Komplementarität

Der Grund, warum ich bei dem, was ich tue, das erste Mal in meinem Leben das Gefühl angekommen zu sein genießen darf ist der, dass ich in der wissenschaftlichen Psychologie eine Gratwanderung leisten muss, die meinem stark komplementären Interessenscharakter in einer Weise entspricht, die mir die Erfüllung geben kann, die mir damals mit all meinen problematisch vielseitigen Interessen und Abzweigungsneigungen versagt worden war. Damals bin ich von Ast zu Ast gesprungen [Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Kunst] und empfand bereits im ersten Semester meines vorangegangenen Studiums eine innere Leere und einen Überdruss, der mich aggressiv machte. Ich litt unter dem Gefühl, dass ich einige Aspekte meiner Selbst abkapseln musste, um weiterzukommen. Doch heute habe ich all die Äste beieinander – und man erlaubt mir nicht nur, sie trotz ihrer Komplementarität zu besitzen, sondern macht sie sogar zur notwendigen Bedingung für die Arbeit an einem wichtigen, großartigen Puzzle bei dem das Fehlen der verschiedenen Äste das Endbild verzerren würde.

Psychologie muss in gewisser Weise Natur- und Geisteswissenschaft sein, wenn sie Menschen in ihrer Doppelnatur begreifen will. Der Mensch ist eine komplementäre Verbindung zweier Komponenten, die auf dem ersten Blick nicht ganz zueinander zu passen scheinen: Er ist durch und durch ein der Natur untergebenes Wesen, ein Produkt biologischer, physiologischer Prozesse, eine Rasse, die genauso sehr dem Selektionsdruck der Evolution unterlegen war [und heute noch ist] wie alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten auch. Andererseits produziert er jedoch Geistiges und Kultur. Er ist ein Wesen, das Kunst, Literatur, Religion und Musik erschafft und sich seiner Biografie bewusst ist. Es wäre unsinnig, diese Aspekte durch rein naturwissenschaftliche Messverfahren analysieren und begreifen zu wollen. Deshalb muss Psychologie zumindest teilweise beides sein; und deshalb gibt mir diese Disziplin fast alles, was ich brauche, um sogar für mein Ast-zu-Ast-Springen nicht nur nicht getadelt, sondern im besonderen Maße gelobt zu werden, weil es ein Vorteil ist, das zu können.

Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, nicht nach einer Wissenschaftsphilosophie Vorlesung direkt in die Physiologische Psychologie Vorlesung zu gehen. Oder von der Klinischen Psychologie in die Multivariaten Verfahren der statistischen Analyse. Oder von dort aus in meine Roger’sche Gesprächspsychotherapie Ausbildung über humanistische Ideen zu debattieren, um dann in der nächsten Vorlesung über Hirnläsionen und ihre Konsequenzen für die kognitive Funktionsfähigkeit zu referieren. Der Weg vom Labor zum Behandlungszimmer ist nur ein Katzensprung, obwohl die eine Arbeit absolute Isolation von Störfaktoren benötigt [Labor] und die andere Arbeit mit Patienten eine Integration aller Störfaktoren braucht, um überhaupt die Lebensgeschichte als Indikator für die Symptomentwicklung zu verstehen. Während ich im Labor deduktiv arbeiten muss, arbeite ich in der Klinik induktiv – und trotzdem muss ich immer beide Kategorien miteinander verbinden können, Theorie und Praxis. Und die Widersprüche werden von uns nicht mehr als bedrohlich wahrgenommen, sondern bringen uns zum Lächeln. Vielleicht sind wir sogar stolz, dass wir ein so komplexes Wesen verstehen müssen, vielleicht schützt uns das davor, nicht als komplette Idioten dazustehen oder die Motivation zu verlieren, wenn wir scheitern.

Wenn ein Physiker oder Ingenieure ein wenig lächeln müssen, wenn wir bei r = 0.65 von hohen Korrelationen sprechen, dann lachen wir selbst über uns und sagen dann entschuldigend, dass wir es durch die Komplexität unseres Forschungsgegenstandes etwas schwerer haben als sie, exakte Formeln für Erleben und Verhalten aufzustellen. Gerne mache ich dann spaßig darauf aufmerksam, dass es Biologen nicht einmal mit den Geißeltierchen und ihren einfachen 321 Neuronen geschafft haben, vorauszusagen, welcher Lichtquelle die sich gleich zuwenden werden. Das alles kann mir die Motivation nicht nehmen; im Gegenteil, es schützt mich vor meinem eigenen Größenwahnsinn und hilft mir, mir dessen gewahr zu werden, dass wir uns niemals ganz entschlüsseln werden. Ich betone nochmal: Wir uns …! Denn das ist noch ein Aspekt, der dieses Fach so besonders macht: Wir machen uns selbst zum Forschungsgegenstand. Doch ja, ich bin ganz und gar richtig dort, wo ich gerade bin.

About these ads

36 Gedanken zu “Komplementarität

  1. So vielfältig, so interessant! Ich würde das nicht schaffen, freue mich aber, wenn ich künstlerische Ausdrucksformen halbwegs erfassen und gänzlich schätzen kann. Das hat ja schon Picasso gesagt, dass das Verstehen künstlerischer Arbeit ein Mittel sein kann, das Komplizierte im Menschen zu verstehen. Du bist auf dem richtigen Weg- gratuliere!

    • Danke, liebe Blinky. Je mehr wiss. Perspektiven, desto besser für das Verständnis eines Phänomens, gerade, wenn es so komplex ist wie der Mensch. Aber Kunst als individuelles Werk wirklich verstehen, geht das überhaupt? Zumindest nicht mit objektiven Maßstäben, oder? Das hatte Freud ja schon versucht, dass er bestimmten Gegenständen eine äquivalente Bedeutung gab; aber bedeutet ein Baum für jeden anderen auch Phallus? Ist zu bezweifeln!

