Was zum Teufel machen wir hier?

Manchmal sind da diese Augenblicke, die sich zu einem Tag hinziehen. Einem Tag, an dem ich mich frage, was zum Teufel ich hier eigentlich tue und was zu suchen habe. Es geht viel tiefer als die Frage nach dem, was ich studiert habe, wo ich arbeite, wo ich lebe, wen ich liebe und welche Handlungen und Pflichten ich täglich verrichte. Es ist eine Frage nach dem Kern, nach der Sinnhaftigkeit unserer Existenz. Wir hassen uns dafür, dass wir erbarmungslos sind, dass wir Dinge zu unserem Vorteil tun, die anderen ein Nachteil sein können – oder dass wir die Zerstörung zulassen, damit wir es gut haben, solange wir sie nur tun lassen, haben wir nichts damit zu tun, meinen wir. Wir suchen ein Ventil für unsere verletzte Unrechteitelkeit, indem wir kernig wirkende und dennoch leere Sätze von uns geben, eine Position beziehen, nur um danach weiter die Zerstörung hinzunehmen. Der Kaffee ist so heiß-warm, er riecht nach Heimat; aber die Kinder, die ihn anbauen, haben keine. Unsere Existenzen sind wichtig, wir füllen sie mit Besonderheiten, damit wir im Käfig voller Affen, einzigartig sind. Die Masse zwingt uns dazu, dazuzugehören und uns am Mutterkuchen dieser Gesellschaft zu laben. Doch deshalb trägt jeder knallbunt, um gesehen zu werden; aber wenn alle knallbunt tragen, dann kann ein Einzelner nicht bunter sein als alle anderen. Und warum müssen wir uns überhaupt unterscheiden? Welcher böse Geist wurde uns in die Seele gepflanzt, dass wir nicht begreifen, dass die Unterscheidung es ist, die uns unglücklich macht und nicht, wenn wir uns verbinden. Weiterlesen

Was tun jetzt? – [Oder: Je suis Charlie]

Heute ist etwas Schreckliches passiert: Ein verheerender Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ wurde ausgeübt. Viele Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Das war ein gezielter Angriff auf westliche Werte, sagt man. Sie stelle einen Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit dar, sagte Francois Hollande. Und so, wie ich Islamisten erlebe, ist es auch so. Alles, was mit dem freien Lebensstil der westlichen Welt zu tun hat, wird abgrundtief von ihnen gehasst. Wie die Menschen sich anziehen, wie sie feiern, wie sie frei nach Schnauze sagen, was sie denken und wie sie Satire betreiben und alles auf den Arm nehmen, auch religiöse Persönlichkeiten.

Was soll man nun tun?, frage ich mich. Das tun, was sich intuitiv anfühlt oder das, was nun am Effektivsten ist? Ich höre andere oft sagen, dass Muslims sich von islamistischen Strömungen distanzieren müssen, damit sie weiterhin glaubwürdig bleiben. Ihr Schweigen würde den Verdacht aufrechterhalten, dass sie hinter all diesen Dingen stünden. Andererseits könnte man argumentieren, dass es falsch ist, von einer Glaubensgemeinschaft zu erwarten, der Welt beweisen zu müssen, dass sie nicht zu der extremsten und radikalsten Form dieser Ideologie gehören, wo sie sich und ihre Religion doch selbst als missbraucht ansehen und genauso verletzt oder schockiert über solche Ereignisse sind wie alle anderen auch (zumal die Konsequenzen für ihr Alltagsleben durch etwaige Diskriminierungen sogar weitreichend sein könnten). Man verlange auch nicht von jedem Deutschen, er möge sich von Hitler distanzieren, man erwarte auch nicht von jedem Amerikaner, sich von der Sklaverei zu distanzieren und auch nicht von jedem anderen Europäer, sich vor dem ersten Satz noch von seiner Kolonialgeschichte zu distanzieren. Weiterlesen

Ein Appell

Kleine dunkeläugige Kinder haben Angst. Sie fragen ihre Eltern, ob sie nun weg müssten. Auch wir haben ein ganz mulmiges Gefühl, das Selbe, das wir hatten, als wir uns damals, als wir nach Deutschland kamen, mit dem Nationalsozialismus beschäftigen mussten. Der Lehrplan erforderte all die tragischen Biografien, die Entwicklungen menschlicher Interaktion und Beeinflussung, wie es mit kleinen Vorurteilen begann und wie schnell daraus Hass wurde. Wie schnell dieser Hass zum schweigenden Abnicken größter Verbrechen wurde. Auch damals schwieg man, weil viele dachten, Nachbar Meyer würde all das auch für richtig halten, also musste es richtig sein.

