Tani

Du bist ein kleines, indisches Mädchen, dem ich gestern im Tumult der Einkaufsstraße begegnet bin. Du warst Herrin der chaotischen Lage und ließest dich bei deinen Entdeckungen nicht ansatzweise stören, obwohl deine Familie bunt und durcheinander um dich herum gluckte. Niemand wusste so recht, wo er jetzt langgehen sollte. Schwarze, dicke, zusammengeflochtene Haare, dunkle Haut und ausladende Hüften waren von pinken, orangenen, grünen Saris umwoben. Alle Weiblichkeit versuchte, dich zu hüten. Ich glaube, dein Opa und dein Papa waren auch dabei, und besonders ernst nahm dich dein Papa. Als ich deine Familie fragte, ob ich ein Foto von dir schießen dürfe, sagten die Frauen “Ja, natürlich!”, doch dein Papa antwortete: “Wenn Tani das möchte, ja, gerne!” Ich verstand ihn, also kniete ich mich zu dir nieder und fragte: “Darf ich ein Foto von dir machen, Tani?” Aber natürlich auf Englisch, mit Deutsch konntest du nichts anfangen, ich weiß, komische Sprache [manchmal]. Als du dann lächeltest und etwas näher zu mir tapstest, deutete ich das als “Ja” und machte mit ganz wackeligen Händen dieses Foto von dir. Du posiertest ganz professionell mit deiner leeren Cola Dose in die Kamera und versuchtest, mir dieses nervöse Unterfangen leicht zu machen. Ich bedankte mich bei dir und deiner Familie, und sie bedankte sich bei mir. Ich glaube, du wirst ganz schön ernstgenommen, Tani. Und du hast jetzt schon einen unbezwingbaren, eigenen Kopf. Denn am Ende hast du dann doch mit deinem Fingerchen gezeigt, in welche Richtung dir deine Familie folgen soll. Und sie folgte dir.

Löwenherz

Ich weiß nicht, ob dir das schon jemand gesagt hat, aber du hast ein großes Charisma. In deinen umarmenden Augen sehe ich Spuren einer anderen großen Seele, die mich sehr geprägt hat, deshalb konnte ich den Blick nicht von dir abwenden. Was mich an dir so fasziniert ist, dass du dir noch von niemandem hast einreden lassen, dass du zu der einen Schicht der Gesellschaft gehörst und die Normalos zu der anderen gehören. Wenn du einen von “uns” ansprichst, dann auch, um uns als Menschen kennenzulernen. Vielleicht lächelst du sogar heimlich über unsere Gemeinsamkeiten. Du vergisst die Gesichter nicht, denen du begegnet bist, du siehst jemanden gehetzt an dir vorbeigehen und rufst mit funkelnden Augen: “Hey, wie geht es dir? Lange nicht mehr gesehen!”, und dein Gegenüber freut sich über dein Wiedererkennen nach einem anstrengenden Tag, an dem nur seine Leistungen angesehen worden sind, aber nicht seine Augen.

Du weißt vielleicht nicht, was du den unbeholfenen Normalen für einen Dienst erweist, aber du nimmst ihnen die stets vorhandene Betretenheit, die sie empfinden, wenn sie einem von “euch” begegnen. Diese Mischung aus Scham, Rechtfertigung und Verachtung, die sie selbst nicht verstehen. Ich habe neben all den Essenden, Kaufenden, Lachenden und Schimpfenden heute keine Person mit deiner Wärme gesehen. Ich habe dich von weitem mehr als zehn Minuten beobachtet und mit mir gekämpft und gerungen, ob ich auf dich zugehe, dich frage, dich ausfrage, dich weiterfrage, dich immer mehr frage und offenkundig bewundere – aber heute hat mein Mut nicht gereicht, meine Zunge ist seit Tagen träge und spottet über mich. Deshalb habe ich auf den richtigen Moment gewartet, jenen, der dich und deine Zuwendung anderen gegenüber und dein großes Herz am Besten einfängt; und ich habe mein Bestes gegeben, dir gerecht zu werden. Und ich kann noch nicht einmal stolz auf mich sein, weil dieses Bild besteht nur aus dir. Mehr brauchte es nicht, um schön zu werden. Deshalb habe ich auf die Nachbearbeitung verzichtet. Einfach, weil du in diesem Augenblick vollkommen bist.

