Nicht …

Da redest du. So, wie du nun einmal bist – so ganz und gar am Puls der Gegenwart vorbei. Da sind Worte, die sprichst du kraftvoll und doch nur mit kalter Zuversicht. Neben dir ein Drama. Hinter dir eine ungewollte Zukunft. Vor dir die Verzweiflung. Doch all das interessiert dich nicht. Deine Hände gestikulieren, während deine Augen hilflos in deinem Schoß liegen. Wohin du auch gehst, hinterlässt du Fragen. Doch Antworten? Die gibt es nicht. Was auch immer du tust, deine Heimat suchst du am falschen Ort. Doch die Heimat, die zu dir kam und um Obdach bat, die willst du nicht. Wir schnüffeln an der Vergangenheit wie Seemänner an ihrem letzten Atemzug in einem sinkenden Schiff. Doch unser Erstickungskampf währt ewig. Die Sirenen schweigen schwer, denn dich zu verführen, dass gelingt ihnen nicht. Lass uns schlafen, Geliebter. Müde bist du. Ein wenig vergessen und das Leben liegen lassen. Für alles andere gibt es dieses unvollendete Gedicht.

Der alte Mann

Wir hatten nur diesen einen Tag
Er zerrieselte uns
durch offene Hände
Wer das Festhalten
nicht versteht
der kennt unseren
Überlebenskampf nicht

Manchmal – spät
in der kühlen Weinschenke
spricht ein alter Mann zu mir
Sonst hört ihn niemand
denn alle schauen tief
in ihre hundert Gläser Wein
immer nur zurück
doch nie ins Hier

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Während du in meinen Wimpern liegst

Der Wind wirft ruhige Schatten
Hier nimm, ich teil das Brot mit dir
Ich wollte in den Winter fliehen
“Er kommt bald”, sagst du
Ich nicke, und wir fallen beide
in diese unwirkliche Nacht
einfach hin

“Das sind sie – diese Momente,
weißt du nicht?” (sagst du wie dieses eine Kind)
“In denen Tag und Nacht das Selbe sind,
weil nichts mehr anders ist
nichts mehr etwas anderes will,
als das, was hier und jetzt
für immer unser ist

Weil Namen in ihren groben
Zügen leichenstumm verblassen
und nichts als alte Mythen bleiben
(kannst du sein, wer immer du willst

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Gehen lassen

Freunde kommen
Und gehen meistens
Erst merkst du nichts
Da ist diese Erinnerung
Hartnäckig umzingelt sie mich
Und der Treueschwur verzeiht mir
meine Zweifel nicht

Und weil man einst
in guten Zeiten
Wege kreuzte
Greife ich nach Hände
die mich nicht mehr halten

Schleichend verfliegt
ihr Interesse an Uns
Und weil es mir
nicht anders geht
Schweige ich -
winkend

Und lasse sie gehen …

Der letzte Proviant

Da sind niedergelassene Hände, porös vom Warten – und der Ehrfurcht vor deiner Einsamkeit. Da ist, was ich verloren habe, tief in dir verborgen; und ich, der gierige Goldgräber, verletze deine Mauern, um zurück zu erlangen, was einst mir gehörte. Wer sagt, Liebe ohne Respekt sei nicht möglich, der hat die destruktive Kraft in ihr nie wahrhaben wollen. Der hat nie verstanden, dass wir die Liebe in ihrer reinsten Form zerreißen, damit sie unseren kleinen Gemütern passt. Du hast enteignet, was mir gehörte, und anstatt Gnade vor Recht walten zu lassen, lachst du nur und erinnerst mich an die schwachen Augenblicke, in denen ich dir alles vor die Füße legte, was ich besaß. Den letzten Tropfen Würde tauschte ich für einen Augenblick vollkommener Befreiung von mir Selbst ein. Wollte ich doch nur dein sein und verschwinden, in dir verschwinden und endlich die Freiheit spüren, die man Wahnsinnigen nachsagt. Doch jetzt sitzt eine Hülle hier und kämpft um einen Funken Zukunft auf eigenen Beinen. Mit niedergelassenen Händen, porös vom Warten. Und die Ehrfurcht vor deiner Fähigkeit, dich in Kälte einzuhüllen, nimmt mir den letzten Schluck Hoffnung, den ich als Proviant eingepackt hatte, als ich beschloss, gegen dich in den Krieg zu ziehen.

Sheyda und Simorgh

Sheyda liebte den Schnee
Und weil Simorgh ihn hasste
Erlaubten sie sich die Liebe nicht

Sie waren sich wesensfremd -
dachten sie
Doch vergessen konnte
er ihre Augen
und sie seine Hände nicht

Das erinnert mich an dich
Wie du mit ernster Miene
auf den Schnee antwortest

Und das erinnert mich an mich
Wie ich im Schnee bade und
Mir von ihm weiße Gewänder borge
Doch du verstehst das nicht

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Walhall

Beowulf hat die Mutter getötet
Sie hat geschrien vor Trauer
Und Beowulf hatte Angst
Beowulf hat ihren Sohn ermordet
Er war hässlich und brüllte
Und Beowulf hatte Angst

Was wir nicht alles tun aus Angst
Wie wir an unseren Hürden verzweifeln
Und uns mit der Morgenpfütze des Herbstes
Weiße Perlen in die Haut schneiden
Wo das Leben doch
so eisig ist, so kalt

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