Wir Frauen aus Masculinium

Wir sind die Frauen dieser Männer aus Masculinium. Wir waren Eigentum, seit die Hebamme das Wort „Mädchen“ schrie. Wir wissen, wie wir diesen Männern gefallen können. Von ihrer Zutraulichkeit hängt unser Wohl ab, und ihre Zutraulichkeit hängt von unserer Schönheit und von unserem Gehorsam ab. Wir halten ihre Ehre in unseren Herzen, wer sie sind, macht uns zu dem, wer wir sind. Und eigentlich tragen wir sie auch zwischen unseren Schenkeln. Wir hüten unsere Zunge vor dem Fluch, einen scharfen Verstand zu haben, denn ein Werkzeug, das verboten ist, nutzlos rumliegen zu sehen, ist Qual, ist Schmerz. Unsere Hände liegen in unseren Schößen, bis sie in ihren liegen. Und nutzen tun wir sie außer für ihre Entspannung noch für das Zaubermahl, das wir ihnen und ihren Söhnen zubereiten; ihre Last ist schwer, sie tragen Schwerter und Ämter. Wir verstehen davon nichts, wir stärken sie nur. Man lehrte uns, immer in einer Art zu denken, zu fühlen, zu handeln und zu lieben, dass die Männer und ihre Ur-Ahnen stolz auf uns sein können. Schande kann sich keine von uns erlauben, wir sind von Anbeginn der Zeit zu ihrem Gefallen erschaffen worden. Wenn wir nicht gefallen, was sollen sie dann noch mit uns? Wir lehren diese Weisheit unseren Töchtern. Und unseren Söhnen versprechen wir die weite Welt der Wunder. Wir sind Frauen. Wir sind ihre. Frauen aus Masculinium.

Wo man wäre wenn und wenn nicht …

Ich sieze meine Gedanken. Sie sind mir fremd. Sie passieren an mir vorbei; und irgendwo in irgendeinem Zen-Buch las ich, dass doch genau das gut sei, wenn Gedanken an einem vorbeizögen. Ich will nicht an mir vorbeiziehen, ich will alles spüren. Jeder Duft und jede Begegnung soll eine Prägung in mir hinterlassen, damit ich nie vergesse, dass meine Füße sich immer und immer wieder auf die Erde legen. Wüstenstaub macht die weichesten Abdrücke. Als sei man nie dortgewesen, kommt ein Wind und du warst nur eine Fatamorgana – niemand kann beweisen, dass es dich wirklich gab. Deshalb liebe ich die irische Landschaft so. Grün, matschig, nebelig, voll druidenhafter Romantik, und doch felsenhaft und schmerzhaft – bei jedem Schritt. Als man damals erzählte, Arielle habe bei jedem ihrer Schritte Messerstiche gespürt, fanden alle das so grausam. Nur ich dachte als zweiten Gedanken: Aber Menschsein bedeutet Leiden. Arielle wollte es so. Als ich vierzehn war, wollte ich Priesterin in Avalon sein, weil ich die Bürde des Heidentums in mir tragen wollte, alle religiösen Regeln waren so falsch wie ihre Verkünder; und was sollten wir denn anfangen mit einer Religion, die aus der Vielfalt nur das einzig Wahre machte? Heute suche ich nach dem einzig Wahren und weiß, dass sie die Vielfalt braucht und ohne sie nur ein verzerrtes Spiegelbild der alten Hexe in Schneewittchen ist.

Diese Sätze ketten sich aneinander, auch wenn ich denke, sie seien frei, nur weil ich schreibe, ohne zu denken. Doch nie hätten sie so entstehen können, wäre ich mit drei Jahren nicht aus den Armen meines Vaters gerissen und in den Flieger nach Deutschland gesetzt worden. Wo wäre ich, wäre ich in meiner Heimat aufgewachsen und wer wäre ich, wenn ich nicht hätte fliehen müssen? Wäre ich mutiger? Wäre ich größer? Wäre ich glücklicher? Wäre ich eine, die durch das Schreiben manchmal doch noch die Erlösung findet? Damals war mir das Schreiben weitaus heiliger als heute. Was es verändert hat, kann ich nur ahnen. Es liegt nicht nur an der Verfügbarkeit wunderbarer Texte, digital vermittelt und weniger greifbar und dadurch fern von sinnlichem Wert. Es ist eher, dass ich nicht mehr daran glaube, durch das Schreiben etwas verändern zu können. Meine Gedanken erschlaffen schon, bevor ich sie zum Höhepunkt bringen kann. Den Punkt, den ich treffen will mit der Bündelung meiner ganzen Energie und Leidenschaft, den verfehle ich immer öfter. Mich betrübt das. Deshalb schreibe ich so wenig und immer weniger … Ich hoffe, ich verlerne es nicht gänzlich.

