Ich habe Muskeln

Ich habe Muskeln. Ich habe sie in meinen Ohren gelassen, sie wollen dort wachsen und der Welt durch ihren Resonanzkörper ihr eigenes Echo zurückschenken. Wir müssen wissen, wie laut wir sind und wie leer. Und wir müssen wissen, was wir jeden Tag tun, wenn wir Kaffee trinken – von Kinderhänden angebaut-, ihnen mit Peitschenhieben das letzte Brot aus den Händen schlagen und durch unsere Völlerei ihrer Zukunft berauben.

Die Nachrichten öden uns an. Schon wieder Tote, denken wir. Wir sind es gewöhnt, sie wie im Sturzflug auf unser’n Asphalt fallen zu sehen. Wie vertriebene Engel sehen sie aus, dabei sind sie nur vergessene Kinder. Doch kurz vor Knochen- und Blutgeräuschen, lösen sie sich auf und verharren stillstummgepeinigt in der Zeit, weil irgendein neues Event, das man uns als Flyer vor die Augen hält, uns unseren Sinn für sie versperrt. Literaturrunde am Reichenspergerplatz, Integrationsdebatte Nähe Ludwigmuseum, “Wir alle sind Kunst”-Gruppen im Zentrum des Lebens. Studierende erwünscht. Die Elite muss ge-elitet werden. Wir wollen uns in einer geistigen Orgie gemeinsam auf die Schultern klopfen, bestätigen, wie intellektuell wir seien, wie fortschrittlich, wie wichtig – {für uns selbst}. Dann fragt jemand in die Runde “Seid ihr das wirklich? Habt ihr die Toten im Sturzflug gesehen?” Ja, sagt jemand unberührt, angemessen für sein stattliches Bild als rationaldenkender Universalmoralist, der die abgeklärte Überlegenheit aufweist, dem menschlichen Leben so wenig Wert wie möglich beizumessen, so rein philosophisch betrachtet völlig korrekt, doch fernab der fleischlichen Realität. “Ja”, sagt er, “Habe ich. Deshalb bin ich hier, ich plädiere für Bildung, damit soetwas nicht mehr passiert.” Der Jemand schüttelt den Kopf. Ein Zeichen für mittlere Betroffenheit. Kommt an, wird gewürdigt.

Bildung für die Elite, Dank Studiengebühren, Dank neuem Bildungssystem, Dank Staat ohne Liebe. Alle nicken, fast wollen sie angesnobbt klatschen, leicht auf die Handfläche tippen, wir kennen das Spektakel, so merkelhaft die Hände gegeneinander rühren, eher eine Geste als ein echter Enthusiasmusimpuls, ganz fast-tot, eher Stein als Sein. Recht hat er, Recht hat er, er hat ja Recht. Wir haben die Sturzflüge nicht übersehen, wir sitzen doch hier, reden über tote Philosophen und Politik und retten die Menschen. Menschen, die nichts über die verstorbenen, grauen Eminenzen unserer reichen Kulturgüter wissen können, weil sie sich so etwas wie Muße nicht einmal vorzustellen wagen. Menschen, die durch die Gegend laufen und gehetzt nach einem halben Tag Überleben suchen, nach Steinen, die ihre Mägen füllen und die hoffen, dass die Reichen endlich mal etwas reichen und die ausgestreckten Arme der Armen nicht brechen.

Wie großartig wir sind. So unsagbar großartig. Wir! Ich suche Schultern, die ich klopfen kann. Also gehe ich vor den Spiegel und will es tun, klopfen, denn immerhin habe ich diesen Text hier geschrieben und die Welt gerettet. Doch ich hasse, was ich sehe. Trotz meiner Muskeln.

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43 Gedanken zu “Ich habe Muskeln

  1. das hatte ich vermisst, dass du wieder so schreibst. uns ja auch dir selbst spiegel vorhälst die uns selbst beschämen sollten. die meisten wird es das aber nicht. da sind sehr viele stellen die einfach nur sehr fein formuliert sind. bilder mit worten schaffen, da bist du eine der besten die ich kenn.

    gruss

    • Das heißt, du hast meine dunklen Gedanken vermisst, und meine Anklagen. Welche Stelle gefällt dir denn besonders? Ich muss den Text nochmal später in Ruhe lesen.

  2. Da bleibt mir nichts anderes übrig als zu fragen wie man soviel Poesie in Gesellschaftskritik reinbringen kann. Ich bin begeistert Sherry und sprachlos. Mehr und mehr davon! Wir brauchen mehr davon!

    • Liebe Lisa, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Danke einfach nur. Mir tut das gut, so etwas zu hören. Auch, wenn mich das immer noch etwas verwirrt. {Danke}

  3. ja. das war die frage, die ich mir auf dem weg zur uni, so um 8:30 stellte. nur natürlich nicht auf diese poetisch ausformulierte art, ich werde immer pathetisch, wenn ich darüber schreibe. da gefällt mir deines sehr viel besser.

    • 8:30 Uhr ist eine brutale Zeit, bin ich doch ein Morgenmuffel. Aber ja, im Sommersemester muss ich auch desöfteren um 8:00 Uhr in der Uni sein. Kommt dir dieses überintellektuelle Blabla auch oft einfach nur nervig vor? Und dann erwischt man sich selbst dabei, wie sehr diese Unisprache einen geprägt hat, man selbst schon anfängt, so zu denken. Den Nutzen spürt man oft in ganz unverhofften Augenblicken.

