Langweilig

Die Arena ist leer. Die Schaulustigen von der Mutter der Mütter gestillt, mit Blut. Sie schlafen und träumen treulos von feurigen Huren. Manchmal hegen wir Gelüste und halten sie der Sprachästhetik wegen zurück. Langweilig. Heute möchte ich vom Fleischlichen reden, doch das Meiste bleibt unausgesprochen. Bloß keinen Austausch provozieren, schon gar nicht mit Frauen. Mit Frauen führt das Thema immer nur zur Liebe. Langweilig. Dann trage ich Tüten für den alten Herrn Gauß. Er ist mein Nachbar, und seine Söhne scheren sich nicht, weil Scheren ratsch-ratsch machen und sie lieber pling-pling-geil die Beutel füllen. Und Herr Gauß dankt es mir, auch wenn er morgen wieder vergisst, wer ich bin. Und ich ärgere mich, weil er mir ja ohne Gedächtnis nicht lang genug ein gutes Karma wünschen kann. Langweilig. Kann ich nun zahlen, bitte? Ich bin fertig mit allem.

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29 Gedanken zu “Langweilig

  1. Das Thema Liebe nicht mögen, aber vom “guten Karma” reden. Zuerst dachte ich mir, es ist ein Mann, dann dachte ich mir nein, Männer reden nicht vom Karma! Es muss eine Frau sein, außerdem würden höchstwahrscheinlich nur Frauen Taschen tragen. Aber wer weiß das schon? Ich mag dieses widersprüchliche Menschlein – zumindest wirkt es für mich widersprüchlich – weil wir Menschen so sind, unglaublich doof, halten uns für abgeklärt und glauben an ein Karma :herz:
    (ich bin auch so, haha!)

    • Ja, wir Menschen sind manchmal so. In meinem Kopf war dieser Mensch ein Mann, ein sehr gelangweilter Mann. Er hatte irgendwie Lust auf Sex, so wie man eben den Drang verspürt, auf’s Klo zu gehen – und deshalb hatte er auch keine Lust, mit einer Frau über Sex zu sprechen, weil er in dem Moment einfach nicht über Liebe reden wollte. Wenn er belesen ist, das scheint er zu sein, dann hat er sicher auch schon über Karma nachgedacht. Aber ernst nimmt er es tatsächlich nicht, weil er sich ja selbst am Ende leicht “zynisch” darüber äußert. Ja, wir sind alle ein wenig so, wir haben diese Unlustgefühle an Tagen, an denen einfach nicht mal alles schief läuft, es läuft einfach nicht. Unser Motor geht nicht an, wir wollen nur noch müffig sein und alles doof finden. Ich mag ihn auch.

      :wange:

  2. klasse. dieses stück dadaflirt (nein, keine schublade, ist nur so ein wort, das vorbeispaziert ist) gefällt mir. die sachen mit dem schlechten gedächtnis und dem karma – die hat was :-)
    wer gibt uns eigentlich das karma und wer bewertet es? (das ganz ohne dada in der stimme laut gedacht.)

    • Nur zu, liebe Soso, gegen Schubladen habe ich nichts. Wenn ich sie unpassend finde, sage ich einfach, nein, passt nicht. Haha. Dada Flirt kenne ich aber trotzdem nicht. Basiert das Wort auf “Dadaismus”? Ich mag an ihm seine gelangweilte Art, seine Unbeteiligung und dass er genervt ist von seiner eigenen Lust auf Sex, die ihm gerade einfach lästig ist, so als organisch empfundene Notwendigkeit. Danke für dein Feedback. :)

  3. langweilig; wie recht du hast…..ein vollkommen öder tag wabert vor sich hin. und dabei hatte ich soviel vor heut, keine ahnung wieso ich davon abkam. wahrscheinlich war es dann doch die fleischeslust, die meinen gesamten energiehaushalt durcheinander brachte und nun bleibt nur noch leere und langweile und eventuell essen , viel essen…

    • Ich hasse Sonntage generell, Frau Wunder. Ich finde sie so furchtbar ruhig. Ich meine, die Siedlung, in der ich lebe, ist sowieso ruhig, man hört nur ein paar Kinder, was ja eher ein schöner Klang ist. Aber ich hätte so gerne das Gefühl, jederzeit raus zu können, in volle Geschäfte laufen und Menschen beobachten. Aber bah. Trotzdem, heute ging’s eigentlich: Muttertag.