  2. es ist immer gut zu sehen wie dich dein weg erfüllt! das gefällt mir. ich denke auch dass sich die psychologie da eine sehr schwere aufgabe gesucht hat aber bis jetzt ist sie ja dran gewachsen, hat sich bis jetzt ganz gut von anderen getrennt und ist zu einem eigenen grossen feld gewachsen……..

    gruss

    • Danke, lieber Darks. Ich würde dir nur dahingenend widersprechen, dass Psychologie sich nicht wirklich getrennt hat, sondern sogar sehr interdisziplinär arbeitet. Theoriebildung und Hypothesenableitung sind sehr schön abstrakt und präzise, aber Erklärungsmodelle oft eine Symbiose vieler Disziplinen. Das hat dazu geführt, dass z.B. die Neurowissenschaften aufgrund ihrer Theoriearmut nicht so stark vorangekommen ist, aber durch psychologische Theoriebildung jetzt endlich eine sinnvolle Datenauswertung gewährleisten kann. Als Gewinn für die Psychologie durch Neurowissenschaften sehe ich vor allem die Bereiche der klinischen Forschung und die Kognitionsforschung. Zusammenarbeit hilft meistens, deshalb schrieb ich auch diesen Artikel mit den verschiedenen Perspektiven. :)

    • Ja, ich bin alle Zeiten mal wieder extrem fasziniert, immer dann, wenn ich ein wenig aus der Vertiefung rausgehe und mir dieses tolle “Werk der Wissenschaft” von Außen betrachte. Hihi … Danke.

  3. Liebe Sherry,
    deine letzten Beiträge lesen sich herzerfrischend! :-) Deine Vielseitigkeit kriegt man ja auch im Blog zu spüren. Es hätte also garnicht anders kommen können mit deinem Studium.

    Herzlichst
    Marcus

    • Danke, lieber Marcus. Diese Vielseitigkeit, wie du sie nennst, hat mir wirklich das Leben früher erschwert. Aber heute bin ich froh, dass ich sie habe. :)

  4. ich freue mich mit dir, liebe sherry. ich finde es klasse, dass du irgendwann als psychologin arbeiten wirst. bei dir habe ich das gefühl, dass du nicht nur freude daran hast, sondern trotz der vielen theorien und ansätze einen überblick hast und nie den menschen aus dem blick verlierst. das ist selten und das ist schön.
    alles liebe weiterhin und viel spaß beim lernen,
    apfelesserin

    • Ach danke, liebe Apfelesserin. Die Frage bleibt eben wie gehabt: Forscherin oder Klinikerin? *seufz* Ich liebe beides, hab’ mein Masterstudium auch so gut es ging nach beiden Seiten ausgerichtet. Ich hoffe, du behältst Recht, und egal, was ich tue, ich hoffe, ich werde gut darin sein. Danke. ❤

    • also wenn du mich fragst bzw. fragen würdest, liebe sherry, würde ich antworten: gehe zuerst in den klinischen bereich, denn menschen wie dich braucht es dort. und dann, irgendwann, gehe in die forschung.
      wenn ich deine reflektierten beiträge hier lese, dann denke ich, dass es unverbrauchte, frische menschen wie dich im klinischen bereich braucht. nach deinen zahlreichen erfahrungen, die du auf dem weg sammeln wirst, wirst du mit vielen, praxisnahen erfahrungen in die forschung gehen.
      das würde ich antworten, wenn du mich fragen würdest.
      aber natürlich ist es einzig deine entscheidung, wohin es dich zieht und wo du beginnst. du wirst die richtige entscheidung treffen.

      alles liebe, apfelesserin

    • Danke, liebe Apfelesserin, für deinen Eindruck. Ich fühle mich immer geehrt, wenn andere sagen, ich müsse in den klinischen Bereich. Andere wiederum finden, ich sei zu sensibel dafür, also die Abgrenzung wäre eben mein aller größtes Problem. Ich habe manchmal Phasen, da will ich auf keinen Fall in die Klinische, weil ich dann die Schnauze voll habe von all dem Leid. Diese Phasen werden immer weniger und hängen auch eigentlich viel mehr mit meiner eigenen Stimmung und Befindlichkeit zusammen.

      Ich hab’ ja noch etwas Zeit. Ich überlege in Ruhe. Die klinische Ausbildung kostet übrigens 15.000 – 20.000 Euro und dauert noch einmal drei Jahre lang. Wenn ich in die Forschung wollte, wäre ich bald schon fertig und bräuchte nur ein Master im Einserschnitt, dann könnte ich sofort anfangen. Wenn ich in die Wirtschafts- und Arbeitspsychologie wollte, könnte ich auch direkt anfangen und würde mit der Zeit sogar ziemlich viel verdienen. Es gibt da natürlich noch Marktforschung und Gesundheitsprävention in Firmen und und und … Mit der Psychologie kann man echt alles machen. Das macht die Sache so toll, aber auch so verdammt schwierig. :)

      Unsere Profs sagen immer: “Ich kenne keinen arbeitslosen Psychologen.” Das beruhigt erst einmal.

      Alles Liebe zurück …!

  5. Wie schön sind diese Augenblicke, wo wir spüren, dass wir die “richtigen Fäden” in der Hand halten! :-)
    Wo wir fühlen, dass die Mühe nicht umsonst war; dass wir am richtigen Platz stehen – und dass wir “ganz richtig” sind, so wie wir sind.

    • Meine liebe Mika … Recht hast du, es ist ein wunderbares Gefühl. Dieses Gefühl hatte ich selten in der Prüfungsphase, da war ich meistens regelrecht “angepisst”. Aber ich habe ja so eine unheimliche [weil seltsame] Ruhe inzwischen entwickelt und fühle mich gar nicht so richtig gestresst mehr. [Wenn ich das mal so eben mit "vor Vitaminkur" vergleiche, ist das echt ein krasser Unterschied!].

      Natürlich werde ich immer wieder mal meine Position neu finden müssen. Immer Zuhause sein und richtig liegen ist ja auch langweilig. Nicht wahr? Ich drück’ dich.

  6. liebe Sherry,
    erst gestern dachte ich noch, dass ich am liebsten Psychologie studieren würde und dies mit Philosophie verknüpfen würde wollen- auch jetzt noch …
    ich freue mich sehr mit dir, dass du angekommen bist- manchmal weiß ich nicht, ob ich es je werde …
    herzlich grüßt dich Ulli

    • Diese Verknüpfung macht wirklich Sinn, liebe Frau Blau. Psychologie ist ein Kind der Philosophie, auch wenn sie sich inzwischen total emanzipiert hat. Trotzdem wird genau diese Fächerkombination dich vermutlich erfüllen. Und du weißt ja, was ich über ein Studium für dich denke, nicht wahr? … Du musst dich ja nicht einmal immatrikulieren, geh’ doch einfach erst einmal in die Vorlesungen rein, wenn du wirklich Lust hast! :)

      Übrigens, sehe ich dich ständig, wie du ankommst und wie du abrückst. Das ist bei mir auch nicht anders. Gerade jetzt, Ulli, wo ich soviel kraftvolle Bewegung in dir sehe. Du wirkst im Moment auf mich wie jemand, der sich entschieden hat, es nochmal wissen zu wollen, erst einmal Bequemlichkeiten im Kopf beiseite zu legen und die Dinge in ihrer Tiefe zu durchbrechen. Das gefällt mir so sehr. Und hiernach kommt dann wieder eine Phase der Ruhe. [Und vielleicht des Ankommens ..., damit wieder alles von Neuem beginnen kann.]

