Die Wand

Mich eines Tages trennen. Von der Menschheit. Für einige wenige Augenblicke nur. Nicht mehr zu ihr und ihren Regelkomplexen gehören, die mit aller Macht versuchen, der Menschlichkeit und Destruktivität ihre Legitimation zu verleihen. Willkürliche Grenzen, Maßstäbe, die uns als Anker dienen, von denen aus wir Dinge als zuviel oder zuweing beschreiben. Ich möchte nicht dazu gehören. Manchmal ist es, als würde mir ein starker Sog der Nichtigkeit das Herz aus dem Rippenkäfig ziehen, sobald ich auf uns blicke. Wo ich normalerweise eine Mischung aus Liebe und Verachtung für uns empfinde, gibt es Augenblicke, in denen ich mich nur noch wegreißen will von dieser Spezies. Da ist dann weder Liebe noch Verachtung, sondern ein quälendes Gefühl von Überdruss. Solange ich denken kann, wollte ich dazugehören. Zu irgendetwas Großem: einem Freundeskreis, einer Familie, einem Team, einer Weltrettungsmission. Da ich dennoch nie ankam, habe ich versucht, jene zu sein, bei der man ankommen kann. Soviele Menschen sind bei mir gestrandet, und ich habe sie umarmt mit allem, was ich hatte. In dem Augenblick war ich immer nur in dieser Umarmung. Und zwei Einsamkeiten wurden so getröstet, manchmal sogar kurz geeint. Das kann ich mir heute, an diesem Tag, nicht vorstellen. Zu scharfkantig reihen sich all die Erinnerungen aneinander, die ich in den Nachrichten lese. Es gibt Wörter, die kann ich nicht mehr nebeneinander hören, doch sie fallen immer wieder. Wenn ich sie lese – auf Blogs und sozialen Netzwerken – platze ich unmittelbar; ganz ohne Wutaufbau und Stauungen. Ich platze und sinke ein wie eine welkende Frucht. Kämpfen ist zwecklos. Ich weiß dann: das bringt alles nichts mehr. Der Diskurs, all die Erklärungen, meine wilden Gestikulationen, der innige Wunsch, den anderen zu erreichen, das alles bringt nichts mehr. Ich sehe uns kreisen, um die immer selben Themen (und jeder hat seine eigenen), doch nie haben wir etwas Relevantes zu sagen. Ich warte seit ich denken kann auf diesen einen Satz, der alle Gesetze und Blockaden unserer Egos enthebelt, damit wir laut schreiend auf ein Ziel zulaufen können, endlich wissen, was zu tun ist, endlich wissen, was zusammen zu erreichen ist. Vergebens. Ich warte nicht mehr. Ich glaube nicht mehr an Rettung. Nur an die kleinen Augenblicke inniger Nähe und Menschlichkeit. Für die kann man leben. Aber das Auto, das rasend gegen die Mauer fährt, das kann man nicht mehr aufhalten. So sehe ich sie. Die Menschheit.

Altern und Identität

Es ist nicht die Zeit, die uns altern lässt, sondern unsere Annahme, dass wir eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft haben. Das bringt mit sich, dass wir eine stabile Identität gewinnen – eine Identität als Illusion darüber, dass wir trotz all der Veränderungen an und in uns ein und die selbe Person sind. Wenn wir innerlich mit aller Macht ein und die selbe Person sein wollen und sich äußerlich jedoch über die Jahre hinweg zeigt, dass wir uns stark verändern, kommen wir nicht umhin, das Konzept des Alterns zu erfinden. Altern erklärt, warum wir uns verändern, ohne von der Idee des Ich-Seins ablassen zu müssen. Ohne die Idee des Alterns wären wir nicht nur „Ich“, sondern „viele Verschiedene“, und wir würden uns nicht fragen, warum wir nun so anders aussehen und denken. Wir würden denken „Das da ist jemand anderes, und ich lebe eben nur jetzt, und der andere eben in einem anderen Jetzt.“ Und es wäre vielleicht sogar die Wahrheit. (Oder nicht ganz. Denn die Frage ist, ob wir nicht vielleicht viel tiefer gehen und das Konzept der Identität loslassen müssen, um in solch einen Zustand von Jetzt gelangen zu können).

