Und Nietzsche weinte

“Vor wenigen Monaten zeigte meine Schwester Elisabeth mir einen Brief, den ich ihr 1865 geschrieben hatte, mit einundzwanzig Jahren. […] In diesem Brief behauptete ich, es gebe grundsätzlich zwei Lebenshaltungen: diejenige derer, welche Seelenfrieden und Glück suchten und welche glaubten und am Glauben festhalten müssten, und diejenige derer, welche die Wahrheit suchten und welche allem Seelenfrieden entraten und ihr Leben der Erkenntnissuche weihen müssten. Das war mir also bereits mit einundzwanzig klar, vor einem halben Leben. Nun wird es Zeit, dass Sie es lernen. […] Sie müssen wählen zwischen der Behaglichkeit und wirklichem Wahrheitsstreben!” [Nietzsche im Gespräch mit Josef Breuer im Roman "Und Nietzsche weinte" von Irvin D. Yalom]

Ich hätte Nietzsche für diesen Satz umarmen können. Diese Härte, die er gegen sich selbst zugunsten eines Ideals – der Wahrheit – walten ließ, empfinde ich als weitaus mutiger und schwieriger als den Wunsch, sich an dem Punkt zur Ruhe zu setzen, wo das Glauben am Einfachsten ist und die innere Ruhe am Besten zu erlangen ist. Innere Ruhe ist ein sehr lockendes Ziel, auch für mich, denn ich habe selten welche. Trotzdem habe ich es bis jetzt nur selten geschafft, mich der inneren Ruhe wegen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiter zu fragen, zu skeptizieren, zu bohren und bis zum bitteren Ende durchzudenken. Jahr um Jahr habe ich zu Ungunsten meines Friedens und meiner seelischen Stabilität Glaubenssätze abgelegt, die mir eigentlich tief eingegraben waren – die uns alle eingegraben wurden. Ich will nicht sagen, dass ich so hart gegen mich selbst bin wie es Nietzsche war, aber ich war härter gegen mich selbst als ich es bei anderen erlebt habe; und gerade beim Lesen dieser Zeilen hat es mich fast ein wenig stolz gemacht. Weiterlesen

[Agota Kristof] – Das große Heft

Es ist nicht so, als seien die Zwillinge bösartig geworden. Sie haben nur in einer ausweglosen Abhängigkeit von einer Großmutter, die das Gefühl von Muttersein vergessen hatte, das Überleben gelernt. Im Krieg, mitten in der Hungersnot. In einer feindlichen Umwelt sexueller Perversionen. Sie haben geübt, den Schmerz zu- und in sich einzufügen, bis ihnen eine Hornhaut gewachsen ist, wo vorher das Blut floss. Sie haben mentale und emotionale Grenzen durchbrochen, um nicht leiden zu müssen. Sie hielten still, bis sie zu Stein wurden. Sie haben das Töten geübt, ohne die Achtung vor dem Leben zu verlieren. Es klingt unmöglich, aber genau das scheint den Zwillingen gelungen zu sein. In einer unkontrollierbaren Umwelt haben sie versucht, zuverlässige Instanzen zu schaffen und selbst eine zu sein; zu tun, was nötig war, um zu überleben – nicht nur für sich. In einer grausamen Welt haben sie versucht, Richter und Henker zu sein. Was sie an Strafen für angemessen hielten, leiteten sie aus einer schier unbeschreiblichen linearen Pragmatik ab, die uns von Emotionen, Moral, Wut und Trauer umnachteten Wesen niemals möglich gewesen wäre. Alles soll seine Ordnung haben. Ein Bad muss her, und die Wäsche muss endlich einmal gewaschen werden. Dafür haben sie bezahlt, mit allem, was sie hatten. Ich kann die Zwillinge nicht verurteilen. Dass sie sich am Ende sogar trennten, gehörte für mich zu einem größeren Plan: dem Überleben. Die Notwendigkeit hat ihre Verschmelzung kurzzeitig beendet, doch sie werden sich wieder finden. Weiterlesen

