Einzigartigkeit

Ich erlebe bei meinen Mitmenschen immer häufiger eine Art Freizeitstress. Immer wieder wird mir die Frage gestellt, was ich an diesem Wochenende denn Schönes mache. Ich antworte zur Enttäuschung des Fragenden dann, dass wir am Wochenende Zuhause bleiben, uns zwei bis drei Filme anschauen, schön kochen und neue Desserts kreieren. Oder dass die Familie vorbeikomme und wir einfach beisammen sind und über unsere Woche reden. Der Blick, den ich manches Mal daraufhin ernte, drückt ungefähr folgendes aus: „Wie? So viel Arbeit, so wenig Zeit, und dann bleibst du einfach nur Zuhause? Verpasst du so dein Leben nicht?“ Nein, das Gefühl habe ich nicht. Nicht, dass ich nicht das Gefühl hätte, dass es unnatürlich sei, mehr Zeit mit Kollegen und Kolleginnen zu verbringen als mit der eigenen Familie oder dem eigenen Liebsten; nicht, dass ich mich nicht darüber wundern würde, wie bereitwillig sich andere Überstunden aufbrummen lassen, während ich sehr häufig sage, dass ich verhindert sei und wichtige Termine habe – aber das Heimischsein, das „ungezwungene Existieren“ in meinen eigenen vier Wänden mit meinen Liebsten, das kommt mir nicht wie Zeitverschwendung vor, es ist viel eher wie Zeitentschleunigen. Ich gewinne damit Augenblicke, ich verpasse sie nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich im Leben zu wenig erlebt habe; vielleicht wünschte ich sogar, mein Leben wäre etwas ruhiger gewesen mit weniger Auf und Abs, mit weniger Aufforderungen, existenzielle Entscheidungen treffen zu müssen oder Dinge auszuhalten, die ich selbst als nicht aushaltbar empfinde. Andererseits nehme ich dieses Besaufen bis zum Koma, dieses Abfeiern und diese künstlich erzeugte Nähe durch Drogen, Alkohol und unverbindlichem Sex als viel sinnloser weil ungewichteter wahr als mein eigenes Daheimsein. Jeder versucht in der ihm verbleibenden Zeit zu finden, was ihm fehlt; mir fehlt nun einmal die Ruhe. Anderen die Aufregung oder der Beweis anhand eines Selfies, dass man irgendwo dabei war, dass man gelebt hat und dass das Leben nicht nur aus Arbeit bestand. Weiterlesen

In Kanackensprache

– Sie: „Ich hab’ heute Bock auf Kanackensprache. Dieses wunderbar ungeschönte ‚Halt die Fresse‘, wenn jemand die Fresse halten sollte.“

– Ich: „Das sind alles deutsche Wörter. Halt-die-Fresse. In Kanackensprache geht das anders. Wir sagen dazu ‚Khafe sho‘!“ (Übersetung ins Deutsche: „Ersticke!“)

– Sie: „Auch nicht schlecht.“

Ich liebe Dich, Köln …

Gestern Abend waren wir berauscht vor dem Glück des Zusammenseins; und ich habe gespürt, wie sehr ich diese Stadt und ihre Menschen liebe und wie sehr sie uns liebt. So lange habe ich auf diese Liebeserklärung gewartet und sie endlich bekommen. Da waren sie alle: Kölner und Kölnerinnen, Seite an Seite, mit einem dunklen unbeleuchteten Kölner Dom als wütende, große Mutter, die schützend ihre Hand über uns hält – und wir haben uns alle gegen die Pegida-ianer gestellt und ihnen ihren Demonstrationszug versperrt. Selten habe ich mich so zugehörig, so angenommen, so beschützt gefühlt wie gestern, als man gegen Migranten marschieren wollte, aber nicht mehr vom Fleck weg kam, weil sich ganz Köln quer stellte. Kleine dunkeläugige Kinder müssen keine Angst mehr haben. Ihre Väter und Mütter können sie beruhigen mit den Worten „Nein, mein Kind. Wir sind hier nicht unerwünscht. Siehst du die Menschen auf diesen Straßen? Sie kämpfen dafür, dass wir hier bleiben dürfen.“

Ich <3 Dich, Köln …

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Dienen [mit Leib & Seele]