Nicht …

Da redest du. So, wie du nun einmal bist – so ganz und gar am Puls der Gegenwart vorbei. Da sind Worte, die sprichst du kraftvoll und doch nur mit kalter Zuversicht. Neben dir ein Drama. Hinter dir eine ungewollte Zukunft. Vor dir die Verzweiflung. Doch all das interessiert dich nicht. Deine Hände gestikulieren, während deine Augen hilflos in deinem Schoß liegen. Wohin du auch gehst, hinterlässt du Fragen. Doch Antworten? Die gibt es nicht. Was auch immer du tust, deine Heimat suchst du am falschen Ort. Doch die Heimat, die zu dir kam und um Obdach bat, die willst du nicht. Wir schnüffeln an der Vergangenheit wie Seemänner an ihrem letzten Atemzug in einem sinkenden Schiff. Doch unser Erstickungskampf währt ewig. Die Sirenen schweigen schwer, denn dich zu verführen, dass gelingt ihnen nicht. Lass uns schlafen, Geliebter. Müde bist du. Ein wenig vergessen und das Leben liegen lassen. Für alles andere gibt es dieses unvollendete Gedicht.

Rausch

Die Eingebung kommt, wann sie will. Schlecht ist es, wenn sie kommt – kurz bevor man los muss. Gut ist, wenn man als überpünktlicher Mensch trotzdem die Gelegenheit am Schopf packt und sich von Konventionen wie Pünktlichkeit nicht abhalten lassen kann. Dieser Text hier fühlt sich weder freiwillig an, noch entsteht er aus schmerzlichem Druck, weil er unfreiwillig ist. Ich glaube, es gibt Zeiten, in denen man sich selbst sehr nahe ist. Bei mir sind es seltsamerweise jene, in denen ich unter Druck stehe oder eine wichtige Aufgabe abzugeben habe. Das Interessante dabei ist, dass ich die Nähe zu mir nicht im Geringsten spüre, sondern nur die stoplernden Gedanken in mir höre, wenn es darum geht, sich am Ball zu halten. Dennoch bin ich mir dabei nahe, weil ich sehe, was ich alles nicht kann, oder meine, nicht zu können, weil die Stimmen der Angst und Selbstzweifel größer werden und weil die Sehnsucht nach einem verrauchten Raum mit müdem Gelächter und einer Ode an die Absurdität des Lebens immer lauter wird. “Er” hat eine Stimme, er redet. Er ist dunkel, und er hat einen Bart. Er schaut mich nie an, wenn er redet, er sieht durch eine Wand, wenn er redet – und er redet nicht zu mir, zu niemandem. Aber er redet. Er sagt uns nicht, was er sieht. Und wenn ich daran denke, an diese Szene, dann fällt mir Hotel California ein.