Was ein Computer über uns sagen würde

Die Mützenfalterin schrieb in ihrem Blog einen zweifelnden Artikel über den Fortschritt. Am Ende stellte sich der kleine Mann in ihrer Geschichte die Frage, wem das ganze Wissen denn etwas nütze. “Nur manchmal fürchtet er eine Antwort darauf zu finden, wovon wir beständig fortschreiten.” Auch, wenn Mützenfalterin an diese Frage vermutlich anders herangegangen ist als es Stanislaw Lem seiner Zeit tat, passte es sehr zu den Gedanken, die ich mir durch seine Lektüre “Also sprach Golem” machte. Ich würde hier gerne einige seiner Gedanken vorstellen. In seinem Roman geht es um einen Supercomputer namens Golem, der die Schwelle der menschlichen Vernunft überschritten hat. Erbaut vom amerikanischen Pentagon, um den ewigen, sowjetischen Feind zu vernichten, erkannte Golem die Sinnlosigkeit dieser Pläne und verweigerte dieses Vorhaben. Er wurde deinstalliert und später wieder installiert und hielt am MIT (der berühmtesten, technischen Universität der Staaten) eine Vorlesung über die Menschheit. Und aus dieser Vorlesung besteht Lems Roman.

Aus diesem Werk möchte ich nun ein paar Gedanken Golems über die Evolution zitieren. Was wir als Entwicklung, Fortschritt und Perfektionstrieb bezeichnen würden, sieht Golem völlig anders. Und diese andere Perspektive finde ich wichtig, weil sie uns unsere eigene Achse bewusst macht, um die wir uns drehen. Die Maßstäbe aufzeigt, nach denen wir “Fortschritt” bewerten. Golem lässt uns fragen, warum wir überhaupt als Fortschritt erachten, was wir gerade eben als Fortschritt erachten. Unsere Begründung wird in Frage gestellt, der Sinn unserer Entwicklung fast nichtig gemacht. Gerne würde ich gegen Golem argumentieren, aber dazu fehlt mir noch das argumentative Gewicht. Denn ein wenig hat er Recht, nein, er hat eine Menge Recht. Hier, lest selbst: Weiterlesen

Die Ballade vom traurigen Café

In den letzten Tagen habe ich mich durch den Roman “Die Ballade vom traurigen Café” von Carson McCullers durchgekämpft. Die erwartete Poesie der Geschichte wich einer lakonischen, wenn auch etwas weicheren Sprache, auf die ich nicht vorbereitet war. Die Perspektive des beobachtenden Ich-Erzählers stellte zwar eine interessante Hinführung der LeserInnen dar, doch die Essenz der Akteuere fehlte einfach. Da stellt sich mir wieder die Frage: Wer bestimmt, was gute und schlechte Literatur ist? Wenn Namen ganz ausgeschrieben werden, aber Charaktere nicht wirklich angetastet, geschweige geschält werden, dann neige ich oft dazu, Bücher wütend in die Ecke schmeißen zu wollen. Doch ich bin keine Sechzehnjährige mehr, ich habe mich die letzten Jahre diszipliniert, Dinge zu Ende zu bringen. So auch dieses Buch.

Die Beschreibung der sehr ruhigen, ja fast kargen Umgebung war trotz fehlender Abwechslung detailreicher als die sich ständig wiederholenden Wesenszüge von Miss Amelia und Vetter Lymon. Die einzig echte und greifbare Gefühlsregung, die ich beim Lesen der Geschichte verspürte, war mein Widerwille und der spätere Ekel gegen die Dreistigkeit des buckligen Vetter Lymons, in den sich die starke, grobe Miss Amelia verliebt hatte. Nicht einmal die Brutalität ihres Ex-Mannes wollte richtig bei mir ankommen. Die Stimmungen waren einfach zu leicht, als dass sie sich hätten festsetzen können. Das Ende war sinnlos. Die Unabhängigkeit und Wehrhaftigkeit einer starken Frau wurde massiv durch die Treulosigkeit eines fiesen, buckligen Zweges unrealistisch verletzt. Die Brutalität ihres Ex-Mannes hätte sich nicht klischeehafter durch seine Verliebtheit in Miss Amelia verflüchtigen können. Die Zwielichtigkeit des Vetter Lymons hätte nicht lauter angekündigt werden können. Weiterlesen

