[Marina Abramovic] The Artist is Present

Ich habe Marina Abramovics Film “The Artist is Present” gesehen. Viele, die das besser können als ich, haben über sie geschrieben. Über ihre Kraft, ihre Selbstgeißelung, ihre Disziplin und ihre Liebe. Zwei Stühle stehen in einem großen Raum, einen Tisch gibt es irgendwann nicht mehr. Die Künstlerin ist anwesend und sitzt uns gegenüber. Die Schwere ihres Körpers wird durch ihr hochgeschlossenes Kleid betont. Und wenn wir wollen, dürfen wir uns – jeder einzeln – auf den Stuhl setzen, der ihr gegenüber steht. Dann richtet sie, erst mit geschlossenen und dann mit offenen Augen, den Blick auf uns; und diese kompromisslose Nacktheit überwältigt uns erst, nachdem wir uns durch die ungewohnte Zuwendung zu uns betroffen fühlen. Wir können diesem Blick oft nicht standhalten, bis wir uns entscheiden, uns genauso wie Marina auszuziehen, uns hinzugeben und passieren zu lassen, was passieren muss. In diesem Prozess des gegenseitigen Ansehens, des sich Öffnens und Einlassens geschieht nämlich etwas Unglaubliches: Wir sehen in unser Spiegelbild – und dann wieder doch nicht, weil dieser Spiegel jemand anderes ist und das Spiegelbild zu einer eigenen Kraft wird: zur innigsten Berührung, zu der zwei Fremde in so einer Situation in der der Lage sind. Viele Menschen weinen während dieser Konfrontation mit einem anderen Körper, der eine Prägung auf unserer Seele hinterlässt. Und dann kann uns eine Demut überkommen vor der Fähigkeit dieser Frau, die es aushält, dass soviele Augen, soviele Prägungen auf ihrer Seele hinterlassen. Ich möchte mehr über sie erfahren, aber Zuneigung habe ich bereits allein durch diesen Film für sie empfunden. Zuneigung und Respekt. [Leider rede ich zwar so, als sei ich dabei gewesen, doch ich bin ihr nie begegnet. Ich konnte es aber nicht anders niederschreiben als genau so, wie ich es hier getan habe. Als sei ich dabei gewesen.] Weiterlesen

Gegen den Sturm

Es ist ja nicht so, als seien diese Bilder hier in irgendeiner Weise künstlerisch wertvoll. Ich weiß ja selbst, was für kantig kindliche Figürchen ich produziere, sobald ich aufhöre, meinen Kopf am Malprozess teilhaben zu lassen. Alles verliert an Bedeutung, nur der unmittelbare Impuls zählt. Trotzdem ist es eine faszinierende Art, mir selbst näher zu kommen und im Nachhinein über mich nachzudenken, wenn ich einfach nur rummatsche mit all diesen Farben. Ich habe bis jetzt in den jüngsten Bildern viel von mir entdecken können – und im Nachhinein sogar verstehen können. Natürlich weiß ich, dass eine nachträgliche Interpretation von Bildern immer Verzerrungen unterzogen ist. Auch der menschliche Drang, in allem einen Sinn und eine Kohärenz zu sehen, eine Geschichte, die zu meiner Biografie passt, wird vermutlich einiges an Wahrheit kosten. Aber für solch’ unwichtige Angelegenheiten ist doch weniger wichtig, ob ich mit meiner Interpretation über mich richtig liege, als viel mehr, ob ich mit dem, was ich herausfinde, etwas anfangen kann. Hier ist diese kompromisslose Suche nach der “Wahrheit” oder dem, was ihr am Nächsten kommt, nicht mehr von Belang. Woanders aber wiederum schon. Weiterlesen

