[Liberté]

Liberté ist eine Initivative von jungen Menschen mit dem Versuch der Aufklärung über viele, verschiedene Themen. Das Besondere an diesem Magazin ist, dass die Autoren sogar konträre Meinungen zueinander vertreten, aber genau das auch zu einem wichtigen Faktor der Aufklärung zählen: Nämlich die Gewährleistung der Möglichkeit, dass sich bei Lesern und Leserinnen durch die Vielzahl der Meinungen eine mittlere, gut ausgewogene politische Einstellung herausbildet. Aus diesem Grund bin ich dem liebenswürdigen Angebot von Cengiz Dursun {bekannt aus seinem »Primaverablog«} nachgekommen und habe begonnen, mich als Autorin dort zu engagieren und das, obwohl auch Cengiz und ich in einigen Punkten nicht miteinander übereinstimmen; dafür tun wir das aber im aller wichtigsten Punkt: nämlich in unserer Liebe zu den Menschen. Hier geht es zu meinem aktuellsten Artikel: »Warum Islamkritik wichtig ist«. Auch diesen Artikel von Cengiz finde ich sehr empfehlenswert: »Warum ich für den Ethik-Unterricht bin«. Im Folgenden der vollständige Artikel:

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In der letzten Zeit häufen sich Berichte über Islamkritiker, die durch ihr Engagement eine Gegenbewegung erzeugen, die versucht, sie mundtot zu machen. Diese Art der Gegenwehr erinnert sehr an die Stigmatisierungen von Menschen, die die Regierung Israels kritisieren. Diese werden nämlich schlichtweg als Antisemiten bezeichnet. Was aus dem Wunsch entstand, gegen völkerrechtswidrige Interventionen gegen das palästinensische Volk vorzugehen und die Welt auf eine Art internationale Legitimation für die Entrechtung eines anderen Volkes aufmerksam zu machen, endete in einem Rückschlag mit einer moralischen Faust, die behauptete, Kritiker der aggressiven Israelpolitik seien antisemitische Rassisten und Holocaustleugner. Die Diffusmachung {durch Verunsicherung} von solchen Strömungen dient in diesem Fall einer lähmenden Etikettierung, die letztendlich aufgrund der Betroffenheit von Kritikern zum Mundtod führen kann, was sehr oft auch gelingt.

Dasselbe Phänomen findet sich seit ein paar Jahren beim Vorgehen gegen IslamkritikerInnen. Auf die Benennung der erheblichen Probleme von Staaten, in denen der Islam als Religion eine fundamentale Bedeutung hat, wird durch die üblichen Diffarmierungsversuche reagiert. Eines der Hauptargumente ist stets, dass die Religion zu respektieren sei und dass jede zu harte Kritik gegen sie nur auf der Grundlage faschistoider Gedanken entstehen könne. Problematisch an diesem Punkt der Diskussion wird immer sein, dass es sich bei muslimischen Mitbürgern um eine Minderheiten handelt, die zu allem Übel auch noch in einem Land wie Deutschland auf eine Vergangenheit hinweisen kann, die einen quasi Schachmatt setzt. An diesem Punkt gehen islamkritische Diskussionen, die durchaus auch fruchtbar sein können, zu Ende. Doch wie argumentiert man gegen IslamkritikerInnen, die selbst aus einem islamisch geprägten Land kommen und hier – wie die Diskussionspartner selbst – zu einer Minderheit in Deutschland gehören? Auch hier gibt es ein bis zwei Tricks, die ein Gegenüber zum schweigen bringen könnten, auch, wenn sie nicht so zuverlässig sind wie die fremdenfeindliche Keule: a) Der Vorwurf, man habe hier im Einwanderungsland seine Wurzeln vergessen und verraten und b) Man sei genau aus diesem Grund durch Manipulation der Medien auf der Seite von Zionisten, USA, westlichen Werten und beschleunige so den Werteverfall des Orients und seine reiche Kultur. Indirekt wird man als VerräterIn behandelt, der/die sich hat von sexueller Freizügigkeit, westlichen Konsumgütern und Völlerei kaufen lassen. Wer an diesem Punkt dennoch eine konstruktive Diskussion aufrechterhalten möchte, sollte ruhig bleiben und die Argumente des Gegenübers in Frage stellen, indem er die eigene Betroffenheit bezüglich des harten verbalen Übergriffes auf die Integrität der eigenen Person überwindet. Das gilt für beide: für den Deutschen und den Islamkritiker mit islamischem Hintergrund.

