Sprache

Ich kann deine Sprachlosigkeit verstehen. Es ist, als würdest du nur in die Luft greifen, auch wenn die Essenz, die du pflücken und verschenken willst, sich vor deinen Augen auszieht und sich dann deinen Händen entzieht. Sprache ermöglicht uns die Verhandlung im und um den Alltag, aber sie beschneidet uns auch gleich den Sandkastenbackformen, die aus einer ineinander ruhenden Einheit aus Sand, kleine abgehackte Kästen schmieden. Doch wir haben keine andere Wahl. Da gibt es nur das Wort und das Bild oder die harte Mechanik eines Instrumentes, das eine Melodie zu dem Schleier macht, dem du in die Ferne folgen willst und doch nicht kannst, fehlen dir doch die Flügel. Die größte aller Sprachen bleibt wohl immer die Liebe. Sie zerberstet zwar die Brust vor Freude und vor Schmerz, aber sie bleibt meistens doch ganz still.

Suchen

Zum Wort anhalten und am Ende doch innehalten. Das Meiste unausgesprochen liegen lassen und das Unwichtigste ausgiebig (hin)ausführen. Das Dinghafte überbewerten und sich nach der Schönheit einer Seele sehnen. Die Nähe wollen, aber bei jeder Wärme das Weite suchen. Nachts von einem erfüllten Leben träumen, doch tagsüber jedes lächelnde Gesicht übergehen. Am Ende des Tages die Frage stellen, was man denn falsch mache und die Antwort in einer schnellen Nacht (ver)suchen.

Wir müssen nicht

Wir müssen nicht jede Emotion zu Ende fühlen und uns fragen, was sie zu bedeuten hat. Und eine Erklärung für sie gefunden zu haben, heißt nicht, dass man die Richtige gefunden hat. Wir erklären uns selbst dieses und jenes, um Ruhe zu finden, nicht um die wahrhaftigen Ursachen zu verfolgen. Insgeheim wissen wir das; denn die Ausgangsfrage ist aussichtslos unlösbar und die Lebenszeit zu knapp. Um das Leben zu sehen, zu spüren, anzufassen und manchmal sogar zu pflücken, brauchen wir Pause von uns selbst und nicht immer mehr davon. Loslassen gilt nicht nur für Probleme, Menschen und die Vergangenheit. Loslassen gilt auch einem selbst.

Einzigartigkeit

Ich erlebe bei meinen Mitmenschen immer häufiger eine Art Freizeitstress. Immer wieder wird mir die Frage gestellt, was ich an diesem Wochenende denn Schönes mache. Ich antworte zur Enttäuschung des Fragenden dann, dass wir am Wochenende Zuhause bleiben, uns zwei bis drei Filme anschauen, schön kochen und neue Desserts kreieren. Oder dass die Familie vorbeikomme und wir einfach beisammen sind und über unsere Woche reden. Der Blick, den ich manches Mal daraufhin ernte, drückt ungefähr folgendes aus: „Wie? So viel Arbeit, so wenig Zeit, und dann bleibst du einfach nur Zuhause? Verpasst du so dein Leben nicht?“ Nein, das Gefühl habe ich nicht. Nicht, dass ich nicht das Gefühl hätte, dass es unnatürlich sei, mehr Zeit mit Kollegen und Kolleginnen zu verbringen als mit der eigenen Familie oder dem eigenen Liebsten; nicht, dass ich mich nicht darüber wundern würde, wie bereitwillig sich andere Überstunden aufbrummen lassen, während ich sehr häufig sage, dass ich verhindert sei und wichtige Termine habe – aber das Heimischsein, das „ungezwungene Existieren“ in meinen eigenen vier Wänden mit meinen Liebsten, das kommt mir nicht wie Zeitverschwendung vor, es ist viel eher wie Zeitentschleunigen. Ich gewinne damit Augenblicke, ich verpasse sie nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich im Leben zu wenig erlebt habe; vielleicht wünschte ich sogar, mein Leben wäre etwas ruhiger gewesen mit weniger Auf und Abs, mit weniger Aufforderungen, existenzielle Entscheidungen treffen zu müssen oder Dinge auszuhalten, die ich selbst als nicht aushaltbar empfinde. Andererseits nehme ich dieses Besaufen bis zum Koma, dieses Abfeiern und diese künstlich erzeugte Nähe durch Drogen, Alkohol und unverbindlichem Sex als viel sinnloser weil ungewichteter wahr als mein eigenes Daheimsein. Jeder versucht in der ihm verbleibenden Zeit zu finden, was ihm fehlt; mir fehlt nun einmal die Ruhe. Anderen die Aufregung oder der Beweis anhand eines Selfies, dass man irgendwo dabei war, dass man gelebt hat und dass das Leben nicht nur aus Arbeit bestand. Weiterlesen