    • ich bin auch, wie du dem zeitstempel meines kommentares entnehmen kannst, ein brutaler frühaufsteher. im sommer meist von allein um 5 wach. das gibt mir die stunde, die ich für mich mind. brauche.

      was das überintellektuelle bla bla angeht, da gehts eher meinen freundinnen so. ich bin da doch eher die bewundernde. außer wenn ich wirklich den eindruck bekomme, dass jemand die leere seines inhalts hinter seiner intellektualität verstecken will. aber eigentlich habe ich den eindruck, dass das an der uni nicht geht. es wird sofort gefragt: wie meinst du das denn jetzt? niemand nickt ehrfürchtig mit dem kopf, weil er etwas wirres oder sinnloses auf akademisch sagen kann.
      aber ich kenne den gedanken: was machen wir hier? manchmal. manchmal ist das alles so verdammt nahe am leben, dass es mir fast weh tut. manchmal aber denke ich, wenn ich doch kräftiger wär und auf dem land als bäuerin leben, das wäre wichtig. das würde zählen. aber auch das stimmt nicht ganz, ich gehe davon aus, dass verständige menschen wirklich wichtig sind. an der uni werden einem bestimmte notwendige aspekte der verständigkeit aber nicht beigebracht. die muss man sich selbst aneignen. was schön ist zu erfahren: dass andere es bemerken, wenn man einen anderen zugang zum wissen hat und das sie es mögen und schätzten. du merkst, ich bin immer noch in die uni verliebt.
      [sorry, du bekommst gerade die volle dröhnung: mary nach tyroxineinnahme und mit kaffeetasse am morgen ab.]

    • Guten Morgen, Mary …

      Ja, du wachst brutal früh auf, ich gehe brutal spät schlafen. Nachts ist die einzige Zeit, in der ich etwas Ruhe habe und nicht immer alles gehetzt tun muss. Morgens bin ich aber auch recht früh auf den Beinen, weil ich sehr Geräuschempfindlich bin. {Aber nicht so früh wie du} Doofe Sache. Ginge es nach Schlafdefiziten, müsste ich jetzt total faltig sein. Haha.

      Ich habe Mihan geschrieben, was ich eigentlich kritisiere, ich glaube, du weißt dann genau, was ich meine, wenn du es liest. Wissenschaftliches Denken halte ich natürlich auch für wichtig, ich würde mich ja in meiner momentanen Existenz absolut negieren, wäre dem nicht so. Ich warne nur davor, dass das Wissen anfängt, seine Verbindung zur Bäuerin zu verlieren. Verstehst du? Hier nochmal meine Antwort an ihn, damit du nicht scrollen musst:

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      Es gibt eine Art Intellektualität, die beginnt, sich selbst zu genügen, indem sie die eigene Eitelkeit streichelt. Eine, die nur auf der geistigen Ebene bleibt, weil sie sich dort selbst gefällt und das Handeln mit Händen, die schmutzig werden, sogar verhindert. Eine, die immer weiter weg kommt von den Sorgen und Nöten der “trampeligen und ungebildeten Bauern und Bäuerinnen”, eine, die anfängt, sich über den 0815-Menschen zu stellen, die arrogant wird und dadurch hohl. Diese meine ich. Hast du etwas anderes verstanden?

      Für das “Begreifen” eines Kaffeeboykotts braucht man keinen Universitätsabschluss. Für die meisten wichtigen Dinge braucht man keinen. Das ist das, was man versucht, uns einzureden: Experte muss man sein. Und das bewirkt, dass wir anfangen, für jeden bescheuerten Schritt unseres Lebens Experten zu befragen, ihnen zu folgen. Dazu neigen Menschen nämlich sehr stark. Das kann gefährlich werden.

      Darüber hinaus kritisiere ich in dem Text, dass die Bildung tendenziell inzwischen doch einiges mit der sozialen Herkunft zu tun hat. Nicht jeder kann einen Kredit aufnehmen, nicht jeder bekommt Bafög, nicht jeder kann auf das Geld vom Amt verzichten, um studieren zu dürfen. Wenn Bildung sich an einer engmaschigen Spitze hält, wird sie zum Statussymbol und wird als solches auch behandelt: Nämlich als Schmuck.

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      Wie hoch ist deine L-Thyroxin-Dosis? Das ist schön, dass du das nimmst, ich glaube, das nimmt dir nach einigen Wochen wirklich einige depressive Gedanken und Gefühle und vor allem die Müdigkeit. Meine ist übrigens 175. Da siehst du mal, wie meine Schilddrüse abgedreht war. Tjah!

    • Guten Morgen, guten Morgen.
      Spät schlafen gehen: Genauso wie ich lieber eine Teetrinkerin bin, wäre ich lieber ein Nachtmensch, sehe ich die Vorteile der Nacht wie du sie beschreibst. Aber dann kommt die Müdigkeit. Gestern waren alle Kinder bei Freunden und ich hatte nichts-nein wollte nichts besseres als um 21:15 einzuschlafen. So müde war ich vom Tag. Vielleicht ändert sich das, wenn mein Leben anders ist. Damals als die Kinder klein waren und um 5 aufwachten, da fand ich das nämlich auch die Hölle und wollte Abend-trotz Müdigkeit- nicht schlafen. [Ich glaube nicht an naturgegebene, rigide Einteilung in Eulen und Nachtigallen]

      Bildung: Oja, ich weißt genau, was du meinst! Adorno sagt übrigens etwas ähnliches in seinem Buch “Dialektik der Aufklärung”. Und bei Aristoteles las ich eine Stelle, die mich verblüffte, dort stellt er die Weisheit dem Verstand als höherrangig da. Der Vater des analytischen Denkes! Und er beschreibt dabei viele Formen der Klugheit und Einsicht und beim Lesen kommt einem der Verdacht, dass da einiges an Wissen verloren gegangen ist.

      L-Thyroxin. Ich nehme es schon seit Jahren, da ich ne Autoimmunerkrankung der Schilddrüse habe. Nehme gerade hundert, wobei ich feststellen musste, dass es mir besser geht, wenn ich nach Blutbericht des Arztes zu hoch eingestellt bin. Wie oft lässt du das überprüfen [ich vergesse das oft, manchmal ein paar Jahre, da ich L-Thyroxin aus Syrien da hatte].

