Trümmer in der Schale

Du hast die Trümmer in eine Schale gelegt, sie zur Seite getan, deinen Anteil an ihrer Geschichte verleugnet und Blumen auf ihre Gräber gelegt. So warst du schon immer. Nie nur hier und nie nur dort. Dein Standpunkt ist stets überall zu finden – mit diesem undurchsichtigen Lächeln in deinen Händen, versprichst du, ohne dich zu binden. Man hält dich für gütig und verlogen, doch manche kennen dein Geheimnis. Du bist überall Zuhause und deshalb unendlich verloren. Und wer dich anbetet, wird zur Geißel seiner Ängste. An diesen ziehst du uns zu dir wie willenlose Engel. Und dein immerwährendes Lächeln, das uns durch Liebe und Verachtung bricht. Du hast die Trümmer in eine Schale gelegt, zur Seite getan, deinen Anteil an unserer Geschichte verleugnet und Blumen auf unsere Gräber gelegt. Wir glauben dir alles, weil wir sonst nichts mehr zu hoffen haben. Es gibt kein Licht für uns Motten, nur einen Traum davon, den wir auf ewig jagen.

Wiegenlied

Dunkle Augen rollen
auf Pflastersteine
Füße folgen ihren Sinnen
Äxte fallen in harte Hände,
die Freigedanken zu Boden fällen

Rote Tauben krähen ihr Lied
„Ihre Wurzeln brennen
im Feuer (der Rache),
doch sterben werden sie nicht –
denn dort, wo diese Kriege beben,
die Zukunft ihrer Kinder
im Sterben liegt.“

Zepter fliegen
über hängende Köpfe
Und nur die Frauen schreien
Denn überall – von West bis Ost –
vergehen die Männer im Krieg

Die Großmutter singt
ein altes Wiegenlied
Doch die Kinder misstrauen
ihm

Sie schlafen
mit einem Auge nur
doch mit dem anderen
lieber nie
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Rastlos

Warum immer ich es bin
die keine Rast findet
Warum meine Träume zu
jedermanns Ängsten werden
und nicht wie einst
Märchen malen

Ein gedankenloses Gähnen
verwandelt sich
in einen rissigen Rachen
Ich möchte doch nur
„Gute Nacht“ murmeln
Die Lider schließen
„Danke“ seufzen
und Ruhe finden

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An der Tür

Deine Wegweiser
suchen Zuflucht
in einen einzigen Moment
ohne Fragen
Lass kurz ab
Sei still

Du erschaffst Teufelskreise
in Gedankenfarben
Die Farben leiten andere
doch du selbst bist
farbenblind

Die Tage zählen
deine Stunden
Wenn ein Kind dann lacht
und du es hörst
war niemals alles
einfach nur Nichts

Sobald du willst
vergib dir selbst
Jemand wartet
an der Tür gelehnt
er lächelt
bis du dich endlich
liebst

Nicht …

Da redest du. So, wie du nun einmal bist – so ganz und gar am Puls der Gegenwart vorbei. Da sind Worte, die sprichst du kraftvoll und doch nur mit kalter Zuversicht. Neben dir ein Drama. Hinter dir eine ungewollte Zukunft. Vor dir die Verzweiflung. Doch all das interessiert dich nicht. Deine Hände gestikulieren, während deine Augen hilflos in deinem Schoß liegen. Wohin du auch gehst, hinterlässt du Fragen. Doch Antworten? Die gibt es nicht. Was auch immer du tust, deine Heimat suchst du am falschen Ort. Doch die Heimat, die zu dir kam und um Obdach bat, die willst du nicht. Wir schnüffeln an der Vergangenheit wie Seemänner an ihrem letzten Atemzug in einem sinkenden Schiff. Doch unser Erstickungskampf währt ewig. Die Sirenen schweigen schwer, denn dich zu verführen, dass gelingt ihnen nicht. Lass uns schlafen, Geliebter. Müde bist du. Ein wenig vergessen und das Leben liegen lassen. Für alles andere gibt es dieses unvollendete Gedicht.