Der nackte Mann

Seine Wut ragte heraus, und es war ihm eine Schande, dass sie genauso wenig Beachtung fand wie sein verkümmerter Samen. Er versuchte zu zerstören, was er nicht haben konnte. Er gab alles, um die Brücken hinter sich zu zersprengen, die er sonst in absoluter Gewissheit wieder zurückgerannt wäre. Er log sich Macht vor – das Gefühl des von ihm selbst Gemachten – indem er noch vor dem Moment seiner aufkommenden Gier nach Wärme ein mögliches Zurück zugrunde richtete. So entstehen Herrscher, einsame Kämpfer gegen das Schöne, spätere Diktatoren und Kleingeister: nur und allein durch diese Angst. Vor der Lächerlichkeit, vor der Ablehnung, vor der Nacktheit des verletzten Mannes und noch schlimmer: Vor der Blindheit in Gegenwart seines Leides.

Harmonie

Als Neunjährige hatte ich eine interessante Gabe: Ich konnte noch so schwere Stücke in meinem Kopf zu Ende summen, noch bevor die Melodie schon dort angekommen war, wo ich bereits war. Ich wusste einfach, wie eine reife und harmonische Melodie zu sein hat; und in meinem kleinen Weltbild dachte ich: Wenn der Komponist gut ist, wird er das Lied so weiterschreiben wie ich es in meinen Gedanken weitergesummt habe. Oft war es dann auch so – und ich war glücklich, weil es sich in einem realen Klang noch viel wunderbarer anhörte als in meinem Kopf. Manchmal wurde ich aber auch überrascht. Überrascht, wenn eine Abweichung sich als wunderbar erwies, nicht wunderbarer als das, was ich erwartet hatte, aber doch genauso. Aber meistens wurde ich enttäuscht, weil die Abweichung mehr als kakophonisch anmutete und ich nur dachte: Wie kann man ein so schönes Lied nur zerstören? Schade, dass mir gerade keine Beispiele einfallen.

Ich frage mich, ob wir Menschen ein universelles Gefühl für Harmonie haben, und ob für alle Harmonie etwas mit einer gewissen Ordnung zu tun hat. Oder ob es Menschen gibt, für die Chaos harmonisch ist und Ordnung etwas Unharmonisches. Ich glaube, wir müssen hierbei unterscheiden zwischen dem, was wir gerade brauchen und was wir wirklich als harmonisch bezeichnen. Oft brauchen wir die Aggressivität von Chaos, einer Art Zerstörung aller Regeln, damit wir uns kurz frei fühlen. Das heißt aber nicht, dass wir Chaos für harmonisch halten. Weiterlesen

Fieber aushalten

»Es ist gar nicht so schwer, sich einen großen Namen zu machen [...]
Sei immer treu und zuverlässig, gib über 100 Prozent
und sei nur ein einziges Mal abwesend oder nur durchschnittlich: und du bist ein Verräter oder Versager. Sei immer abwesend, wenn man dich braucht,
denke nur an dich und deine Ziele und sei nur ein einziges Mal da:
dann bist du gottgleich.«

… und sobald das Selbstwertgefühl steigt, geschieht noch viel mehr. Ein Lauffeuer breitet sich aus in alle Ecken, Windungen und Wunden, die man bis dahin einfach hinnahm. Es ertönt seit kurzem – wenn auch noch immer zu selten – das Wort „Nein“ heraus. Man fängt an, abzuwägen: Kann die Person diese eine kleine Aufgabe wirklich nicht alleine erledigen? Oder will hier jemand nur ein bequemes Leben auf deine Kosten? Und schon traut man sich „Nein“ zu sagen. Sobald man die eigenen Kosten für genauso wertvoll hält wie die der anderen, kann man „nein“ sagen. Es kann gut sein, dass man andere Menschen damit an den Kopf stößt, immerhin sind sie anderes gewöhnt, immerhin konnten sie sich immer darauf verlassen, dass man (okay: ich) einen Mehraufwand mit genauso viel Kraftaufwand auf mich nehme, damit ein anderer den selben Kraftaufwand nicht auf sich nehmen muss. Mit welcher Begründung, weiß weder ich noch die andere Person: aber man tut es, man delegiert, wenn man kann. Jeder versucht Last abzuwerfen, wenn irgendwie möglich. Dann gibt es eben diese Eselmenschen ohne Selbstwertgefühl, die das Gefühl haben, ihre Existenz rechtfertigen müssen, weil irgendwann einmal jemand ihnen verinnerlichte, sie seien nicht gut genug – und diese sagen dann: „OK, mach ich.“ Dieser Esel in mir wird immer kleiner. Ja, mein Freundeskreis schrumpft vielleicht, es kann sein, dass einige sauer auf mich sein werden – was soll’s? Eines weiß ich jetzt: Es ist nicht mein Problem. Nicht mehr. „Neinsagen“ ist mein gutes Recht – wenn nicht sogar mehr eine Pflicht; vor allem, wenn ich weitaus mehr in Arbeit ersticke als die, die mich „um etwas Kleines“ bitten. Der nächste Fortschritt für mich wäre, nach einem „Nein“ keine ellenlangen Gründe mehr für mein „Nein“ zu nennen in der Hoffnung, dass man Verständnis für mich hat. „Nein, ich habe gerade leider zuviel um die Ohren, das schaffe ich nicht“ sollte reichen. Das versuche ich dann gleich beim nächsten Mal. Weiterlesen