    • Vielleicht, weil Aristoteles in der Weisheit eine Steigerung der Vernunft sieht. Die Vernunft ist ein Werkzeug, das Dinge in ihre Einzelteile zerlegen und Ursache und Wirkung finden kann, aber eben auf reduktionistische Art und Weise. Die Weisheit hat aber die Möglichkeit, zu den richtigen Rückschlüssen zu geraten, weil sie oft einen Gesamtzusammenhang fühlt, auch wenn sie nicht explizit die Einzelteile kennt. Ist nur so’n Gedanke.

      Ich würde nie Medikamente aus dem Ausland nutzen, frag’ mich nicht wieso. Ich habe die selbe Autoimmunkrankheit wie du. Und wie du fühle ich mich bei einer “Überdosis” wohler als den Richtwert, den die Ärztin mir weismachen will. Ich habe ihr gesagt, Frau Dr., das sind nur Normwerte, wie man sich wohl fühlt, ist individuell. Da hat sie böse geguckt. :D Ich glaube, der Schub bei mir war aber sehr heftig damals, die Werte waren Katastrophe.

    • so habe ich aristoteles nicht verstanden. er redet von verschiedenen formen unserer urteilsfähigkeit und die weisheit beschreibt er als etwas intuitives, die fähigkeit richtige entscheidung zu treffen.

      die geschichte t. mit dem arzt ist lustig. vielleicht sollte ich mich auch ein wenig mehr durchsetzen. ich klaue also deinen satz beim nächsten termin ;).

  4. Liebe Sherry,
    auch wenn du das nicht glaubst, Menschen mit solchen Muskeln sind wichtig für unsere Gesellschaft. Viele haben sie erschlaffen lassen. Ich kann LisaBonn nur zustimmen, wenn sie sagt, wir brauchen mehr davon.
    Sich dem zu stellen ist nicht einfach, aber wir sollten uns im Alltagstrott nicht dazu verleiten lassen, die “nur vergessenen Kinder” nicht mehr zu sehen. :-(
    Sehr gut geschrieben, wie immer so, dass man nicht wegrennen kann. Fühle mich manchmal festgenagelt von solchen Worten.
    Das ist kein Vorwurf! Es ist notwendig!

    Herzlichst
    Marcus

    • Lieber Marcus,

      ich danke dir für dein schönes Feedback. Ich habe den Text noch einmal gelesen, und ich finde ihn ein wenig durcheinander. Aber der sollte vermutlich auch verschleiert sein. Unsere Desensibilisierung ist kritikwürdig, aber irgendwie auch notwendig. Wenn man das Gefühl hat, eh nichts tun zu können, wäre ein ständiges Heißhalten der Unruhe und Wunde doch auch eigenlebensfeindlich, oder? Das ist schwierig alles.

  5. lieber unterhaltungen über relativ bedeutungsvolle themen in intellektueller selbstgefälligkeit, als oberflächliches, plattes geschwafel über alltagsbanalitäten, wie es im “einfachen volk” massenweise praktiziert wird.. denn gerade dann kann man nur schwer jemals bspw. den nutzen eines kaffeeboykotts begreifen. ich verstehe nicht, warum du dir gerade intellektuelle kreise aussuchst, um gegen den laschen umgang mit dem leid anderer zu klagen, sind es doch jene, die vielleicht nicht genug, aber zu jenen gesellschaftsteilen gehören, die noch am meisten in dieser richtung tun. eine positive kulturelle bewertung von intellektualität halte ich für recht wichtig.

    • Es gibt eine Art Intellektualität, die beginnt, sich selbst zu genügen, indem sie die eigene Eitelkeit streichelt. Eine, die nur auf der geistigen Ebene bleibt, weil sie sich dort selbst gefällt und das Handeln mit Händen, die schmutzig werden, sogar verhindert. Eine, die immer weiter weg kommt von den Sorgen und Nöten der “trampeligen und ungebildeten Bauern und Bäuerinnen”, eine, die anfängt, sich über den 0815-Menschen zu stellen, die arrogant wird und dadurch hohl. Diese meine ich. Hast du etwas anderes verstanden?

      Für das “Begreifen” eines Kaffeeboykotts braucht man keinen Universitätsabschluss. Für die meisten wichtigen Dinge braucht man keinen. Das ist das, was man versucht, uns einzureden: Experte muss man sein. Und das bewirkt, dass wir anfangen, für jeden bescheuerten Schritt unseres Lebens Expereten zu befragen, ihnen zu folgen. Dazu neigen Menschen nämlich sehr stark. Das kann zuweilen gefährlich sein.

      Darüber hinaus kritisiere ich in dem Text, dass die Bildung tendenziell inzwischen doch einiges mit der sozialen Herkunft zu tun hat. Nicht jeder kann einen Kredit aufnehmen, nicht jeder bekommt Bafög, nicht jeder kann auf das Geld vom Amt verzichten, um studieren zu dürfen. Wenn Bildung sich an einer engmaschigen Spitze hält, wird sie zum Statussymbol und wird als solches auch behandelt: Nämlich als Schmuck.

    • ich bezweifel, dass das so einfach ist mit dem kaffeeboykott, denn um seine wirklichen konsequenzen zu erfassen benötigt man doch entsprechendes wissen und verständnis. verbessern beteiligte unternehmen denn ihre arbeitsbedingungen in dem maße, damit wir wieder ihren kaffee kaufen oder ist das so unrentabel, dass sie lieber wieder abziehen? wenn letzteres eintrifft, sind dann kinder, die unter scheußlichen bedingungen arbeiten vielleicht fürs erste besser als kinder, die unter scheußlichen bedingungen sterben? was sind alternativen, was kann ein jeder am besten tun, was ist am effizientesten? usw.

