Trümmer in der Schale

Du hast die Trümmer in eine Schale gelegt, sie zur Seite getan, deinen Anteil an ihrer Geschichte verleugnet und Blumen auf ihre Gräber gelegt. So warst du schon immer. Nie nur hier und nie nur dort. Dein Standpunkt ist stets überall zu finden – mit diesem undurchsichtigen Lächeln in deinen Händen, versprichst du, ohne dich zu binden. Man hält dich für gütig und verlogen, doch manche kennen dein Geheimnis. Du bist überall Zuhause und deshalb unendlich verloren. Und wer dich anbetet, wird zur Geißel seiner Ängste. An diesen ziehst du uns zu dir wie willenlose Engel. Und dein immerwährendes Lächeln, das uns durch Liebe und Verachtung bricht. Du hast die Trümmer in eine Schale gelegt, zur Seite getan, deinen Anteil an unserer Geschichte verleugnet und Blumen auf unsere Gräber gelegt. Wir glauben dir alles, weil wir sonst nichts mehr zu hoffen haben. Es gibt kein Licht für uns Motten, nur einen Traum davon, den wir auf ewig jagen.

Sackgassen

Aus einem Gespräch mit einem Freund, der in einer Sackgasse festsaß:

„Ich glaube, der ‚wahre‘ Sinn des Lebens erschließt sich den meisten erst, wenn sie körperlos sind. Doch für das Leben gilt: die meisten Menschen sehen einen Sinn, sie müssen ihn sehen, sich einen konstruieren, um weiterzumachen – trotz all der Vergänglichkeit. Für diese notwendige Ignoranz aller Absurdität zum Wohle eines konstruierten Leitfadens für das Leben, müssen Menschen verdrängen können; und das tun sie ganz hervorragend. Dann gibt es aber die, die vielleicht zu erschöpft sind, um verdrängen zu können. Wenn man die Schicksalsschläge, die man nebenbei hört, nicht mehr als nebenbei belässt, sondern hineinsinkt (meistens wohl unfreiwillig) oder Dinge in seinem Leben gesehen hat, die sehr nah an Tod, Elend, Leid und Verwesung liegen, dann fällt es immer schwerer, sich einen Sinn im Leben einzureden. All diese Sätze über ‘Erschaffe dich neu’ und ‘verwirkliche dich selbst’, all diese Luxusprobleme widern immer mehr an, hinterlassen den faden Nachgeschmack der Einsamkeit; das Gefühl des Irrsinns in einer irrsinnigen Welt, wo Rettungssanitäter statt Wiederbelebungen lieber an den Straßenrand pissen und über diese herrgöttliche Erleichterung danach sinnieren. Weiterlesen

Altern

Ich habe das Altern immer als einen Prozess gesehen, der einem das Loslassen vom Leben erleichtern soll. Vielleicht sind es die schwindenden Sinne, die Gebrechlichkeiten des Körpers, die Lebenserfahrung mit dem Werden und Gehen, das Einfallen des Gesichtes, das uns ermöglicht, in der letzten Sekunde das Leben loszulassen. Man stelle sich vor, wir würden alle mit hundert Jahren noch aussehen wie fünfundzwanzig: mit all der Vitalität, Schaffenskraft und der inneren Unruhe, die wir als in unserer hungrigen Jugendlichkeit in uns haben; und mit den daraus resultierenden Plänen und Träumen … Man stelle sich nun vor, in so einem Zustand wüsste man: Bald sterbe ich. Ist da die Variante mit dem langsamen Altern und damit einhergehender Akzeptanz der Endlichkeit nicht die bessere Alternative? Ist vielleicht genau diese schwindende Kraft in uns nicht unsere Rettung?

Wiegenlied

Dunkle Augen rollen
auf Pflastersteine
Füße folgen ihren Sinnen
Äxte fallen in harte Hände,
die Freigedanken zu Boden fällen

Rote Tauben krähen ihr Lied
„Ihre Wurzeln brennen
im Feuer (der Rache),
doch sterben werden sie nicht –
denn dort, wo diese Kriege beben,
die Zukunft ihrer Kinder
im Sterben liegt.“

Zepter fliegen
über hängende Köpfe
Und nur die Frauen schreien
Denn überall – von West bis Ost –
vergehen die Männer im Krieg

Die Großmutter singt
ein altes Wiegenlied
Doch die Kinder misstrauen
ihm

Sie schlafen
mit einem Auge nur
doch mit dem anderen
lieber nie
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Nächtliches Gedankendrängen

Und dann, irgendwann, sprichst du über den Tod, als sei er eine Person, die es dir heimzahlen will. Heimzahlen, weil du das andere Ende seiner Existenz bist, weil du sorglos warst und dennoch achtlos mit dir und deiner Zeit. Und dann, irgendwann, hast du Angst, ihn zu provozieren. Mit deinem Lachen und dem Zerwürfnis mit der Realität – deiner lächerlichen Zuversicht. „Akzeptanz ist die höchste Bedingung des Werdens“, sagst du dir. Akzeptiere, egal, was kommst, denn es kommt so oder so; und dann wirst du. So oder so.

* * *

Unsere Schmerzen werfen immer längere Schatten in die Kulissen, die wir uns einst erbaut. Und wir begegnen einander und tun so, als würden wir weder selbst diese Schatten werfen noch unser Gegenüber. Das nennen wir Höflichkeit (oder Einsamkeit). Weiterlesen