    • dein Blick auf mich, liebe Sherry, ehrt mich …

      ich werde wirklich mal in Freiburg schnuppern gehen, du machst mir Mut- DANKE

  7. Liebe Sherry,
    Gratulation! Wie differenziert du die wissenschaftliche Psychologie dargestellt hast. Als ich Psychologie studierte, gab es das große Missverständnis, dass viele Studentinnen und Studenten glaubten, mit diesem Studium besser im Leben bestehen zu können. Sie konnten es nicht fassen, wie mathematisch die Psychologie als Wissenschaft ausgerichtet ist. Wahrscheinlich ist noch heute die Psychologie das Studium, das viele mit einer Motivation studieren, die am Fach vorbeigeht. Man muss hier eine klare Trennung zwischen wissenschaftlicher Psychologie und Psychotherapie machen. Nur in der Psychotherapie tritt das Dilemma auf, dass beobachtendes Subjekt und Objekt in eins fallen (was Freud deutlich demonstrierte). In der wissenschaftlichen Psychologie ist das erkennende Subjekt nie das zu erkennende Objekt, und das macht die naturwissenschaftliche Seite der Psychologie aus. Allerdings studierte ich an der RUB Bochum Psychologie, wo die therapeutische Seite der Psychologie gar nicht vorkam, an anderen Unis mag das anders sein.
    Du sprichst ja das komplexe Problem der Operationalisierung an. Kann man die Leistungen des Menschen sinnvoll operationalisieren, um eine Messgrundlage zu haben. Allerdings meine ich, dass die Betrachtung des Menschen als Produzent von kreativen Ideen nicht in die Psychologie gehört, da es da um den einzelnen geht. Das kann die Geisteswissenschaft mit ihrem hermeneutischen Verfahren weitaus besser erklären. Nach meinem Verständnis sagt die wiss. Psychologie nichts über den einzelnen aus, sondern vielmehr über Tendenzen in größeren Gruppen, die mathematisch zu beschreiben sind. Es ist überhaupt eine Frage, wie sich solch eine junge Wissenschaft wie die Psychologie innerhalb des Wissenschaftsgebäudes positioniert. Was sind ihre ureigenen Erkenntnismethoden und was ist ihr Erkenntnisobjekt? Wie die Medizin z.B., bei der ja immer wieder in Frage gestellt wird, ob sie eine Wissenschaft ist, hat auch die Psychologie im Grunde keine eigene Erkenntnismethode und auch einen nur schwer zu definierenden Erkenntnisgegenstand. Diese eigenartige Stellung in der Wissenschaft macht augenscheinlich für dich die Psychologie interessant. Wissenschafts- und somit erkenntnistheoretisch ist hier noch einiges zu leisten. Da hast du dir eine spannende Aufgabe vorgenommen. Viel Erfolg!
    Liebe Grüße vom gerade stürmischen Meer
    Klausbernd

    • Lieber Klausbernd,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und deine Fragen. Wie lange ist es her, dass du Psychologie studiert hast? Das interessiert mich!

      Es ist tatsächlich so, dass die meisten noch immer eine falsche Vorstellung vom Fach Psychologie haben. Die stark naturwissenschaftliche Ausrichtung in bestimmten Teilfragen der Psychologie wurde da nicht wirklich berücksichtigt von vielen. Leider prägt Freud und das “Sesselsitzen” die Psychologie noch so stark, dass man aus dem Bild noch einige Weile nicht rauskommen wird. Erschwerend kommt noch hinzu, dass jeder meint, psychologisches Wissen zu haben, weil er mit Menschen zu tun hat. Begrenzt stimmt das sogar, zumindest was die naive Alltagspsychologie angeht. Einige neigen leider auch dazu, Esoterik und Psychologie in ihrem Sprachgebrauch so dermaßen zu zwangszuverheiraten, dass auch hier die Psychologie immer und immer wieder um ihre Wissenschaftlichkeit kämpfen muss.

      Mich persönlich stört das nicht besonders, weil gerade die Psychologie und die Neurowissenschaften gerade als gemeinsames Team auftreten und so ziemlich große und bahnbrechende Erfolge und Erkenntnisse zu verzeichnen haben. Für mich ist Erkenntnisgewinnung erst einmal wichtiger als das, was andere über das Fach denken. Und was das angeht, bin ich sehr zufrieden mit dem Fach, zumal Erkenntnisgewinnung über die Natur und Verhaltenstendenz des Menschen tatsächlich das eigene Leben verbessern können. So ist das ja nicht.

      Es stimmt nicht so ganz, dass nur in der Psychotherapie das Dilemma auftritt, dass beobachtendes Subjekt und Objekt in eins fallen. Das geschieht auch durchaus in der Forschung. Z.B. immer dann, wenn man als Versuchsleiter mit den Probanden in irgendeiner Weise interagieren muss. Aber eigentlich geschieht es schon weitaus vorher, nämlich dann, wenn man unter seinen bestimmten, eigenen Rahmenbedingungen der Wahrnehmungstendenz, kulturelle Prägung und lebensbiografische Besonderheiten aus einer Theorie eine Hypothese ableitet, dessen besondere Salienz eben sehr mit dem Forscher selbst zusammenhängt. Der Moment, in dem wir Menschen beim Tun dann beobachten, verändert ihr Verhalten, da wir Versuchsleiter selbst Störvariablen in das Experiment reinbringen, nennen wir’s lebensbiografische oder psychologische Viren, die die Versuchsprobanden implizit verändern oder infizieren können. Ständig müssen genau solche Störfaktoren berücksichtig werden und so gut es geht entweder eliminiert oder wenigstens konstant gehalten werden, um sie besser statistisch auspartialisieren zu können aus den Ergebnissen.

      Wir haben im Studium sehr viel Klinische Psychologie inzwischen. Irgendwie muss der Raum zwischen Bachelor und Master ja gefüllt werden, während wir im 3 jährigen Bachelor eigentlich schon längst den Lernstoff des Diplomers erfüllt haben. Trotzdem müssen auch die neuen Masterabsolventen natürlich in die Psychotherapieausbildung, wenn sie Kliniker werden wollen – und das dürfen sie nicht nach dem Bachelor, sondern erst nach dem Master. Natürlich wird nicht nur die Psychotherapie von der Grundlagenforschung getrennt. Sondern auch alle anderen anwendungsorientierten Teildisziplinen der Psychologie – auch untereinander.

