Loser Faden

Ich habe aufgehört, dir zu verzeihen, als du nebenher sagtest, der Verrat sei noch harmlos gewesen. Und ich dachte an die Tage dieses Verrates und an die spitzen Kanten der Realität, an denen ich mir den Körper zerschürfte. Ich schwieg dich mit stockendem Atem an. Doch die Pause nutztest du, um sie bis zum Rand mit Alltagsgezwitscher zu füllen. Die Trennung stand vor mir und tanzte. Etwas in mir ließ etwas anderes los: eine Art seidenen Faden, an dem du schon lange nicht mehr hingst. Und anstatt, dass ich danach ins Endlose fiel, schwebte ich auf wie ein Neugeborener auf dem Weg ins Licht. Ich fühlte eine Erleichterung, die sonderbare Schwere ausstieß. Sie war nicht schön, sie war nicht erhellend, sondern real und so physisch, dass meine ganze Körperhaltung sich veränderte. Sie ließ Wahrheiten auf meinen bunten Teppich niederprasseln, die ich all die Jahre versteckt hatte vor uns. Nur, weil ich unsere erste Begegnung ehrte. Wann ich dir die Botschaft verkünden werde, dass unsere Schicksale nun voneinander unabhängig sind, weiß ich noch nicht. Der lose Faden wird mich führen, und ich weiß, bei dieser Offenbarung wird die Erleichterung in deinen Augen Knospen springen lassen.

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14 Gedanken zu “Loser Faden

    • Schwer zu sagen, ja, Blinky. Aber das gehört zum Leben dazu, und manchmal ist es doch auch gut, wenn man sich am Ende sagen kann, man habe alles mögliche versucht.

  1. meist ist es doch so, dass trennungen von beiden seiten vorausgeahnt werden. die “ausführende” seite fühlt den schritt vielleicht stärker, oder die not-wendigkeit das schrittes, doch auch die “defensive” seite “weiss” meist, was sache ist. die erleichterung tarnt sich zuweilen mit vorwürfen.

    weise worte für trennungen – das wünsch ich uns immer wieder. und ehrlichkeit, schritte, die heilsam und nötig sind, nicht zu scheuen.

    herzlich, soso

    • Ich habe Trennungen immer als etwas sehr Unnatürliches empfunden. Ich bin seit Jahren aber dabei, meine Sichtweise darauf zu verändern. Natürlich finde ich Trennungen noch immer “seltsam” oder “sonderbar”, nicht passend zu meinem Bild von Liebe und Freundschaft, aber wenn man Zeiten hatte, in denen man jedenn Tropfen Energie händeringend brauchte, fängt man an, mehr auf sich zu achten. Danke für deinen Kommentar, liebe Soso.

  2. Frauen gehen mit Trennungen verantwortungsvoller um. Häufig trennen sie sich erst, wenn sie wirklich alles versucht haben. Was ich mag ist, dass Du aus einer Trennung eine Art Gedicht herausholen kannst. Das macht es nicht weniger schmerzhaft, sondern bewusster. Ich hoffe, der Blogartikel ist aus einer Inspiration entstanden und nicht aus der Realität.

    • Das habe ich auch so erlebt, liebe Dysbalance. Ich glaube, in meinem Text steckt ein Fünkchen Wahrheit drin, und sei es auch nur, dass ich mir darüber Gedanken gemacht habe, ohne eine Trennung zu vollziehen …

  3. “Ich hoffe, der Blogartikel ist aus einer Inspiration entstanden und nicht aus der Realität”, daran schließe ich mich Dysbalance an-

    Erleichterung mit seltsamer Schwere, die kenne ich, wenn ich mich entscheide bzw. entschied …

    liebe Sherry, da hast du einen feinen Text gewebt, der mich melancholisch hinterlässt …

    liebgrüßt Ulli

    • Ja, liebe Ulli, vermutlich ist das die Ambivalenz, die mit gut durchdachten Trennungen einhergeht. Denn sonst sind Trennungen meistens mehr schmerzhaft. Wenn man das aber für sich gut reflektiert hat, gibt’s auch den Aspekt der Erleichterung. Wobei ich auch schon impulsive Trennungen mit hoher Erleichterung im nachhinein erlebt habe. Ach, doofes Thema, es piekst mich!

      Danke, liebe Ulli …

  4. liebe sherry, seltsam, dass ich überhaupt keine trennung herausgelesen habe aus diesem text. für mich liest es sich wie eine art entfremdung zwischen zwei menschen und vielleicht ist es ja genau das, was eben dazu führen kann – zur trennung. und vielleicht geht es genau um die “station vor der trennung”.
    poetischer text, danke schön dafür.
    liebe grüße an dich, apfelesserin

    • Danke für deinen Kommentar, liebe Apfelesserin. Recht hast du: Würde man am Anfang nicht das harte Wort “Verrat” gleich zwei Mal lesen, könnte man das auch als schleichendes Auseinanderleben empfinden. Aber dieses Wort “Verrat” ist zu stark. Deshalb ist es für mich – als Empfindung – noch immer eine Trennung. Vermutlich kommt es etwas weicher rüber, weil keine richtige Wut darin zu greifen ist, sondern eher Traurigkeit.

      Lieben Gruß an dich!

  5. Liebe Sherry,
    dieses langsame Loslassen, sich des verlorengegangenen Vertrauens und Gemeinsamen immer bewusster zu werden, bis deutlich wird, dass es vielleicht kein Zurück mehr gibt … das habe ich schon einige Male als Erleichterung empfunden. Schwerer war der Zustand, in dem das alles noch nicht zugelassen und reflektiert war.
    Danke für Deine feinen Gedanken und wunderbaren Zeilen!
    Herzlich, mb

    • Danke, liebe mb … Es ist eine fremdartige Erleichterung, eine, die einen um etwas einst sehr wertvoll empfundenes erleichtert. Wichtig ist, dass man diese Freundschaften nicht bereut. Aber einfach ist das natürlich nicht. Menschen bewerten den Grad an “Güte” einer Beziehung immer daran, ob es hält oder nicht, aber ein Ende ist immer ein Ende. Wie es in der Zeit war, wo man zusammen war, ist doch wichtig.

  6. Ganz unabhängig vom Inhalt des Textes:
    Mich fasziniert, wie du während der Situation bereits reflektierst.
    Es ist die Art, wie du alles mit Distanz zu registrieren scheinst, Trotzdem ist das Gefühl ganz stark spürbar.
    Es scheint ja ein Widerspruch zu sein.
    Ich kann es nicht sagen, hält man in solchen Situationen die Szenen fotographisch fest, um sie hinterher so wiedergeben zu können, oder wechseln sich Gefühle und Distanz zur Situation so schnell ab, dass man fähig ist, nebenbei zu reflektieren?
    Ich kenne das von mir nur, wenn etwas ganz, ganz tief geht. Da scheint alles gleichzeitig zu passieren.

    • Ja, das stimmt, liebe Mika. Ich glaube, während man versucht, etwas zu beschreiben, geht man beide Positionen ein. Wir sind vermutlich durch das Schreiben das Reflektieren auf allen Ebenen gewöhnt, was uns natürlich einen gewissen Vorteil verschafft, was ich immer wieder daran merke, wenn ich z.B. mit meinem Mann diskutiere. Ich bin ihm dann viel zu schnell auf allen möglichen Ebenen, und er fragt mich: “Wie kommst du jetzt von x auf y?” Ich finde, das ist eine ganz gute Gabe, wenn man sie im Griff hat. Wenn nicht, dann peitscht sie dich, wohin sie auch immer will.

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