Anders

Ihr Leben ist mir fremd. Die Art, wie sie einander grüßen, ist mir fremd. Die Floskeln tun mir weh, und die Leichtigkeit, mit der sie über wunde Kleinigkeiten hinwegsehen, beleidigt unsere Geschichte. Ich möchte euch nahe sein, aber ihr stoßt mich weg. Und wenn ihr kommt, dreh’ ich mich um. Ich bin zu dunkel, zu ernst, ich lache zu laut und ich kann nicht jedem zuerst feindlich gesonnen sein, sondern liebe ihn zuerst – also genau umgekehrt. Und von umgekehrt bis verkehrt bedarf es keiner großen Fantasie. Ich fühle mich verkehrt unter euch. Ich habe eine andere Welt in mir. Und manchmal, wenn ich so fühle wie heute, bin ich blind und taub für eure. Ich habe das Gefühl, ihr schlagt mit euren fremden Worten auf mich ein. Und das Recht, habe ich das Gefühl, das wisst ihr immer auf eurer Seite, weil ich erst drei Jahre nach meiner Geburt euren Boden betreten habe. In solchen Augenblicken drängt sich das Bild des alten Mannes aus meinen Träumen in mir auf, der inmitten der technologischen Revolution steht und um seine Schubkarre und die Schaufel weint. Ich habe Angst vor euch, so wie ihr vor mir, wenn ich so bin, wie ich es heute bin. Dann drängt ihr mich weg, drängt mich in den Schoß meiner Kultur, einer Kultur, die seit Anbeginn der letzten, prophetischen Religion und der Revolution am sterben ist. In ihrem Schoß werde ich verbrannt von ihrer Schönheit und vertrieben von ihrer Vergänglichkeit. Und nun? Wo soll ich denn hin? Der einzig sichere Kreis ist mein blaues Haus und der Garten mit all den blutsverwandten Blumen. Aber der ist fragil und sterblich. Und meine Erinnerungen wandeln sich mit zunehmenden Lücken zu einer neuen Geschichte, nur, damit ich überlebe. Euer Leben ist mir fremd. Und wenn ihr lacht über all die Andersartigen da draußen mit ihren komischen Bräuchen, ihrer wilden Gestik und ihrer bunten Mimik, dann lacht ihr auch über mich. Meine unbewegte Miene nehmt ihr persönlich und als Beweis dafür, dass ich schlecht integriert bin. Doch was ihr nicht versteht ist: Ich kann nicht über mich selbst lachen – nicht mit euch zusammen. Nicht hier, nicht jetzt.

Revolution

Dieses Bild war am Anfang ein harmonisches Bild. Eine kühle Mondnacht mit einem silbernen Mond und Nebel. So, wie man sich eine Nacht in Avalon vorstellt. Doch nach ein paar schlechten Nachrichen über Iran und die Welt entstand plötzlich dieses Bild hier. Jetzt, da es nach zwei Tagen fertig ist, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: So habe ich als Kind die Revolution in meiner Heimat oft vor meinem geistigen Auge gesehen. Es war so grotesk, man erzählte sich, die Menschen haben Khomeinis Gesicht im Mond gesehen, die Massendynamik und die religiöse Trance war nicht mehr aufzuhalten. Das Blut im Mond ist das “Blut der Märtyrer”, die im Krieg gefallen sind. Kinder und Jugendliche, die durch Mienen gelaufen sind, um “anzutesten”, ob die anderen Soldaten freie Bahn haben. “Das ist dein Geschenk, mein Junge, dass du als Märtyrer sterben darfst, direkt auf dem Weg ins Paradies. Sei dem Führer dankbar dafür.” Ich erinnere mich an die Interviews von kleinen Jungs, die wie weggetreten Waffen in ihren Händen hielten und wie auswendig gelernt erzählten, für welches hohe Ideal sie das alles taten, und dass sie ihr Leben mit Ehre opfern wollen. Die Menschen in dem Bild, das sind Zombies. Und so waren wir damals, wir waren irgendwann nur noch Zombies. [Es tut mir Leid, dass dieses Bild so bedrückend ist, ich hatte es gestern schon einmal drin und habe es wieder rausgeholt, weil ich mich schämte und weil ich diese Verstörung darin so unzumutbar fand. Aber ich möchte versuchen, es heute stehen zu lassen.]