Sichtweisen

Je nachdem, welche Vorannahme [Hypothese] man hat, können die selben gesammelten Daten zu völlig verschiedenen Schlussfolgerungen führen. Das ist ein wenig ernüchternd für Menschen, die eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung suchen. Doch das sollte man gar nicht erst wollen, denn die Präzision, die wir suchen, können wir allein aufgrund unserer Wahrnehmungsgrenzen und -verzerrungen nicht leisten. Bleiben wir bescheiden, erwarten wir nur das Mögliche.

Man erlebt das auch immer wieder im Alltag. Je nachdem, was uns gerade besonders beschäftigt oder welches Menschen- und Weltbild wir indoktriniert bekommen oder uns selbst durch Erfahrung angeeignet haben, kann ein und das selbe Verhalten einer Person von zwei verschiedenen Lebensbiografien unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden. Ein kleines Beispiel: Wenn ich auf Persisch sagen möchte “Du Vollpfosten, das war völlig falsch, was du gemacht hast” sage ich “Ghalat kardi!” [So im Sinne von "Du Idiot, voll vermasselt! Mach' das nie wieder, ist das klar?"] Wenn ich mich nun mit einer Afghanin unterhalte, kann es sein, dass sie zu mir sagt “Ghalat kardi” und dabei liebenswürdig lächelt. Warum lächelt sie dabei? Weil sie, trotz, dass wir rein linguistisch die “selbe” Sprache sprechen, doch eine andere spricht. Sie wollte nicht unhöflich zu mir sein, sondern wollte mir nur mitteilen: “Oh, das hast du falsch verstanden, tut mir Leid. Ich erklär’s nochmal …” In so einer Situation würde ich mit offenem Mund da stehen und ihre aggressionslose Mimik mit ihrem Satz – in meiner Kultur beleidigend – interferieren lassen und stocken. Peng! Schon ist meine Welt durcheinander.

Und genauso passiert uns das in unserem Leben. Nicht nur, dass wir andere falsch verstehen, wir verstehen sogar die selbe Welt oder den selben Umstand ganz anders als der andere. Im Sinne von “Das Glas ist halb leer oder halb voll.” Und so erschließt sich die Welt jedem einzelnen ein wenig anders als dem anderen. Was fangen wir mit dem Perspektivenreichtum an, wenn er auch bedeutet, dass wir einander nie ganz verstehen werden? Kann uns das auch einsam machen, die Erkenntnis, dass wir alle Dinge noch viel verschiedenartiger erleben als andere – selbt, wenn wir aus der selben Kultur, ja sogar der selben Familie kommen? Vielleicht müssen wir für das Zusammensein gar nicht alles gleich sehen und verstehen, vielleicht hat die Perspektivenvielfalt ja auch einen Sinn. Vielleicht soll die Bedingung erschaffen werden, die uns andere benötigen lässt, um zu größtmöglicher Erkenntnis zu gelangen. Vielleicht ist das überhaupt der Grund dafür, warum Menschen Menschen anziehen.

Ich kann einen Gegenstand von einer einzigen Seite betrachten. Doch ich bekomme eine bessere Vorstellung von seiner Beschaffenheit, wenn ich die andere Perspektive des anderen noch mit einbeziehe, oder? Beziehe ich nun noch mehrere ein – nämlich so viele wie möglich – entsteht endlich das dreidimensionale Bild, das ich suche, das für mich endlich einen Sinn ergibt. Dieses dreidimensionale Bild ist nicht das “Ende der Wahrheit”, und wir sind noch lange nicht angekommen, aber wenigstens ist es vielschichtiger, so dass wir viel mehr mit ihm operieren können, aus ihm aus allen möglichen Ebenen zehren können. Der Begriff “Mensch” zum Beispiel lässt so viel Freiraum, um damit alles Mögliche zu tun, obwohl wir schon so viel über ihn wissen.

