Einzigartigkeit

Ich erlebe bei meinen Mitmenschen immer häufiger eine Art Freizeitstress. Immer wieder wird mir die Frage gestellt, was ich an diesem Wochenende denn Schönes mache. Ich antworte zur Enttäuschung des Fragenden dann, dass wir am Wochenende Zuhause bleiben, uns zwei bis drei Filme anschauen, schön kochen und neue Desserts kreieren. Oder dass die Familie vorbeikomme und wir einfach beisammen sind und über unsere Woche reden. Der Blick, den ich manches Mal daraufhin ernte, drückt ungefähr folgendes aus: „Wie? So viel Arbeit, so wenig Zeit, und dann bleibst du einfach nur Zuhause? Verpasst du so dein Leben nicht?“ Nein, das Gefühl habe ich nicht. Nicht, dass ich nicht das Gefühl hätte, dass es unnatürlich sei, mehr Zeit mit Kollegen und Kolleginnen zu verbringen als mit der eigenen Familie oder dem eigenen Liebsten; nicht, dass ich mich nicht darüber wundern würde, wie bereitwillig sich andere Überstunden aufbrummen lassen, während ich sehr häufig sage, dass ich verhindert sei und wichtige Termine habe – aber das Heimischsein, das „ungezwungene Existieren“ in meinen eigenen vier Wänden mit meinen Liebsten, das kommt mir nicht wie Zeitverschwendung vor, es ist viel eher wie Zeitentschleunigen. Ich gewinne damit Augenblicke, ich verpasse sie nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich im Leben zu wenig erlebt habe; vielleicht wünschte ich sogar, mein Leben wäre etwas ruhiger gewesen mit weniger Auf und Abs, mit weniger Aufforderungen, existenzielle Entscheidungen treffen zu müssen oder Dinge auszuhalten, die ich selbst als nicht aushaltbar empfinde. Andererseits nehme ich dieses Besaufen bis zum Koma, dieses Abfeiern und diese künstlich erzeugte Nähe durch Drogen, Alkohol und unverbindlichem Sex als viel sinnloser weil ungewichteter wahr als mein eigenes Daheimsein. Jeder versucht in der ihm verbleibenden Zeit zu finden, was ihm fehlt; mir fehlt nun einmal die Ruhe. Anderen die Aufregung oder der Beweis anhand eines Selfies, dass man irgendwo dabei war, dass man gelebt hat und dass das Leben nicht nur aus Arbeit bestand. Weiterlesen

Die Wand

Mich eines Tages trennen. Von der Menschheit. Für einige wenige Augenblicke nur. Nicht mehr zu ihr und ihren Regelkomplexen gehören, die mit aller Macht versuchen, der Menschlichkeit und Destruktivität ihre Legitimation zu verleihen. Willkürliche Grenzen, Maßstäbe, die uns als Anker dienen, von denen aus wir Dinge als zuviel oder zuweing beschreiben. Ich möchte nicht dazu gehören. Manchmal ist es, als würde mir ein starker Sog der Nichtigkeit das Herz aus dem Rippenkäfig ziehen, sobald ich auf uns blicke. Wo ich normalerweise eine Mischung aus Liebe und Verachtung für uns empfinde, gibt es Augenblicke, in denen ich mich nur noch wegreißen will von dieser Spezies. Da ist dann weder Liebe noch Verachtung, sondern ein quälendes Gefühl von Überdruss. Solange ich denken kann, wollte ich dazugehören. Zu irgendetwas Großem: einem Freundeskreis, einer Familie, einem Team, einer Weltrettungsmission. Da ich dennoch nie ankam, habe ich versucht, jene zu sein, bei der man ankommen kann. Soviele Menschen sind bei mir gestrandet, und ich habe sie umarmt mit allem, was ich hatte. In dem Augenblick war ich immer nur in dieser Umarmung. Und zwei Einsamkeiten wurden so getröstet, manchmal sogar kurz geeint. Das kann ich mir heute, an diesem Tag, nicht vorstellen. Zu scharfkantig reihen sich all die Erinnerungen aneinander, die ich in den Nachrichten lese. Es gibt Wörter, die kann ich nicht mehr nebeneinander hören, doch sie fallen immer wieder. Wenn ich sie lese – auf Blogs und sozialen Netzwerken – platze ich unmittelbar; ganz ohne Wutaufbau und Stauungen. Ich platze und sinke ein wie eine welkende Frucht. Kämpfen ist zwecklos. Ich weiß dann: das bringt alles nichts mehr. Der Diskurs, all die Erklärungen, meine wilden Gestikulationen, der innige Wunsch, den anderen zu erreichen, das alles bringt nichts mehr. Ich sehe uns kreisen, um die immer selben Themen (und jeder hat seine eigenen), doch nie haben wir etwas Relevantes zu sagen. Ich warte seit ich denken kann auf diesen einen Satz, der alle Gesetze und Blockaden unserer Egos enthebelt, damit wir laut schreiend auf ein Ziel zulaufen können, endlich wissen, was zu tun ist, endlich wissen, was zusammen zu erreichen ist. Vergebens. Ich warte nicht mehr. Ich glaube nicht mehr an Rettung. Nur an die kleinen Augenblicke inniger Nähe und Menschlichkeit. Für die kann man leben. Aber das Auto, das rasend gegen die Mauer fährt, das kann man nicht mehr aufhalten. So sehe ich sie. Die Menschheit.