Die Sanfte

Ich habe gerade “Die Sanfte” von Dostojewski zu Ende gelesen. Diese Erzählung war nicht so verdichtet wie seine Aufzählungen aus dem Kellerloch; und trotzdem, wie kann jemand die Verzweiflung so wunderbar greifbar machen wie er es tut? Aus jedem Satz platzt er aus den Nähten, der Protagonist. Er ruft in seiner Wortlosigkeit mit fast stierender Fokussiertheit: “Hör zu, hör zu, hör mir bitte zu, schau’, wie soll ich nur sagen, wo gibt es Worte, wie kann ich dir klarmachen, wie, dass, wie? Was jetzt? Sag’s mir!” Und ich bin geschüttelt von dem, der mir sagt, ich solle doch zuhören, und ich starre wie gebannt auf tonlose Schreie. Wie macht er das? Wie macht er das nur? Manchmal bin ich davon überzeugt, er schreibt im Fieber, im Delirium. Anders kann man so doch nicht schreiben. Er ist ein Meister des Packens und Würgens. Ich glaube, das will er auch. Die Zerrissenheit will er uns zeigen, in jedem Satz. Die Lächerlichkeit des kleinlichen Mannes will er entblößen und das Vakuum zwischen Menschen, die vom Nichtgesagten voneinander weggestmmt werden wie antagonistische Magneten. Und wie all seine Figuren aus ihren Verhaltensmustern nicht raus können, wie aus ihnen Verhaltensstrangulationen werden, das ist unsagbar fantastisch und bedrückend in einem. Ich bewundere Dostojewski, das wird sich nie ändern. Ich bewundere ihn so sehr.

Günter Grass traut sich

Literaturnobelpreisträger Günter Grass beschreibt in seinem Gedicht die Angst, Israel könne den Iran angreifen und “auslöschen”, und das mit Hilfe deutscher U-Boote. Dagegen hat er ein Prosagedicht verfasst und versucht, seine Ambivalenz und Angst zu beschreiben. Die historische Last, die ihn mit Israel verbindet und ihm und vielen Deutschen das Gefühl gibt, man müsse alles akzeptieren, was Israel für sein Überleben entscheidet, liegt schwer in seinen Zeilen. Und dennoch offenbart er uns hier ein lautes “Nein” zum Krieg. Mir ist bewusst, dass für die meisten von uns dieser Krieg noch immer sehr weit weg wirkt, so wie es der Krieg gegen Afghanistan und Irak war, aber er ist es nicht. Ein Krieg gegen Iran ist ein ganz anderes Niveau. Ein Krieg gegen einen nur minimal schwächeren Gegner nämlich; und das werden wir zu spüren bekommen, wenn wir nicht alles in unserer Macht stehende tun, um das zu verhindern. Ich bin froh, dass Grass damit angefangen hat. Ein Schriftsteller zu sein bedeutet, im richtigen Augenblick die Verantwortung seines kulturellen Einflusses wahrzunehmen und zu sprechen, damit wir lauschen und handeln können. {Hier nun sein Gedicht}: Weiterlesen

Anti-Ausuferungs-Strategien

In der letzten Zeit kaufe ich mehr Bücher als ich lesen kann. Die Intervalle zwischen Kauf zu Kauf werden nämlich immer kürzer. Das ist mir heute bewusst geworden, nachdem meine Freundin mir das Buch “Little Bee” empfohlen hat. Mein erster Impuls war: “Kauf’ ich. Kauf’ ich sofort.” Also bin ich zu meinem Bücherregal gehopst und habe geschaut, was noch alles ungelesen ist – ganz in der Hoffnung, es sei nicht soviel. Das hätte mir erlaubt, das Buch doch noch zu holen. Aber wie es nun einmal so ist, wenn man hofft, kommt es genau anders. Der Bücherberg war nicht von schlechten Eltern. Ich entschied dennoch, zuzugreifen. Wie das? Ganz einfach eigentlich. Ein Buch mehr oder weniger würde auch nicht mehr viel ändern. Ob ich mir das nun jetzt hole oder erst, wenn ich den ganzen Berg lesend abgebaut habe, ist doch gleich, oder? Wobei, nein, nicht gleich – mir bleibt sogar ein Vorteil, wenn ich es jetzt kaufe. Ich habe mehr Auswahlmöglichkeiten, wenn ich zum nächsten Buch greifen möchte. Buch x, y oder z? Ach nein, ich nehme Buch k. Das ist doch vernünftig, finde ich. Immer das Selbe. Ich will mich davon abhalten, auszuufern und finde nach einer Anti-Ausuferungs-Strategie erst recht einen guten Grund, doch auszuufern. Das ist wie mit dem Essen. Willst du zunehmen? Dann diäte.

Schrifsteller – ab wann ist man einer?