      solche probleme sollten am besten von einem netz aus begabten wissenseignern und kreativen menschen mit durchblick angegangen werden. sie sind wichtig und daher ist auch eine positive kulturelle bewertung ihrer qualitäten wichtig, was vielleicht irgendwann dazu führen kann, dass sie sich auf bestimmten ebenen über das “einfache volk” stellen, ist zumindest teilweise nachvollziehbar und dir zufolge eine neuartige entwicklung, was ich irgendwie anzweifle. dass ein intellektueller, der von natur aus dinge wie reflexion, wissen, tiefe, verständnis, intelligenz, originalität, kritisches denken, kreativität etc. an sich selbst wie an anderen hoch schätzt, die ergüsse der meisten “0815-menschen”, die idR nichts davon zu bieten haben, als intellektuelle umweltverschmutzung empfindet und daran verzweifelt liegt recht nahe, wenn dieser erstmal irgendwann eine bestimmte tiefe in seiner beschäftigung erreicht hat. dabei meine ich mit intellektuell natürlich nicht jeden studenten oder irgendwelche pseudointellektuellen erfolgs- und karrieremenschen, die ihr tun und lassen nach ihrer beruflichen erfolgswahrscheinlichkeit selektieren, sondern jene exzentriker, die einem überdimensioniertem intrinsischem bedrüfnis nach wahrheit in übergeordneten zusammenhängen folgen. von diesen hört man übrigens kaum, dass sie nicht studieren können, weil ihnen finanzielle mittel fehlen, denn wo ein entsprechender wille ist…

      du hast natürlich recht, wenn du beklagst, dass die menschen keine angemessenen emotionalen reaktionen auf solche probleme zeigen und daher auch keine angemessenen maßnahmen folgen lassen, aber das ist ja ein problem, das keine schicht oder gesellschaft wirklich verschont, insbesondere nicht 0815-menschen…

    • Ich möchte dir grundsätzlich überhaupt nicht widersprechen. Es geht mir nur darum, dass einige ihren Bezug zum 0815-Menschen verlieren, und somit auch zum 0815 Leben. Die Vergeistigung ersetzt manchmal die rauhe Realität, das Körperliche, die direkte Erfahrung mit den Problemen. Und das kann fatal enden. So in etwa, wenn Politiker über “Probleme” sprechen. Sie wollen Lösungen für Dinge, zu denen sie gar keinen Bezug mehr haben. Das merkt man an ihren Reden, das merkt man auch daran, dass alles abstrahiert wird, ins Geistige gezogen. Man ist sich seiner “Leistung” ohne echte Leistung so sicher, dass Gehälter einfach mal um tausende Euros erhöht werden können. Was ist mit Schweiß und Blut? Was ist mit dem Gesundheitswesen, den Pflegediensten? Weißt du, wie lächerlich diese Stützen der Gesellschaft, die, die auffangen, was wir Menschen nicht mehr sehen wollen (Alte, Kranke, Sterbende) bezahlt werden?

      Die Diskrepanzen und Verhältnisse haben perverse Formen angenommen. Das meine ich.

  6. sehr viele, zuviele um sie zu zitieren. aber hier paar beispiele.

    - Wie vertriebene Engel sehen sie aus, dabei sind sie nur vergessene Kinder.
    (hier macht das wort “nur” die wirkung aus. erst ist man geschockt von kinder danach denkt man “wie NUR???”)

    - Die Elite muss ge-elitet werden.
    (hier wird klar dass bildung auch immer mehr luxus wird und wenn nicht nur wegen studiengebühren dann wegen ungleicher lebensumstände direkt zu beginn des lebens bis schulende.)

    - Ja, sagt jemand unberührt, angemessen für sein stattliches Bild als rationaldenkender Universalmoralist, der die abgeklärte Überlegenheit aufweist, dem menschlichen Leben so wenig Wert wie möglich beizumessen, so rein philosophisch betrachtet völlig korrekt, doch fernab der fleischlichen Realität.
    (das ist super! hier wird man direkt wütend weil man sieht welche typen du meinst.)

    - Der Jemand schüttelt den Kopf. Ein Zeichen für mittlere Betroffenheit. Kommt an, wird gewürdigt.
    (lauwarme, rein rationale betroffenheit. das rundet das bild sehr ab. gibt auch unsere untätige gesellschaft gut wieder.)

    - ganz fast-tot, eher Stein als Sein
    (einfach ein gutes wortspiel.)

    - Menschen, die nichts über die verstorbenen, grauen Eminenzen unserer reichen Kulturgüter wissen können, weil sie sich so etwas wie Muße nicht einmal vorzustellen wagen. Menschen, die durch die Gegend laufen und gehetzt nach einem halben Tag Überleben suchen, nach Steinen, die ihre Mägen füllen und die hoffen, dass die Reichen endlich mal etwas reichen und die ausgestreckten Arme der Armen nicht brechen.
    (kommt der realität sehr nah, die bilder stark, das letzte mit armen und reichen ja, das tut fast weh. stark.)

    sag ich ja fast der ganze text. ;-)

    • Mein lieber Darks …

      Was für ein aufmerksamer Leser du doch bist. Danke für dein ausführliches Feedback. Weißt du, die Wirkung, die ich erzielt habe durch diese Art von Sätzen, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Sie entstehen so wie sie wollen, und ich überlege einfach, wie kontrolliertes Schreiben von statten gehen kann, ob man da besser wird oder schlechter.

  7. ach, liebe sherry, ja, ich fühle deinen text so ganz. irgendwie könnte er (wenn auch nicht stilistisch so doch gefühlsmässig) von mir sein. du spiegelt die gedanken meiner letzten tage und woche wider. dieses “wozu das ganze gelabber”-theater. drum auch meine “wozu blogge ich überhaupt?”-krise.

    dein text ist trotz des inhalts geradezu schön und poetisch, literarisch (obwohl: spielt das eine rolle? ich meine, wie wichtig ist das? weisst du, was ich meine?).

    mir gefällt das hier speziell gut: ” … dass die Reichen endlich mal etwas reichen und die ausgestreckten Arme der Armen nicht brechen.” ach …

    liebe grüsse, soso

    • Liebe Soso,

      ich kann deinen Überdruss sehr gut verstehen. Aber wir wissen auch, dass Reden und Teilen wichtig sind. Ich glaube, dass das Lesen eurer Blogs meine geistige Entwicklung vorangetrieben hat, das Internet an sich. Viele mögen das Internet verpönen, ich kann’s definitiv noch als Bereicherung sehen – und ich weiß, dass es bei dir eigentlich auch so ist. Wo andere schon längst kritisch werden, kommen wir beide nicht um die Vorteile rum. Wir lieben die Technik dahinter sogar.

