Avalon

Ich sehe die Nebel vor lauter Apfelbäumen nicht. Wo ich bin, frag’ ich nicht mehr. Es kann nur der eine Ort sein. Ich bin auf Avalon gestrandet – nach sovielen Jahren bin ich endlich auf Avalon gestrandet. Morgaine wird mich bald begrüßen, mich zu ihrer Schwester taufen, mir den blauen Halbmond mit einem Kuss auf die Stirn brennen. Ich werde dabei zwischen Trance und Wachheit vertrauten Wellen folgen und der mir inzwischen fremden inneren Stimme nach endlosen Zeiten Gehör schenken. Dann kommt das Fieber, das mich ausspült, meine Lasten ausspült, meine Wut ausspült, meinen Schmerz ausspült, meine Geschichte ins Land des Vergessens führt, wo all das nur auf mich wartet, wenn ich mich wieder für das Weltliche entscheide. Doch das wird nicht mehr geschehen, nie wieder. Ich liege hier, ich tanze auf den Klängen der blauen Insel und höre fremde Gebete. Und wenn ich erwache, habe ich nur noch die eine Aufgabe, nämlich voller Inbrust zu schweigen, weil ich weiß – weil ich weiß – dass die Dinge, wie sie sind, ihre Berechtigung haben und ich nichts gegen sie tun kann. Ich werde die Furcht loslassen, statt ihrer dem Hinnehmen Platz in meiner Umarmung gewähren, durch dieses die Hingabe leben und Forderungen ihren Druck verwehren. Ich will nichts mehr wollen, ich will nichts mehr ändern, ich will meine Träume nicht mehr, ich will meine Wünsche vergessen, ich will, dass mich die Welt in Ruhe lässt. Ich verabscheue diesen fast kriegerischen Quälgeist in mir, der mich schlägt und rüttelt, der bei jedem Atemzug von mir will, dass ich etwas tue, dass ich irgendetwas tue, dass ich jetzt etwas tue, dass ich gar nicht mehr damit aufhöre, auch wenn es da nichts gibt, das wirklich ich tun könnte, um etwas zu ändern. Ich war immer nur eine Pusteblume, die gegen den Wind ankämpfte und trotzdem verloren in der Atmosphäre dieser kalten Welt verbrannte. Ich will nicht mehr brennen. Ich will akzeptieren und in allem einen höheren Sinn erkennen. Im sinnlosen Sterben dieser Welt will ich den großen Plan feiern. In allem, was mir begegnet, die Bestätigung suchen, dass mein Weg des Loslassens (oder Aufgebens) der Richtige ist. Ich will schlafen können. Nur ein wenig, nur kurz, nur für immer. Ich will nach Avalon …

Felix Hoffmann: Die Rede eines Abiturienten

Diese Rede ist von einem 17-jährigen Abiturienten. Ich könnte diesen Jungen und seine Eltern einfach nur dafür küssen, dass sie aus ihrem Sohn keinen ignoranten „Denk’ einfach nur an dich, deine Karriere und deine Gesundheit“-Menschen gemacht haben, der nur sein eigenes Glück, seinen eigenen Erfolg und seinen Status im Kopf hat. Dieser Junge bittet darum, dass wir auch ein wenig für andere leben. Bitte lest seine Rede und teilt sie. Sein Text hat diese Aufmerksamkeit wirklich verdient, denn solange es noch Idealisten gibt, hat diese Welt noch eine kleine Chance.

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Anti-Theodizee

„Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht, oder er kann es und will es nicht, oder er kann es nicht und will es nicht, oder er kann es und will es. Wenn er nun will und nicht kann, so ist er schwach, was auf Gott nicht zutrifft. Wenn er kann und nicht will, dann ist er missgünstig, was ebenfalls Gott fremd ist. Wenn er nicht will und nicht kann, dann ist er sowohl missgünstig wie auch schwach und dann auch nicht Gott. Wenn er aber will und kann, was allein sich für Gott ziemt, woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht (einfach) weg?“ [Epikur]

“Hers”

Ich bekomme bei übermäßiger Süße oft so eine Art “innere Unruhe” und den dringenden Wunsch, reinzubeißen und zu knutschen und überhaupt! Es gibt sogar einen persischen Ausdruck für diesen Zustand, der heißt “Hers”. “Hers” bedeutet, wenn man sich irgendwie sehr aufregt, aber diese Aufregung nicht ausleben kann. Ich habe dieses moppelige Wesen verschont, weil mich als Baby mit mega Wangen nie nie niemand verschont hat und ich noch genau weiß, wie rücksichtslos ich gequetscht, gekniffen und geknutscht wurde. Aber ich bleibe dann mit meinem “Hers” zurück und sehe mir dann dieses Foto an und denke “Verdammt, Sherry, warum hast du nicht reingebissen, als die Mama kurz weggesehen hat?” Oh Mann, bitte, der Kleine hat Speck auf dem Handrücken. In welcher Hölle bin ich denn hier überhaupt gelandet? Wieso sind Babies so quälend süß? Haha.