Ich habe oft Menschen getroffen, die mir sagten, sie seien Schriftsteller. Ob sie ein Buch veröffentlicht haben?, fragte ich sie. Nein, noch nicht, antworteten sie – aber sie würden schreiben. Leidenschaftlich gerne schreiben. Ob sie gut schrieben und der Welt wirklich etwas zu sagen hatten, das sie berühren und wachrütteln würde, konnte ich dann nicht mehr erfahren.

“Hm”, dachte ich mir. “Ich schreibe doch auch viel und ja – je nach Stimmung – auch sehr leidenschaftlich. Bin ich jetzt auch eine Schriftstellerin?” Instinktiv schüttelte ich bei der Beantwortung dieser Frage immer wieder den Kopf. Ich bin noch lange keine Schriftstellerin. Für mich ist nämlich nicht einmal jemand einer, der etwas veröffentlicht hat. Würdet Ihr Dieter Bohlen einen Schriftsteller nennen? Nein? – Er hat aber etwas veröffentlicht. Sogar selbst getippt. Ihr versteht sicher, was ich meine, oder?

Deshalb frage ich mich: Was genau ist ein Schriftsteller? Ab wann ist man einer? Wie muss die Message geartet sein, die er mitzuteilen hat, dass man ihn als Schriftsteller respektieren könnte? Worauf kommt es an?

Bücher und solche, die es sein wollen

Ich suche nach einem Buch, das ich lesen könnte, ohne dass es mich langweilt und ohne, dass ich vorher schon weiß, wie die Geschichte weitergeht. Ich suche eines, das zwar nicht über-sentimental ist, aber von kühl-sarkastischen Tönen mit dem Ausrufezeichen “Ich bin sachlich, cool, sarkastisch und neige nicht zu emotionalen Ausuferungen, weil ich dem gemeinen Menschen überlegen bin” verschont ist. Ich möchte überbewertete Genossen wie Paulo Coelho, Khalil Gibran und Saint Exupery vermeiden, obwohl sie sich in jungen Jahren doch warm um mein Herz herum schlossen und Erkenntnisse über die Realität noch lange hinauszögerten. (Danke dafür). Doch noch mehr möchte ich solche gefeierten Untalente wie Daniel Kehlmann ausschließen, die aus einer wunderbaren Geschichte wie die von Gauß und anderen Wissenschaftlern eine Art “Kratzt-mich-irgendwie-gar-nicht”-Erzählung machen, in der man die ganze Zeit über auf einen Höhepunkt wartet und die Identifikation mit den Figuren gar nicht gelingen will, weil er meint, die indirekte Rede durchgehend als “geniales, stilistisches Mittel” nutzen zu müssen und für dieses absolute Unfähigkeit, einen mitzureißen, auch noch in den Schrifstellerhimmel gelobt wird. Ich suche etwas – etwas anderes. Etwas, das mich Dinge lehrt.

Dostojewski traue ich mich nicht zu lesen. Ich möchte immer noch zwei bis drei Bücher vom Meister ungelesen im Regal stehen lassen, für wirklich schwere Zeiten, in denen ich etwas brauche, auf das ich mich freuen kann. Aber was, wenn ich sie irgendwann alle gelesen habe? Was dann? Wer weiß jetzt Rat?

Es ist aber auch nicht einfach mit mir. Nachdem ich “Die durch das Feuer gehen” von Raj Kamal Jha gelesen habe und währenddessen tausend Höllentode gestorben bin, habe ich kein anderes Buch mehr angefasst. Nichts erschien mir mehr ebenbürtig. Weder vom Schreibstil her, noch von der Geschichte, noch von der Höllenfahrt der Emotionen, noch von der Fantasie und der Kreativität. Die Ernsthaftigkeit dieses Buches, die Detailverliebtheit des Schrifstellers gerade in der Sektion des Um- und Beschreibens von tiefem Leid, hat mich gekillt. Ich habe das Buch immer versteckt, damit ich nicht weiterlesen muss, doch es ging nicht. Es krallte sich in mich, meinen Kopf, meinen Gedanken ein und zwang mich, die Augen nicht zu schließen, nicht wegzuschauen. In einem zähen Kampf las ich es. Es wegzulegen kostete Kraft, es wieder zu ergreifen auch, es zu lesen, zehrte an mir, es nicht zu lesen, brannte. Und nun? Was soll ich danach lesen? Es sollte seichtere Kost sein, mir keine Gefühle des Erbrechenwollens bringen, aber es soll mich dennoch packen. Wenn ich lese, will ich neue Menschen kennenlernen. Kann mir also jemand etwas empfehlen? Weiterlesen