      Ich glaube sehr wohl, dass der Mensch als kreativer Erschaffer in die Psychologie gehört, und zwar vor allem auf einer Metaebene, die fragt, warum der Mensch überhaupt produktiv sein muss, um glücklich zu sein. Gerade in der Psychologie gibt es da doch wunderbare Ansätze, die sich herunterbrechen lassen auf die Arbeits- und Organisationspsychologie, einem Anwendungsbereich, der gerade sehr viele Erfolge zu verzeichnen hat. Wir müssen aufhören, den Menschen und seine Kunst als unglaublich großes und göttliches Mysterium hinzustellen, das von “kühlen Wissenschaften”, zu denen Psychologie für manch einen inzwischen auch gehört, abzuspalten. Kunst ist nichts aus dem System des Menschen Abgesondertes, sondern erfüllt für das Individuum und auch schon längst für die Gesellschaft eine [psychologische und gesellschaftliche] Funktion, die eigentlich sehr gut zu “erfragen” ist.

      Die Psychologie – besser gesagt die Grundlagenforschung – sagt tatsächlich mehr über eine gemittelte Gesamttendenz menschlichen Erlebens und Verhaltens aus, und das ist auch gut so, denn mit Einzelfällen können wir keine “Allsätze” schaffen, die in irgendeiner Weise Verhalten voraussagen und somit auch die Intervention zur Veränderung der Bedingung für Verhalten ableiten lassen. Wäre es so, dass wir uns nur um Einzelfälle kümmerten, würde die Psychologie als Wissenschaft, die intervenieren will – zumindest im anwendungsbezogenen und klinischen Bereich – überhaupt nichts bringen.

      Ich muss dir, was die hermeneutischen Verfahren angeht, eigentlich widersprechen. Nicht dahingehend, dass sie für sich ihre Berechtigung haben, sondern dahingehend, dass du scheinbar davon auszugehen scheinst, dass sie in der Psychologie keine Anwendung finden. Natürlich tun sie das, vor allem in der Biografischen Analyse, in der Differenziellen Psychologie, in qualitativen Datenerhebungen. Wenn man die Wirtklichkeitsrepräsentation von Menschen in irgendeiner Weise verstehen möchte, muss man seine individuelle Geschichte natürlich rekonstruieren, seine Rahmenbedingungen, seine Motivationen und Zielsetzungen verstehen lernen. Aus diesem Grund muss Psychologie oft sogar noch innerhalb eines Forschungsprogramms hermeneutisch-narrative Verfahren einsetzen.

      Ich bezweifle sehr stark, dass rein hermeneutische Verfahren einen Gegenstand besser erklären können, als wenn man sich einem Forschungsgegenstand durch mehrere Methoden nähert. Die wissenschaftliche Wirklichkeit hat eigentlich in regelmäßigen Abständen genau Gegenteiliges gezeigt. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass sich auch die Geisteswissenschaften aus ihren alteingesessenen Methoden so langsam aber sicher erheben sollte. Andererseits muss sie das vielleicht auch nicht, weil sie nicht unter dem selben “Ergebnisdruck” steht wie empirische- oder Naturwissenschaften.

      Deinen letzten Punkt kann ich eigentlich nicht nachvollziehen, bzw. verstehe ihn vermutlich falsch. Was bedeutet es genau eine “eigene Erkenntnismethode”? Ist Psychologie eine außerirdische oder von der Wissenschaftshistorie abgetrennte Wissenschaft, dass sie sich nicht den normalen, gängigen erkenntnistheoretischen Methoden bedienen darf? Die Psychologie ist doch gerade jene wunderbare Disziplin, die sich durch große Wehen von der Philosophie emanzipiert hat, weil die Philosophie einfach nicht mehr weiter kam in ihren Erklärungsversuchen und sich zu sehr dem Idealismus und dem Geiste verschrieben hat. Sie hat sich getraut, sich neu zu orientierten. Sich von den Naturwissenschaften so lange belächeln lassen, bis sie anerkannt wurde; sie hat sich gegen religiöse Dogmen durchgesetzt, weil die Seele nicht erforscht werden sollte und dennoch nicht aufgegeben. Sich die Astrophysik und Newton in seinem mechanistischen/deterministischen Bild wie jede andere Naturwissenschaft eingehakt und versucht, menschliches Verhalten formalisierbar zu machen. Die Psychologie hat in kürzerster Zeit soviele Paradigmen-Revolutionen durchgemacht wie Geisteswissenschaften es nur in sehr großen Abständen leisten konnten. Erkenntnistheoretisch ist sie genauso ein Kind von “Denkern, Mathematikern, Wissenschaftlern” wie alle anderen Wissenschaftsdisziplinen auch: Kant, Descartés, Positivismus, Wundt, Fechner, Helmholtz – und vor allem Popper mit seiner Forderung nach deduktivem Forschen und dem Arbeiten nach dem Falsifikationsprinzip. [Das heißt, die Psychologie macht es sich sogar noch ein wenig schwerer, weil es unglaublich viel Motivation kostet, hart an einer Theorie und ihrer empirischen Entsprechung zu arbeiten, um sich selbst der Widerlegung auszusetzen.]

      Wieso also kann sich die Psychologie nicht positionieren? Ihre Position ist ihre Interdisziplinarität und ihre Fähigkeit, sich in fast allen Bereichen, in denen Menschen operieren, effektiv und sinnerfüllend einzukeilen. Die Psychologie ist ein anpassungsfähiges Chamäleon, flexibel, theoriestark, empirisch arbeitend und dennoch weiterhin demütig in dem Wissen, dass Erkenntnis und Wahrnehmung konstruktiv sind. [Gut belegt durch Psychologie selbst!] Ich finde das mehr als toll! Der Unterschied zwischen Psychologie und Medizin ist, dass Medizin sehr theorieschwach ist. Es gibt in der medizinischen Forschung nicht wirklich ein reges Theoriewissen und -konstruieren. Dadurch hat man eine Art Datemsammlung ohne echte Richtung. Je nach Theorie kann man die Daten so oder so interpretieren, aber der Medizin fehlt im Moment noch wirklich die Theorie und deshalb kann sie nicht deduktiv arbeiten [oder nur sehr begrenzt.] Das Problem hat die Psychologie nicht, im Gegenteil, sie arbeitet meistens theoretisch so präzise wie es der Forschungsgegenstand zulässt – und so wenig reduktionistisch wie möglich.