      Die Müdigkeit ist normal, manchmal muss man bei der Überreizung beginnen, sich selbst wieder von der großen Vernetzung zu trennen, um sich wieder zu finden. Ich möchte meinen ur-eigenen Schreibstil wiederfinden, nachdem ich herausgefunden habe, was eigentlich besser ankommt, nämlich die “Mitte”, das “Moderate”. Ich bin aber kein moderater Mensch; und ich will wieder dazu stehen. Ich bin ein anklagender, manchmal radikaler, doch sehr verständnisvoller Mensch. Ich schreibe eher rasend als leise, manchmal auch leise, aber das rasende ist mehr mein Charakter – und ich möchte wieder dahinfinden, damit das Schreiben wieder einen Sinn macht für mich.

      Ich bin sehr weit abgekommen, aber das ist okay. Themen sind vernetzt wie die Menschen selbst.

    • Ach, das ist schön zu lesen! Hätte ich die Kommentare hier zuerst gelesen, hätt ich mir den unten “ersparen” können :). Ich hoffe Du schreibst so wie Du bist. Das ganze schlaue Gequacksalber kann ich eh nicht ertragen (das Du Dich nun aber bitte nicht angesprochen fühlst!).
      Aber das weißt Du ja! Ich mag den Text sehr. Und manchmal muss man radikal sein. Auch wenns weh tut. Wobei ich an meiner Diplomatie arbeiten muss. Ich bin ein ganz schlechter Diplomat wenn ich wütend werde. Liegt wohl an meinen astrologischen Genen (höhö) :).

    • Mietzchen … :D

      Ja, ich sollte so sein, wie ich mich fühle. Aber das ist eben schwer, weil ich manchmal vielleicht doch arrogante Phasen habe? Vielleicht nicht eine angeborene Arroganz, aber manchmal verachte ich die Menschheit – mich eingeschlossen – so sehr, dass ich Gift spucken könnte. Obwohl ich sie so sehr liebe. Ich versuche mich ein wenig zu befreien von irgendwelchen selbstauferlegten literarischen Ansprüchen. Schwer, wenn man so einige fantastische Blogs kennt, die das so toll hinkriegen.

      :schmatz:

      Ich bin eine gute Diplomatin, wenn ich mal entscheide, diplomatisch vorgehen zu müssen. Sonst … :frech:

    • Ach weißt Du, ich würde auch gern so schreiben können wie Du. Aber selbst wenn ich das schaffen würde (was ich ich ohnehin nicht hinkriegen würde), würde ich ja dann eine zweite Sherry sein, und das wär ja auch doof, wenn man das selbe dann bei mir liest. Natürlich gibt es schöne Sachen, die man auch ruhig kopieren soll und darf. Aber letztendlich sind wir so wie wir sind. Auch unsere arroganten Phasen müssen sein. Ich glaub in einer Sache sind wir uns recht ähnlich, irgendwann kotzt uns immer das an, was wir gerade machen, dann finden wir es Zuviel und suchen nach einem anderen Weg, der uns dann irgendwann auch wieder zuviel wird. Gewisse Themen tauchen immer wieder auf, aber doch immer ein bisschen anders. Deswegen seh ich nie die Gefahr bei Dir, dass Du uns mit irgendeiner Phase zum Wahnsinn treiben könntest ;-).
      Wenn Du mal zuviel Sanftmütigkeit übrig haben solltest, gib mir was ab! :)

    • Liebes,

      das stimmt, wir sind so, wie wir sind. Die meisten von uns wollen aber geliebt werden. Und da fangen auch schon die Konflikte an. Was, wenn die Art, wie wir sind, unbeliebt ist? Das Selbe gilt dann auch für die neu erworbenen Kriterien, die man sich aufbürdet, weil man plötzlich meint, Schriftstellerei sei eine Sache der zeitgenössischen Literatur, und nur ein ganz kleine Auslese darf dorthin. Die besten Romane, die ich gelesen habe, konnten eine schmutzige und nicht eine leise und edle Situation lebendig beschreiben. Die Sprache lebte, sie wollte sich nicht immer nur durch Schönheit genügen. Und weißt du, welche Sache mich noch sehr fasziniert? Die Ästhetik des Bösen und des Hässlichen. Die Intensität von Schmutz und niederen Trieben. Das sind die tiefen Fundamente einiger, menschlicher Handlungsweisen. Selbst derer, die auf dem ersten Blick edel wirken. Ich glaube, darüber würde ich gerne schreiben. Danke, dass du mich darauf gebracht hast.

      :rose:

  8. ein grandioser text mit schwerem grund- genau dafür schätze ich dich sehr!

    aufgrund der überflogenen kommentare bleibt nur noch zu sagen: nicht darüber stellen will ich mich, nicht über die sogennaten ottonormalverbraucher, das volk etc., denn dann ist schon alles verloren! es hat seine gründe so oder so zu sein und alle brauchen wir uns gegenseitig, aber nicht zur erhöhung.

    liebgrüß LiSsi

    • Das stimmt, liebe LiSsi. Nicht jeder von uns hat die Möglichkeit, 800 EURO pro Semester Studiengebühren zu zahlen. Als sie eingeführt worden sind, habe ich plötzlich immer weniger Studierende gesehen mit schwarzen Haaren und dunkler Haut. Als ich mit dem Psychologiestudium begonnen hatte, war ich quasi die einzige “Orientalin” im Vorlesungssaal. Warum? einfach nur, weil ich das Glück hatte, schon Erspartes zurückgelegt zu haben aus der Zeit, in der ich viel gearbeitet habe und weil ich verheirtet war. Ist das fair? Das ist es nicht.

