Der Versuch sich selbst zu erschaffen

Seit Monaten beschäftige ich mich mit den kreisenden Gedanken um ein Tattoo. In meinem Alter ist das seltsam, wo ich diesen Verführungen in Teeny-Jahren trotz besonderer Anfälligkeit erfolgreich entsagen konnte (Mit Hilfe meiner Eltern natürlich). Ich habe noch keine genaue Vorstellung, wie es aussehen soll, weil ich nicht weiß, wie das, was ich auf meiner Haut ausdrücken will, überhaupt in ein Bild gebracht werden könnte. Also halte ich einfach nur an diesem Vorhaben fest, ohne eine genaue Idee zu haben und warte nur noch auf diese eine Sache – diese eine Hürde – die ich noch zu überwinden habe, um mir danach die Markierung in meinem Lebenslauf aus einzugravieren. Nicht irgendwo in der virtuellen Welt, in einem Tagebuch, das verloren gehen könnte oder irgendwo außerhalb von mir, sondern auf mir selbst. Immer da als Beweis dafür, dass alles wirklich geschehen ist und ich überlebt habe.

Wie es der Zufall so wollte, bekam ich in diesem Semester den Kurs “Körperdysmorphe Störungen” auch wirklich zugeteilt. Bei der Körperdysmorphie handelt es sich um eine überdimensional ausgeprägte Beschäftigung mit einem “Makel” am Körper, der vielleicht gar keiner ist oder von der sozialen Umwelt gar nicht als solcher wahrgenommen wird – aber dafür umso extremer vom Betroffenen selbst. Dabei kann es sich um alles Mögliche handeln: Um die Nase, den Mund, die Füße, die Akne, die Sommersprossen, ja, sogar die Muskeln und die Figur. Es gibt Männer, die tragen unter ihren Klamotten drei bis vier Schichten andere Klamotten, nur weil sie davon überzeugt sind, dass sie spargeldünn und schwächlich aussehen müssen. Vom Gegenteil überzeugen kann man sie nicht ohne Weiteres. Weiterlesen

Wissenschaftskritik – oder: Ψ = f (Φ)?

In den nächsten Tagen habe ich mir vorgenommen, mir die guten Schriften und Gegenargumente gegen den Determinismus und für den freien Willen durchzulesen. Ich glaube nämlich, ich habe eine kleine Lücke gefunden in meiner Argumentation, die ich nicht bedenken konnte, weil ich sie nicht so ganz verstanden habe. Es geht um das Beobachtungsprinzip der Komplementarität [ja, Lieblingsthema gerade] und die Heißenbergsche Unschärferelation als Resultat dieser. Sollte nun genau in dieser Unschärfe das Bewusstsein liegen oder der freie Wille, dann hätte ich echt eine Lücke gefunden, in der der Funke des freien Willens Platz finden würde. Andererseits ließe sich dann immer noch nicht sagen: “Weil wir ein antimaterielles Bewusstsein haben, das sich neurologisch auch nicht einfachso lokalisieren lässt, haben wir einen freien Willen.” Dieses Bewusstsein kommt ja von irgendwoher [und nicht von uns, wir haben alles bekommen] und scheint eine Verbindung mit uns als Natur- und Sozialwesen mit all den genetischen Prädispositionen und den damit einhergehenden sozialen Determinanten einzugehen. Die Formel hieße also immer noch: “Wäre ich wie du und wäre mit exakt den selben Innen- und Außenbedingungen auf die Welt gekommen und hätte die selben Erfahrungen gemacht wie du, wäre ich auch du. Exakt wie du.” Das Problem an der Geschichte ist nur, dass es niemals zwei identitische Menschen geben kann, nicht einmal Zwillinge können diese Bedingungen leisten, denn selbst, wenn alles komplett identisch wäre [organisch und sozial], hätten wir immer noch das Problem der Lokalität: d.h. zwei identische Menschen können nicht exakt selben Raum einnehmen, weil der eine ja schon einen Teil einnimmt und der andere sich nicht einfach in ihn und seinen Körper hinein legen kann. Und allein diese Differenz der Lokalität kann einen so derart ausgeprägten Butterfly Effect mit sich ziehen, dass wir schon wieder nicht von identischen Bedingungen sprechen könnten und demnach die Hypothese “Wäre ich exakt wie du, wäre ich du” gar nicht erst überprüfbar wäre [außer man könnte Realität simulieren, aber das ist Zukunftsmusik]. Hier bleibt also immer noch unbeantwortet, welcher Aspekt in uns die Unschärfe darstellt und was diese Unschärfe in uns bewirken kann. Weiterlesen

