Endlich

Vater: Was willst du denn eigentlich noch? In deiner Not sprachst du von dem kleinen Hoffnungsschimmer, dem du folgst, damit du sagen kannst, du hättest ein Ziel. Ich will mir nicht anmaßen, dich als orientierungsloses Kind deiner Zeit zu verurteilen – und doch hilft mir meine politisch korrektes Korsett nicht darüber hinweg, dich zu verachten für deine Antriebslosigkeit, deine – ja, wie nenne ich nun dein Dasein ohne Richtung und Verantwortung? – Maßlosigkeit. Maßlos Zeit hast du. Wem sollte dieser Luxus gegönnt sein, wenn nicht jenen, die die besten Jahre ihres Lebens gearbeitet haben? Ich rede nicht von niederer Arbeit. Die groben Kinder, die alles mit ihren Händen, Muskeln, Sehnen und ihrem Schweiß erledigen – und sonst nichts -, die tragen doch keine Lasten mit sich, sie schieben die anderer hin und her und haben des Nachts doch wenigstens ihren ruhigen Schlaf, weil die Steine wieder gen Herren gerollt worden sind. Woran müssen die schon denken? Willst du zeitlebens nichts tun, mir und deiner Mutter auf der Tasche liegen, unseren Namen entehren mit deinem Faible für Huren und Schnaps?

Sohn: Unseren Namen entehren. Es wird Zeit, dass das jemand tut. Den Vorhang fallen lassen, das würde reichen – und doch: mir reicht es nicht. Um die Freude in mir zum brennen zu bringen, bin ich bereit, meinen haarigen Arsch an dem erstbietenden zu verkaufen. Dein arrogantes Gesicht will ich dann sehen, wenn dein einziger Sohn als ein Stück Lustfleisch dient – und jeder das weiß. So sehr mich das in Gedanken auch anwidert, für diesen Moment des Triumphes würde ich das vielleicht tun. Du wirst nie wieder ein Mensch, und schon kein Vater. Ich gebe dich hiermit auf; die einzige Freude, die mir bleibt, war einst mein größter Schmerz: deine Enttäuschung. Dein Entsetzen darüber, dass ausgerechnet ich dein Sohn sein muss. Und da ich nie etwas daran ändern konnte, egal, wie sehr ich mich bemühte, wirst du bekommen, was deiner Enttäuschung auch würdig ist. “Endlich”, kannst du dir dann denken. Da hast du endlich deinen Beweis.

Seine Insignien

Die Sonne ermüdet meine Augen. Glaub’ mir, du hast uns vergessen, mein Herz. Du kannst in deiner schönen Hülle zu mir kommen und dabei nichts empfangen, nichts vergeben und deine Körperwärme von mir stehlen und schaffst es dennoch, mich zu emahnen, dass du zweifellos gekommen bist; dass du abwesend anwesend warst und damit selbstzufrieden bist. Also ergeb’ ich mich.

Deine Fröhlichkeit beleidigt unseren Schwur auf Ehrlichkeit. Du lächelst wie ein Engel, mein Herz. Ein Lächeln mit unbewegtem Blick. Und wie du bei jeder deiner Regungen die Unwahrheit sprichst. Deinen Körper eine Geschichte runterhangeln lässt, die ihren Wert in jenem Moment verloren hatte, in dem du die Spuren eines anderen in dir empfingst.

Deine Finger knirschen vor Anspannung, während du von Jugend sprichst. Dein Geruch ist längst von jenem anderen eingefangen, während du dich in alter Gewohnheit an mich schmiegst. Deine Hand sucht mit der Unbeholfenheit des ersten Males mein erschlafftes Glied; du wunderst dich, es verwundet dich – aber Fragen stellen? – Das tust du nicht.

Wir sind nicht mehr jung, mein Herz. Ich glaubte einst deinen dunklen Augen. Doch heute führen sie nur in eine Vergangenheit, von der nur eine Hülle übrig ist. Und in dir noch immer seine Insignien. Sie brennen. Weniger in dir, aber dafür am unerbittlichsten in mir. Mein Herz, ich vergesse nicht. So kann ich nicht.

Die Tür

Die Blumen umarmen dein blaues Haus. Von einer Unmenge so zäh wie Unkraut. Sie liebten es. Dieses Blau so tief wie jene Spiegel, in die man blickte, wenn man sich selbst in seinen eigenen Träumen hinterfragte. Also verwuchsen sie mit ihm und trugen seine Farben. Manchmal klopfe ich noch immer an deiner Tür, obwohl ich weiß, dass ich ein ungebetener Gast bin. Nicht einmal aus Höflichkeit hast du mich reingebeten. Von Floskeln und Konventionen hieltest du nie viel. Dein Garten sprüht vor verlockender Verwüstung. Die Ordnung der Reihenhäuser wurde mir immer mehr zuwider. Vor allem kurz, nachdem ich mich durch deinen Gartenzaun windete. Ich weiß, dass du mich hinter deinen dunklen Fenstern mit Argusaugen beobachtest. Einen Stein warfst du jedoch nie nach mir.