      Ich habe im Moment ein wenig die Schnauze voll davon, wie wir uns alle ständig selbst feiern! Ich weiß, das muss manchmal sein. Aber dieses aufgeschwollene Gerede nervt gerade.

      Und vielen, vielen Dank für dein schönes Feedback.

    • ja, da werden sie gezüchtet, die elitemenschen… zuerst in den eliteschulen und dann auf den unis… wer zahlt, studiert… das hat mich damals sehr geärgert, als sie die studigebühren einführten und wo ist bitte der vorsatz geblieben: bildung für alle!?

      ich bin keine studierte, habe nur das leben studiert und dies und das und jenes erlernt, aber minderwertig fühle ich mich deswegen nicht mehr- hätte es ja gekonnt, habe es aber nicht gewollt.

      lernen und studieren kann mensch immer und überall, da brauche ich keine profs und schon gar nicht sich selbst feiernde studies…
      freue mich immer so sehr über deinen gerechten zorn!

    • Liebe LiSsi …

      In diesem Text war mir wichtig, dass wir Menschen uns nicht auf irgendetwas, das wir haben oder erreichen, ausruhen sollten. Dass unser Standpunkt nicht die Achse der Welt ist. Die Situaiton mit den Intellektuellen sollte das deutlich machen. Mit manchen Themen, wie z.B. den fallenden Kindern im Text, sollte man nicht nur intellektuell umgehen, sonst bleibt das immer eine distanzierte Angelegenheit da, wo wir eigentlich eine echt bedrohliche Unruhe verspüren sollten, damit wir uns einbringen und diese fallenden Kinder retten.

      Ich denke nicht, dass man selbst lernen kann, was man an der Uni lernt. Vielleicht wäre das vor 200 Jahren möglich gewesen, aber heute ist das gesammelte Wissen so unglaublich groß, dass es systematisch aufbereitet werden muss. Würdest du einen autodidaktischen Arzt an dir rumschnibbeln lassen? Oder einen autodidaktischen “Erfinder” wirklich Flugzeuge bauen lassen? Ich jedenfalls nicht. Was mir vor allem wichtig ist ist: Dass jedem Menschen die Wahl gegeben wird, dass er sich bilden geht. Wir reden hier oft über Chancen- und Bildungsgleichheit. Die gibt es faktisch aber nicht. Daran müssen wir arbeiten.

      Danke für’s Lesen und die anregende Diskussion! Und auch bei dir fühle ich diesen gerechten Zorn. Ich finde ihn wichtig. Ich finde es wirklich wichtig, dass wir nicht immer passiv fühlen, sondern aktiv fordern.

  9. Liebe Sherry,
    ich bewundere schon lange deine Texte. Du schreibst nicht mit deinen Fingern, sondern mit deinem Herzen. Mach bitte weiter so… Da ich deine Schriften schon etwas länger verfolge, würde ich gerne wissen, warum du nicht den Sprung in den Journalismus gewagt hast ? Ich glaube die Menschen würden gerne deine Zeilen lesen … : )
    Dir noch einen schönen Tag !!

    • Liebe Alana …

      Ich fühle mich sehr geehrt und auch dankbar für dein schönes Feedback und möchte dich hier willkommen heißen. Deine Frage finde ich interessant, weil ich nicht gedacht hätte, dass man bei emotionalen und auch leicht “an-poetisierten” Texten auf den Journalismus kommen würde. Viele fragen eher nach Büchern, die ich doch einmal anpeilen soll. So, jetzt wirst du lachen. Ich war einige Jahre im journalistischen Feld tätig. Und das hat mich nicht wirklich erfüllt. “Unabhängige Blätter”, bei denen ich hätte schreiben dürfen, was ich wirklich will, haben nicht gut gezahlt; und die großen Blätter? Da wirst du erschrocken sein, aber die wollten eine eindeutige Tendenz in ihren Aritkeln und Analysen haben, die man als informierter Mensch nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. Gerade seit dieser Debatte um Grass und seinen angeblichen Antisemitismus, wissen wir, was hinter den Kulissen in den Medien läuft, wir können das nun besser greifen. Und so läuft es den lieben langen Tag. Bestimmte Wörter oder Andeutungen sind gestrichen. Bestimmte Themen auch. Die Medien sind sozusagen nicht nur beim Thema “Grass” gleichgeschaltet, nur dort haben wir es wirklich bemerkt, weil sie übermäßig homogen reagiert haben. Und genau deshalb {und noch einigen anderen Gründen}, habe ich es damit aufgegeben. Was ich in keinster Weise bereue.

      Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag und hoffe, dass du wieder vorbeischaust.

      :rose:

  10. Danke, liebe Sherry, für diesen Text!
    Weil wir die Kommentare noch nicht lesen konnte, möchten wir uns hier heute etwas zurückhalten. In den nächsten Tagen werden wir das aber nachholen.
    Herzliche Grüße
    dm und mb

    • Hallo ihr Lieben …

      Ich lese selten alle Kommentare, bevor ich antworte, um nicht zu sagen fast nie. Wenn, dann nur im Nachhinein. Also fühlt euch da bitte immer frei, ja? Danke für euer Feedback.

      :lolli: <- Ist der nicht süß?