Sichtweisen

Je nachdem, welche Vorannahme [Hypothese] man hat, können die selben gesammelten Daten zu völlig verschiedenen Schlussfolgerungen führen. Das ist ein wenig ernüchternd für Menschen, die eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung suchen. Doch das sollte man gar nicht erst wollen, denn die Präzision, die wir suchen, können wir allein aufgrund unserer Wahrnehmungsgrenzen und -verzerrungen nicht leisten. Bleiben wir bescheiden, erwarten wir nur das Mögliche.

Man erlebt das auch immer wieder im Alltag. Je nachdem, was uns gerade besonders beschäftigt oder welches Menschen- und Weltbild wir indoktriniert bekommen oder uns selbst durch Erfahrung angeeignet haben, kann ein und das selbe Verhalten einer Person von zwei verschiedenen Lebensbiografien unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden. Ein kleines Beispiel: Wenn ich auf Persisch sagen möchte “Du Vollpfosten, das war völlig falsch, was du gemacht hast” sage ich “Ghalat kardi!” [So im Sinne von "Du Idiot, voll vermasselt! Mach' das nie wieder, ist das klar?"] Wenn ich mich nun mit einer Afghanin unterhalte, kann es sein, dass sie zu mir sagt “Ghalat kardi” und dabei liebenswürdig lächelt. Warum lächelt sie dabei? Weil sie, trotz, dass wir rein linguistisch die “selbe” Sprache sprechen, doch eine andere spricht. Sie wollte nicht unhöflich zu mir sein, sondern wollte mir nur mitteilen: “Oh, das hast du falsch verstanden, tut mir Leid. Ich erklär’s nochmal …” In so einer Situation würde ich mit offenem Mund da stehen und ihre aggressionslose Mimik mit ihrem Satz – in meiner Kultur beleidigend – interferieren lassen und stocken. Peng! Schon ist meine Welt durcheinander. Weiterlesen

[Replik]: Die "priviligierte" Frau

Konstantin Sakkas hat einen dummen Artikel über die Frau geschrieben. Es gibt keine allgemeinen Gründe dafür, warum dieser Artikel so dermaßen mit unreflektierter Flachheit strotzt, dass man als halbwegs gebildeter Mensch dazu geneigt ist, sich fremd zu schämen. Es gibt nur einen spezifischen Grund, der mit Herrn Sakkas selbst zu tun hat. Er scheint – was dieses Thema angeht – ein sehr ungenauer, verschleiernder, ja, fast diffamierender Mensch zu sein, der entweder Wissen zurückhält oder dieses Wissen tatsächlich gar nicht erst besitzt. Was fahrlässiger ist, könnt ihr selbst entscheiden. Für gewöhnlich recherchieren Menschen, bevor sie einen Artikel schreiben. Würde ich jedoch seiner Argumentationslogik folgen, sähe meine Hypothese folgendermaßen aus: “Der Artikel von Herrn Sakkas ist so dumm, weil der Autor ein Mann ist. Punkt.” Nichts anderes sagt er nämlich. Im Gegensatz zu seinen Behauptungen kann ich seine Flachheit jedoch belegen.