Wir können den Menschen rein maschinistisch betrachten und ihn in seine organischen Funktionen unterteilen, die genauso gut hätte von einem guten Ingenieur [Architekten] hätte konstruiert werden können. Wir können ihn aber auch humanistisch betrachten und ihm Ideale und Liebesfähigkeit zusprechen. Wir können ihn spirituell betrachten, ihn als Abbild einer höheren Kraft ansehen, ein Wesen, das mehr ist als die physische Manifestation. Wir können ihn in seine Elementarteilchen zerlegen und wirtschaftlich ausrechnen, wieviel er wert ist oder ihn als mehr als die Summe seiner Teile betrachten und seinen Wert für unschätzbar halten. Wir können sagen, alle Menschen seien gleich viel wert, wir können aber den Menschen auch anhand seiner Handlungen für die Allgemeinheit bewerten. Wir können ihn als primitives, instinktgesteuertes Wesen ansehen oder auch als Abbild einer Gottheit. Wir können ihn psychoanalytisch betrachten [determiniert durch Triebimpulse], als passiv-reaktiv [determiniert durch Reaktionslernen, also verhaltenstherapeutisch] oder als kognitiv-soziales Wesen [interagierend]. Es gibt so viele Sichtweisen – doch welche ist richtig? Diese Frage beantworten dann Künstler’innen, indem sie sich eine Sichtweise aussuchen und sich darin vertiefen. Und so geht es weiter. Später gibt es Lieder über Menschen, Filme, Theaterstücke und neue Lebensweisen, großartige Bilder, in denen Menschen einander berühren oder durch Abbildungen ästhetischer Bosheit voneinander trennen.

Vielfalt ist anstrengend, aber manchmal die einzige Möglichkeit, dass just in einem Augenblick, wenn auch verstreut durch die ganze Welt, die Wahrheit als Ganzes präsent ist, indem wir jede Perspektive repräsentieren – nur, indem wir sind und tun und denken, was wir tun und denken müssen.

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29 Gedanken zu “Sichtweisen

  1. jetzt habe ich grad für mich begriffen, liebe sherry, warum ich so gerne bilder nachbearbeite und auch mal verfremde. es geht mir dabei wohl um die vielschichtigkeiten, die wir eben nicht sehen, wenn wir nur die erste sicht, den moment der aufnahme, betrachten (das beinhaltet aber keinerlei wertung).

    ich denke in letzter zeit sehr oft über unser richtig-verstanden-werden-wollen nach und bin so allmählich für mich zur einsicht – zur sehr entspannenden einsicht! – gelangt, dass es eigentlich egal ist, dass ANDERE mich wirklich RICHTIG verstehen. die einsicht entbindet mich vom anspruch an mich selbst, auch die anderen immer RICHTIG verstehen zu müssen/sollen/wollen. vielleicht ist es pragmatismus, vielleicht resignation? ich empfinde es als entspannend. es hat keinen einfluss auf mein mitfühlen-wollen. ich bin mir einfach meiner grenzen bewusst und schraube meine ansprüche an mich und die anderen tiefer. das entspannt vieles.

    grad frage ich mich, angeregt durch den letzten abschnitt deines artikels, ob die ganze wahrheit nicht noch viel mehr ist als alle einzelteile, die je auf der erde je waren, sind und sein werden.

    der gedanke, das alles da ist – auf viele ebenen verteilt – gefällt mir und berührt mich sehr.

    danke für deine inspirierenden gedanken!

    • Liebe Soso,

      ich finde deinen Ansatz total gut. Dass du dir sagst: a) Ich muss nicht komplett verstanden werden und b) Ich muss auch nicht jeden komplett verstehen. Vielleicht ist es auch schön oder reicht es, da zu sein, obwohl man jemanden nicht 100% verstehen kann und umgekehrt. Trotzdem habe ich persönlich noch für mich die große Sehnsucht, mehr Freunde zu haben, denen ich mich a) mehr öffne und b) die mich dann mehr verstehen und ich sie. Ich bin aber auf dem guten Weg, im Moment lerne ich sehr viele interessante Menschen auch außerhalb der Blogsphäre kennen. [Sonst sind die tollen Menschen ja nur hier zu finden. Haha.]