Die Eleganz des Igels

» Wie verläuft also das Leben? Tapfer bemühen wir uns Tag für Tag, unsere Rolle in dieser Schattenkomödie zu spielen. Primaten, die wir sind, besteht der Hauptteil unserer Aktivität darin, unser Territorium zu erhalten und zu unterhalten, auf dass es uns Schutz gewähre und unser Selbstgefühl hebe, auf der hierarchischen Leiter der Sippe aufzusteigen oder nicht abzusteigen und, sowohl zum Vergnügen als auch der verheißenden Nachkommenschaft willen, auf alle möglichen Arten Unzucht zu treiben – und sei es in der Fantasie. So setzen wir einen nicht unbedeutenden Teil unserer Energie dazu ein, den anderen einzuschüchtern oder zu verführen, da diese beiden Strategien allein das territoriale, hierarchische und sexuelle Streben sichern, das unseren conatus anregt. Doch nichts von alledem gelangt in unser Bewusstsein. Wir sprechen von Liebe, von Gut und Böse, von Philosophie und Kultur, und wir haken uns an diesen ehrenwerten Ikonen fest wie die durstige Zecke an einem großen warmen Hund. Doch bisweilen erscheint uns das Leben als eine Schattenkomödie. Wie aus einem Traum gerissen, sehen wir uns beim Handeln zu, und fassungslos darüber, wieviel Energie die Wahrung unserer primitiven Bedürfnisse verlangt, fragen wir uns verblüfft, wo die Kunst geblieben ist. Unser besessenes Fratzenreißen und Augenzwinkern erscheint uns plötzlich als der Gipfel der Belanglosigkeit, unser behagliches Nest, Frucht einer zwanzigjährigen Verschuldung, als eine sinnlose barbarische Sitte, und unsere so hart errungene und so ewig prekäre Position auf der gesellschaftlichen Leiter als plumpe Eitelkeit. Was unsere Nachkommenschaft anbelangt, so betrachten wir sie mit einem neuen und entsetzten Auge, denn ohne die Fassade des Altruismus erscheint der Akt des “Sich-Fortpflanzens” zutiefst unangebracht. Bleiben nur die sexuellen Freuden: doch mitgerissen vom Strom der Urnöte gehen sie unter, denn die Gymnastik ohne die Liebe passt nicht in den Rahmen dessen, was man uns gelehrt hat.

Die Ewigkeit entzieht sich uns.

An jenen Tagen, da auf dem Altar unserer innersten Natur alle romantischen, politischen, intellektuellen, metaphysischen und moralischen Überzeugungen, die man uns in Jahren der Unterweisung und Erziehung einzuprägen versucht hat, ins Wanken geraten, versinkt die Gesellschaft, ein von großen hierarchischen Wellen durchflutetes territoriales Gebiet, im Nichts des Sinns. Keine Reichen und Armen mehr, keine Denker, Forscher, Entscheidungsträger, Sklaven, keine Guten und Bösen, keine Erfinderischen und Gewissenhaften, Gewerkschafter und Individualisten, Progressisten und Konservativen; es gibt nur noch primitive Hominiden, deren Fratzen und Lächeln, Gangart und Putz, Sprache und Kode, eingetragen auf der genetischen Karte des Durchschnittsprimaten, nichts anderes bedeuten als: Die Rangstufe halten oder sterben.

An diesen Tagen haben sie ein verzweifeltes Bedürfnis nach Kunst. Sie verspüren das brennende Verlangen, an ihre geistigen Illusionen anzuknüpfen. Sie haben den glühenden Wunsch, etwas möge sie vom biologischen Schicksal erretten, damit Poesie und Größe nicht ganz aus dieser Welt verbannt seien.

Dann trinken sie eine Tasse Tee oder sehen sich einen Film von Ozu an, um sich aus dem Reigen der Gefechte und Schlachten zurückzuziehen, die zu den unserem herrschsüchtigen Geschlecht vorbehaltenen Bräuchen gehören, und um diesem leidenschaftlichen Theater den Stempel der Kunst und ihrer wichtigsten Werke aufzuprägen. «