      Deine Lust ins Essen zu verschieben, die verstehe ich. Ist meine Spezialität. Nur, dass ich keine Lust haben muss, sondern einfach nur frustriert, wütend, gestresst, erleichtert. Alle starken Empfindungen erzeugen bei mir oft die Lust nach Essen. Tjah … :wall:

  4. Zu mir spricht Überdruß – männlicher. Die überdrüßigen haben sich auch schon mit Karma beschäftigt und tragen des Nachbars Tüten.
    Ein wenig erinnert mich der Text an Wolf Wondratscheck (vielleicht sind das nur die feurigen Huren?).

    • Überdruss ist das richtige Wort, liebe Mika. Ich glaube, er hat sich selbst und alles satt, aber auf eine sehr unberührte Art und Weise, eine, die einen echten Abschied überhaupt nicht notwendig macht. Wolf Wondratscheck kenne ich leider nicht. Kannst du mir etwas von ihm empfehlen?

    • Ich habe jetzt nur “Die Einsamkeit der Männer” (Mexikanische Sonette) gefunden…sehr intensiv. ;-)

    • Oh. Allein der Titel hört sich wunderbar an. Und ich habe nichts gegen Intensität, im Gegenteil. Ich bin ein Mensch, der die großen Gefühle genauso sehr liebt wie die kleinen Gesten. {Vielleicht sogar ein wenig mehr, weil ich Helden liebe}.

    • Ach, da mach’ dir keine Sorgen, Blinky. Das hier ist eine andere Person, ich schrieb über sie, sie ist mir plötzlich im Geiste begegnet und befahl, ich solle seinen Überdruss festhalten. Fand’ ich lustig.

    • Ei dann ist ja gut, da ich meistens von mir schreibe, habe ich das nicht richtig einordnen können. Aber auch so Ideen haben schon was vom Schreiber. Der Muttertag hat in mir am Abend das Gefühl geweckt: eigentlich müsstest du noch was machen.

    • Ja, verständlich, liebe Blinky. Ich hingegen schreibe super selten über mich. Aber wenn, dann meistens unter Passwortschutz. Aber das Passwort hast du ja auch. Muttertag war sehr schön bei uns. Ich habe meiner schwangeren Freundin auch gratuliert, weil Schwangere doch schon längst Mütter sind. Ich denke im Moment selbst sehr oft darüber nach, über Mutterschaft. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Obwohl ich schon von Natur aus ein “Muttertier” bin.

  5. Ja, es hört sich eher nach einem Mann an und die Sprache ändert sich im Laufe des Textes sehr stark [was hat das zu bedeuten?Sind die ersten Sätze eine Art Prolog?]. Ich mag sein ” ratsch-ratsch” nicht, viel weniger als seine fleischlichen Gelüste, die ihm scheinbar fast genauso langweilen wie das Thema Liebe. Und ja-das mit dem Karma und der Hilfe, das ist merkwürdig und mutet fast ambivalent an. So als mache er sich über sich selbst lustig oder zeihe seinen abgebrühten Worten der Lüge. Ich glaube, ich mag ihn, weil er so unsentimental ist und irgendwie glaube ich, dass er zufrieden ist mit seinem Leben, so als sei die Langeweile durchaus geplant.

    • Das weiß ich gar nicht, die ersten zwei Sätze kamen einfachso, der Rest wurde durch die ersten Sätze “getriggert”, und dieses Bild von diesem Mann entstand! Ich glaube, er war schon wirklich sehr genervt vom Leben, ob er das geplant hatte, weiß ich gar nicht. Ich entdecke meine Figuren mit euch ja meistens neu, wir ergründen sie gemeinsam. Ob wirklich jede Figur aus unserem Geschrieben ernsthafte Rückschlüsse auf uns zulässt? Ich finde interessant, dass du diese Langeweile als geplant ansiehst, als sei sie kein Grund, unzufrieden zu sein. Ich habe das anders empfunden. Ich überlege gerade, wie’s mir geht, wenn es mir langweilig ist. Mir ist leider nur fast nie langweilig, und doch wurde ich vor zwei Wochen einmal von ihr geplagt … War nicht schön, ich wurde unruhig.

    • Vor mir entstand beim lesen so ein typisches Bild eines Berliners, der immer was zu meckern hat, aber im Grunde ein “guter Mensch” ist, dem das Meckern zur Natur geworden ist.
      Aber gerader der erste und der letzte Satz weisen eigentlich darauf hin, dass er wirklich die Schnauze voll hat. Erst die Erwähnung der Leere und dann der eigentlich mehrdeutige Ausdruck “fertig sein” mit der Ergänzung “mit allem”.

      “Ob wirklich jede Figur aus unserem Geschrieben ernsthafte Rückschlüsse auf uns zulässt? ”
      Das finde ich eine sehr spannende Frage. Zumindest in dem Sinne, dass wir aus gewissen Charakteren eine heraussuchen und sprechen lassen. Aber vielleicht sollte man das auch nicht überbewerten und eher der Imaginationslust in uns zu gestehen, sich auszutoben.