Herr Sakkas behauptet entgegen jeglicher Forschung bzgl. der Förderung von Mädchen und Jungen in Sachen Bildung, der Voreingenommenheit in pädagogischen Institutionen gegenüber naturwissenschaftlichen Leistungen von Mädchen, der stärkeren Förderung von Jungs bzgl. technischer und naturwissenschaftlich-mathematischen Wissens in den Familien sowie später im Berufsleben, dass Frauen nur bessere Noten, Abschlüsse und Ausbildungen genießen würden, weil sie schlicht und ergreifend Frauen seien. Grund: 90% der Frauen seien hübsch und würden so an Sympathiepunkte kommen und dadurch ohne Mühe, Kampf, Widerstand und Erschwerungen erfolgreich nach vorne schreiten. Er bringt dabei furchtbar “reliable” Beispiele wie: eine Frau müsse nicht zu einer Party eingeladen werden. Wenn sie auftauche, sei sie einfach willkommen. Männer aber nicht. [Oh ja, für uns als junge Frauen war es immer ein ganz tolles Gefühl, nur deshalb willkommen zu sein, weil man als Frischfleisch angesehen wurde!] Dann jammert er darüber, dass Frauen ja sowieso von Natur aus reifer seien als Männer und deshalb auch erfolgreicher – am Anfang zumindest, sprich: bis zum 30. Lebensjahr. Mir erschließt sich der kognitive Unterschied während der pubertären Phase zwar, aber nicht der vor dieser. Wie möchte er die besseren Noten der Mädchen in der Grundschule erklären, wenn Jungen und Mädchen entwicklungspsychologisch keine großen kognitiven Differenzen aufweisen und deshalb in Forschungsexperimenten auch in ein und die selbe Stichprobe aufgenommen werden? Weiterlesen

Die Pharmamafia und ihre Lakaien

Sag’ mal, du dämlicher Typ von Arzt: Wie viel Kohle steckt dir die Pharmaindustrie eigentlich in deinen gewissenlosen Hintern, dass du es wagst, einer Frau mit fünfzig Kilo Übergewicht, Bluthochdruck, Insulinresistenz und Migräne die Pille zu verschreiben, nur weil sie als Folge ihres Übergewichts an leichter Androgenisierung leidet? Wie dumm bist du eigentlich, dass du – anstatt ihren Hormonkreislauf zu regulieren – ihren Hormonkreislauf zerstörst? Bist du dumm oder einfach nur dreist, dass du nicht weißt, dass das Erste, was passiert, wenn man die Pille, die Tatsache ist, dass die Sensibilität für Insulin sinkt und somit Diabetes Typ 2 vorprogrammiert ist? Bist du dumm oder ist dir nicht klar, dass bei der viel zu starken antiandrogenen Wirkung der Pille der Grundumsatz einer Frau durch die Abnahme der Muskelmasse sinkt und sie so erst recht zunimmt? Bist du dumm oder einfach nur geil auf das nächste, kostenlose Fortbildungsseminar, das dir Pharmakonzern XY finanziert, wenn du wieder 500 Rezepte von Antibabypille Z verschrieben hast? Muss ich jetzt selbst wirklich noch ein Medizinstudium dranhängen, damit ich Familie und – in diesem Fall Freunde – vor euren Schandtaten schützen kann?

Meine Freundin ist stark übergewichtig. So, wie es bei starkem Übergewicht und einem großen Bauchumfang nun einmal üblich ist, entwickelt man eine Insulinresistenz. D.h., dass die Zellen im Körper eine geringere Reaktion auf das ausgeschüttete Insulin zeigen, so dass die Bauchspeicheldrüse noch viel mehr produzieren muss, um die Menge an Kohlenhydrate “abzubauen”, die man zu sich nimmt. Knackpunkt: Je weniger die Zellen auf Insulin reagieren, desto höher der Insulinspiegel – je höher der Insulinspiegel ist, desto höher und öfter Heißhungerattacken. Desto öfter die Heißhungerattacken auftreten, desto mehr nimmt man zu und desto schlimmer wird die Insulinresistenz, bis sie zur Diabetes Typ 2 führt. Dieser erhöhte Insulinspiegel bedingt zudem folgendes: Die Produktion von mehr Testosteron, was zur Androgenisierung führt und unregelmäßiger Menstruation oder sogar ihrem Ausbleiben. So entsteht ein schlimmer Kreislauf des Metabolischen Syndroms, das definitiv nicht mit der Pille behandelt werden sollte, weil es diesen Kreislauf sogar katalysiert! Weiterlesen