      Liebe Grüße aus der karnevalslastigen Stadt! :)
      Sherry

    • Liebe Sherry,
      habe herzlichen Dank für deine ausführliche Entgegnung. Ich habe an der Ruhr Uni Bochum, an der schwedischsprachigen Abo Akademi in Finnland und der McGill University/Montreal Psychologie als Zweitstudium studiert – oh dear, wie peinlich, ich geb`s zu – vor über 30 Jahren machte ich mein degree. Mich hat hauptsächlich die mathematische Seite der Psychologie interessiert und die Wahrnehmungsforschung. Da ich als Postgraduate und Forschungsstipendiat Psycho studierte, konnte ich schnell in die Forschung einsteigen. Natürlich hast du recht, bei jeden Experiment (auch in der Physik) spielt der Versuchsaufbau und die spezifische Fragestellung eine Rolle, was ja schon Heisenberg betonte. Allerdings im sehr viel geringerem Maße als in der Therapie. In den Instituten, an denen ich studierte, war quasi die hermeneutisch ausgerichtete Psychologie eine Abteilung des Fachbereichs Philosophie (teilweise auch der Medizin). Das ich zuvor u.a. Philosophie studiert hatte, habe ich mit dieser Abteilung nichts zu tun gehabt. Und hier kommen wir zur Erkenntnismethode: Die Psychologie leiht sich – zumindest bislang – ihre Erkenntnismethoden von der Mathematik, Physik und Biologie auf der einen Seite aus und auf der anderen Seite von der Philosophie und Philologie. Das meine ich damit, dass die Psychologie keine eigene Erkenntnismethoden ausgebildet hat wie z.B. Chemie, Mathemathik, Biologie, Philosophie und Philologie. Das spricht nicht gegen die Psychologie, zeigt aber eine Schwierigkeit, nämlich Erkenntnismethoden unterschiedlicher theoretrischer Grundlagen zu vereinbaren. Ich habe zum Beispiel u.a. darüber geforscht, was wird als Kunst wahrgenommen (bei einem Gestaltpsychologen). Dort gingen wir wie die klass. Gestaltpsychologen Koffka und Köhler vom physikalen Feldbegriff aus, auf der anderen Seite benutzten wir Methoden der Kunstgeschichte und der Philosophie – eigentlich zwei unvereinbare Felder erkenntnistheoretisch gesehen. Meine Abschlussarbeit – ich geb`s zu, weil`s am schnellsten ging – habe ich in der Tierpsychologie, in der experimentellen Gehirnforschung geschrieben, da arbeitete ich mit Methoden der Biologie. Um es klar zu machen, ich stelle es jetzt überspitzt dar, die Psychologie ist eine ekklektizistische Wissenschaft. Man könnte es auch positiv ausdrücken, sie versucht unterschiedliche Erkenntnismethoden zu verbinden. Das ist es, was mir scheint, was dich an diesem Studium so interessiert.
      Ich finde z.B., dass meine Forschungen über die Wahrnehmung von Kunst im Grunde besser in die Philosophie oder Kunstgeschichte gepasst hätten. Insofern meine ich, dass der kreative Mensch als Forschungsobjekt eigentlich von den Erkenntnismethoden her besser von einer Geisteswissenschaft untersucht werden kann. Dieses Pendeln zwischen Geistes- und Naturwissenshaft birgt doch die Gefahr, weder im einen, noch im anderen auf der Höhe der Forschung zu sein.
      Ich danke dir nochmals, dass du dir trotz Karneval so viel Mühe gemacht hast, auf meinen Kommentar einzugehen. So verabschiede ich mich als Kölner mit Alaaf :-)
      Liebe Grüße aus Norfolk
      Klausbernd

    • Lieber Klausbernd,

      vielen lieben Dank für deine Antwort und den kleinen Einblick in deine akademische Karriere. :) Ich habe trotzdem immer noch nicht ganz verstanden, worauf du hinaus willst. Die Erkenntnismethoden von wissenschaftlichen Disziplinen waren gemeinsam abhängig von bestimmten philosophischen Ströumgen – wenn nicht abhängig, dann doch beeinflusst. Es gibt keine spezielle Art der Physik, zu experimentieren und keine für die Chemie. Die Grundfeste eines Experimententes oder der Erkenntnis waren in allen [naturwissenschaftlichen] Disziplinen mit einigen Verschiebungen sehr ähnlich. Wie viele Arten der Erkenntnis gibt es denn, wenn wir die Wahrnehmungstendenz und Auswertungsneigung vom Menschen berücksichtigen? Wie viele Arten der Manipulation am Forschungsobjekt könnte es denn noch geben als das Experiment? Das Experiment ist doch keine eigene Erkenntnisart der Physik und der Chemie! Die Unterschiede in den Naturwissenschaften werden doch vom Forschungsgegenstand bestimmt im Sinne von “Inwiefern erlaubt uns der Forschungsgegenstand an ihm spezifische Manipulationen so durchzuführen, dass wir dadurch etwas darüber erfahren?” Auch die momentan “populäre” Sicht auf die Welt hat eine Rolle gespielt, aber egal, ob man ein dichotomes, materialistisches, idealistisches Weltbild hatte oder nicht, am Forschungsobjekt musste im Sinne einer Exploration und Experimentes vorgangen werden [war schon vor der Systematisierung und Institutionalisierung von Wissenschaft so]. Die Unterschiede basieren also eher darauf, ob wir als Forscher und Forscherinnen [empirischen] Zugang zu den von uns durch Theorie definierten Konstrukten eines Gegenstandes haben oder nicht. Es gibt einfach einen Unterschied zwischen theoretischer und experimenteller Physik, zwischen Chemie und Biologie [weil Biologie noch immer, trotz dass wir denken, das sei eine harte Wissenschaft, von internen Prozessen ausgehen muss, die man so direkt nicht beobachten kann.] Und der einzige Unterschied zwischen Psychologie und Biologie ist, dass die Psychologie noch einen Tick mehr interne Konstruktgebäude braucht, die man nur indirekt erschließen kann [z.B. wie bei Intelligenz durch gew. Leistung oder auf Gedächtnis durch Gedächtnisaufgaben]. Wir arbeiten also mehr mit Indikatoren von Konstrukten als mit dem Gegenstand selbst, wie es die Physik aufgrund seines Forschungsgegenstandes tut, einfach, weil man einen Stein tatsächlich “vermessen” und “sehen” kann, während man “Motivation” nur anhand gezeigter Indikatoren erfassen kann.