      Sich zu langweilen ist eine Kunst, die gelernt sein will, das hat was von Warten. Der Unterschied ist wohl, dass das Wort Langeweile schon Widerwillen impliziert, ich kenne niemanden, der sagt, er langweile sich gerne. Wohl aber welche, die so wenig mit sich anzufangen wissen, dass sie sich oft langweilen.
      Du schreibst, du wurdest unruhig, was ja eigentlich leicht paradox ist.
      Wenn man ein wenig mehr drüber nachdenkt, dann ist das ein ziemlich großes Thema.

    • Oh ja. Langweile ist für mich eher ein Zustand der Verzweiflung. Ein Zustand, bei dem man jede Regung in der Luft registriert, die aber doch nichts bringt, man verharrt. Warten hat etwas anderes für mich, weil Warten einen Endzustand mit impliziert, ein Ziel: Ich warte auf das und das. Da hat man oft eine explizite Erlösung vor den Augen.

      Die Assoziation mit dem Berliner hat mich zum schmunzeln gebracht. Ich war einmal in Berlin, und ich war verzaubert von der unfreundlichen Warmherzigkeit, die es nie wirklich böse meint, sondern einfach so sein will. Ich liebe Berlin. Andererseits scheint mir der hier kein Berliner zu sein. Eher ein Mensch, der sich intellektuell und sinnlich-sexuell auf jeder noch so kaputten Ebene ausgelebt hat und einfach keinen Sinn mehr in allem sieht. In meinen Figuren kommt oft der Nihilismus vor, irgendwann, wenn man tief genug in ihnen gegraben hat, kommt er immer wieder vor. Und Einsamkeit. Ich scheine, diese zwei Motive im Moment sehr anzubeißen oder sie mich.

      Ich denke, du hast dahingehend recht, dass es scheinbar einen inneren Bezug zu der Auswahl der Charaktere dahingehend geben “muss”, dass es einen Grund gibt, warum wir gerade diese wählen. Andererseits muss man sich wenigstens ein wenig sagen, dass das alles keine Bedeutung hat, damit man frei schreiben kann. Danke für die Anregungen … :)

    • sehr gern geschehen. frei sein[ beim schreiben] bedeutet vor allem sich frei machen, von dem, was andere über einen schlussfolgern, denken, interpretieren könnte und auch: sich frei machen, von dem wunsch zu gefallen. das fällt mir sehr schwer. aber in den letzten monaten, habe ich daran sehr gearbeitet. sich befreien ist ein schmerz und erst danach fühlt man seine befreiung.

  6. Hier ist ein Mann, der mehr vom Leben will, aber es nicht findet. Er scheint aufgegeben zu haben. Eine unharmonische Situation in sprachliche Harmonie gebettet. Gefällt mir sehr.

    • In etwa, liebe Lisa. In etwa. Aber wie ein Selbstmörder wirkt er noch nicht auf dich, oder? Was denkst du?

  7. Liebe Sherry!
    Nichts in dem Text, an dem ich mich festhalten könnte. Nichts, das eine Perspektive verspricht. Keine Linie. Das gefällt mir, insofern ich an automatisches Schreiben denke. Eure Kommentare dazu zu lesen, macht nicht nur Spaß, sondern ist auch absolut bereichernd.
    Danke, mb

    • Danke, liebe mb. Dabei war’s nur ein halbes automatisches Schreiben. Die ersten zwei Sätze waren automatisch, die folgenden bekamen dann einen roten Faden, den Überdrussfaden, den “Langweilig”-Faden. Die Kommentare, ja. Ich finde einfach, dass ich großartige LeserInnen habe. Danke auch dir noch einmal dafür, dass du so eine bist.

      :rose:

  8. Gekonnt gesetzte Konträrüberschrift!
    Auch sonst: Extrem. Das Wort “unterhaltsam” scheue ich mich hier zu gebrauchen, verständlicherweise.
    Gruß von Sonja

  9. ich finde mich da sehr wieder. hehe. ;-) sehr gut geschrieben. kurz aber einprägende sprache. scheinst wieder mehr zu deinem alten stil zu finden. was ich gut finde, der ist unverkennbar. das mit dem glattbügeln lässt du besser. lern von akim.

    • Einbisschen habe ich dabei auch an dich gedacht, Darks. Ja, du bist schon ab und zu in meinen Gedanken. Ich habe auch das Gefühl, dass ich etwas wieder zu mir zurückfinde. Aber hat man das Gefühl nicht immer, wenn man von einer Art in die Nächste rudert?

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