      Was du über deine Bildbearbeitung sagst, kann ich nachvollziehen. Ich bearbeite Bilder ja im Grunde auch, weil ich finde, dass die Kamera die Dinge echt nur sehr minimalistisch [also die Struktur] aufnimmt. Nur ein minimaler Bruchteil dessen, was ich dabei gesehen habe, ist drin. Deshalb versuche ich mit Photoshop einiges an Wahrnehmung und Emotion zu akzentuieren, damit – da wären wir wieder beim Thema – ihr mich versteht. So in etwa.

      Danke für deinen schönen Kommentar. :)

  2. irgendwo habe ich mal gelesen, dass sich jedes element, jede art von chemischem baustein etc. im menschen wiederfinden lässt, vielleicht rührt daher die vielfalt? denn es ist ja nicht alles bei jedem gleich verteilt …
    ich finde gerade die vielfalt unter den menschen so spannend! wenn ich durcheinander gerate, begrüße ich dies mittlerweile, weil es mir zeigt, hier ist ein neuer gedanke, den ich erst einmal verdauen muss, es regt mich an weiterzudenken und das hält bekanntlich jung ;o)

    mein diesjähriger bilderzyklus hat den titel “blickwinkel” erhalten … damit habe ich mich selbst aufgefordert neue perspektiven einzunehmen, gerade bei meinen bilder und montagen ist es mir wichtig mich nicht immer nur selbst zu wiederholen, neues auszuprobieren, mich von einer anderen seite vielleicht schon bearbeiteten themen aufs neue zu nähern-

    und so sehe ich das auch mit der wissenschaft, jede für sich versucht zu ergründen, nur leider oft isoliert von den anderen, ich denke immer wieder, wenn wir all die vielseitigen perspektiven zusammentragen würden, wenn sich das eine fach vom anderen inspirieren lassen würde, dass wir dann ein wunderbar großes bild erhalten würden, statt diesem flickenteppich mit so vielen blinden stellen-

    für all das braucht es offenheit und neugierde auf die, das andere, statt die enge sicht durch die scheuklappen hindurch-
    mein zweites thema, was zu den blickwinkeln gehört ist “weite” – weit werden, statt in meiner kleinen, manchmal engen sichtweise zu verharren …

    aber ich gestehe, es gibt themen bei denen auch ich meine meinung habe, die ich dann u.U. vehement vertrete … und die heißen faschismus, rassismus und sexismus, sowie krieg und ausbeutung

    ansonsten: es lebe die vielfalt und dein wunderbarer satz: Bleiben wir bescheiden, erwarten wir nur das Mögliche.

    liebe grüße
    ulli

    • Das sind sehr schöne Appelle, die du hier geäußert hast, liebe Ulli. Offenheit, Vertrauen, all das ist wichtig, damit wir im Umgang mit Andersartigkeit besser klar kommen. Manchmal fällt es uns dann doch sehr schwer, nicht wahr? Die Erfahrung manifestiert sich in Angst; und dann tragen wir auch noch die Ängste unserer Vorfahren mit uns rum und in uns werden Vorurteile gegen andere Länder, die einst im Krieg mit uns waren, aufrechterhalten, ohne dass wir es merken. Ja, wir müssen einerseits offen sein, andererseits dennoch wachsam, weil die Erfahrung uns leider lehrt, dass es nicht alle gut mit uns meinen.

      Im Nachhinein empfinde ich meinen Beitrag natürlich als absolut großkotzig. Natürlich sind die meisten Perspektiven evtl. sogar als gleichwertig zu betrachten, aber es gibt eben auch destruktive Lebensweisen und Instruktionen; und ich bin absolut anti gegen alles, was gegen die Toleranz ist.

      Oft wird mir vorgeworfen, ich sei intolerant gegen Religionen. Das ist immer so lustig, denn eigentlich ist es die Religion, die zur Intoleranz aufruft. Dann zucke ich immer mit den Schultern und sage: “Lies einfach mal die Geschichte deiner Religion, und nein, komm’ mir nicht mit der Instrumentalsierung durch böse Menschen, sondern lies die Zeilen deiner heiligen Bücher 1:1 … und dann sag’ mir, ob irgendein Mensch, der in Frieden leben will, so etwas tolerieren sollte, nur weil es ‘Religion’ heißt.”

      Ups, wieder zu viel geschrieben, und etwas abgedriftet.

