Über Sherry

Eine Symbiose zwischen vielen Dingen, die nicht zueinander passen.

Sprache

Ich kann deine Sprachlosigkeit verstehen. Es ist, als würdest du nur in die Luft greifen, auch wenn die Essenz, die du pflücken und verschenken willst, sich vor deinen Augen auszieht und sich dann deinen Händen entzieht. Sprache ermöglicht uns die Verhandlung im und um den Alltag, aber sie beschneidet uns auch gleich den Sandkastenbackformen, die aus einer ineinander ruhenden Einheit aus Sand, kleine abgehackte Kästen schmieden. Doch wir haben keine andere Wahl. Da gibt es nur das Wort und das Bild oder die harte Mechanik eines Instrumentes, das eine Melodie zu dem Schleier macht, dem du in die Ferne folgen willst und doch nicht kannst, fehlen dir doch die Flügel. Die größte aller Sprachen bleibt wohl immer die Liebe. Sie zerberstet zwar die Brust vor Freude und vor Schmerz, aber sie bleibt meistens doch ganz still.

Suchen

Zum Wort anhalten und am Ende doch innehalten. Das Meiste unausgesprochen liegen lassen und das Unwichtigste ausgiebig (hin)ausführen. Das Dinghafte überbewerten und sich nach der Schönheit einer Seele sehnen. Die Nähe wollen, aber bei jeder Wärme das Weite suchen. Nachts von einem erfüllten Leben träumen, doch tagsüber jedes lächelnde Gesicht übergehen. Am Ende des Tages die Frage stellen, was man denn falsch mache und die Antwort in einer schnellen Nacht (ver)suchen.

Gedankenkreise anhalten

Letztens habe ich daran gedacht, dass das Leben kurz ist; und beunruhigt wurde mir bewusst, dass wir eindrittel unseres Tages einfach schlafen. Wie gut, dass ich zumindest ein paar aufregende Träume habe – und dennoch: Mit fortschreitender Reife meldet sich der Druck, (noch) mehr vom Leben mitzunehmen und sich hinzugeben. Hingabe und Druck beißen einander, schalten sich gegenseitig aus, das funktioniert nicht. Und Hingabe und Mitnahme können miteinander funktionieren, aber nur mit der richtigen Haltung. Nimmt man zu viel, sind Arme und Hände durch das Greifen und Halten verschlossen. Sind sie verschlossen, ist die Hingabe blockiert; denn dazu bedarf es des Mutes, schutzlos und mit offenen Armen all dem gegenüber zu stehen, das man wirklich sehen wollte. (Sehen im Sinne einer echten Berührung und Verbindung). Weiterlesen

Wir müssen nicht

Wir müssen nicht jede Emotion zu Ende fühlen und uns fragen, was sie zu bedeuten hat. Und eine Erklärung für sie gefunden zu haben, heißt nicht, dass man die Richtige gefunden hat. Wir erklären uns selbst dieses und jenes, um Ruhe zu finden, nicht um die wahrhaftigen Ursachen zu verfolgen. Insgeheim wissen wir das; denn die Ausgangsfrage ist aussichtslos unlösbar und die Lebenszeit zu knapp. Um das Leben zu sehen, zu spüren, anzufassen und manchmal sogar zu pflücken, brauchen wir Pause von uns selbst und nicht immer mehr davon. Loslassen gilt nicht nur für Probleme, Menschen und die Vergangenheit. Loslassen gilt auch einem selbst.