      Aber auch in der Physik – gerade in der Theoretischen – muss man mit Konstrukten arbeiten. Was genau ist Gravitation z.B.? Das wissen die Physiker noch immer nicht, sie schließen nur aufgrund des Verhaltens von Planeten und Anziehungskraften auf ein Konstrukt namens Gravitation. Wie sollte es auch anders sein? Welche Art – außer dem Königsweg des Experimentes – könnte es überhaupt noch geben, wenn man explizit Kausalzusammenhänge erfassen möchte? Wieso gehört diese Forschungstradition nicht auch der Psycholigie, wenn der Mensch ganz intuitiv und ganz von “Natur aus” ohne wissenschaftstheoretischen Hintergrund genaus wie der Wissenschaftler ein “Experiment” machen würde, um die Reaktion eines Gegenstandes zu erfassen? [z.B. hat der erste Mensch, der Feuer für sich entdeckt hat, durch Ausprobieren herausgefunden, was er tun muss, damit er selbst Feuer machen kann.]

      Wie du siehst, sehe ich das völlig anders. Und dass die Psychologie sich interdisziplinärer Methoden und Theorien bedienen muss liegt nicht an der Psychologie, sondern an der Komplexität seines Forschungsgegenstandes: dem Menschen. Eine ausschließlich hermeneutische Methode würde dem Menschen als Naturwesen überhaupt nicht gerecht werden.

      Ob deine Arbeit eher in die Philosophie oder Kunstgeschichte gepasst hätte, kann ich nicht beurteilen, das kommt ganz auf deine Fragestellung an. Fragestellungen sind sehr spezifisch. Aber eine Sache kann ich sagen: Wissenschaftliche Entwicklung und große Fortschritte sind historisch nicht dadurch zustande gekommen, dass jeder sein eigenes Süppchen gekocht hat. Die kognitive Wende der Psychologie ist z.B. dadurch entstanden, dass ein Linguist namens Chomsky sich auf rein theoretisch-argumentativer Weise mit den Behavioristen angelegt hat. Ganz unkonventionell. Und Freuds dogmatische Ansichten konnten nur dadurch mit der Zeit auch teilweise “verworfen” werden, weil man sich getraut hat, aus dem traditionellen Modell der Psychoanalyse auch einmal rauszugehen und anderen Platz zu machen. Ich sehe das sehr pragmatisch, lieber Klausbernd: Im Moment ist die Psychologie eine sehr produktive Disziplin. So lange sie anwendbare Erkenntnisse bringt, scheint sie etwas sehr richtig zu machen. Wie viele Quantensprünge hätte sie liefern können, wäre sie weniger interdisziplinär gewesen? :)

      Ich wünsch’ dir einen tollen Abend … Ich hatte heute meine letzte Klausur und bin etwas platt. Deshalb auch der etwas “unkoordiniert” und unstruktiert wirkender Text. Haha. :)

    • Wow, liebe Sherry, ich finde das berührend, wie engagiert du für die Psychologie eintrittst und habe zugleich ein nagend schlechtes Gefühl, dass ich gar keine Zeit habe, dir angemessen zu antworten. Ich müsste wie Kant sagen: “Ich habe noch nicht zu Ende gedacht”. Aber ich habe das untrügliche Gefühl, dass du in deiner Argumentation recht hast. Ich denke gerade – wenn ich Zeit habe – darüber nach, wo es sinnvoll ist, von einer eigenen Methoden zu sprechen. Du hast ja den Begriff Konstrukt eingebracht, dazu lese ich gerade Okham, der, wie mir scheint, als erster darüber und dazu noch als Engländer pragmatisch nachgedacht hat. Dann geht da noch das Problem der Axiomatik mit hinein. Puh … worauf habe ich mich da eingelassen. Ich sagt es mal fürchterlichst verkürzt: Ich denke alle Wissenschaft baut auf Axiomatik auf, die dann gemäß der Gesetze der Logik und nach Hegel und Marx denen der Dialektik weiterentwickelt wird. Auf Grund der Axiomatik wird ein Versuch entworfen, bei dem klassischerweise zwei Fragen gestellt werden: 1. kann eine Aussage falsifiziert werden und 2. gibt es eine ökonomischere Erklärung (Okham`sches Messer). Soweit hast du wahrscheinlich recht, sind alle Wissenschaften gleich, bis auf jene, die hermeneutisch vorgehen. In der Strukturalismusdebatte brachte Althusser den Begriff der Ideologie ein, der letztlich den der Axiomatik ersetzen oder besser erklären sollte. Ich glaube, der bringt weiter. Auch wieder ins Unreine gedacht: Jede Wissenschaft hat ihre Ideologie, das was Chomsky Tiefenstruktur in seinem grammatischen Modell nennt. Chomsky geht ja davon aus – wie auch du, das es eine Tiefenstruktur gibt, die alle Sprachen verbindet. Aber was macht denn die Sprachen, und in unserem Fall die Sprachen der einzelnen Wissenschaften, unterschiedlich? Der Gegenstand? Das würde Chomsky allerdings ablehnen. Ich vermute, dass hier die Geschichte wesentlich ist, so im Sinne Hegels. Sie scheint das Set von Ideologien/Axiomen bzw. Konstrukten stark zu beeinflussen.
      Anyway, lassen wir das hier nicht als philosophisches Kolloquium ausarten, bei dem wir beiden die anderen mundtot machen. Wenn ich das mal zu Ende gedacht habe, melde ich mich wieder – huch, da benötige ich viel Hilfe meiner liebklugen Buchfeen.
      Na, so wie du schreibst, hast du sicherlich deine Klausur bravourös bestanden. Daran zweifele ich nicht. Das hört sich vielleicht jetzt blöd an, aber ich bin verblüfft, wie klug du bist, ja teilweise sprachlos. Es macht großen Spaß, mit dir zu debattieren, herzlichen Dank!
      Huch, jetzt muss Schluss sein, denn ich komme jetzt “down to earth”, da ich meine Küche umbauen lasse und über Wasserhähne, Griffe und was nicht alles nachdenken muss – just a different way of thinking.
      Noch einen schönen Abend
      Klausbernd

    • Lieber Klausbernd,

      ich danke dir sehr für die Antwort. Natürlich geht es nicht darum, einander mundtot zu machen, um Gottes Willen, nein! Mir gefällt der Austausch mit dir sehr, weil ich dich für einen Menschen halte, der sowieso viel viel viel mehr weiß als ich, bzw., dein Wissen ist weitaus breitgefächerter.