Die anhängliche Nostalgikerin

Nostalgie ist eine Form der Anhänglichkeit, und sie ist auch eine Form der Revolte gegen die Gegenwart. Oft wird sie als Schwäche empfunden, aber im Grunde ist sie unheimlich stark. Nostalgische Menschen können jahrelang aus ihren Erinnerungen zehren und neue Kraft schöpfen, auch wenn sie zeitgleich die Hoffnung für das Heute in Frage stellen. Ich bin anhänglich, und ich bin eine Nostalgikerin. Doch diese Nostalgie macht mich zu einem sehr treuen Menschen. Einem Menschen, der nicht vergessen kann, dass er einst geliebt hat und aus dieser intensiven Erinnerung die Liebe weiter aufrechterhalten kann. Mein Elefantengedächtnis begleitet mich seit meinem zweiten Lebensjahr. Ich kann weder das Herrliche noch die Angst vergessen. Der See in mir, der all die Eindrücke einverleibt und sogar intensiviert hat, wird mich immer verletzen und vieles, das in Vergessenheit geraten sollte, von Neuem erleben lassen; doch zeitgleich wird er mir die Schatztruhe sein, aus der ich immer wieder schöpfen kann. Ich weiß jetzt, was ich antworten werde, wenn jemand mich fragt, woher ich all die Kraft herhole. Ich werde ihm sagen, ich bin stark, weil ich eine anhängliche Nostalgikerin bin. Ich werde ihm nicht erzählen, dass nur die Gegenwart zählt, ich werde ihm meine Wahrheit erzählen – nämlich, dass mein Ziel es nie sein wird, einfach nur frei und glücklich und frei von Sorge zu sein, sondern dass ich mehr will, als in einem distanzierten Zustand der Meditation das Negative an mir vorbeiziehen zu lassen. Dass meine Kraft aus der Strenge der Verantwortung wächst, und dass meine Strenge und Verantwortung aus der Liebe entspringt, die für mich mehr ist als nur atmen, existieren und sie zu bekennen. Ich werde erzählen, dass meine Liebe ein Gelübde ist, ein Band, das der Nabelschnur ähnelt. Und ich werde diesen Standpunkt für mein eigenes Leben verteidigen, weil ich so sein will, wie ich bin. Weil ich jede Konsequenz meiner teilweise vorhandenen Selbstdestruktivität tragen möchte, weil ich voll und ganz dahinter stehe – und weil alles andere für mich nur ein halbes Dasein wäre. Weiterlesen

Dieser Ort

Ich erinnere mich so an diesen Ort, als sei er aus einem fernen Traum. Wie war das nochmal? Da war das Meer, und eigentlich war es ein Ozean – und dahinter war nichts außer die Kraft, die mal angsteinflößend mal tröstlich war. Und dann war es so, als wäre ich wieder an der Nabelschnur meiner Mutter. Die Schnur, die einen nicht nur mit der wohlriechenden Mutter sondern mit dem ganzen Universum verbindet. Warum kann ich hier die Ruhe nicht haben, die ich dort hatte?





Avalon

Ich sehe die Nebel vor lauter Apfelbäumen nicht. Wo ich bin, frag’ ich nicht mehr. Es kann nur der eine Ort sein. Ich bin auf Avalon gestrandet – nach sovielen Jahren bin ich endlich auf Avalon gestrandet. Morgaine wird mich bald begrüßen, mich zu ihrer Schwester taufen, mir den blauen Halbmond mit einem Kuss auf die Stirn brennen. Ich werde dabei zwischen Trance und Wachheit vertrauten Wellen folgen und der mir inzwischen fremden inneren Stimme nach endlosen Zeiten Gehör schenken. Dann kommt das Fieber, das mich ausspült, meine Lasten ausspült, meine Wut ausspült, meinen Schmerz ausspült, meine Geschichte ins Land des Vergessens führt, wo all das nur auf mich wartet, wenn ich mich wieder für das Weltliche entscheide. Doch das wird nicht mehr geschehen, nie wieder. Ich liege hier, ich tanze auf den Klängen der blauen Insel und höre fremde Gebete. Und wenn ich erwache, habe ich nur noch die eine Aufgabe, nämlich voller Inbrust zu schweigen, weil ich weiß – weil ich weiß – dass die Dinge, wie sie sind, ihre Berechtigung haben und ich nichts gegen sie tun kann. Ich werde die Furcht loslassen, statt ihrer dem Hinnehmen Platz in meiner Umarmung gewähren, durch dieses die Hingabe leben und Forderungen ihren Druck verwehren. Ich will nichts mehr wollen, ich will nichts mehr ändern, ich will meine Träume nicht mehr, ich will meine Wünsche vergessen, ich will, dass mich die Welt in Ruhe lässt. Ich verabscheue diesen fast kriegerischen Quälgeist in mir, der mich schlägt und rüttelt, der bei jedem Atemzug von mir will, dass ich etwas tue, dass ich irgendetwas tue, dass ich jetzt etwas tue, dass ich gar nicht mehr damit aufhöre, auch wenn es da nichts gibt, das wirklich ich tun könnte, um etwas zu ändern. Ich war immer nur eine Pusteblume, die gegen den Wind ankämpfte und trotzdem verloren in der Atmosphäre dieser kalten Welt verbrannte. Ich will nicht mehr brennen. Ich will akzeptieren und in allem einen höheren Sinn erkennen. Im sinnlosen Sterben dieser Welt will ich den großen Plan feiern. In allem, was mir begegnet, die Bestätigung suchen, dass mein Weg des Loslassens (oder Aufgebens) der Richtige ist. Ich will schlafen können. Nur ein wenig, nur kurz, nur für immer. Ich will nach Avalon …