Im Moment wissen viele meiner Freunde und Kollegen nicht, wie wir uns fühlen. Sie selbst neigen dazu, diesen “Haufen Irrer in Dresden” nicht ernst zu nehmen. Aber fünfzehntausend, das ist nicht nur eine abstrakte Zahl, das ist eine Menge, in der man untergehen kann. Sie verstehen noch nicht, dass wir uns nicht verstecken können. Wir sind stigmatisiert mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Eigentlich schöne Merkmale. Doch in den letzten Tagen habe ich kurz gedacht, um wie viel sicherer das Leben wäre, hätte ich doch blonde Haare, helle Haut und blaue Augen. Damals dachte ich nur, um wie viel leichter es wäre, heute um wie viel sicherer.

Wer denkt, ich würde übertreiben, muss erst einmal wir sein; muss erst einmal erfahren, wie es ist, zu einer Minderheitengruppe zu gehören, die nun und immer wieder als Zielscheibe dient. Es gibt viele deutsche Freunde, die stellen sich vor uns und gegen sie. PEGIDA-Demos in NRW (Bonn, Düsseldorf) konnten gar nicht angetreten werden, weil die Gegendemonstranten sie um Weiten überboten. (Danke …) Und dennoch ist Dresden nicht weit genug weg, und braunes Gedankengut überall im Netz verbreitet. Die, die noch immer dazu schweigen, weil sie vielleicht nicht wissen, was sie sagen sollen, denen die Formulierung schwer fällt, weil ihnen die Wut den Rachen stopft oder die ihre Blogs nicht mit widerlichem Gedankengut beschmutzen möchten, würde ich gerne etwas mitteilen: Ja, ihr habt das Recht, eure Blogs und Medien frei von Schmutz zu halten, euch nicht mit allzu negativen Dingen in jedem Raum eures Lebens zu belasten. Aber ihr habt ein weitaus mächtigeres Mittel in der Hand, als ihr denkt: Ihr könnt anderen vermitteln, was das Richtige ist, ihr steckt die bereits vorhandenen ähnlichen Gedanken an, ihr zündet sie quasi an wie Fackeln, die in ihrer Mehrzahl mehr Licht spenden als allein und ungeäußert. Ihr zeigt, dass ihr präsent seid. Wenn wir ruhig bleiben (so wie viele Migranten gerade übrigens), dann denken PEGIDA, Ihr und wir Migranten, dass sie in der Mehrzahl sind. Dass sie Recht haben und dass ihr alle hinter ihren Rücken steht. Wenn ihr kein Wort über diese Vorfälle verliert, trotz dass wir zusammen in einer Schulklasse saßen und gelehrt bekommen haben, wie schnell ein Vorurteil zu einer staatlich gewollten Massenhinrichtung führen kann, dann stärkt ihr diese wütendenden Anti-Alles-Menschen, weil sie denken, sie hätten keinen Widerstand und würden lediglich die geheimen Gedanken der meisten Deutschen mit ihren Taten und Parolen Luft verschaffen. Sie fühlen sich als Helden und Pioniere, die euch im Geiste an der Hand halten und vertreten. Weiterlesen