Ich vergesse dir nicht, wie du einst deine Picknickdecke wohlgeplant auf der Wiese vergessen hattest. Ein Laib Brot, Käse und Trauben lagen darauf und hießen mich willkommen. Obwohl ich wusste, dass es ein Geschenk von dir war, spielte ich dein Spiel mit und tat so, als sei ich der Dieb, der dir deine Schusseligkeit glaubte und klaute deine Köstlichkeiten. Es riecht noch immer nach deinen blauen Träumen. Wie einsam du doch bist. Komm, alter Freund, mach endlich die Tür auf. Lass die Frage nach der verschlossenen Tür nicht mehr die deine sein.

Der Größere von uns

Der Spatz schlief auf meinem Kopf ein und ließ sich nicht von seinem Irrglauben abbringen, ich sei einer von ihnen. Ich stellte mich mit ihm vor den Spiegel und erklärte: “Spatz! Würde dich ein Spatz denn Spatz nennen? Ich bin ein Menschenwesen, hässlich, gefährlich und manchmal so hungrig, dass ich dich direkt so mit deinem süßen, molligen Bäuchlein am Liebsten verspeisen würde.” “Mich kannst du nicht blenden!”, zwitscherte er zurück. “Du bist kein Mensch, du bist ein Spatz!” und schlief unbeeindruckt weiter, legte sein Köpfchen auf seine Brust und sein kleines Herzchen stolperte mit ihm durch seine Träume.

Als er aufwachte, beobachtete er mich mit einem Auge bei meinen täglichen Verrichtungen. Ich spülte das Geschirr und schälte Zwiebeln. Das mochte er nicht. Er lachte und sagte “Du hast aber einen seltsamen Geschmack für einen Spatz!” Für einen Augenblick war ich mir sicher, er wisse eigentlich sehr genau, wer ich bin. Aber er wies meine Gedanken ab, indem er bedeutungsvoll sagte: “Na, über Geschmack lässt sich ja nicht streiten. Ich gehe mir mein Futter suchen, wenn du willst, bringe ich dir etwas mit!” Ich schüttelte den Kopf und sagte, ich finde es eher “bah und igitt”, was normale Spätze so aßen. Er hob eine Braue, zwitscherte ein 4-Töne-Liedchen und flog davon.

In seiner Abwesenheit schaute ich in den Spiegel. Die Menschengestalt ist tatsächlich nicht die Schönste in unserer Natur. Wenn ich so an Katzenwesen denke oder an Wölfe und Nagetiere, dann waren wir Menschen schon recht nackte und hässliche Dinger. Unser Kopf war viel zu groß, unsere Gliedmaßen schlacksig und lang und unsere Haut viel zu verletzlich. Wir neigen zu seltsamen Proportionen, haben keine echten Werkzeuge, ständig müssen wir sie uns selbst basteln. Und das Schlimmste war: wir hielten uns für die Größten. Doch der Spatz hatte mich aus irgendeinem Grund in seine Sippe aufgenommen, ohne dass ich fragen musste. Ich musste ihn noch nicht einmal davon überzeugen, dass ich ein Spatz bin und kein Mensch. Er ging einfach davon aus. Warum denn nur? Weiterlesen

Mit geschlossenen Augen

Medusa war traurig. Sie war es leid, dass man sich sofort von ihr abwandte, sobald man sie erblickte. Also ging sie eines Tages zu einer berüchtigten Zauberin und bat sie darum, dass – welcher Mann auch immer sie ab nun ansehen würde – er nie wieder dazu in der Lage sein sollte, seinen Blick von ihr zu lösen. Medusa wusste nicht, was sie sich da wünschte. Sie betrachtete das alles von einem mädchenhaft romantischen Hügel und hoffte von ganzem Herzen, endlich beachtet zu werden. Sie war nicht wirklich unansehnlich; viel mehr unauffällig. Sie hatte nicht das bezaubernd Liebliche, das andere Mädchen im Alter der Knospen hatten. Also erfüllte ihr die Zauberin den Wunsch. Medusa sollte ein stark verdünntes Schlangengift trinken, das sie drei Tage und drei Nächte schlafen lassen sollte. Sobald sie erwachen würde, würde kein Mann, der ihr ins Gesicht sah, je wieder wegsehen können. Das versprach ihr die Zauberin, und Medusa glaubte ihr.