Die anhängliche Nostalgikerin

Nostalgie ist eine Form der Anhänglichkeit, und sie ist auch eine Form der Revolte gegen die Gegenwart. Oft wird sie als Schwäche empfunden, aber im Grunde ist sie unheimlich stark. Nostalgische Menschen können jahrelang aus ihren Erinnerungen zehren und neue Kraft schöpfen, auch wenn sie zeitgleich die Hoffnung für das Heute in Frage stellen. Ich bin anhänglich, und ich bin eine Nostalgikerin. Doch diese Nostalgie macht mich zu einem sehr treuen Menschen. Einem Menschen, der nicht vergessen kann, dass er einst geliebt hat und aus dieser intensiven Erinnerung die Liebe weiter aufrechterhalten kann. Mein Elefantengedächtnis begleitet mich seit meinem zweiten Lebensjahr. Ich kann weder das Herrliche noch die Angst vergessen. Der See in mir, der all die Eindrücke einverleibt und sogar intensiviert hat, wird mich immer verletzen und vieles, das in Vergessenheit geraten sollte, von Neuem erleben lassen; doch zeitgleich wird er mir die Schatztruhe sein, aus der ich immer wieder schöpfen kann. Ich weiß jetzt, was ich antworten werde, wenn jemand mich fragt, woher ich all die Kraft herhole. Ich werde ihm sagen, ich bin stark, weil ich eine anhängliche Nostalgikerin bin. Ich werde ihm nicht erzählen, dass nur die Gegenwart zählt, ich werde ihm meine Wahrheit erzählen – nämlich, dass mein Ziel es nie sein wird, einfach nur frei und glücklich und frei von Sorge zu sein, sondern dass ich mehr will, als in einem distanzierten Zustand der Meditation das Negative an mir vorbeiziehen zu lassen. Dass meine Kraft aus der Strenge der Verantwortung wächst, und dass meine Strenge und Verantwortung aus der Liebe entspringt, die für mich mehr ist als nur atmen, existieren und sie zu bekennen. Ich werde erzählen, dass meine Liebe ein Gelübde ist, ein Band, das der Nabelschnur ähnelt. Und ich werde diesen Standpunkt für mein eigenes Leben verteidigen, weil ich so sein will, wie ich bin. Weil ich jede Konsequenz meiner teilweise vorhandenen Selbstdestruktivität tragen möchte, weil ich voll und ganz dahinter stehe – und weil alles andere für mich nur ein halbes Dasein wäre. Weiterlesen

Dieser Ort

Ich erinnere mich so an diesen Ort, als sei er aus einem fernen Traum. Wie war das nochmal? Da war das Meer, und eigentlich war es ein Ozean – und dahinter war nichts außer die Kraft, die mal angsteinflößend mal tröstlich war. Und dann war es so, als wäre ich wieder an der Nabelschnur meiner Mutter. Die Schnur, die einen nicht nur mit der wohlriechenden Mutter sondern mit dem ganzen Universum verbindet. Warum kann ich hier die Ruhe nicht haben, die ich dort hatte?





Generation Y: Die angepassten Okay-Studenten

Ich möchte euch einmal diesen unverschämten Artikel einer Dozentin vorstellen, die ein wenig Werbung für ihre Generation auf unsere Kosten machen möchte. Dabei schildert sie Aussagen von Studierenden, die in meinen Ohren absolut unrealistisch wirken. Dieser Artikel wurde auf der Uni-Köln Seite veröffentlicht. Es wurde von den Studierenden dort darum gebeten, dass ich meinen Kommentar dazu weiterverbreite. Hier erst einmal der Artikel: Generation Y: Die angepassten Okay-Studenten. (Mein Kommentar – leicht abgeändert zum besseren Verständnis):

Für mich grenzt dieser Artikel an Ignoranz, und wenn ich ehrlich bin, glaube ich ihr auch einige Aussagen, die Studierende angeblich getätigt haben sollen, nicht (z. B. „Uns bringen diese Diskussionen nichts …” – Wir waren jedesmal hellauf dankbar, wenn irgendetwas im Seminar vom Lehrplan abwich). Weiterlesen