“Der Schmerz ist noch heiß”

Ich sitze schon seit einer halben Stunde hier an meinem Bildschirm, höre Musik und fühle den Drang, etwas schreiben zu müssen, weiß aber nicht was. Ich empfinde eine Mischung aus Erleichterung und Bewegungsdrang und frage mich, wie ich die beiden miteinander verbinden soll. Ersteres ist Entspannung, Zweiteres Anspannung. Draußen ist es so kalt wie schon ewig nicht mehr, und ich stelle mir vor, wie ich in einen zugefrorenen See springe, in dieses eine, für mich extra geschnittene Loch hinein. Ich tue mir weh, tausend Kältenadeln bohren sich in meine Haut, ich erleide einen sensorischen Schock und mein Kreislauf spielt kurz Kollaps, bevor sich alles langsam wieder in Gang setzt und ich jede Bewegung in mir spüre, jede Sehne spannen höre und jeder Muskel gegen die eigene Erstarrung kämpft, indem jede Kontraktion wie im Überlebenskampf zuckt. Alles, was ich bei dieser hier für euch unangenehmen Beschreibung empfinde, ist ein wohliges Gefühl von Freiheit, während Ihr beim Lesen vermutlich das Bild wegzuscheuchen sucht.

Oft schon habe ich mich gefragt, warum ich die Kälte so liebe. Auf eine eindeutige Antwort bin ich nicht gekommen, doch geahnt habe ich immer, dass ich die Hitze in mir nur mit ihrer Hilfe beruhigen kann. “Heiß” bedeutet auf Persisch “Daagh” [das A lang ausgesprochen]. Wenn wir sagen wollen, dass ein Schmerz noch sehr frisch ist, dass er tief in einem sitzt, pocht und wund ist, dann sagen wir: “Der Schmerz ist noch heiß … [Dardesh daagh-e ...]” Vielleicht suche ich deshalb die Kälte. Die Wunden sollen nicht weiter atmen, sondern in einen erleichternden Dornröschenschlaf fallen …

Ich liebe es manchmal so sehr in der Uni zu sein. Den Mund aufzumachen und niemandem erklären zu müssen, was ich gerade meine, nichts rechtfertigen zu müssen, abzudriften in Gedanken, die sich selbst mit neuen Gedankenketten strangulieren, bis ich atemlos lache und mitgelacht wird. Reden, ohne als seltsam angesehen zu werden oder irgendwelche Studien für die Untermauerung eines Konstrukts nennen zu müssen, ist herrlich kräftesparend. Die selben Sorgen und Nöte, die selben Selbstzweifel. Wusstet ihr, dass sogar die Masterstudierenden sich insgeheim alle für zu blöd halten [ich auch]?

Jetzt weiß ich endlich, was es war, das mir diesen Druck zu schreiben, bereitet hat. Es war die Dankbarkeit …

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23 Gedanken zu ““Der Schmerz ist noch heiß”

  1. hey, das ist ein toller, wirrer, heißer, kalter und so wunderbar dankbarer text, dass du es schaffst, mir ein grinsen ins gesicht zu zaubern (was zurzeit nicht allzu schwer ist).

    danke!

    herzlich· soso

    • Danke, liebe Soso. Der Text war eigentlich viel länger, aber was danach kam, war dann wirklich sehr wirr, also habe ich es rausgelassen. Ich dachte, ich übertreib’s mal nicht. :)

    • Genau deshalb bin ich auch froh, dass ich dieses Blog habe. Ich habe die ersten Jahre nur gebloggt und mich nie umgesehen, ich wusste gar nicht, dass es so eine große Community gibt. Irgendwann habe ich richtig rumgesurft und alles ergab sich dann von selbst. Wenn man sich in ein Thema sehr tief reinbegiebt, so wie du es in deinem Bereich und ich es in meinem tue, dann ist es schwer, aus dieser Tiefe wieder aufzutauchen und in “normalsterbliche” Worte zu erklären, was man da unten alles gesehen hat. Das hinterlässt einen doch manchmal einsam zurück oder verführt einen zum schweigen. Deshalb ist die Uni auch manchmal einfach nur schön … Von Außen würde man sagen: “Fachidioten unter sich.”