Medusas Stimme versank in erbarmungsloser Scham, als sie rückblickend und voller Reue ihre Geschichte erzählte. “Warum hatte ich mich damals nicht klarer ausgedrückt? Warum mir nicht einfach gewünscht, so schön und lieblich zu sein wie all die anderen jungen Frauen?” Medusa weinte. Sie wusste, es war ihr hartnäckiger Stolz gewesen, der nicht zugelassen hatte, dass sie es genau so formulierte. Sie hatte die anderen Mädchen ob ihrer Einfältigkeit immer verachtet. Zuerst bedauert, dann verachtet. Es entging ihr nicht, dass sie keine großen Ziele hatten und mit ein wenig lieblichem Gesäusel sehr leicht zu ihren kleinen Zielen kamen und sich damit auch noch zufrieden gaben. Sie hingegen war anders. Sie hatten den Blick, den Seherinnen oft haben, bevor sie von einer Priesterin entdeckt und ausgebildet werden. Sie konnte die Herrlichkeiten des Lebens wie ein Barde ausdrücken und hatte eine Gabe für Geometrie, höhere Mathematik und Philosophie. Des Nachts verlor sie sich in der Schönheit der Sterne und spekulierte über ihre Beschaffenheit, ihre Verbindungen und ihre Deutung. Ihr Interesse für den menschlichen Verstand wuchs immer mehr, da sie erkannte, dass es ein Segen, ja gar ein Wunder sein musste, wenn ein Wesen dazu in der Lage war, Fragen zu stellen. „Warum“ – dachte sie – „sollte ich mich gegenüber diesen Mädchen minderwertig fühlen? Warum sollte ich so sein wollen wie sie? Das will ich nicht, ich möchte nur ihre Anziehungskraft, weder ihre Einfältigkeit noch ihr puppenhaftes Gesicht. Ich bin gewiss nicht die Schönste, aber hässlich bin ich auch nicht. Also soll mein Wunsch lauten, dass sich die jungen Männer nicht direkt abwenden, wenn sie mich erblicken. Sie sollen mich wahrnehmen. So soll es sein.“ Und so wurde es. Weiterlesen

Was sie tun würde

Warum sie immer die Wartenden sein müssen, klagte sie. Was sie denn damit meinen würde, fragte er. Dass sie es immer seien, die auf ihre Männer und Söhne warteten. Sie zögen in den Krieg und ließen sie mit diesen Schreckgespenstern in der Nacht alleine, und die seien ja in solchen Zeiten nicht nur nachts da, sagte sie. Was für Frauen nur Schreckgespenster sei, sei für Männer Realität, sagte er. Ob sie lieber tauschen wolle, Sorgen gegen blutige Tatsachen?, fragte er. Sie zögerte keinen Augenblick und bejahte. Er solle ihr seine Waffen geben. Wie sie denn kämpfen würde, fragte er, so ganz ohne Kraft und Mut. Sie würde es einfach nicht tun, antwortete sie. Ihren Mut würde sie dafür aufbrauchen, um dem Befehl zu entsagen und ihre Kraft würde sie für den Rückweg zu ihnen aufsparen. Und wenn alle Frauen mit Männern tauschen würden, gäbe es keinen Krieg mehr, versprach sie ihm. Und sie lachte, um so zu tun, als sei das alles nicht im Ernst gesagt, weil sie wusste, es würde eh niemals geschehen.

Kontraste

Warum ich so kindlich sei, fragst du. Und ich antworte dir, dass es dafür keiner Begründung bedarf, weil das ein fundamentales Recht des Menschen sei, kindlich zu sein. Doch du bohrst weiter. Aus einem mir unerklärlichen Grund weißt du, dass Kontraste immer ein Zeichen für Unverdautes sind. Ich verzeihe dir diese Frage nicht, denn ich will, dass du mich so lässt, wie ich bin. Uns beide: Das Kind und mich. Ohne weitere Fragen.

Vielleicht

Du kommst der Reife, die verlangt wird, nicht mehr hinterher. Du kannst in dem, was gängig ist, nichts als graues Nicken sehen. Du akzeptierst die Worte, sagst “Okay” und liest weiter in den Insignien, die auf den scharfen Kanten der Erdkugel brennen. Dein Kopf liegt im Träumen, deine Seele im nimmersatten Suchen. Dein Körper ist eine heißgelaufene Maschine, sie tut alles, was zum Ein- und Ausatmen notwendig ist. Der Versuch, dich zu stutzen, ist schief gelaufen, manchmal fast diagonal in den Sturzflug ohne Halt gefallen – mit dir an der Leine. Die Schablonen waren zu eng und die Schnitte zu stümperhaft. Das Gefühl des Getrenntseins im Wettlauf gegen deine Angst, führte statt in Arme, zu den bulligen Rücken der Stahlwände.