    • Eine entspannte Haltung, liebe Sherry, auch ohne die Kommentare zu lesen, einfach zu schreiben. Ich mache es jetzt einfach mal so, bin nämlich immer noch nicht dazu gekommen, sie alle zu lesen. Fühlt sich außerdem gerade ganz gut an, es einfach drauf ankommen zu lassen, wenn meine Gedanken zu Deinem guten Text an anderer Stelle vielleicht schon aufgetaucht sein sollten … aber Du siehst anhand meiner langen Schreiberei gerade, dass ich es noch ungewohnt finde … ;-)

      Ich schätze Menschen mitunter, die aufgrund ihrer intellektuellen oder materiellen, zeitlichen oder empathischen Möglichkeiten, bereit sind, diese in die Gesellschaft einzubringen. Not gibt es genug, und wer hat, sollte ruhig geben, denke ich. Solange er mag und kann, UND vor allem am besten nur dann, wenn dabei die Unterstützung des Anderen im Vordergrund steht. Manchen gelingt das, ohne die Selbstbespiegelung dabei im Vordergrund zu sehen. Aber vielleicht ist es immer auch eine Gratwanderung … im Großen, wie im Kleinen.
      Deinen Text kann ich aus so vielen verschiedenen Richtungen lesen. Und das gefällt mir besonders!
      Danke Sherry, wieder einmal, für Deine Anregungen!
      mb

    • Liebe mb …

      Wenn du magst, üb’ das einfach. Wenigstens hier bei mir. Sind deine Gedanken denn nicht echter, wenn du sie unbeeinflusst von anderen Kommentaren erst einmal einfach reinschreibst? Ich find’s sehr interessant, im Nachhinein dann nochmal zu schauen, wie ähnlich oder verschieden ich Dinge sehe, wenn ich andere Kommentare lese. Die Diskussionen und Anregungen im Kommentarbereich finde ich immer total schön. Aber wir sollten uns beim Lesen von Blogs und auch beim Schreiben dieser nicht so unter Druck fühlen.

      Es gibt einen Schlüsselsatz in deinem Kommentar, den ich einfach nur wunderbar finde. Der heißt: “Not gibt es genug, und wer hat, sollte ruhig geben.” Ich sehe das genauso. Ich habe noch nicht einmal etwas gegen Menschen, die geben und sich damit auch profilieren, sollen auch diese ihren Nutzen daraus ziehen, wenn andere, die weniger haben, doch einfach etwas damit anfangen können, mit dem, was ihnen gegeben wird.

      Danke für deine Anregungen …

  11. “Ich habe Muskeln. Ich habe sie in meinen Ohren gelassen, sie wollen dort wachsen und der Welt durch ihren Resonanzkörper ihr eigenes Echo zurückschenken.”

    Erst beim zweiten Mal lesen habe ich begriffen…. Wow! Wie kreativ. Da ist mir beinahe die ganze Gesellschaftskritik egal.;-)
    Lass dich auf deine Intuition ein, da kannst du nur gewinnen. Hab keine Angst, Verstand hast du sowieso genug.
    Ich würde soo gerne einmal etwas Kitschiges von dir lesen. Kannst du mir etwas empfehlen?

    Kurz gesagt, finde ich auch:
    Weisheit kann man an keiner Universität erwerben und Weisheit ist höher zu bewerten, als Wissen, weil es die Intuition miteinschließt. Und ein Intellektueller, der mir sein Wissen nicht verständlich vermitteln kann oder will, ist für die Katz, weil mir dieses Wissen dann nicht hilft bei der Bewältigung meiner alltäglichen Probleme.
    Liebe Grüsse, Mika

    • Ach, liebe Mika …

      Ich danke dir sehr für deine lieben Worte. Findest du den Satz so toll? Ich verrate dir einmal ein Geheimnis. Meistens {nicht immer} habe ich kein Thema, über das ich schon nachgedacht habe und schreiben will. Ich fange mit einem sehr automatischen Satz an, über den ich gar nicht nachdenken, und alles andere kommt dann auf Basis dieses ersten Satzes einfach aus mir heraus. Ich wusste nicht, dass ich hierüber schreiben würde. Aber der erste Satz, der ohne nachzudenken kam, hat mir diktiriert, in die gesellschaftskritische Richtung zu gehen. Das ist nicht immer so, aber öfter, als man meinen würde.

      Etwas Kitschiges? Oh ja, ich habe viel davon. Kitsch ist nicht einmal mein größtes Problem, sondern eher meine Resolutheit bei einigen Themen. Ich habe ein wenig davon verloren, einfach dadurch, weil meine LeserInnen nicht mehr so anonym sind, wie sie es damals waren {und ich niemanden verletzen will}.

      Ich werde beizeiten einmal schauen, ob ich etwas für dich finde. Im Moment bin ich in der Uni …. Da wird’s schwierig.

      :wange:

    • Ja, Sherry, ich find die ersten zwei Sätze ganz toll. Nicht nur die, aber die sind irgendwie anders, die wecken den Kampfgeist. Und das auf eine ganz eigene Weise.
      Was du darüber sagst, wie sie entstanden sind, genau das meinte ich: ohne lange Überlegungen schreiben was rauswill. Es bedeutet, dass man der eigenen Intuition vertraut. Nicht nur, dass es ein gutes Ergebnis gibt, es dient gleichzeitig auch der Psychohygiene.
      Du meinst, deine Resolutheit sei das Problem… Kann ich gut nachvollziehen, was du darüber sagst. Ich bin auch ein eher radikaler Mensch und ecke hin und wieder an. Aber wenn mir etwas wichtig ist, gehe ich den Dingen auf den Grund.

      Das mit der Bloggerei ist sowieso eine eigene Sache. Wie viele Blogger sind einfach “verschwunden”, weil sie sich weiterentwickelt hatten und ihre Leser nicht mit ihnen und sich plötzlich eine unüberwindliche Kluft auftat.
      Es hat ihnen keinen Spaß mehr gemacht zu schreiben, weil die Leser eine bestimmte Erwartung hatten, die sie nicht mehr erfüllen wollten. Das erzeugt Druck.
      Ich denke, wenn man versucht, keine, bzw. nur die eigenen Erwartungen zu erfüllen, ist es auf jeden Fall besser. Immer nur das tun, womit man sich gut fühlt.