      Lieben Gruß und schlaf gut …

  3. Moin Sherry,
    schöner Text.
    Wie du auch scheibst is de Vielfalt doch gerade so wichtig für alles. Wenn jemand in einer Lebenslage nicht weiter weiß, weil sein Blick zu eng gehalten ist, da ist es doch sehr ratsam den Rat (Blickwinkel) des anderen zu erfahren. Und dies zeigt auch so wunderbar, wieso gerade das Miteinander so wichtig ist.
    Bereits im Buddhismus vor rund 2500Jahren hat man erkannt, dass die Gemeinschaft ein wahnsinnig wichtiger Punkt für das Heil ist. Das gegenseitige befruchten durch Ansichtne und Ideen spielte bereits dort eine große Rolle, daher ist die Vielfalt doch eine so tolle Sache, wenn man sie zulässt. Jeder von uns ist Einzigartig, das macht uns aber auch sogleich ein wenig einseitig, erst durch die anderen Seiten, der Anderen können wir ein ganzen Buch werden, welches diese Welt beschreibt.
    Liebe Grüße.
    Mr.W:

    • Das ist sehr weise, was im Buddhismus gelehrt wird. Generell denke ich auch, dass kollektivistische Gesellschaften [wenn sie es nicht so übertreiben wie manche asiatische Kulturen] die Glücklicheren und Erfüllteren sind. Vielleicht ist es wichtig, dass wir bis zu einem gewissen Maße eine Art Abhängigkeit voneinander empfinden, damit wir unsere besten Seiten zeigen können.

      Wir wachsen aber gerade in einer individualistischen Kultur auf. Die Konsequenzen davon sind weitreichend und haben einen eigenen Beitrag verdient. Danke, lieber Mr. W. für deinen wertvollen Input. *^^*

    • Moin Sherry,
      wenn wir nun mal vom Buddhismus ausgehen, den Siddhartha Gautam gestiftet hat, dann hat die Gemeinschaft eine wichtige Rolle, aber auch sogleich das Alleinesein und das sich mit sich selbst beschäftigen und entfalten und finden.
      Dein Blog zeigt doch so etwas ähnliches. Du teilst mit uns deine Gedanken und setzt damit kleine Samen in unsere Köpfe, die wir ein wenig bewirtschaften, so dass sie wachsen und dann kommen wir zurück und setzen das Pflänzen hier wieder aus und du hast davon auch etwas, nämlich unsere Meinungen, ob du sie nun willst oder nicht^^.

      Das mit der individualistischen Gesellschaft ist wohl sehr wahr, aber zugleich auch nicht so ganz. Wir wandel wohl als Einzelgänger umher und in der Schule und im Beruf müssen wir Einzelleistungen bringen, aber auch diese erbringen wird nur durch wechselseitige Interaktion. Allein wenn man ein Buch liest, lässt man sich von einem anderen Menschen, dem Autor, ein wenig inspirieren. Also so individualistische ist das Ganze doch irgendwie nicht.

      Bitte bitte, gerne doch. Den Input gibt’s umsonst mit der Meinung^^.
      Da bin ich gespannt, ob daraus dann eine Beitrag entsteht.
      Liebe Grüße.

    • Lieber Mr. Winterschein …

      Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass für mich der eigentliche Unterschied zwischen kollektivistischen und individualistischen Kulturen vor allem darin liegt, wie man sich a) verantwortlich zeigt für die anderen Mitglieder und b) wonach man sich definiert – ob das Identitätsgefühl eher darauf basiert, was man für sich tut und was man für sich erreicht hat oder darauf, was man für sich und die “Sippe” erreicht hat.

      Ansonsten ist es – ganz sicher – sogar sehr wichtig, sich manchmal zurückzuziehen, auch wenn das oft Luxus ist, wie es mir scheint. Für das Zurückziehen braucht man Zeit, Zeit hat man nur, wenn man nicht den ganzen Tag hart arbeiten muss. Kraft und Mut braucht man dazu auch. Ich glaube, es ist ganz gesund, nach dem ständigen kollektiven Zusammensein auch immer wieder eine kleine Phase der Ablösung zu haben.