Viele sehen diesen Song als einen schönen Sommer Hit, ich wusste schon als vierzenjährige, wovon die Rede war. Ich hätte diesem Etwas keinen Namen geben können, oder ich hätte ihm viele Namen können. Aber ich wusste, worum es geht. Es ging um das Unfassbare, das Namenlose, Abgründe und unsere Lust an ihnen. Es ging darum, dass man einen Feind hat, der einem dennoch der Nächste ist und alles, wonach man sich sehnt. Es geht um die Abhängigkeit von diesem Feind. Und sie ist nicht nur zermürbend, sondern erregend. Die Aussichtslosigkeit ist nicht nur verzweifelnd, sondern beflügelt zur Poesie und Lebensmüdigkeit. Ich rede nicht von der Lebensmüdigkeit, die mit Depression und Angst einhergeht, ich rede von der Lebensmüdigkeit, die einen befreien kann. Die Lebensmüdigkeit, die aus einer sehr klaren Erkenntnis hervorkommt. Einer Erkenntnis, die weiß, dass wir unwichtig sind und dass es unveränderbare Dinge gibt, wie zum Beispiel, dass wir alle Madenfutter werden. Ich meine diese Lebensmüdigkeit, die einem die Kraft gibt, alles zu wagen, wovon andere nur träumen. Es geht auch um Sucht – der Feind, den man liebt. Sie wird personifiziert, man gibt diesem wundervollen Gift einen Namen. Ob das die Eagles getan haben oder ich als Vierzehnjährige, weiß ich nicht mehr. Weiterlesen

Gescheiterte Träume

Ich hatte immer zwei Lebensträume, die beide schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt waren. Der Eine zeigte sich in meinen Tagträumen und der Zweite zeigte sich in meinen Nachtträumen.

Erster Tagtraum. Ich kaufe ein sehr großes Haus, ein sehr sehr großes Haus. Dieses Haus wandelte sich immer von Lebensphase zu Lebensphase. In der Grundschule wollte ich gleich die Villa Kunterbunt oder Crystal Castle haben, da gab es genug Zimmer für alle für meine Träume. Und in der weiterführenden Schule hatte ich mich in die knallbunten Gänge der Klassenzimmer verliebt, das würde ausreichen für meinen Traum, für mein Ziel, für das einzige, wundervollste, vollkommenste Ziel: Mit allen Menschen, die ich liebte und beschützen wollte, in diesem großen Haus zu leben. Das waren Freunde, das war Familie, das waren alle, die so ein Heim brauchten. Sie duften später dazukommen. Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen. Es war zum Scheitern verurteilt, denn ich war die Einzige mit diesem Traum. Je älter ich wurde, desto blasser wurde er. Er erkrankte an Grenzen, er erkrankte daran, dass immer mehr von diesen Menschen starben, und er scheiterter daran, dass je älter wir alle wurden, desto mehr wollte jeder etwas Eigenes haben, etwas für sich. Nichts miteinander.

Der zweite Nachttraum besuchte mich regelmäßig in der Nacht seit ich ungefähr zehn Jahre alt bin. Wir waren viele. Ich kannte sie im Traum nicht, aber sie waren mir vertraut. Wir waren damals Mädchen und Jungs, heute sind wir Frauen und Männer. Und wir hatten einen Plan, wir hatten eine Mission, wir mussten uns mit unserem Leben auf den anderen verlassen können, und wir wollten handeln, nicht mehr warten. Wir hatten Ausrüstung. Mal hatten wir Schwerter und Schilder, mal High-Tech, mal waren wir nur ausgerüstet mit Wissen über den Dschungel und das Überleben und hatten Heiler, Architekten, Weise, Künstler und Schauspieler unter uns – jeder konnte etwas, mit dem er unserer Mission dienen konnte: Diese Welt vor seiner Krankheit zu retten. Weiterlesen

Gedanken einer Heimatlosen

Immer wieder gibt es diese weltoffenen Sätze, die da lauten: “Die Heimat sollte nicht mit einem Ort verbunden sein, sondern mit einem Gefühl” oder “Heimat ist dort, wo man sich am Wohlsten fühlt und “Heimat sind die Menschen, die man liebt, egal, wo man ist.” Das mag stimmen. Es mag wirklich Sinn machen. Es mag sein, dass man trotz einer heilen Heimat – damit ist gemeint: Kein Krieg, kein Hunger, keine Verfolgung – diese neuartige Auffassung als die Richtige empfindet und sich wie ein Heimatloser nach einer Heimat sehnt. Doch Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben worden sind oder fliehen mussten, unfreiwillig und unter Lebensgefahr, die haben an jenem Ort etwas Unwiederbringliches zurückgelassen, immer. Mehr, als man sich als moderner, cosmopoliter “Heimatloser trotz Heimat oder Heimat immer und überall” vorstellen kann. Bei denen, die flüchten müssen, erzeugen solche Sätze nichts weiter als eine leere Einsamkeit, weil selbst der hier selbsternannte Heimatlose keinen Schimmer von der Heimatlosigkeit hat.