      Siehst du, jetzt möchte ich nicht nur etwas “Kitschiges” (ich bin neugierig, was damit gemeint ist), sondern auch etwas Resolutes von dir lesen. ;-)

      Eine gute Nacht wünsche ich dir!
      Mika

    • Ja, liebe Mika, manchmal habe ich ein wenig Angst, dass mir das auch passieren könnte, aber ich glaube eher nicht. Viel eher würde ich ein anonymes Blog aufmachen und dort einfach schreiben, was andere, die ich kenne, nicht direkt verletzen kann. Für mich wäre das eine gute Lösung, glaube ich. Aber vorerst bleibe ich hier. Der Weg des Kämpfers ist wirklich ein einsamer Weg, vor allem, wenn man versucht, sich allem abzuschwören, was mit einer Ideologie oder Religion zu tun hat und sich nur mit dem Wohl des Menschen bindem will. Gerade dann kann man radikale Gedanken entwickeln, weil man die Not und den Druck spürt, etwas tun zu müssen.

      Hier etwas “Resoluteres” von mir. Der Artikel wurde von einigen als Frechheit empfunden: http://iranique.de/2011/10/06/meinungen-jeder-hat-eine-und-jede-ist-richtig/

      Schlaf’ gut, meine Liebe … :rose:

    • Liebe Sherry,
      ich wünsche sehr, sehr, dass du diesen Blog nicht aufgeben willst (musst) und dass du dir trotzdem treu bleiben kannst.
      Ich habe besagten Artikel jetzt gelesen. Ich finde ihn sehr vielschichtig (wie vieles von dir Geschriebene). Ich finde gut, mutig und richtig, dass du mit dieser Vehemenz schreibst und diskutierst. Dass er von einigen als Frechheit empfunden wurde, bedeutet für mich, dass sie nicht verstanden haben.
      Was du über die “reine” Wisschenschaft und Forschung sagst, ist richtig: Durch kritisches Denken und Versuche, Fakten auf den möglichst objektiven Nenner zu bringen. Immer wieder neu.
      Weißt du, Sherry, mir auffällt auf, dass viel zu oft (nicht nur hier im Blog) erst mal eine Begriffsklärung stattfinden müsste, bevor über die Sache diskutiert werden kann. Bzw. sollten Begriffe auf ihre eigentliche Bedeutung hin überprüft werden.
      Am besten wird das im Gespäch zwischen dir und Maryam deutlich. Ihr konntet klären, dass du richig liegst, wenn es um die “reine Wissenschaft” geht.
      Du machst das auch immer, erklärst, was du meinst, wenn es nicht verstanden worden ist. Aber das geht zu deinen Lasten, das ist es, was Kraft kostet.
      Eigentlich wäre das eine pädagogische, ethische Aufgabe und würde unser Leben erleichtern, weil es nicht so viele Missverständnisse geben würde.

      Und hier verwäscht sich die Diskussion meines Erachtens auch:
      Man muss da klar unterscheiden, zwischen einzelnen Wissenschaftlern, die sich an die Wirtschaft verkaufen und dann auch Studien herausbringen, die das (gewünschte) Gegenteil von jener der (ethisch korrekt arbeitenden) Kollegen aussagt. Das haben wir heute sehr häufig und trägt natürlich dazu bei, der “Wissenschaft” als Ganzes zu misstrauen und ihre Korrektheit anzuzweifeln. (Gegen solche Kollegen müsste auch vorgegangen werden.)
      Und zu differenzieren ist der Masse Stärke nicht!
      Genau so wie du es darstellst: Nur was an der Oberfläche schwimmt und grell aufleuchtet, wird wahrgenommen und für wahr genommen und zur eigenen Meinung gemacht, wenn es genehm ist.

      Als mir klar wurde, dass “Kritik” nur bedeutet, etwas zu überprüfen, habe ich aufgehört, mich vor diesem Wort zu fürchten.

      Stimmt, der Weg des Kämpfers ist ein einsamer.

      Vermutlich hört sich das Gesagte etwas wirr an, aber mir schwirren noch so viele Dinge im Kopf herum.

      :wink: Hab einen schönen Tag

    • Wie aufmerksam du gelesen hast, liebe Mika. Danke für dein so schönes und umfassendes Feedback. Du hast Recht, manchmal brauchen wir neue Begriffserklärungen. Manchmal verschwimmen Wahrheiten miteinander, die Wahrheit der Meinungsfreiheit mit der Wahrheit über Meinungsrichtigkeit, z.B. Führt man mit Menschen eine Diskussion, die nicht unbedingt recht behalten wollen, sondern tatsächlich auf der Suche nach etwas sind, das die “Realität” so genau wie möglich beschreibt, dann einigt man sich viel häufiger.

      Das Problem ist nur, dass unsere Meinungen eben ein Spiegelbild unserer Einstellungen sind und der Dinge, die wir uns im Laufe unseres Lebens als wichtig und wertvoll angedichtet haben. Die höchste Form einer solchen Meinung ist eben Religion. Egal, wie sehr die Inhalte einer der Realität und ethischer Werte widersprechen, wir werden alles zu ihrem Gunsten umdeuten, obwohl diese Deutungen total abwegig sind.

      Du hast Recht. Auch die Wissenschaft sollten wir immer kritisch betrachten, denn hinter vielen Forschungsdisziplinen {Werbung, Marketing, Pharmakologie} stehen wirtschaftliche Interessen.

      Ich danke dir, liebe Mika. :rose:

  12. Du weißt ja, ich lese wenig. Gerade habe ich mal Text und Kommentare gelesen. Eine sehr eigenartige Literaturform, wenn man es zusammen betrachtet. Hat etwas surreales, vielleicht etwas von Musik, nur tauchen die angesprochenen Themen überraschend auf. Wie das Thyroxin und der Kaffee herumgeistert, ein Literaturkritiker hätte seine Mühe, einen Namen für diese Schreibart zu finden.

    • Liebe Blinky, ich finde das gut, wenn du keine Kategorie für das Geschriebene hier findest. Ich würde es poetisches Essay nennen, auch wenn das keine offizielle Kategorie ist für die “Kritiker”. Aber das ist ja auch sowas von egal! Danke für’s Lesen! :)

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