Gezielte Ignoranz

Ich kann nichts mehr erklären. Mir fehlt die Zeit, die Motivation und die Leserschaft. Lesen kann jeder selbst, kombinieren auch. Also fange ich irgendwo mittendrin an: Dieses Land wird sich bald spalten – oder es kommt noch schlimmer und bürgerkriegsähnliche Zustände werden als Resultat einer arschhinhaltendenen EU-Politik zustande kommen; und das auch nur dann, wenn sich diese Nation entschließt, sich gegen die eigenen Politiker und einen aufkommenden Krieg zu wehren. Es gibt momentan viele, ineinandergreifende Kriegsschauplätze, sie führen uns alle an der Nase herum – direkt nach Russland, da sitzt im Moment unser Feind, sagen sie. Wer denkt, dass irgendjemand diesen Krieg überleben wird, der irrt. Man will den großen Bruder USA nicht enttäuschen, also opfert man uns. Merkel opfert uns. Nicht sich. Diese Nation hebt den Zeigefinger, aber nie die Faust, deshalb muss sich niemand da oben Sorgen machen. Derweil sitzen wir auf unseren wohlgepolsterten Hinterteilen und sinnieren über den Sinn unseres Daseins und was wir für Weihnachtsgeschenke kaufen könnten und was Kunst ist oder ein gutes Buch oder wie das Herbstbild aufgehübscht werden kann – und ob wir glücklich sind. Manche überlegen, wie sie selbst zur Waffe und Justiz greifen können, weil Tugce nun gestorben ist und in einer Gesellschaft Heldin war, in der es Gang und Gäbe ist, andere zielgerichtet zu ignorieren, wenn sie in Not sind. So sinnlos kann man sterben, Tugce: aus purem Anstand. Du hast uns vorgemacht, wie es geht, nur leider werden dich nun immer weniger Menschen nachahmen. Weiterlesen

Aus dem Fenster

In der Klemme sitzend zwischen der Anklagenden und dem introvertierten Kind, das aus dem Fenster sieht und in die Ferne will. Da scheint immer dieser seidene Vorhang zu sein zwischen mir und allem anderen. Ich werde nie dazugehören, und inzwischen ist einer der Gründe dafür auch, dass ich es nicht mehr möchte. Diese ganzen Gespräche über die Ästhetik des Wortes. Bei wem hat die Liebe mich nur zurückgelassen? Und dann richten sie Reyhaneh Jabbari hin, weil sie einer versuchten Vergewaltigung nur entgehen kann, indem sie sich wehrt und ihn tötet. Wo waren wir, als all dies geschah? Als sie vor dem Richter versuchte, ihre Not zu erklären?

Mir fehlen die Autoren und Autorinnen, die es noch schafften, über sich zu schreiben, ohne den Radius ihrer Beschreibungen so eng an sich zu pressen, dass man beim Lesen unwillkürlich das Gefühl bekommen muss, sich um die Autorin oder den Autor zu drehen. Die meisten Texte hören sich an wie bunt gestellte Bilder aus dem hauseigenen Facebookalbum. Als ich Dostojewski las, fühlte ich, dass sein Kämmerlein dunkel war und sein Mantel verstaubt, auch wenn das vielleicht nicht so war. Mir fehlt der Schmerz und der Dreck beim Schreiben. Das Kerzenlicht, der vergilbte Teppich und die Erschöpfung. Heute müssen Texte gut aussehen, wie ein Instagram Foto. Ich glaube, Autoren sind weniger anfällig für diese Art des Schreibens. (Ich lasse mich hier gerne eines Besseren belehren).

Die Tage sind nach oben und unten hin wild. Letztens bin ich durch den Regen gegangen. Während alle anderen die Sicherheit suchten, dachte ich, dass ich mich begießen lassen will. Wie viel Glück eine wahrhaftige Begenung mit einem einfachen Natureieignis wie Regen bescheren kann. Und dennoch hat sich etwas verändert. Je älter ich werde, desto bewusster ist mir in jenem Moment die Begrenzung dieses Augenblickes. Die Freude geht einher mit einer stechenden Erkenntnis. Immer mehr. Weiterlesen

Generation Y: Die angepassten Okay-Studenten

Ich möchte euch einmal diesen unverschämten Artikel einer Dozentin vorstellen, die ein wenig Werbung für ihre Generation auf unsere Kosten machen möchte. Dabei schildert sie Aussagen von Studierenden, die in meinen Ohren absolut unrealistisch wirken. Dieser Artikel wurde auf der Uni-Köln Seite veröffentlicht. Es wurde von den Studierenden dort darum gebeten, dass ich meinen Kommentar dazu weiterverbreite. Hier erst einmal der Artikel: Generation Y: Die angepassten Okay-Studenten. (Mein Kommentar – leicht abgeändert zum besseren Verständnis):

Für mich grenzt dieser Artikel an Ignoranz, und wenn ich ehrlich bin, glaube ich ihr auch einige Aussagen, die Studierende angeblich getätigt haben sollen, nicht (z. B. „Uns bringen diese Diskussionen nichts …” – Wir waren jedesmal hellauf dankbar, wenn irgendetwas im Seminar vom Lehrplan abwich). Weiterlesen