      Ich finde es auch schön, wie wir uns gegenseitig befruchten. Ich muss dazu sagen, dass meine Texte damals etwas radikaler waren, so dass ich hier auch oft fiese Streitgespräche hatte. Haha.

  4. Hi Sherry!
    Ja, Vielfalt ist anstrengend. *seufz* Manchmal fühle ich mich sooooo erschlagen von ihr! Aber ich liebe sie auch, oh, ich liebe sie und sie ist so spannend. Ein schöner und interessanter Artikel ist das. Ich mag es, wie ich mich beim Lesen fühle.
    Weißt du was? Manchmal finde ich es so schade, dass ich es im Alltag immer und immer wieder nicht schaffe, unterschiedliche Sichtweisen bzw. die Möglichkeit des Bestehens anderer Sichtweisen inkl. dem entsprechenden Verständnis (im Sinne von Liebe, Offenheit, Akzeptanz) für diese mit einzubeziehen. Ich glaube, wenn ich es öfter täte / könnte, würde mich vieles nicht so verunsichern oder traurig machen. Schaffst du es besser als ich, im Alltag andere Sichtweisen bzw. die Möglichkeit ihres Bestehens zu berücksichtigen, um zu einem von vornherein gegebenen größeren Verständnis untereinander zu gelangen? Ich hoffe sehr. :-)
    Liebe Grüße!

    • Liebe Meike …

      Ich glaube, ich schaffe es in der “Hitze des Gefechtes” nicht so gut, andere Sichtweisen, wenn sie zu sehr von meiner abweichen, wirklich nachzuvollziehen. Es gibt welche, die toleriere ich auch ganz offen nicht und bin auch sehr stolz darauf, dass ich da nicht mehr so ängstlich bin und meine, ich müsse alles akzeptieren, auch wenn’s schädlich für uns ist. Aber letztendlich schätze ich mich schon so ein, dass ich einer ruhigen Minute oft schon die Argumentationskette anderer zurückverfolge und unter Berücksichtigung seiner Persönlichkeit und seiner Lebenserfahrung nachvollziehen kann. Aber im Grunde kann man das “Spiel” mit jedem treiben und kann irgendwann auch nachvollziehen, warum jemand zum Mörder wird. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er gerne einen Massenmörder “nachvollziehen” möchte.

      Lieben Gruß,
      Sherry :)

  5. Bevor ich euch allen noch richtig zurückschreibe: Ich empfand beim Schreiben des letzten Satzes natürlich eine Art “Störgefühl”, das sich sträubte, es so zu formulieren. Wir repräsentieren in der Summe natürlich nicht alles, was es gibt, damit am Ende das vollkommene Bild entsteht. Wir sind sogar vermutlich insgesamt nur ein kleiner Funken. Aber immer noch mehr als unsere eigene Perspektive alleine.

    Und ja: Ich respektiere nicht jede Perspektive, das geht gar nicht. Über diese andere Seite schreibe ich dann später! :)

  6. Vor allem wissen wir ja nicht, ob es nicht wichtig ist, bestimmte Ansichten zu bekämpfen. Sicher ist es wichtig, wir halten uns ja gegenseitig in Schach und halten auch nur so das Gleichgewicht. Ich kann mit der “Lass die Welt so sein wie sie ist [egal wie schrecklich sie ist]” einfach nichts anfangen. So. Muss jetzt los zur Fam. Es gibt lecker Essen und Videoabend.
    :D

  7. Meine Einwände hast Du nachträglich schon selbst benannt. Ansonsten hast Du mit Deiner Perspektive auf Perspektiven nicht ganz unrecht, und trotzdem bin ich nicht bereit, alle Ansichten zu tolerieren und wie ich Dich kenne, Du erst recht nicht.

    • Das bin ich auch nicht, liebe Dys. Das bin ich sowas von ganz und gar nicht. Ich schrieb vorhin auch im Kommentar, dass ich meinen Beitrag hier im nachhinein etwas sehr großkotzig finde.

  8. Die Wahrnehmung ist von so Vielem beeinflusst. Man staunt immer wieder, wenn neue Türen sich öffnen. Das ist aber auch eine Art Lohn für den, der sich um Durchsicht müht.