  2. ein herrlich frisch kühler Wind weht durch meine Stube, ich spüre die Erfrischung und freue mich, dass Eine Kälte und Winter mag, empfinde auch das als erfrischend bei dem überhand nehmenden Gejammer über Winter und Kälte-
    für mich ist Kälte auch verbunden mit Klarheit, ewiges Stubengehocke und nur Wärme lullen mich eher ein-
    frische Wunden werden vereist … auf heiße Stirnen legt man feuchtkühle Tücher … Heilung hat viele Gesichter!
    und Dankbarkeit kennt unterschiedliche Worte … wieder ein sehr feiner Text, liebe Sherry!
    ich gehe jetzt hinaus in die Wintersonne und lasse den verharschten Schnee unter meinen Sohlen knirschen, für die Genesung ;)

    herzlichst
    Ulli

    • Stimmt, es ist immer die kühle Brise oder der kalte Lappen, der Linderung verspricht. Ich liebe es, im Winter alle paar Male das Zimmer zu lüften. Danke für deinen Kommentar, liebe Ulli. Kälte und Klarheit gehören auch für mich absolut zusammen.

  3. Ich denke jetzt schon den ganzen Vormittag über diesen Beitrag nach. Und nach und nach glaube ich einiges über mich zu verstehen, über meinen Umgang mit Schmerz, weil ich nämlich ganz entgegengesetzt bin und reagiere, ich liebe die Hitze, die Hitze, die bewegungsunfähig macht, die alles herunterdampft, bis man fast nichts mehr spürt. Danke für diesen sehr erhellenden Denkanstoss, der wieder einmal über die Sprache ging, über das “daagh”.

    • Die Hitze kann schmerzlindernd sein. Aus harter Bewegungslosigkeit durch starke Anspannung und Angst geschmeidige Bewegungslosigkeit durch Entspannung machen. Auch ich habe meine Momente, in denen ich froh bin, aufgelöst zu werden in Wärme … Nicht zu danken. Ich wusste ja nicht, was ich tat. :)

  4. schmerz kann heiss sein ja aber es gibt auch ein leeregefühl das kalt ist.man könnt meinen, wenn man nix fühlt dann kann ja auch nix weh tun, aber das gefühl leer zu sein ist sehr unangenehm.
    ich finde das immer sehr gut wenn du auch was über deinen alltag schreibst, das ist dann besonders lebendig und ich kanns mir sehr gut vorstellen. ;-)

    gruss

    • Das stimmt, Darks. Das Gefühl von Leere kann sehr quälend sein, stumpfsinnig, taub und bedrohlich, so dass man sich kneifen oder verletzen muss, um wieder mit beiden Füßen auf den Beinen zu stehen. :(

  5. Ich sitze im warmen Wohnzimmer und meine innere Stimme sagt: geh ins kalte Atelier und mach dort sauber, dann geht es dir wieder besser. Tage hinter dem warmen Ofen haben es in sich. Im TV stapfen Leute durch Schnee auf hohe Berge. Da komme ich sicher nicht mehr hin. Du hast das kalte Bad so schön beschrieben.

    • Im Ernst? Du musstest bei dem Gedanken an das kalte Bad nicht das Gesicht zusammenziehen? Haha. :)

  6. Liebe Sherry!
    Wie schön Du Kälte beschreibst. Musste mich ganz und gar nicht abwenden vom Geschehen und konnte vielleicht sogar aufgrund der Beschreibung bisschen nachfühlen, was Du meinst.
    Andere Frage. Mag das Bild in meinem Profil nicht so gerne. Kann ich die nächsten Tage eins aussuchen und Du erklärst mir nochmal wie das geht?