Es ist von großer Wichtigkeit, dass man sich nicht mundtot machen lässt. Denn betrachtet man die Konsequenzen von Traditionalismus, zu starker Macht von Religion, die hier durch religiös-kulturellem Seperatismus geförderte Subgruppenbildung, die Entrechtung von Ehefrauen und Töchtern – ist das Schweigen zu einem Thema, das irgendwann einmal als “heilig” deklariert worden ist und sich so seit Jahrtausenden einer Immunität erfreut, eine offene Pforte für ihre Durchsetzung in der Gesellschaft. Selbst einige, sehr bedenkliche Fälle in der deutschen Justiz sind bekannt, bei denen eine Begünstigung des islamischen Rechtes im deutschen Gericht aufgezeigt wird. {»Eine Richterin, die Schelte und die Hysterie«}

Relativierungen aller Art

Im jüngst von Herrn Kleber geführten Interview mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinejad, antwortete der Präsident auf Herrn Klebers Hinweis auf die Menschenrechtssituationen im Iran mit ungefähr folgenden Worten: “Die Verletzung der Menschenrechte ist ein globales Problem, nicht nur ein Iranisches. In England z.B. werden weibliche Demonstranten auf dem Boden weggeschleift.” {Kein wörtliches Zitat}

Herr Kleber ist leider nicht mehr näher darauf eingegangen, konnte dem rhetorisch klug wirkenden Einwandes nichts mehr entgegensetzen; denn tatsächlich ist es so, dass es überall auf der Welt immer wieder zu Übergriffen seitens der Staatsorgane kommt, die mit Humanismus und Menschenrechten nur wenig gemein haben. Nichts desto Trotz sind solche Relativierungen nichts anderes als eine Konsequenz von einer großen Portion Ignoranz gesalzen mit einer Simplifizierungsabsicht, die ihres gleichen sucht. Herr Kleber hätte z.B. antworten können: “Lieber Herr Präsident, wenigstens dürfen britische Frauen überhaupt für irgendetwas demonstrieren gehen. Ist das in Ihrem Land auch möglich? Und: Wie lange bleiben Ihre Demonstranten im Gefängnis? In England meistens nur ein paar Stunden. Und gefoltert und hingerichtet werden sie auch nicht.”

Ähnlich kann man so einem Argument in einer islamkritischen Debatte antworten. Es geht nicht darum, dass es überhaupt Verbote und staatliche Sanktionen gibt, dass es nicht auch im nicht-religiösen Kontext Gewalt gegen Schwächere gibt. Doch die Frage ist, ab wann eine Tat oder Lebensart überhaupt als sanktionswürdig erachtet wird. Und hält man sich streng an islamische Regeln oder Handlungsmöglichkeiten, sind dem Mann neben der Frau einige Vorteile gegeben, die man nicht einfach ignorieren kann. In Sure 4, Vers 34 steht: “Die Männer sind den Weibern überlegen wegen dessen, was Allah den einen vor dem anderen gegeben hat {…} Diejenigen {Weiber} aber, vor deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet – warnet sie, verbannet sie in die Schlafgemächer und schlagt sie {…}” Des Weiteren steht in Sure 2, Vers 223: “Eure Frauen sind ein Saatfeld für euch; darum bestellt euer Saatfeld wie ihr wollt.” {Die Interpretation wird den LeserInnen überlassen}.

Da Frauen {gleichwertige} Menschen sind, handelt es sich hier um menschenrechtsfeindliche Gebote. Es gibt noch viele, aus heutiger Sicht unhaltbare Gebote bezüglich der Andersgläubigen, Homosexuellen, des Ehebruches und anderen “Vergehen”. Beispielsweise ist es in islamischen Ländern üblich, dass bei Diebstahl die Hand abgehackt wird als Strafe. Was thematisch sehr oft als ein Gesetz der reinen Sharia gehandhabt wird, die angeblich – außerhalb dessen, was im Koran expliziert worden ist stehe – steht dieses Gebot schwarz auf weiß im heiligen Buch. Wen soll es nach all diesen Punkten also wundern, wenn einige sich von den Berührungsängsten mit Religionen befreien und nicht den Mund halten? Wem ist es vorzuwerfen, wenn eine aus rein menschlichenliebenden Gründen die Befürchtung entsteht, dass sich Religion ihre Macht in den Wänden der Häuser zurückerlangt? Würde man hier nicht eher jene mit Fragen konfrontieren wollen, die für solcherlei Verse nur ein süffisantes Lächeln übrig haben?

Religion ist Privatsache

Eine der interessantesten Gegenargumente in solch einer Debatte ist der Satz: “Religion ist Privatsache. Das sagt ihr Säkuralisten doch stets, nicht wahr? Also warum haltet ihr euch nicht daran und unterlasst es, uns mit eurer Kritik zu behelligen?”