Das Selbstexperiment

Die von Selbstzweifeln geplagte Frau ist mir irgendwie abhanden gekommen. Seitdem hat sich sogar mein Gedächtnis verbessert, und ich kann mir Lernstoff viel schneller einprägen. Wie kann es sein, dass der Ballast der Selbstablehnung so heftig auf die Leistung schlägt?

Ich habe vor acht oder neun Wochen ein Experiment begonnen, nachdem ich nach einem Seminar bemerkte, dass ich an das, was ich über Psychotherapie und Interventionstechniken lernte, nicht glaubte. Dass eine sehr laute und sarkastische Stimme in mir sagte: „Oh Mann, mit dem Scheiß willst du später Menschen, die Hilfe brauchen, helfen? Das glaubst du doch selbst nicht.“ Also habe ich nur einen kleinen Therapiebaustein genommen und ihn sogar unter sehr suboptimalen Bedingungen durchgesetzt: Ich habe tagtäglich gegen meine automatischen Gedanken angekämpft („Du kannst das nicht“, „Du bist zu blöd dazu“, „Du bist fett“, „Du bist hässlich“, „Du bist nicht liebenswert“), indem ich die Komplementärgedanken dazu bewusst „gedacht“ habe (“Du kannst das”, “Du bist sehr intelligent, schön, liebenswert”). Mit der Zeit habe ich die automatischen negativen Gedanken mit viel Mühe und einsetzenden Kopfschmerzen immer und immer wieder korrigiert, bis ich vor Erschöpfung wütend wurde. Diese Wut war aber verdammt gut und heilsam. Sie hat mir nämlich plötzlich die Frage gestellt, warum ich mir überhaupt seit Ewigkeiten das Recht verwehrte, mich wirklich in Ordnung zu finden? Warum eigentlich? Wo bin ich denn soviel schlechter als andere? “Ja, zähl’ mal auf, Sherry. Worin genau bist du denn so abgrundtief schlecht, dass du dich verachten müsstest?” Diese wirklich konkrete Frage erforderte eine konkrete Antwort, die ich gar nicht geben konnte. Wenn ich etwas nicht beantworten konnte, dann doch, weil das Gefühl gar nicht auf Fakten beruhte. (Simple Schlussfolgerungen sind manchmal sehr heilsam.) Weiterlesen

Wir Frauen aus Masculinium

Wir sind die Frauen dieser Männer aus Masculinium. Wir waren Eigentum, seit die Hebamme das Wort „Mädchen“ schrie. Wir wissen, wie wir diesen Männern gefallen können. Von ihrer Zutraulichkeit hängt unser Wohl ab, und ihre Zutraulichkeit hängt von unserer Schönheit und von unserem Gehorsam ab. Wir halten ihre Ehre in unseren Herzen, wer sie sind, macht uns zu dem, wer wir sind. Und eigentlich tragen wir sie auch zwischen unseren Schenkeln. Wir hüten unsere Zunge vor dem Fluch, einen scharfen Verstand zu haben, denn ein Werkzeug, das verboten ist, nutzlos rumliegen zu sehen, ist Qual, ist Schmerz. Unsere Hände liegen in unseren Schößen, bis sie in ihren liegen. Und nutzen tun wir sie außer für ihre Entspannung noch für das Zaubermahl, das wir ihnen und ihren Söhnen zubereiten; ihre Last ist schwer, sie tragen Schwerter und Ämter. Wir verstehen davon nichts, wir stärken sie nur. Man lehrte uns, immer in einer Art zu denken, zu fühlen, zu handeln und zu lieben, dass die Männer und ihre Ur-Ahnen stolz auf uns sein können. Schande kann sich keine von uns erlauben, wir sind von Anbeginn der Zeit zu ihrem Gefallen erschaffen worden. Wenn wir nicht gefallen, was sollen sie dann noch mit uns? Wir lehren diese Weisheit unseren Töchtern. Und unseren Söhnen versprechen wir die weite Welt der Wunder. Wir sind Frauen. Wir sind ihre. Frauen aus Masculinium.