In der Zusammenhanglosigkeit verloren

Zusammenhanglose Zähne klappern arhythmisch um Aufmerksamkeit, und der Loseste scheint zu gewinnen. Wir beachten immer alles, das wir zu verlieren drohen, aber immer auch erst dann und nicht vorher. Gebrochene Mädchen ringen um ihr Selbstwertgefühl, indem sie sexuelle Anziehungskraft mit Liebenswürdigkeit verwechseln. Kalte Nächte, zerwühlte Betten, sexueller Devotismus ohne echte Hingabe, ein Macho, der drei andere neben ihr hat und dann die Trennung, bis der Kreislauf von neuem beginnt. Nur mit weniger Selbstwertgefühl und noch stärker der Drang, durch sexuelle Anziehung Liebe zu ergattern. Der Bruch mit sich selbst verunstaltet uns, die Atemwege sind verstopft mit Habenwollenlisten, die unsere wahren Wünsche verbergen. Wir stagnieren in unserer Maske und sind belagert von unserer Verdrängung und wundern uns über Panik- und Erstickungsanfälle in der Nacht. Lasst uns schlafen und neu beginnen, frei von Altlasten, neu beginnen. Und dann kommt die Marketingfalle und schnappt zu, weil wir die höchste Offenheit in unserer Verzweiflung zeigen, wenn jeder Wegweiser wie der letzte Strohhalm verinnerlicht wird. Weiterlesen

Die prägnanteste Form der Einsamkeit

Die prägnanteste Form der Einsamkeit, einer, aus der man sich rauswinden will und nicht einer, die man akzeptiert, ist das Schreiben. Schreiben ist eine Form der Einsamkeit. Die Hartnäckigste, die ich kenne. Sie geht über die anderer Kunstarten hinaus, denn sie bedient sich absolut realitätsfremder Symbole, die nicht einmal annähernd ikonische Zeichen darstellen. Ohne, sie vorher zu erlernen, kann niemand etwas mit ihnen anfangen. Die Basis ist nicht international, sie ist intelligenz- und wissensgebunden. Ohne daran zu denken, selektieren die Schreiber dieser Welt auf diese Art die Menschen, die sie erreichen wollen. Doch wer malt oder musiziert, der wird immer verstanden, auch, wenn man den Grundgedanken des Künstlers nicht direkt trifft, so versteht man das Gemälde doch für sich selbst und geht eine innere Haltung zum Werk ein. Sogar von einem Säugling bekommt man eine Resonanz, denn auch dieser liebt Töne, Farben und Formen – aber bestimmt keine abstrakten Symbole.

Deshalb ist das [übermäßige] Schreiben – das habe ich gerade für mich erkannt und wer meine Erkenntnisse kennt, der weiß, sie sind sehr wandlungsfähig – eine seelische Störung. Geht sie über die praktische Funktionalität der Informationsspeicherung und -vermittlung hinaus, fußt sie auf innerpsychische Konflikte größerer Art, weil sie eine schizophrene Haltung geradezu herausfordert. Erstens wird der Schreibende aus seiner eigenen, lebensentfremdeten Spirale der gefühlsabstrahierenden Symbolik niemals rauskommen und sichert sich somit die Einsamkeit, der er eigentlich entfliehen will – und zweitens, wird er aus dem Beklagen der Einsamkeit weiterhin die Muse ziehen und weiterschreiben, um eben diese endlich zu beenden [was ihm zu seinem Glück nicht gelingen wird, sonst würde er seine Kunst aufgeben müssen]. Ein Paradoxon, das immer wieder einmal, in den Wunsch mündet, sich selbst einen Maulkorb aufzuerlegen. Weiterlesen

Ich habe Muskeln

Ich habe Muskeln. Ich habe sie in meinen Ohren gelassen, sie wollen dort wachsen und der Welt durch ihren Resonanzkörper ihr eigenes Echo zurückschenken. Wir müssen wissen, wie laut wir sind und wie leer. Und wir müssen wissen, was wir jeden Tag tun, wenn wir Kaffee trinken – von Kinderhänden angebaut-, ihnen mit Peitschenhieben das letzte Brot aus den Händen schlagen und durch unsere Völlerei ihrer Zukunft berauben.