Islam ist so lange eine Privatsache, bis sie wirklich zur Privatsache wird und ihren Einfluss auf die Gesellschaft, auf die Gesetze eines Landes und auf die Menschen-, Frauen- und Minderheitenbilder abgetreten hat. Im Moment gibt es Länder, in denen Religion nicht Privatsache ist, sondern die Hauptsache. Es gibt Menschen, die auf Basis religiöser Legitimationen, Homosexuelle erniedrigen und als mindere Wesen ansehen. Es gibt Länder, in denen Menschen mit einem anderen Glauben diskriminiert werden {siehe Ägypten} oder sie zumindest als schlechten Einfluss betrachten. Es gibt zudem Menschen, die das Gesetz der Religion über die Gesetze des Staates setzen, in dem sie leben, auch oder vor allem, wenn sie miteinander kollidieren. Und darüber muss geredet werden können ohne Angst, sich als menschenfeindlicher Faschist zu fühlen – eben weil wir noch nicht dahin gekommen sind, dass Religion eine Privatsache ist und in ihrer rein esoterischen Form gelebt wird.

“Es gibt keinen Zwang im Glauben”

Dieser Satz wird als Endargument gegen alle Kritiker verwendet. Wenn nichts mehr hilft, muss dieser Satz für alles herhalten. Er wird aus dem Zusammenhang gerissen, der Satz davor und danach einfach weggelassen, um die Friedfertigkeit des Islam zu untermauern. Wie sieht es wirklich aus? Wenn es keinen Zwang im Glauben gibt, warum steht auf Apostatie dann die Todesstrafe? Wenn es keinen Zwang im Glauben gibt, warum werden die Götzendiener im Koran verfolgt und getötet? Wenn es keinen Zwang im Glauben gibt, warum kann man sich dann nicht einer islamischen Bestrafung entziehen, indem man vom Glauben abtritt, sondern wird – ob nun Muslim oder nicht – trotzdem nach islamischem Recht verurteilt? Ganz einfach, weil wenn man es tut, darauf auch die Todesstrafe steht.

In Sure 4, Vers 89 steht folgendes: “Sie wünschen, daß ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, so daß ihr alle gleich seiet. Nehmet euch daher keinen von ihnen zum Freund, ehe sie nicht auswandern auf Allahs Weg. Und wenn sie sich abkehren {vom Glauben}, dann ergreifet sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet; und nehmet euch keinen von ihnen zum Freunde oder zum Helfer.”

Soviel zu “kein Zwang im Glauben”. Nun wird man sagen, das seien andere Zeiten gewesen, der Koran würde sich auch nur auf diese Zeiten beziehen. Dass in einem anderen Teil einer Diskussion aber auch immer das Argument der Zeitlosigkeit des Korans auftreten wird, womit die Reformierbarkeit dieser Schriften streng abgelehnt wird, mag dann oft übertüncht werden. Nichts desto Trotz bleibt immer noch die Frage, inwieweit die Auslebung einer Religion zwanglos sein kann, wenn die Weltreligionen Ungläubigkeit mit großem Leid im Höllenfeuer zu strafen drohen. Im normalen, außerreligiösen Sprachgebrauch würde man so etwas nämlich schlicht und einfach “Erpressung” nennen.

Religion hat nichts im Staat zu suchen

All diese Erläuterungen dienen einem bestimmten Zweck, nämlich dem, zu verdeutlichen, dass Religion tatsächlich Privatsache zu sein hat; und sie auch nur in einem Maße auszuleben ist, wie es die jeweiligen Gesetze eines Landes erlauben. {Im Falle Deutschlands hieße es, dass das die häusliche Gewalt gegen Frauen bei “Ungehorsam” nicht mit den staatlichen Gesetzen übereinstimmen und deshalb auch im Rahmen einer religiösen Möglichkeit weiterhin verboten sind, auch, wenn die Richterin im oben genannten Artikel mit ihrer religiösen Toleranz für Andersgläubige auf Kosten der Rechte der Frauen zuweit gegangen ist}.