      Ich stimme dir darin überein, dass die Art des Forschens mit der Epoche zusammenhängt, ich meine sogar, ich hätte das geschrieben. Doch das Interessante ist ja, dass die jeweilige Epoche ja ein implizites Welt- und Menschenbild “versendete”, das – wenn auch nicht immer ganz bewusst – bei allen Wissenschaftlern jeder Disziplin angekommen ist und in irgendeiner Weise dadurch beeinflusst wurde in der Theoriebildung und im Erforschen. Deshalb sage ich, ist es gar nicht nötig, dass Psychologie da sein ganz spezielles Süppchen kocht, denn es gehörte ja wie alle anderen zu diesen Epochen dazu.

      Der Forschungsgegenstand beeinflusst natürlich sehr die Art des “Messens”, weil der Gegenstand es ist, der Grenzen und Möglichkeiten in “Messen” und Fragestellung blockiert oder begünstigt. Beispiel: Man kann natürlich mit chemischen Substanzen viel mehr Manipulationen vornehmen im Experiment als wir das mit Menschen tun können. Der Mensch wird sich irgendwann beschweren und “Au” rufen oder durch die Laborsituation verfälscht reagieren; eine chemische Substanz hingegen nicht. Aber das Grundprinzip, der Grundgedanke bei einem Experiment, ist immer noch die Manipulation einer Abhängigen Variable mit Unabhängigen Variablen. So experementieren wir Menschen tagtäglich ganz intuitiv, wenn wir Ursache und Wirkung verstehen wollen oder bei einem defekten Gerät z.B. mögliche Ursachen für den Schaden ausschließen wollen. Das ist der Grund, warum ich meine, dass Forschung universell ist und man irgendwann sowieso immer auf das Experiment zurückgreifen muss, weil das in uns verankert ist.

      Mach’ dir bitte keinen Stress mehr wegen des Antwortens. Es soll ja auch Spaß machen und keinen Stress machen. Den Ausspruch des “Zu Ende denkens” benutze ich übrigens sehr häufig, wusste aber natürlich nicht, dass er von Kant kommt. Es bedarf sehr großer Disziplin, zu Ende zu denken, vor allem, wenn Themen sehr abstrakt sind. Ich bin ein sehr ablenkbarer Mensch und schaffe das sehr oft auch gar nicht gut. :(

      Ockham finde ich übrigens klasse. Er hat so eine harte Pragmatik und Logik, die auf mich sehr angenehm und unkompliziert wirkt. Er hat natürlich die Wissenschaft stark dahingehend beeinflusst, als dass wir heute meinen, je sparsamer eine Theorie ist, desto besser ist sie.

      Übrigens danke ich dir für dein Kompliment. Trotzdem fehlt es mir noch viel an Allgemeinwissen, dir wiederum nicht. :D

      Gute Nacht!

    • Liebe Sherry,
      ich liebe sehr den Austausch mit dir, indeed!
      Vielleicht haben wir es uns auch zu schwer gemacht mit dem Nachdenken über die wissenschaftlichen Methoden. Ich gebe dir völlig recht, sie sind an die Historie der Wissenschaft und den Messgegenstand gebunden. Mich hat in der Psychologie stets fasziniert, wie geniale Forscher operationalisierten, um zu dem zu Messenden zu kommen.
      Im Grunde gibt es nur zwei wissenschaftliche Erkenntnismethoden, die hermeneutische und die mathematische, alle anderen Methoden gehen darauf zurück. Ich würde kühn behaupten, das sind im Sinne Chomskys die Tiefenstrukturen (oder die Grammatik) unserer Erkenntnismöglichkeiten. In der Psychologie treffen sich beide und das macht dieses Fach so interessant. Was mir noch einfiel: Die Entwicklung der Technik spielt auch stark in die Art der Erkenntnis mit hinein. Ich las vor einiger Zeit von Bill Bryson “A Short History of Nearly Everything”, dabei wurde mir das deutlich.
      Auf jeden Fall fühle ich mich stets von dir gefordert, tiefer über etwas nachzudenken und schon allein dafür gebührt dir herzlichen Dank.
      Liebe Grüße von Norfolk
      Klausbernd

  8. Ich sprach von halbwegs erfassen, richtig verstehen ist vielleicht eine Zukunftsvision im Konjunktiv. Man will ja erforschen, was im Kopf so abgeht.
    Was die Psychologen so machen… da kann ich nur staunen!

    • Ich hoffe, du malst bald wieder, Blinky. Ich vermisse deine Bilder, vor allem die Letzten waren genial.

  9. Liebe Sherry,
    Deine zeitweisen Bedenken hinsichtlich des Masters und die Frage, in welche Richtung es für Dich gehen soll, meine ich noch zu erinnern. Und jetzt schreibst Du so dermaßen deutlich und überzeugt von Deiner Begeisterung (was Du auch damals schon als Möglichkeit vermutet und gesehen hast), das freut mich einfach sehr für Dich!

    Was mir außerdem sehr gefällt, ist der Gedanke, den Du eingangs formuliert hast: “Psychologie muss in gewisser Weise Natur- und Geisteswissenschaft sein, wenn sie Menschen in ihrer Doppelnatur begreifen will.” Genau dieser Aspekt findet endlich immer mehr Beachtung und Selbstverständlichkeit. Auch wenn mein Studium schon länger zurückliegt, hat mein Interesse an Psychologie und Philosophie nicht aufgehört zu wachsen. Und ich stelle zufrieden und erleichtert fest, dass nicht nur in der wissenschaftlichen Psychologie die Akzeptanz und Berücksichtigung der Neurowissenschaften immer stärker stattfindet: Ich war erstaunt und erfreut, dass unsere Supervisorin für unseren alljährlichen Teamtag dieses Thema wählte.

    Ich danke Dir,
    herzlich, mb

    • Oh ja, liebe mb. Also, die Frage steht eigentlich noch im Raum, in welche Richtung ich nun gehe. Es fällt mir ganz furchtbar schwer, da eine Entscheidung zu treffen, weil mich Grundlagenforschung und Klinische Psychologie sehr sehr interessieren. Aber ich glaube, den investigativen Anteil in mir kann ich auch in der Klinischen Psychologie ausleben. Der Teil in mir, der helfen möchte, war aber schon immer sehr groß. Ein lebenslanger Wunsch sozusagen, der sich immer irgendwie auch gezeigt hat, auch wenn ich keine Bildung in der Richtung hatte. Naja, ich habe ja noch 1 Jahr Zeit … Aber selbst, wenn ich in die Forschung gehe, die klinische Ausbildung werde ich so oder so machen.