Da wird nicht nur ein Ort begraben, sondern ein Ort, an dem ein Baum gepflanzt wurde – einst – mit Zukunftsträumen, schon vor zwei Generationen, mit Tradition und Liebe weitergegeben und mit Verantwortung weitergegossen. Und dann nimmt man nicht nur sich, sondern seinen Kindern all das, um irgendwo in der Fremde, in der man – und da können viele sagen, was sie wollen – nicht willkommen geheißen worden ist, zu überleben. Und es geht wirklich nur um’s Überleben. Die ersten Worte, die meine Eltern hier gelernt haben waren: “Das können Sie nicht. Das geht nicht. Das ist verboten. Bußgeld. Nein.” Weiterlesen

Die Wahrheit ist.

Vielleicht ist es am Ende doch das Wort, das uns das Herz bricht und nicht erst die Tat. Aber ist das Sprechen nicht Tun? Das Ausformulieren eines Pfeiles, der sein Ziel nicht aufgeben wird, bis es in Fleisch mündet. Weil man soviel geteilt hat, geht das. Weil man soviel gezeigt hat, gibt es den Schleier nicht mehr, keinen Schutz und schon keine Ausreden mehr. Weil man ineinander verwoben ist wie vernarbtes Gewebe, deshalb reißt es.

Da stand also ein Berg von Lügen zwischen uns, und obwohl du wusstest, wie gut ich Augen lese, redetest du dir all die Jahre ein, ich bemerkte nichts. Vielleicht war ich dir das Feuer, an dem du dich wärmen musstest. Vielleicht warst du mir eine Freundin. Vielleicht war ich dir lebensnotwendig in einer kurzen Zeit deines Lebens. Als ich es nicht mehr war, trautest du dich und schobst mir ein Stück Wahrheit zu. Auch das war eine Tat. Ein Messer mit zwei Schneiden. Die eine aus Zucker, die andere aus Eisen. Du wusstest, dass ich nicht aus der Haut fahren und schockiert in dein Gesicht starren würde, nicht wahr? Meine Hände sind noch nicht einmal müde. Da ist keinerlei Vorwurf, nur eine Frage, die mir aber nur eine Gottheit beantworten kann, wenn sie denn wollte. Wenn sie uns denn hörte. Wenn sie denn existierte. (Es nickt.) Weiterlesen

Oberflächlichkeiten

Ich kann gar nicht genug bekommen von allem, was bunt glitzert. Ich bin nach so langer Zeit wieder in eine materialistische Phase zurückgefallen, in der ich mich in etwas Dinghaftem vertiefe und es ganz ziellos einfach haben will. Es geht meistens um Kosmetikkram oder technische Geräte, die mich mit der Welt verbinden, ohne dass ich mich durch In-Augen-Blicke so furchtbar anstrengen muss, und dabei wunderschön aussehen. Ich dachte, das hätte ich überwunden, der letzte echte Anfall ist bereits über zwei Jahre her. Aber es hat mich wieder und macht mich (an)gespannt und kribbelt, so, als würde man auf eine Art Untergang losrasen und sich dennoch freuen.

Ist es bei mir denn achso anders als bei den anderen? Warum soll nur ich nicht hinter Status und Symbolen her sein, wenn ich mich so verhalte? Wieso soll es nur bei mir einen anderen Sinn haben? Wieso soll es nicht auch bei anderen Menschen mit dieser Neigung (wenn bei ihnen doch eher permamenter Natur) ähnlich sein? Oberflächliches Verhalten muss nicht aus Oberflächlichkeit herrühren. Es kann mit dem Wunsch (oder gar der Notwendigkeit) zu tun haben, sich mit etwas Dinghaftem und seicht-schönem zu beschäftigen. Etwas, das meiner Vorstellung von der Welt einen künstlichen Glanz verleiht, so dass ich mich nicht sorgen muss um – was auch immer – aber dieses ständige Sichsorgen, das zehrt an den Kräften und es erinnert an die Dunkelheit und daran, dass man am Ende immer alleine stirbt. Weiterlesen