Wo man wäre wenn und wenn nicht …

Ich sieze meine Gedanken. Sie sind mir fremd. Sie passieren an mir vorbei; und irgendwo in irgendeinem Zen-Buch las ich, dass doch genau das gut sei, wenn Gedanken an einem vorbeizögen. Ich will nicht an mir vorbeiziehen, ich will alles spüren. Jeder Duft und jede Begegnung soll eine Prägung in mir hinterlassen, damit ich nie vergesse, dass meine Füße sich immer und immer wieder auf die Erde legen. Wüstenstaub macht die weichesten Abdrücke. Als sei man nie dortgewesen, kommt ein Wind und du warst nur eine Fatamorgana – niemand kann beweisen, dass es dich wirklich gab. Deshalb liebe ich die irische Landschaft so. Grün, matschig, nebelig, voll druidenhafter Romantik, und doch felsenhaft und schmerzhaft – bei jedem Schritt. Als man damals erzählte, Arielle habe bei jedem ihrer Schritte Messerstiche gespürt, fanden alle das so grausam. Nur ich dachte als zweiten Gedanken: Aber Menschsein bedeutet Leiden. Arielle wollte es so. Als ich vierzehn war, wollte ich Priesterin in Avalon sein, weil ich die Bürde des Heidentums in mir tragen wollte, alle religiösen Regeln waren so falsch wie ihre Verkünder; und was sollten wir denn anfangen mit einer Religion, die aus der Vielfalt nur das einzig Wahre machte? Heute suche ich nach dem einzig Wahren und weiß, dass sie die Vielfalt braucht und ohne sie nur ein verzerrtes Spiegelbild der alten Hexe in Schneewittchen ist.

Diese Sätze ketten sich aneinander, auch wenn ich denke, sie seien frei, nur weil ich schreibe, ohne zu denken. Doch nie hätten sie so entstehen können, wäre ich mit drei Jahren nicht aus den Armen meines Vaters gerissen und in den Flieger nach Deutschland gesetzt worden. Wo wäre ich, wäre ich in meiner Heimat aufgewachsen und wer wäre ich, wenn ich nicht hätte fliehen müssen? Wäre ich mutiger? Wäre ich größer? Wäre ich glücklicher? Wäre ich eine, die durch das Schreiben manchmal doch noch die Erlösung findet? Damals war mir das Schreiben weitaus heiliger als heute. Was es verändert hat, kann ich nur ahnen. Es liegt nicht nur an der Verfügbarkeit wunderbarer Texte, digital vermittelt und weniger greifbar und dadurch fern von sinnlichem Wert. Es ist eher, dass ich nicht mehr daran glaube, durch das Schreiben etwas verändern zu können. Meine Gedanken erschlaffen schon, bevor ich sie zum Höhepunkt bringen kann. Den Punkt, den ich treffen will mit der Bündelung meiner ganzen Energie und Leidenschaft, den verfehle ich immer öfter. Mich betrübt das. Deshalb schreibe ich so wenig und immer weniger … Ich hoffe, ich verlerne es nicht gänzlich.

Von der Jugend und vom Schicksal

Seltsam, dass viele erst dann zufriedener mit sich werden, wenn der Zenit der jugendlichen Schönheit vorüber ist. Erst dann bekommt überhaupt das Gefühl für die eigene Schönheit Magie; Formen, die man damals ablehnte, beginnt man an sich selbst zu bewundern. Deshalb beneide ich die Teenies von heute nicht, während viele meiner Freundinnen jammern und sagen „Ach wäre ich doch wieder achtzehn.“ Ich erinnere mich aber noch genau, wie es war, achtzehn zu sein. Ich war grundsätzlich immer (!) zu dick, selbst wenn ich die untere Grenze von Normalgewicht erreicht hatte. Alles an mir stimmte nicht. Augen, Nase, Mund, Haut – ich habe immer etwas gefunden, das potenziell abstoßend war – heute weiß ich: abstoßend nur in meinem Kopf. Jede Annäherung und Liebeserklärung habe ich im ersten Augenblick immer als Verarschung interpretiert. „Wiewas? Der verarscht mich doch. Verliebt kann er unmöglich sein, nicht in mich.“ Das war nicht schön, das war ein ständiger Kampf um einen Preis, den es niemals geben würde. Andererseits gab es diese innere Aufregung, dieses Spielen mit dem Neuen – die ganze Welt: ein Rätsel. Ein noch größeres Rätsel: Das männliche Geschlecht. Und sie bereiteten uns heftige Bauchschmerzen, die wir aber niemals hätten missen wollen.