    • Da sagst du was, liebe Blinky. Das ist echt wahr. Im Grunde wären wir wohl mehr als entsetzt bis erstaunt, wenn wir nur für 5 Minuten im Kopf eines anderen wären.

  9. Liebe Sherry,
    die Realität ist die Summe aller möglichen Perspektiven, das kam mir beim Lesen deines Blogs in den Sinn.
    Liebe Grüße vom wilden Meer
    Klausbernd

    • Ja, das kann man so sehen, lieber Klausbernd. Wobei ich ja ein naiver Realist bin. Ich glaube, die physikalische Realität gibt’s ohne unsere Interpretation dieser. Aber die soziale Realität erschaffen wir selbst. [Obwohl diese nicht ganz unabhängig von ökologischen Faktoren ist]. Wieder so ein Thema, über das man ewig debattieren kann. :)

      Wünsch’ dir einen schönen Abend …

  10. Liebe Sherry, wieder einmal Danke für deine Gedanken und Denkanstöße. :rose:
    Ich bin immer erschrocken und fasziniert zugleich, wenn sich mir wieder einmal eine Tür zu einem neuen Verständnis meines Denkens und Fühlens öffnet und wenn ich dann merke, wie beeinflusst meine Wahrnehmung bis dahin von meiner persönlichen Vergangenheit war. Und das, obwohl mir ja eigentlich sehr bewusst ist, dass Wahrnehmung immer subjektiv ist. Dieses Ausmaß, wenn ich bei bestimmten Themen die Ursache in mir ausmachen kann, erschreckt mich trotzdem jedes Mal wieder.

    Liebe Grüße an dich!

    • Dieses Erschrecken kann ich durchaus nachvollziehen, liebe Katja. Okay, bei mir ist es weniger Erschrecken, sondern Erstaunen. Am Besten wurde uns das auch im Studium noch einmal bewusst gemacht, als wir von einer optischen Täuschung in die Nächste fielen, nur weil unsere Gehirne durch Erfahrung die Dinge im Kontext auf eine bestimmte Weise zu interpretieren gelernt hatten.

      Generell ist “soziale Wahrnehmung” ein sehr interessantes Thema, über das ich so gerne mehr schreiben würde, aber dazu fehlt mir gerade die “Lust” am Detail.

      Ich grüße dich lieb zurück!

    • Das ist ein wahnsinnig guter Vergleich mit den optischen Täuschungen! Ich kenne jemanden, der meistens den Standpunkt vertritt, seine Wahrnehmung sei objektiver oder wahrer oder richtiger als die anderer und es ist ja wahnsinnig müßig, sich auf dieser Ebene auf Diskussionen einzulassen. Vielleicht wird mir das Bild an der Stelle mal weiterhelfen. Danke dafür. :)

  11. Ein feines Plädoyer für die Vielfalt!!
    Die Menschen, Dinge und Geschehnisse aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu sehen, halte ich für einen erstrebenswerten und bereichernden Zustand. Absolut. Dass dann aber eigene Werte im Wege stehen mögen, ist eine selbstverständliche Grenze, die ich als ebenso notwendig und selbstverständlich erachte. Sonst würde aus der Vielfalt ein Einerlei, glaube ich.
    Danke Dir,
    herzlich, mb

    • Das stimmt, liebe MB. Ich hatte bereits im Kommentar geschrieben, dass ich im Nachhinein diesen Beitrag für großkotzig halte, weil ich dieser Sache selber nicht ganz nachkommen kann. Ich kann für den Augenblick sehr gut das Handeln anderer “nachvollziehen” oder verstehen, warum sie so denken wie sie denken, aber tolerieren werde ich niemals alles, und das möchte ich auch unbedingt an mir behalten, dass ich nicht bereit bin, alles zu tolerieren. [Das ist für mich wie Augen verschließen].