      Mich würde so sehr interessieren, wie das Psychologiestudium vor sagen wir 10 oder 20 Jahren war. Ich weiß aber noch, dass meine Tante mir sagte, dass es ein schwieriges Fach sei mit viel Mathe und Bio … Ich war also vorbereitet. Aber die Entfaltung der Psychologie findet ja gerade ihren Höhepunkt habe ich das Gefühl. So interdisziplinär war es selten, obwohl es schon immer interdisziplinärer war als andere Fächer. Es gibt sogar kritische Stimmen unter den Konservativen. Die sagen, wenn wir uns weiter so offen mit anderen Disziplinen vermählen, würde vom Fach Psychologie nicht mehr viel übrig bleiben. Ich halte das für unsinnig.

      Ich danke dir auch, mb!

    • Das war ein richtiges Durchbeißen und Durchhalten. Ein harter Kampf gegen meine eigentlich eher lernfaule [bzgl. Uni, Schule, etc.] Natur. Aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich dazu aufrappeln können, Disziplin zu zeigen. Danke … ❤

  10. Ich freue mich für dich mit, liebe Sherry! Es gibt kaum ein besseres Gefühl, als das, da angkommen zu sein, wo man sich wohlfühlt. Wenn man merkt, dass sich all das Vorherige gelohnt hat. Und dass man Entscheidungen für sich selbst richtig getroffen hat.

    Ich glaube, ich kann dieses Gefühl ein bisschen nachvollziehen. Das ist, als wenn man Einzelteile zusammenfügt und es irgendwie alles irgendwo eingeordnet ist, ein Teil des Systems in dir drin. Du merkst, dass das Gelernte zusammengehört, obwohl es sich anfühlte, als würdest du vorher nur in Teilbereichen herumpicken?

    Ja, dieses Jahr scheint dir schon jetzt viel Gutes zu bringen! (Oder du scheinst in diesem Jahr viel Gutes zu ernten- von dem, was du jahrelang hast säen müssen? Mann, werde ich poetisch!).

    • Ich glaube sogar, dass du dieses Gefühl in diesem Jahr auch haben wirst, liebe Symphonee. Weißt du noch, wie sehr du mit deiner Diplomarbeit gekämpft hast? Heute habe ich eine ziemlich deftige Klausur geschrieben und hab erst einmal für einen Monat Ruhe. Ich überlege gerade, was ich alles Schönes mit meiner Zeit anfangen werde. :)

  11. Ohja. Ich weiß es noch zu gut. Aber die Erinnerung an diese Zeit verblasst auch zusehends.

    Genieß die Zeit! Von meinem Bruder weiß ich, dass er beinahe nicht mit freier Zeit umgehen kann, weil er BWL studiert, ständig lernt und nebenbei viel arbeitet. Ich hoffe, dass du das jetzt zu deiner Zufriedenheit kannst. Du darfst dich erholen! :)

    P.S. Du hast recht, ich darf nicht nur dieses Jahr die Erfahrung machen, sondern schon nächste Woche! Jaaaaa.

    • Ich freue mich so furchtbar für dich, das glaubst du gar nicht! Endlich. So mit festem Vertrag und allem? Warum habe ich das überlesen? Ich weiß noch, da gab’s ein gutes Vorstellungsgespräch, aber ich habe den Moment des offiziellen Ja’s irgendwie verpasst. Glückwunsch! :D

      Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich könne mit Freizeit umgehen. Ich habe es auch verlernt, und früher bin ich bei freier Zeit, bei plötzlichem Druckabfall auch in ein Loch gefallen und wusste echt nicht weiter. Aber ich sorge inzwischen schon vor. Ich kaufe mir z.B. Bücher, die ich auf den Nachttisch stelle und weiß “Wenn du wieder diese Pause hast, wirst du sofort da zugreifen und lesen.” Es klappt nicht immer ganz gut. Heute z.B. habe ich mich noch total unruhig und getrieben gefühlt, ich hätte fast angefangen, für die Klausur in 1,5 Monaten zu lesen, obwohl ich mir diese 10 Tage Pause fest eingeräumt habe. Aber so einfach ist das wirklich nicht. Heute habe ich es geschafft, nichts zu tun und zu schlafen, fühle mich aber furchtbar [noch]. Ich denke, es wird darauf hinauslaufen, dass ich einen Hausputz mache. Aber das tut sehr sehr gut. Und danach, wenn die Bude blinkt, werde ich mich auf die Bücher stürzen, die ich sonst aus Zeitmangel nicht lesen kann!

  12. Deine Freude steckt mich wieder an ;D Naja, es ist eine befristete Stelle, aber das ist mir im Moment relativ egal. Dafür waren die vier Monate gut: ich bin bescheidener geworden.. und ein bisschen strategischer ;)

    Genau aus diesem Grund sage ich, dass du die freie Zeit genießen sollst- du wirkst auf mich wie ein Mensch, der – mal salopp ausgedrückt- “Hummeln im Po” hat :D Das macht dich neugierig und wissbegierig, aber auch unruhig. Ein bisschen kenne ich das, aber lernen tu ich dann doch nicht so ohne Weiteres 1,5 Monate im Voraus. Doch wenn man sich selbst relativ gut kennt, pendelt das sich nach einiger Zeit ein, weil man auch plant, um das zu umgehen.. so wie du mit den Büchern. Hast du Bücher von Ken Follett gelesen? Ich habe gerade erst angefangen und bin wirklich fasziniert.

    Dir eine tolle Freizeit!

    • Haha, ich hab’s ja dann Gott sei Dank nicht gemacht mit dem Lernen. Diesmal habe ich das auch viel schneller in den Griff bekommen. Ich habe heute bereits ein Buch gelesen, das mich auch sehr mitgenommen hat, das muss ich erst einmal verdauen.

      Ich bin manchmal so hummel-unterm-po-mäßig, das stimmt. Aber nicht die ganze Zeit. Ich habe das mehr so periodisch am Tag einsetzend, so ca. für 10 Minuten. Ansonsten kann ich mich inzwischen gut kontrollieren, hab’ mein ADHS inzwischen sehr gut im Griff, durch Vitamin B-Komplexe. Ist echt so!

      Das ist egal. In dem Job wirst du Erfahrung sammeln. Das macht sich dann sowieso super im Lebenslauf, weil man immer im Vorteil ist, wenn man eben Erfahrung hat. Ich freue mich für dich und bin gespannt, was du zu berichten hast.

      Ken Follet habe ich vor 13 Jahren oder so gelesen, die Säulen der Erde. Fand ich sehr spannend, manchmal auch etwas langatmig. Aber wieso fragst du? Mit welchem Buch hast du gerade begonnen?

Kommentar schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s