Ich weiß, dass wir Frauen häufig den Anschein machen, dass Männer uns nicht wirklich beeindrucken, dass wir sie längst durchschaut hätten, dass sie einfach gestrickt seien und man nur ein wenig mit dem Popo wackeln muss, um sie in die Falle zu locken. Aber so sehen wir Männer nicht, wir geben nur vor, es zu tun. Die größte Angst vieler Frauen ist, dass ihre Männer eines Tages sehen, dass es eigentlich keine guten Gründe mehr gibt, bei ihnen zu bleiben. „Was habe ich mehr zu bieten als andere Frauen? Jetzt altere ich auch noch, wieso sollte er bei uns bleiben?“ Dieser Gedanke basiert auf einer sehr fatalen, unbewussten Einstellung, nämlich jener, dass der Grund für die Liebe unserer Männer, fast nur im Aussehen zu suchen ist oder der Kompetenzen im Liebesspiel. Weiterlesen

Einachtel ihrer Hand

Gestern saß eine ältere Dame neben mir in der Bahn. Wir haben uns unterhalten, und ich habe bemerkt, dass sie über weitaus mehr als das Belanglose reden wollte. Als hätte ihr so lange niemand zugehört, wollte sie soviel mehr erzählen. Doch da war dieser Augenblick der Zurückhaltung in mir, der mich davon abhielt, ihre Hand zu nehmen und zu sagen: „Reden Sie mit mir. Ich weiß, Sie haben viel zu erzählen. Und es wäre mir eine Ehre, Ihnen zuzuhören.“ Woran liegt das, frage ich mich im Nachhinein, dass ich mich zurückgehalten habe? Warum kann ich nicht vergessen, dass man ablegehnt und für seltsam gehalten werden kann? Warum macht es mir etwas aus, Ablehnung zu erfahren? Was hätte ich verloren, wenn sie mir mit ihren kleinen, lebendigen Augen Widerwillen signalisiert und geschwiegen hätte? Ich hätte doch eh zwei Stationen später aussteigen müssen. Doch ich hätte den Augenblick zerstört. Das hätte ich mir nicht verziehen. Dem Augenblick noch mehr Magie verwehren, um die vorhandene nicht zu gefährden. Tun wir das nicht alle?

Und doch unterhielten wir uns weiter; und sie lächelte und sprudelte lebendig aus ihrem Leben, erzählte über ihre Enkelkinder und Kinder, die viel zu selten vorbei kamen. Sie sprach über die Veränderungen der Zeit, ihre Rasantheit und ihre Bedrohung. Sie sprach mit unbeweglichen Händen; ein Ausdruck dafür, dass sie aus einer Zeit kam, in der es sich für eine Frau nicht schickte, sich zu öffnen und impulsiv zu sein. Einmal legte sie ihre Hand auf meine, als sie mir einen guten Rat geben wollte. Nur ganz kurz, nicht großflächig, nur einachtel von ihr lag auf meiner. Und ich zog sie nicht weg, ich sah ihr ins Gesicht und hörte ihr aufmerksam zu, dankte ihr für ihren wertvollen Rat. Als ich gehen musste, tat es mir weh. Eine ungewollte Trennung, die unsere Körper von uns forderten. Ich wollte ihr nicht das Gefühl geben, dass irgendetwas aus dem Alltag wichtiger wäre, als ihren blauen Augen zu folgen, ihrer Geschichte und ihrer zurückgehaltenen Wärme und Sehnsucht. Aber wie wäre das wiederum rübergekommen? „Ach, wissen Sie was, ich bleibe in der Bahn und fahre mit Ihnen weiter.“ Die Angst vor Aufdringlichkeit und der Überschreitung intimer Grenzen macht mir das Leben hier manchmal so schwer. Warum können in solchen Momenten nicht alle ein wenig orientalisch sein? Weiterlesen

Nicht …

Da redest du. So, wie du nun einmal bist – so ganz und gar am Puls der Gegenwart vorbei. Da sind Worte, die sprichst du kraftvoll und doch nur mit kalter Zuversicht. Neben dir ein Drama. Hinter dir eine ungewollte Zukunft. Vor dir die Verzweiflung. Doch all das interessiert dich nicht. Deine Hände gestikulieren, während deine Augen hilflos in deinem Schoß liegen. Wohin du auch gehst, hinterlässt du Fragen. Doch Antworten? Die gibt es nicht. Was auch immer du tust, deine Heimat suchst du am falschen Ort. Doch die Heimat, die zu dir kam und um Obdach bat, die willst du nicht. Wir schnüffeln an der Vergangenheit wie Seemänner an ihrem letzten Atemzug in einem sinkenden Schiff. Doch unser Erstickungskampf währt ewig. Die Sirenen schweigen schwer, denn dich zu verführen, dass gelingt ihnen nicht. Lass uns schlafen, Geliebter. Müde bist du. Ein wenig vergessen und das Leben liegen lassen. Für alles andere gibt es dieses unvollendete Gedicht.