Einzigartigkeit

Ich erlebe bei meinen Mitmenschen immer häufiger eine Art Freizeitstress. Immer wieder wird mir die Frage gestellt, was ich an diesem Wochenende denn Schönes mache. Ich antworte zur Enttäuschung des Fragenden dann, dass wir am Wochenende Zuhause bleiben, uns zwei bis drei Filme anschauen, schön kochen und neue Desserts kreieren. Oder dass die Familie vorbeikomme und wir einfach beisammen sind und über unsere Woche reden. Der Blick, den ich manches Mal daraufhin ernte, drückt ungefähr folgendes aus: „Wie? So viel Arbeit, so wenig Zeit, und dann bleibst du einfach nur Zuhause? Verpasst du so dein Leben nicht?“ Nein, das Gefühl habe ich nicht. Nicht, dass ich nicht das Gefühl hätte, dass es unnatürlich sei, mehr Zeit mit Kollegen und Kolleginnen zu verbringen als mit der eigenen Familie oder dem eigenen Liebsten; nicht, dass ich mich nicht darüber wundern würde, wie bereitwillig sich andere Überstunden aufbrummen lassen, während ich sehr häufig sage, dass ich verhindert sei und wichtige Termine habe – aber das Heimischsein, das „ungezwungene Existieren“ in meinen eigenen vier Wänden mit meinen Liebsten, das kommt mir nicht wie Zeitverschwendung vor, es ist viel eher wie Zeitentschleunigen. Ich gewinne damit Augenblicke, ich verpasse sie nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich im Leben zu wenig erlebt habe; vielleicht wünschte ich sogar, mein Leben wäre etwas ruhiger gewesen mit weniger Auf und Abs, mit weniger Aufforderungen, existenzielle Entscheidungen treffen zu müssen oder Dinge auszuhalten, die ich selbst als nicht aushaltbar empfinde. Andererseits nehme ich dieses Besaufen bis zum Koma, dieses Abfeiern und diese künstlich erzeugte Nähe durch Drogen, Alkohol und unverbindlichem Sex als viel sinnloser weil ungewichteter wahr als mein eigenes Daheimsein. Jeder versucht in der ihm verbleibenden Zeit zu finden, was ihm fehlt; mir fehlt nun einmal die Ruhe. Anderen die Aufregung oder der Beweis anhand eines Selfies, dass man irgendwo dabei war, dass man gelebt hat und dass das Leben nicht nur aus Arbeit bestand. Weiterlesen

Notizen aufeinanderstapeln

Wir müssen Gott nicht über unsere Eltern und Kinder stellen. Er ist der Einzige, der keinen Schutz braucht. Dass du diesen Satz schreibst, zeigt, dass Gott ihn vielleicht doch braucht. Schutz vor seiner Vergänglichkeit. Schutz davor, verurteilt zu werden wie wir einen Menschen verurteilen würden, wenn er Gottes Voraussetzungen hätte, aber keine Hilfe leisten würde. Er könnte alles, aber er tut rein gar nichts. Es ist interessant, wie wenig ich mir selbst helfen kann, obwohl ich soviel über Selbsthilfe weiß. Wenn ich doch nur ohne Umwege kommunizieren könnte. Ich würde alle Worte fallen lassen und einfach gehen. Weggehen. Die Bedenken anderer machen mich inzwischen bedenkenlos frei, zu handeln. Jede noch so falsche Handlung wäre ein Segen gegen diese träge Masse an pseudomoralischer Passivität. Ich bin mir sicher, diese hemmende Ambivalenz wurde erzeugt, damit wir weiterhin handlungsunfähig bleiben. Wenn du dann vor zwei Türen stehst und auf der einen steht “Aktivsein, Dinge tun, aber vielleicht den falschen Weg dabei gehen, aber vielleicht auch den Richtigen” und auf der anderen steht “Leckerli, Konsum, neuer Fernseher und Sex”, dann nimmst du doch lieber die Zweite, weil ich – so sage ich mir – differenzierter bin als all die Aktivisten und weniger extrem. Ob wir moderat gegen Extremismus vorgehen können, ohne dabei unterzugehen? Essen ist so eine Sache. Sie ist ein Teil der Sexualität, ein zusätzliches Geschenk von Aphrodite. Die Kartons stapeln sich so hoch wie unsere Probleme. Und wenn ich die Hälfte dieses ganzen Zeuges einfach wegwerfen würde? Wieso überhaupt müssen wir immer alles verwerten und verdauen? Schwachsinn. Der Nächste bitte.