Deshalb kann man nur hoffen, dass IslamkritikerInnen sich nicht mehr von solchen Aussagen wie, man sei ein Muslimhasser, einschüchtern lassen. Auch sollte man nicht darauf eingehen, wenn man als typisch deutscher Fremdenfeind angesehen wird. Man solle sich lieber als Menschenfreund outen und seine Islamkritik genau darauf begründen: auf seine Menschenfreundlichkeit. Der Unterschied zwischen einem Thilo Sarrazin, der zum Teil wirklich rassistische Äußerungen {über die Intelligenz von Migranten} getroffen hat und einer Person, die eine Religion als Grundlage für viele, eklatante Menschenrechtsverletzungen – ob nun privat oder staatlich – ansieht und genau dagegen ankämpft, muss ersichtlich werden; und das geht nur mit unermüdlichen Dialogen. Damit das klappt, müssen aber auch IslamkritikerInnen auf die richtige Rhetorik setzen, Pauschalisierungen vermeiden und immer bewusst von der religiösen Schrift sprechen und nicht allgemein von Muslimen. Letztendlich kann man auch muslimische Mitmenschen dazu motivieren, sich stärker von radikalen Predigern zu distanzieren, indem sie die Stimme des Mitte-Islams {einem Islam in der Mitte einer liberalen Gesellschaft} stärken. So steuern auch sie einer Verallgemeinerung gegen Muslims entgegen und fördern einen liberalen Islam. Selbst, wenn gut informierte IslamkritikerInnen behaupten könnten, dass dieser liberale Islam nur ein Kompromissprodukt sei und von der fundamentalen Schrift des Korans abweiche, sollte er uns lieber sein als der fundamentale Islam: um Welten lieber.

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12 Gedanken zu “[Liberté]

  1. Wie kann man nur so fleißig sein? Wo ich schon Mühe habe, so viel Text zu lesen. Und wie schnell Du bei allem bist? Ich bin schon interessiert, lese dann in einer ganz ruhigen Stunde.

    • Ich schreibe tatsächlich sehr schnell und ohne viel nachzudenken, Blinky. Leider merkt man das bei manchen Texten an den Tippfehlern, die ich noch nicht einmal korrigiere, bevor ich einen Text abschicke. Haha. Ich bin ein “Schnellschnellmensch”, manchmal hasse ich das an mir, aber in manchen Dingen verschafft mir das enorme Vorteile. {Z.B. den, dass ich meine Bachelorarbeit in sechs Tagen runtergeschrieben habe, aber das ist eine andere Geschichte}.

    • Ich habe beide Artikel gelesen und gut gefunden. Dass sich in der Schule manches ändern könnte, ist mir lange klar. Dass es kaum Religionen gibt, die nicht schon viele Menschenleben auf dem Gewissen haben, leider auch. Aber ich kann nicht so gut formulieren , und es fehlt mir an Wissen.

    • Oh, Blinky. Danke, dass du das hast. Das war bestimmt eintönig, das Thema Islam od. Religion ist nicht unbedingt ein schönes Thema. Ich hab’ das Wissen auch nur durch mein vorangegangenes Studium {wobei dort sehr idealisierend über die islamischen Epochen doziert wurde, aber da war eine große Bibliothek, und ich habe mich nicht verarschen lassen!} und eben durch mein Herkunftsland.

      Ich wünsch’ dir ein schönes Wochenende … Wir gehen heute lecker essen.

    • Wenn es eintönig gewesen wäre, hätte ich nicht gelesen, es war interessant und lehrreich. Schönes Wochenende! :-)

  2. hach, ich fürchte, ein klitzekleinesbisschen mehr zu sagen, könnte schon zu viel gesagt sein… :) aber vl soviel: der grund, warum nancy ging, war nicht irgendeine wahnwitzige idee, die die autorin überallen ist – es könnte schon tatsächlich so passiert sein. und es versteckt sich auch kein krimi hinter einer niedlichen fassade. nein, das cover passt führt nicht in die irre. es handelt sich um keine mordgeschichte, oder so :)

    zu joy: auf jeden fall empfehlen würde ich “verworrene verhältnisse”. das war das erste buch, welches ich von ihr las. ich war sooo begeistert! allerdings muss ich dich warnen: ich habe das damals so erlebt, dass sich joys “männerhass” (um es mal hart auszudrücken) tatsächlich auf mich übertragen hat, für den zeitraum, als ich das buch las. vl mochte ich es deswegen so gerne – weil es so spürbar war. hmm, und um noch eins zu empfehlen, muss ich nochmal alle buchrücken überfliegen – denn augenblicklich kann ich mich nicht entscheiden :D ich mag sie alle gern :)

    alles liebe!

    • Danke, Mimi! Den Titel merke ich mir. Aber denkst du, dass ihr Männerhass echt ist? Was sagt sie selbst dazu? :D

    • Vielen Dank, Selene. Finde ich total lieb von dir, dass du extra dafür hier vorbeigeschaut hast. Es war eine wahre Geschichte. :(

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