      Unser Professor hat uns einmal in der Vorlesung zur Wissenschaftstheorie erzählt, dass wenn man Menschen vor die hypothetische Entscheidung stellt, einen fahrenden Zug in einen anderen Gleis zu lenken, wo nur 1 Bauarbeiter arbeitet, während im anderen 4 arbeiten, würden sie das nicht tun, obwohl sie ja im Grunde damit einen geringeren Verlust von Leben hätten. Aber das “Nichtstun”, das Passive, also nicht umlenken, empfänden sie nicht als Entscheidung, das Gefühl der Schuldigkeit danach wäre – ihrer Ansicht nach – wohl geringer ausgeprägt, als wenn sie sich entschieden hätten [für den geringeren Schaden]. Und ich glaube, das ist einer der Probleme unserer Zeit, liebe MB, dass wir denken, die Passivität schütze uns tatsächlich vor Verantwortlichkeit, und Passivität bedeutet für mich auch, Toleranz üben in Dingen, die eine Ideologie gegen die Toleranz darstellen.

      Ich bin weit abgenommen vom Thema, aber ich habe mir gedacht, egal, ich schreibe, was da fließt – egal, wie weit weg die Assoziationen sind.

  12. Ja, genau so meinte ich es!
    Ein gutes Beispiel dafür hast Du hier gerade beschrieben.

    Und natürlich ist Dein Text oder das Nachdenken über unterschiedliche Perspektiven keineswegs großkotzig. Das Gegenteil nehme ich wahr:

    “Ich kann für den Augenblick sehr gut das Handeln anderer “nachvollziehen” oder verstehen, warum sie so denken wie sie denken, aber tolerieren werde ich niemals alles, und das möchte ich auch unbedingt an mir behalten, dass ich nicht bereit bin, alles zu tolerieren.”
    Genau das war mein Gedanke.
    Liebe Grüße, mb

  13. Der Vergleich, den du über die Perserin und die Afghanin anstellst, könnte sich auch so in unserer Kultur abspielen – so weit sind wir manchmal auseinder mit dem was wir meinen, obwohl wir das gleiche sagen – je nach Hypothese. Genau wie du sagst.
    Wir sagen etwas, von dem wir annehmen, der andere bewertet es so wie wir. Tut er aber nicht, sondern erklärt uns den Krieg.
    Ich musste jetzt fast lachen, als ich deinen Artikel gelesen habe – passt gerade so gut.

    • Das ist einer der Gründe, warum ich manchmal doch ein wenig dankbar dafür bin, dass ich nicht so selbstsicher bin. Wenn ich etwas negativ verstehe, dann frage ich sehr oft zur Sicherheit nach, wie die Person das meinte, bevor ich Rundumschläge verteile. Andererseits ist es auch oft genug vorgekommen, dass für mich eine Sache sehr eindeutig war und ich nicht nachgefragt habe. :D

  14. Viefalt ist wichtig, ohne sie gäbe es keinen Fortschritt, keine neuen Erkenntnisse durch neue Sichtweisen. Würden wir alle das Gleiche denken und fühlen sowie die gleichen Beobachtungen anstellen, kämen wir niemals dazu etwas bestehendes in Frage zu stellen. Dann würden wir immer noch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. Anstrengend an neuen Gedanken ist wohl sie und die bisherigen zu überprüfen oder gar die des potenziellen Revolutionärs überhaupt richtig und vollständig nachvollziehen zu können. Etwas aufzubauen kostet immer Energie, da man sich letzendlich auch selbst in Frage stellt. Das erfordert Mut, aber lohnt sich oft.

    Ich muss bei diesem Thema auch stark an den Begriff der “individuellen genetischen Variation” aus dem Bereich der Evolutionsbiologie denken. Gäbe es sie nicht wäre eine natürliche Auslese [Selektion] und somit auch die Evolution insgesamt gar nicht möglich.

    Viele liebe Grüße,
    Moon

    • Du hast es eigentlich gut auf den Punkt gebracht, lieber Longingforthemoon. Ohne Vielfalt würden wir vermutlich stagnieren. Jemand sagte einmal so etwas Ähnliches wie: “Sich einig zu sein bedeutet, sich darauf zu einigen, dass man nicht mehr weiter zu denken braucht.” – Man muss es nicht so krass sehen, aber ein klitzekleinewenig ist da etwas dran.

      Lieben Gruß!

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