einsamkeiten wurden so getröstet, manchmal sogar kurz geeint. Das kann ich mir heute, an diesem Tag, nicht vorstellen. Zu scharfkantig reihen sich all die Erinnerungen aneinander, die ich in den Nachrichten lese. Es gibt Wörter, die kann ich nicht mehr nebeneinander hören, doch sie fallen immer wieder. Wenn ich sie lese – auf Blogs und sozialen Netzwerken – platze ich unmittelbar; ganz ohne Wutaufbau und Stauungen. Ich platze und sinke ein wie eine welkende Frucht. Kämpfen ist zwecklos. Ich weiß dann: das bringt alles nichts mehr. Der Diskurs, all die Erklärungen, meine wilden Gestikulationen, der innige Wunsch, den anderen zu erreichen, das alles bringt nichts mehr. Ich sehe uns kreisen, um die immer selben Themen (und jeder hat seine eigenen), doch nie haben wir etwas Relevantes zu sagen. Ich warte seit ich denken kann auf diesen einen Satz, der alle Gesetze und Blockaden unserer Egos enthebelt, damit wir laut schreiend auf ein Ziel zulaufen können, endlich wissen, was zu tun ist, endlich wissen, was zusammen zu erreichen ist. Vergebens. Ich warte nicht mehr. Ich glaube nicht mehr an Rettung. Nur an die kleinen Augenblicke inniger Nähe und Menschlichkeit. Für die kann man leben. Aber das Auto, das rasend gegen die Mauer fährt, das kann man nicht mehr aufhalten. So sehe ich sie. Die Menschheit.

Altern und Identität

Es ist nicht die Zeit, die uns altern lässt, sondern unsere Annahme, dass wir eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft haben. Das bringt mit sich, dass wir eine stabile Identität gewinnen – eine Identität als Illusion darüber, dass wir trotz all der Veränderungen an und in uns ein und die selbe Person sind. Wenn wir innerlich mit aller Macht ein und die selbe Person sein wollen und sich äußerlich jedoch über die Jahre hinweg zeigt, dass wir uns stark verändern, kommen wir nicht umhin, das Konzept des Alterns zu erfinden. Altern erklärt, warum wir uns verändern, ohne von der Idee des Ich-Seins ablassen zu müssen. Ohne die Idee des Alterns wären wir nicht nur „Ich“, sondern „viele Verschiedene“, und wir würden uns nicht fragen, warum wir nun so anders aussehen und denken. Wir würden denken „Das da ist jemand anderes, und ich lebe eben nur jetzt, und der andere eben in einem anderen Jetzt.“ Und es wäre vielleicht sogar die Wahrheit. (Oder nicht ganz. Denn die Frage ist, ob wir nicht vielleicht viel tiefer gehen und das Konzept der Identität loslassen müssen, um in solch einen Zustand von Jetzt gelangen zu können).