Die Nachrichten öden uns an. Schon wieder Tote, denken wir. Wir sind es gewöhnt, sie wie im Sturzflug auf unser’n Asphalt fallen zu sehen. Wie vertriebene Engel sehen sie aus, dabei sind sie nur vergessene Kinder. Doch kurz vor Knochen- und Blutgeräuschen, lösen sie sich auf und verharren stillstummgepeinigt in der Zeit, weil irgendein neues Event, das man uns als Flyer vor die Augen hält, uns unseren Sinn für sie versperrt. Literaturrunde am Reichenspergerplatz, Integrationsdebatte Nähe Ludwigmuseum, “Wir alle sind Kunst”-Gruppen im Zentrum des Lebens. Studierende erwünscht. Die Elite muss ge-elitet werden. Wir wollen uns in einer geistigen Orgie gemeinsam auf die Schultern klopfen, bestätigen, wie intellektuell wir seien, wie fortschrittlich, wie wichtig – {für uns selbst}. Dann fragt jemand in die Runde “Seid ihr das wirklich? Habt ihr die Toten im Sturzflug gesehen?” Ja, sagt jemand unberührt, angemessen für sein stattliches Bild als rationaldenkender Universalmoralist, der die abgeklärte Überlegenheit aufweist, dem menschlichen Leben so wenig Wert wie möglich beizumessen, so rein philosophisch betrachtet völlig korrekt, doch fernab der fleischlichen Realität. “Ja”, sagt er, “Habe ich. Deshalb bin ich hier, ich plädiere für Bildung, damit soetwas nicht mehr passiert.” Der Jemand schüttelt den Kopf. Ein Zeichen für mittlere Betroffenheit. Kommt an, wird gewürdigt. Weiterlesen

[Liberté] Grass: Medien laufen Amok

Grass hat ein Gedicht gegen den Krieg geschrieben, gegen Israels drohenden Erstschlag, gegen den Maulhelden Ahmadinejad, gegen seinen Populismus und gegen das deutsche Schweigen – gegen das immerwährende, deutsche Schweigen. Stellen Sie sich nur eine Sekunde lang vor, dieses Gedicht sei nicht an Israel adressiert gewesen, sondern an die Islamische Republik Iran. Wie hätten die Medien reagiert? Wie viele kritische Artikel wären gegen dieses Gedicht entstanden, wie viele Sendungen aufgezeichnet, wo doch Israel den Drohgebärden nach eine Bedrohung für das Land Iran darstellte? Wenn Sie ehrlich sind: Gar keine, denn die IRI wird schon seit zehn Jahren zur Achse des Bösen gezählt und zur globaler Gefahr heraufstilisiert, obwohl sie die größte Gefahr einzig und allein für das eigene Volk darstellt. Und noch immer warten wir auf die große „Bombe“ die platzen wird.

Doch stellen Sie sich vor, dieses Mahngedicht gegen die Islamische Republik Iran wäre doch von vergleichbarem Interesse gewesen. Die Reaktion, die daraufhin von den Medien erfolgt wäre, wäre ein simultaner Applaus aus allen Ecken. Herr Grass hätte vermutlich einen weiteren Nobelpreis bekommen, der Stil und die Eleganz seiner Sprache wären hochgelobt worden {auch, wenn sie einfacher nicht hätte sein können}, man hätte ihm stolz auf die Schulter geklopft und ihm mitgeteilt, dass man gar nicht gedacht hätte, dass der Gute in seinen späten Jahren noch so einen messerscharfen politischen Durchblick habe. Ist dieses Szenario für Sie vorstellbar? Sicherlich. {Weiterlesen auf Liberté}

Günter Grass traut sich

Literaturnobelpreisträger Günter Grass beschreibt in seinem Gedicht die Angst, Israel könne den Iran angreifen und “auslöschen”, und das mit Hilfe deutscher U-Boote. Dagegen hat er ein Prosagedicht verfasst und versucht, seine Ambivalenz und Angst zu beschreiben. Die historische Last, die ihn mit Israel verbindet und ihm und vielen Deutschen das Gefühl gibt, man müsse alles akzeptieren, was Israel für sein Überleben entscheidet, liegt schwer in seinen Zeilen. Und dennoch offenbart er uns hier ein lautes “Nein” zum Krieg. Mir ist bewusst, dass für die meisten von uns dieser Krieg noch immer sehr weit weg wirkt, so wie es der Krieg gegen Afghanistan und Irak war, aber er ist es nicht. Ein Krieg gegen Iran ist ein ganz anderes Niveau. Ein Krieg gegen einen nur minimal schwächeren Gegner nämlich; und das werden wir zu spüren bekommen, wenn wir nicht alles in unserer Macht stehende tun, um das zu verhindern. Ich bin froh, dass Grass damit angefangen hat. Ein Schriftsteller zu sein bedeutet, im richtigen Augenblick die Verantwortung seines kulturellen Einflusses wahrzunehmen und zu sprechen, damit wir lauschen und handeln können. {Hier nun sein Gedicht}: Weiterlesen