Zeichen

Damals habe ich in vielen Dingen Zeichen oder Vorzeichen gesehen. Das waren göttliche Reaktionen auf das, was ich getan hatte oder vorhatte zu tun. Das war wundervoll. Ich konnte mich bestätigt sehen, mich als Teil einer göttlichen Güte betrachten, obwohl immer auch Leid und Trennung ein Teil von allem war, so stand es nicht sinn- und zusammenhanglos im Kontext unseres Lebens. Ich glaube, diesen Sinn kann man aber nicht mehr sehen, wenn eine bestimmte Schwelle von Schicksalsschlägen überschritten ist, zumindest konnte ich, je mehr ich die Augen öffnete für Elend, umso weniger einen göttlich gewollten Sinneszusammenhang darin sehen. Selbst, wenn darin ein Sinn gelegen hätte, so wollte ich dieser Gottheit eine Ohrfeige dafür geben, dass er solche Schandtaten als Ursache-Wirkungs-Kette überhaupt zustande gebracht hatte. Wenn man anfängt, Gott moralisch zu kritisieren und ihm zu wenig Herz bescheinigt, woran soll man glauben, wenn man nie gelernt hat, an sich selbst zu glauben?

Vorhin habe ich aber wieder etwas gesehen, das ich – wie damals, als ich noch glaubte und gut war – als Zeichen interpretiert habe. Und bevor ich noch im darauffolgenden Gedanken dieses Zeichen wegrationalisieren konnte, habe ich meine Hand drübergelegt und gesagt „Vergiss es, das hier ist ein Zeichen. Du wirst mir das nicht zerstören, Sherry.“ Und nun lebt dieses Zeichen bei mir; und abergläubig, wie ich mir gerade erlaube zu sein, bin ich davon überzeugt, dass bald etwas Schönes geschehen wird.

Erwartung und Scheitern

Die größte Freiheit ist vielleicht, nicht mehr um Anerkennung kämpfen zu müssen. Manchmal entsteht das aus einer wunderbaren Erkenntnis über den eigenen „Wert“ und dem Beginn einer Wohlgesonnenheit sich selbst gegenüber – häufig jedoch geschieht es auch aus Resignation heraus, der Erkenntnis: „Egal, was ich tue, es bringt sowieso nichts. Die Anerkennung, die ich erwarte, die bekomme ich nicht.” Anerkennung darf nicht immer nur mit Lob oder Bewunderung verwechselt werden. Anerkennung kann manchmal auch bedeuten, dass jemand einen sieht und fragt, wie es ihm gehe und ob er etwas brauche. Anerkennung bedeutet das Erleben von echter Zugewandtheit, einem leisen Interesse für jemanden als Person und nicht nur als Funktion von etwas.

Die neugewonnene Selbstsicherheit ist in den letzten Wochen instabiler geworden. Ich hatte durch akute Situationen keine Zeit mehr, meine Gedanken und Gefühle mit Positiven über mich zu korrigieren – sie passten nicht mehr in meinen Alltag, wirkten gar lächerlich und beschämend. Aber eigentlich lief das nochmal anders. Alles begann mit einem großen Vorwurf gegen andere und mündete bei der Schuldsuche bei mir selbst. Alte Muster wurden aktiviert, die bekannte Gedankenspirale nahm ihren Lauf. Es gibt nun zwei Möglichkeiten eines Neuanfangs: A) Ich betrinke mich oder B) Ich setze nochmal da an, wo ich in meinem Selbstexperiment aufgehört hatte und beginne zeitgleich, mehr Verständnis für Feiglinge, Selbstverliebte, Doppelmoralisten und Prinzipienlose zu entwickeln. Dass ich noch keines entwickelt habe, sieht man am noch unfreundlichen Vokabular.

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