Die Wand

Mich eines Tages trennen. Von der Menschheit. Für einige wenige Augenblicke nur. Nicht mehr zu ihr und ihren Regelkomplexen gehören, die mit aller Macht versuchen, der Menschlichkeit und Destruktivität ihre Legitimation zu verleihen. Willkürliche Grenzen, Maßstäbe, die uns als Anker dienen, von denen aus wir Dinge als zuviel oder zuweing beschreiben. Ich möchte nicht dazu gehören. Manchmal ist es, als würde mir ein starker Sog der Nichtigkeit das Herz aus dem Rippenkäfig ziehen, sobald ich auf uns blicke. Wo ich normalerweise eine Mischung aus Liebe und Verachtung für uns empfinde, gibt es Augenblicke, in denen ich mich nur noch wegreißen will von dieser Spezies. Da ist dann weder Liebe noch Verachtung, sondern ein quälendes Gefühl von Überdruss. Solange ich denken kann, wollte ich dazugehören. Zu irgendetwas Großem: einem Freundeskreis, einer Familie, einem Team, einer Weltrettungsmission. Da ich dennoch nie ankam, habe ich versucht, jene zu sein, bei der man ankommen kann. Soviele Menschen sind bei mir gestrandet, und ich habe sie umarmt mit allem, was ich hatte. In dem Augenblick war ich immer nur in dieser Umarmung. Und zwei Einsamkeiten wurden so getröstet, manchmal sogar kurz geeint. Das kann ich mir heute, an diesem Tag, nicht vorstellen. Zu scharfkantig reihen sich all die Erinnerungen aneinander, die ich in den Nachrichten lese. Es gibt Wörter, die kann ich nicht mehr nebeneinander hören, doch sie fallen immer wieder. Wenn ich sie lese – auf Blogs und sozialen Netzwerken – platze ich unmittelbar; ganz ohne Wutaufbau und Stauungen. Ich platze und sinke ein wie eine welkende Frucht. Kämpfen ist zwecklos. Ich weiß dann: das bringt alles nichts mehr. Der Diskurs, all die Erklärungen, meine wilden Gestikulationen, der innige Wunsch, den anderen zu erreichen, das alles bringt nichts mehr. Ich sehe uns kreisen, um die immer selben Themen (und jeder hat seine eigenen), doch nie haben wir etwas Relevantes zu sagen. Ich warte seit ich denken kann auf diesen einen Satz, der alle Gesetze und Blockaden unserer Egos enthebelt, damit wir laut schreiend auf ein Ziel zulaufen können, endlich wissen, was zu tun ist, endlich wissen, was zusammen zu erreichen ist. Vergebens. Ich warte nicht mehr. Ich glaube nicht mehr an Rettung. Nur an die kleinen Augenblicke inniger Nähe und Menschlichkeit. Für die kann man leben. Aber das Auto, das rasend gegen die Mauer fährt, das kann man nicht mehr aufhalten. So sehe ich sie. Die Menschheit.

Die anhängliche Nostalgikerin

Nostalgie ist eine Form der Anhänglichkeit, und sie ist auch eine Form der Revolte gegen die Gegenwart. Oft wird sie als Schwäche empfunden, aber im Grunde ist sie unheimlich stark. Nostalgische Menschen können jahrelang aus ihren Erinnerungen zehren und neue Kraft schöpfen, auch wenn sie zeitgleich die Hoffnung für das Heute in Frage stellen. Ich bin anhänglich, und ich bin eine Nostalgikerin. Doch diese Nostalgie macht mich zu einem sehr treuen Menschen. Einem Menschen, der nicht vergessen kann, dass er einst geliebt hat und aus dieser intensiven Erinnerung die Liebe weiter aufrechterhalten kann. Mein Elefantengedächtnis begleitet mich seit meinem zweiten Lebensjahr. Ich kann weder das Herrliche noch die Angst vergessen. Der See in mir, der all die Eindrücke einverleibt und sogar intensiviert hat, wird mich immer verletzen und vieles, das in Vergessenheit geraten sollte, von Neuem erleben lassen; doch zeitgleich wird er mir die Schatztruhe sein, aus der ich immer wieder schöpfen kann. Ich weiß jetzt, was ich antworten werde, wenn jemand mich fragt, woher ich all die Kraft herhole. Ich werde ihm sagen, ich bin stark, weil ich eine anhängliche Nostalgikerin bin. Ich werde ihm nicht erzählen, dass nur die Gegenwart zählt, ich werde ihm meine Wahrheit erzählen – nämlich, dass mein Ziel es nie sein wird, einfach nur frei und glücklich und frei von Sorge zu sein, sondern dass ich mehr will, als in einem distanzierten Zustand der Meditation das Negative an mir vorbeiziehen zu lassen. Dass meine Kraft aus der Strenge der Verantwortung wächst, und dass meine Strenge und Verantwortung aus der Liebe entspringt, die für mich mehr ist als nur atmen, existieren und sie zu bekennen. Ich werde erzählen, dass meine Liebe ein Gelübde ist, ein Band, das der Nabelschnur ähnelt. Und ich werde diesen Standpunkt für mein eigenes Leben verteidigen, weil ich so sein will, wie ich bin. Weil ich jede Konsequenz meiner teilweise vorhandenen Selbstdestruktivität tragen möchte, weil ich voll und ganz dahinter stehe – und weil alles andere für mich nur ein halbes Dasein wäre. Weiterlesen