    • Danke, liebe Lisa. Ich hätte jetzt nicht gedacht, dass die Beschreibung mit dem vereisten See für irgendjemanden angenehm sein könnte. Ich kann dir das gerne erklären mit dem Gravatar. Ich schreibe dir eine Email. Schönes Wochenende wünsche ich dir. :)

  7. kann man deine sprache lernen? (ich werd immer ganz sehnsüchtig, wenn leute so hingebungsvoll von einer sprache reden, vor ein paar wochen wollt ich russisch lernen, nur wegen swetlana geier und “ми́лость”. wieviele sprachen hat die welt? ich will sie alle ;) )

    • Ja, kann man. Persisch und Deutsch sind miteinander verwandt, das lässt sich eigentlich gut lernen. Was schwieriger werden könnte ist die Bildgewalt hinter einem persischen Wort, weil das kulturell vermittelt wird durch eine Kultur der Poesie, die schon sehr alt ist. :)

      Ich würde gerne japanisch lernen.

    • Das freut mich sehr, liebe Scarlett, dass du mit dem Bild etwas anfangen kannst … :) Schön, dass du wieder da bist.

  8. Da hast du ja eine gute und brauchbare Methode gefunden, den noch heißen Schmerz zu stillen!
    Ich hatte mich immer totgestellt, wenn es zu schlimm wurde. Wenn Totsein zu schlimm wurde, bin ich in den Wind hinausgegangen {auch in den kalten}, der hat mich das Leben in mir wieder spüren lassen.

    Und ja, verstanden zu werden, ohne sich lange erklären zu müssen, ist toll. Auch wenn man manchmal ein wenig “herumspinnen” darf, ohne gleich festgenagelt zu werden. :-)

    • Diese Methoden sind am Ende leider immer nur Kompromisse oder kurzfristige Linderungen, nicht wahr? Totstellen tue ich mich irgendwann ab einer Ausprägung der Wut, die andere zu Schaden kommen lassen könnte [und mich auch]. Ich glaube, du verstehst, was ich meine, oder?

  9. Dein obiger Text ist für mich eine Herausforderung, ihn zu verstehen. Bei deinem Drang, etwas zu müssen und Musik zu hören besteht ein Zusammenhang in Form eines Gegensatzes wie auch bei der Hitze und Kälte. Gegensätze ermöglichen immer wieder, Platz für Neues zu schaffen, mir jedenfalls geht es so.
    Andere Gedanken im Text sind für mich schwerer verständlich. Aber das ist Sprache – die vielfältigste Kunst auf der Welt. Da ist sogar das Spiel der Spiele, Schach, unbedeutend.

    Dir einen Ratschlag geben? Ich weiss es nicht, sollte ich nicht!
    Doch, vielleicht Gefühle versuchen, etwas kürzer zu erklären. Hemingway hat einmal geschrieben: “Autoren sollten stehend an einem Pult schreiben. Dann würde ihnen ganz von selbst kurze Sätze einfallen.
    Dein Text gefällt mir doch alles in allem sehr. Du bist jung und unverbraucht. daagh! Mach weiter so. Ernst

    • Lieber Ernst,

      vielen Dank für deinen Kommentar, und sei willkommen hier. Ich danke dir für die Interpretation meiner Gedanken. Aus Gegensätzen kann wohl sehr große und auch explosive Kraft entstehen, zumindest kommt es mir so vor, deshalb kann ich dir zustimmen.

      Zu deinem letzten Ratschlag: Ich glaube, ich kann ihn nicht befolgen. Weißt du auch wieso? Ich bin gar keine Autorin und habe auch keinen Anspruch an mich, irgendwann schriftstellerisch tätig zu werden. Deshalb denke ich mir, schreibe ich einfach, wie und wonach mir ist.

      Lieben Gruß …

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