Das Leben wäre umso vieles einfacher, wenn man tatsächlich ernten würde, was man sät. Umso unglaublicher ist es, dass wir trotz der erlebten Widersprüchlichkeit von universellen oder göttlichen Gerechtigkeitskonzepten immer noch überzeugt davon sind, dass Gutes zu tun uns Gutes bringen wird. Und dennoch sehe ich, dass soviele von uns die guten Dinge nicht tun, weil sie erwarten, dass Gott oder das Universum es im Nachhinein gut mit ihnen meinen, sondern weil es ihnen einfach ein Bedürfnis ist, so zu handeln, dass es andere heilt und beflügelt. Ich gebe nicht aus altruistischen Gründen, ich gebe, weil es mich verdammt nochmal erfüllt. Ein lieber Mensch sagte einst in einer Diskussion, es wäre viel schwieriger gut zu sein und gut zu handeln, deshalb wäre es soviel wert, den anderen Impulsen nicht nachzugeben. (Vielleicht hat er es anders gemeint, aber ich gebe wieder, wie ich es verstanden habe). In dem Moment wurde mir klar, dass es (für mich) genau umgekehrt ist. Gut zu sein, zu hegen, pflegen, helfen und lieben fällt doch umsovieles leichter, ist es doch der aller erste Impuls in jeder vertrauenswürdigen Begegnung, den ich empfinde. Zu zerstören, zu distanzieren, zu erkalten und mich abzuwenden fällt mir so unglaublich schwer, selbst bei Menschen, die mir Schlechtes getan haben. Noch vor Wochen kam eine Person auf mich zu, von der ich weiß, dass sie hinter meinem Rücken Läster- um Lästerattacken über mich von sich gibt; und der erste Impuls war, sie einfach zu umarmen in der Hoffnung, dass all ihre negativen Gedanken über mich abfallen. Erst im zweiten Impuls dachte ich, dass sie das vielleicht nicht will und dass ich mich vielleicht entsprechend ihrer „Bösartigkeit“ mir gegenüber verhalten und auf Distanz gehen müsste. Die beiden konkurrierenden Impulse ergaben eine lauwarme Umarmung. Meine Zuwendung war eher ein unerfüllter Wunsch als ein Willkommensgruß in meine Seele hineingehen zu dürfen, wenn sie wollte. Weiterlesen

Kleine Abrisse

Vielleicht sind es nicht unbedingt die Schrifsteller und Wissenschaftler unserer Zeit, die diese Menschen zu einer Bewegung gegen die staatliche Kriegshetze gegen Putin inspiriert haben, aber umso erfreulicher ist es, dass sich ungefähr dreitausend Menschen dazu entschlossen haben, sich vor dem Schloss Bellevue gegen Herrn Gauck zu stellen. Und das, obwohl diese Bewegung von den Medien massivst durch den Dreck gezogen wird. Doch je mehr Menschen dort erscheinen, desto näher kommen sie sich. Sobald sie einander kennenlernen und sich vom Gegenteil dessen überzeugen, was in den Medien über ihre Bewegung berichtet wird, relativieren sich die Denuzierungsversuche von selbst – und sie können sich wieder auf ihr Ziel konzentrieren: nämlich einen Krieg zu verhindern. Es gibt vielleicht doch noch Hoffnung, ich habe nur an der falschen Stelle gesucht. Unsere Künstler und Wissenschaftler sind viel zu sehr mit ihren eigenen Projekten beschäftigt; das Ruder haben andere in die Hand genommen, vielleicht sogar „wir selbst“. Das wird eines Tages in die Geschichte eingehen: Der Tag, an dem ein Land von seinen Fehlern in der Vergangenheit gelernt hat.

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Mir entschwindet immer häufiger der Wunsch, mich mitzuteilen. Mir fällt nicht mehr ein, warum das einst gut gewesen sein soll. Ich könnte natürlich über das schöne Leben sprechen. Dass die Lichter leuchten und überall Zimt und Lebkuchen zu riechen ist. Aber diese Dinge erscheinen mir so weit weg von meiner eigenen Lebenswelt. Ich glaube, ich mache eine persönliche kulturelle Revolution durch, eine, die mich von allem distanziert. Das bereitet mir Sorge. Ein wenig. Ansonsten ist es furchtbar befreiend. Da bin ich ganz wehrlos gegen. Weiterlesen