Mona

Ich gehe durch die Stadt, weil ich nach dem Seminar nicht nach Hause will. Ich habe Hunger, Hunger im Bauch und Hunger nach schönen Menschen. Meine Kamera habe ich bei mir. Sie baumelt vor meinen Schritten hin und her, und vor allem stört sie. Dann höre ich Musik, es ist wieder Orientalische. Die Straßenmusiker machen mich – wie so oft – glücklich. Während sie mich mit globaler Menschlichkeit erfüllen, fühle ich mich, als sei ich alle Menschen; und just in jenem Augenblick sehe ich diese Frau, diese Frau in Rot. Sie geht langsam und bedächtig, scheint sich fast an ihrem Mann abzustützen, obwohl er sie für soviel stärker hält als sich selbst. So kommt es mir zumindest vor. Ich fasse mich ans Herz, gehe auf sie zu und frage einfach: “Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen? Also, wie soll ich sagen. Ich suche interessante Gesichter, die ich sehr gerne fotografieren würde. Darf ich ein Foto von Ihnen machen?” Ich verdrehe innerlich schon die Augen und denke mir, ich habe mich wieder total blöd angestellt, ich habe doch gar nicht gezielt gesucht, und jetzt hört sich das so an, als würdest du das für ein Projekt machen, dabei ist das hier doch spontan, du meine Güte. Aber als sie mich richtig herzlich anlächelt und sagt “Natürlich”, sind alle meine Bedenken Geschichte. Also beginne ich, Fotos von ihr zu schießen und traue mich nicht, irgendwelche Anweisungen dazu zu geben, doch das war nicht nötig. Sie wusste, wie es geht, dieses Schönsein. Sie versuchte nicht wirklich zu posen, und wenn, dann blieb sie dabei ganz natürlich. Weiblich [nicht herrlich] schön ist sie, nicht nur äußerlich, sondern auch vom mittigsten Punkt ihres Wesens her. Und auch, wenn sich mein Gefühl nun wie ein Klischee anhört, finde ich doch, dass diese Wörter zu ihr passen: Verletzlichkeit und Stolz. Das fiel mir sofort bei ihr ein. Wie eine Rose war sie, eine, die unangetastet war und sich danach sehnte, richtig berührt zu werden. Weiterlesen

Gesehenwerden

In einer dieser engen Altstadtgassen angekommen, suchen wir nach einem Parkplatz. Und da, direkt vor dem klitzekleinen REWE mit der viel zu kleinen Eingangstür, finden wir eine rudimentäre Parklücke, die man auch leicht hätte übersehen können so furz-unsichtbar ist sie. Mr. Serious entscheidet, trotzdem einen Versuch zu starten. Vor dem Supermarkt-Eingang sitzen zwei ältere Männer. Deutlich vom Leben gezeichnet, nicht ganz nüchtern – und zumindest einer von ihnen, der mit dem weißen, langen Bart, ist sehr kommunikativ. Ich bemerke alte Klamotten, ein altes durchlöchertes T-Shirt, das ihm die Welt bedeutet, und eine abgewetzte Jacke. Die Cappies zieren beide, geben beiden Sicherheit, eine Art Einheitlichkeit – und sah man sie, wusste man sofort Bescheid: Ja, die beiden gehören zusammen. Auf der Straße vermutlich eine wichtigere Verbindung, als wir Normalos uns mit einer Wohnung und einer uns umsorgenden Familie vorstellen können. Vielleicht weniger emotional, aber dafür hoch funktional. “Für bedingungslos emotionale Beziehungen holt man sich lieber Haustiere”, erinnere ich mich an die Worte meiner alten Nachbarin, die vor sieben Jahren einem aufgeplatzten Aneurysma erlag. Möge sie in Frieden ruhen.

Mr. Serious macht da irgendetwas am Lenkrad – ich würde sogar sagen, er kämpft. Dreht sein Gesicht nach hinten, schätzt ab, tut irgendetwas. Das Autofahren, das wird nie mein Freund werden, das geht mit meinem ADS einfach nicht gut, denke ich noch, als ich den Bärtigen lachend sagen höre: “Do da bin isch aba jezze ma jespannt, junga Mann. Zack zack und rinne!” Mr. Serious grinst den Bärtigen an. Fast einwenig schüchtern sieht er dabei aus. Das Autofenster ist bis zum Anschlag runter gedreht, damit er sehen kann, was auch immer er meint, sehen zu müssen, um in diese immer lächerlicher wirkende Parklücke rein zu kommen. Ich finde, da kann man nichts sehen oder abschätzen, das waren Millimeterunterschiede – als ob man das Auto millimetergenau kontrollieren könnte. Ich hatte ihm ja auch angeboten, auszusteigen, ihm Anweisungen zu geben wie eine leidenschaftliche Verkehrspolizistin, die aus ihren Hand- und Armbewegungen eine tolle Break-Dance-Welle hinlegt. (Die kann ich übrigens wirklich, und zwar ganzkörper. Das wollte ich nur einmal klarstellen) Aber nein, Mr. Serious will keine Hilfe, außer es geht nicht anders. Und wann er dieses “es geht nicht anders” anfängt, zu empfinden, kann das schon an einem Zeitpunkt sein, an dem “es geht nicht mehr ganz” eigentlich schon “kurz vor Katastrophe” ist. Mr. Serious Definition war dem Bärtigen gleich. Er verteilt fröhlich Ratschläge an ihn und macht klar, was am besten der nächste Schritt sein sollte. Mr. Serious lacht und sagt “Danke, ich weiß” und wendet nervig elegant das Auto in ungefähr zwei bis drei Lenkradhandlungen in die Parklücke. Ich verdrehe die Augen. Hätte er es doch wenigstens einwenig vermasselt, dann hätte der Bärtige noch ein “Siehste Junge” sagen können. Das hätte mir gefallen. Weiterlesen