Vielleicht wirst du dich verabschieden müssen, von der Art, wie du das Leben suchst. Vielleicht ist, was du suchst, etwas anderes als das tägliche Reden über Sinn, Heiterkeit, Moral und Kunst. Vielleicht bist du mitten in allem, was andere noch nicht einmal zu träumen wagen – und doch reicht es nicht, um dich hier zu halten. Vielleicht, weil du mehr als diese Berührungen vor den Grenzen des Individuums willst. Vielleicht willst du das Danach, doch du findest es nicht. Wenn du wolltest, könntest du loslassen, doch du kannst nicht bestimmen, was du willst. Über ein paar Umwege und bunte Kügelchen kannst du kurzweilig neukallibrieren, was an dir nicht stimmt. Doch wer weiß, wem du in deinem Trip begegnen wirst und ob du beim Erwachen aushältst, wer du nicht mehr bist. Weiterlesen

Langweilig

Die Arena ist leer. Die Schaulustigen von der Mutter der Mütter gestillt, mit Blut. Sie schlafen und träumen treulos von feurigen Huren. Manchmal hegen wir Gelüste und halten sie der Sprachästhetik wegen zurück. Langweilig. Heute möchte ich vom Fleischlichen reden, doch das Meiste bleibt unausgesprochen. Bloß keinen Austausch provozieren, schon gar nicht mit Frauen. Mit Frauen führt das Thema immer nur zur Liebe. Langweilig. Dann trage ich Tüten für den alten Herrn Gauß. Er ist mein Nachbar, und seine Söhne scheren sich nicht, weil Scheren ratsch-ratsch machen und sie lieber pling-pling-geil die Beutel füllen. Und Herr Gauß dankt es mir, auch wenn er morgen wieder vergisst, wer ich bin. Und ich ärgere mich, weil er mir ja ohne Gedächtnis nicht lang genug ein gutes Karma wünschen kann. Langweilig. Kann ich nun zahlen, bitte? Ich bin fertig mit allem.

Ich bin Akeem

Mein Name ist Akeem. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, und es ist nicht leicht für mich hier. Ich bin fremd. Nach dem Israel-Libanon Krieg im Jahre 2006 bin ich auf das Flehen meiner Eltern hin nach Deutschland gekommen. Am Anfang war ich sehr dankbar, hier sein zu dürfen. Hier war die Sicherheit, von der meine Eltern träumten. Meine Cousins und Cousinen schreiben mir ein Mal im Monat Briefe und danken Gott dafür, dass wenigstens ich es gut habe, und ich kann nichts tun, außer mich in Demut zu üben und Dankbarkeit zu zeigen, denn sie haben alle einiges dafür geopfert, damit ich hier ein erfolgreicher Künstler werden kann. Bevor der Krieg begann, lief es sehr gut mit meinen Bildern, und ich war dabei, bekannt zu werden.

Manchmal fühle ich mich hier wie ein unerwünschter Fremdkörper, aber einer, der auch weiß, dass er ein Fremdkörper ist und keinerlei Antrieb hat, seine Existenz mit Gewalt im Wirtsorganismus durchzusetzen. So kam es, dass ich anfing, meine Bilder anders zu malen, als ich es in der Heimat tat. Wenn ich mich hier einem Gemälde widme, dann halte ich mich inzwischen zurück, sonst wird das Ergebnis als “kitschig” betitelt. Ein Wort für Kitsch mit einer negativen Konnotation gibt es in meiner Sprache nicht, und wenn, dann habe ich es vergessen. Es verletzt mich. Vor allem, weil niemand aus meiner Familie hier ist, um mich vor diesen kritischen Stimmen zu verteidigen. Niemand ist hier, um den anderen zu sagen, dass ich wirklich so fühle wie ich male. So, wie es in meinen Bildern zu sehen ist. Was sie eigentlich sagen, diese Fremden hier, bedeutet nämlich, dass das, was ich fühle, nicht echt sei, sondern eine Übermalung dessen, was “normale Menschen” sonst in sich erleben würden. Sie haben auch andere Wörter für das, was sie an mir ablehnen. Wörter wie “sentimental”. Eine genaue Grenze dessen, was sentimental ist und was nicht, können sie mir nicht nennen. Also muss ich den ganzen Tag in Unsicherheit die Angst brüten und raten, was zu sagen und zu malen richtig ist. Meine Intuition redet nicht mehr mit mir, seit ich Angst habe. Weiterlesen