Nur ein Augenblick

Was hättest du über die Welt gesagt, wärst du noch hier, Marilyn? Ich suche immerzu nach Bildern, auf denen du dich nicht verstecken konntest. Kurze Momente der Freiheit, kurze Momente der mimischen Erlösung, die du zwar nicht wolltest, aber die dich atmen ließen. Hier – auf diesen Bildern – sehe ich dich besonders. Keine Schleier, keine Anstrengung, kein Pflichtlächeln. Ein kurzer Augenblick der Daseinsberechtigung, ein kurzer Augenblick, in dem du geglaubt hast, dass du gut bist. Liebenswert und verletzlich. Auf der Suche und müde. Berechtigt, zu rasten. Wie konnte man all das nur nicht sehen?


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Die Wettervorhersagemenschen

Der Mai ist ein verrückter April, und die Wettervorhersagemenschen fangen an, sich ein wenig zu schämen, obwohl sie nichts dafür können. Damals, als ich so vier Jahre alt war und meine Eltern sich noch an das Wetter hier nicht ganz gewöhnt hatten, haben wir immer ganz gespannt die Wettervorhersage geguckt. Und als das Bild wieder Regen zeigte, begann mein Vater zu fluchen – und ich dachte, die Wettervorhersagemenschen seien Schuld. Sie können entscheiden, was sie uns für ein Wetter geben würde und welches sie uns vorenthielten. Denn warum sollte es einen Sinn machen, zu fluchen, wenn nicht irgendjemand in diesem bunten Kasten mit den Bildern in irgendeiner Weise Schuld wäre? Irgendwann sagte ich Papa, er solle nicht so sauer sein auf die Wettervorhersagemenschen. Die werden ihre Gründe haben, vielleicht bräuchte das Gemüse und die Kräuter in Deutschland mehr Wasser, damit sie nicht mehr so nach Wasser schmeckten. Und er lachte herzlich und sagte: “Du denkst doch nicht etwa, dass diese Menschen Schuld am Wetter sind! Oh nein, das hätte ich vielleicht erklären sollen. Nein, Dokhtaram (pers. meine Tochter), die können nichts dafür. Sie sind nur die armen Überbringer der schlechten Nachricht.” Weiterlesen

Was sie mir ist

Vielleicht war sie auch immer nur der Inbegriff von Sehnsucht. Die greifbare Gestalt des unbändigen Wunsches nach einer guten Welt, in der sie ein gutes Mädchen sein konnte. Vielleicht zerbrach sie daran – daran, dass sie nicht nur das gute Mädchen war, sondern als Sexobjekt angesehen wurde. Vielleicht ist sie das Symbol von Zersplitterung und der verborgenen Schönheit unter der Verblendung äußerer Attraktivität. Vielleicht war sie auch immer nur das nächtelange Weinen hinter einem strahlenden Lächeln, dem ich zuhörte, dem ich mein Singen schenkte. Ich weiß es nicht. Doch was auch immer sie mir ganz sicher seit meinem fünften Lebensjahr schon war und heute noch ist – ein Rätsel. Ein Rätsel, das ich mit Liebe ungelöst lasse.

Sie hat keine großartigen Bücher geschrieben, sie hat sich nicht gegen ihre Weiblichkeit und dem Missbrauch dieser zur Wehr gesetzt. Nicht so, wie intellektuelle Menschen es erwarten. Wie denn auch: Anders konnte sie sich keinen Weg zur Liebe freischaufeln. So schwamm sie mit, als Männer die Segel setzten und die Richtung vorgaben. Sie wehrte sich, und ihr wurde die “Liebe” entzogen. Sie zerbrach daran, weil sie ohne nicht leben konnte, selbst den falschen Fünfziger brauchte sie, weil sie nicht wusste, wie sie zu einem Echten kam. Und als sie alterte, wurde es immer enger in ihrer Haut, obwohl sie nie nur aufgrund ihrer Jugend geliebt werden wollte. Ich kann sie nicht fassen. Ihre Unschuld ist, was mich anzieht, die sie sich bis zuletzt bewahren konnte. Ihr ständiger Glaube, der richtige Weg würde schon gegangen werden – von allen, eines Tages, so würde es sein, träumte sie. So stelle ich es mir zumindest vor. Irgendwann, wenn alle das Beste wollten, nicht nur für sich, sondern für alle, würde alles gut werden. Ihr Glaube an den Tag, an dem alles gut werden würde, auch den liebe ich. Weiterlesen

Colonia

In den letzten Jahren habe ich meine Stadt vernachlässigt, sie keines Blickes gewürdigt, der in irgendeiner Weise mit Zuneigung einherging. Doch in den letzten Tagen hat sich mein Herz wieder etwas geöffnet. Ich sehe Köln und sehe Colonia. Ich sehe die alten Narben der kriegerischen Eroberung und Kolonialisierung durch Rom. Egal, wohin ich sehe, ein Stück Römisches Reich und Geschichte sind hier ohne Scheu ausgegraben und zu Bewusstsein gestellt worden. Ohne den Stolz der Verleumdung hat das Volk sich weiterhin Colonia genannt, was soviel bedeutet wie Kolonie; also Köln. Die alten Bauten wurden aufrechterhalten und gepflegt. Das Römisch Germanische Museum gehört noch heute zu den wichtigsten Kulturschätzen dieser Stadt. Köln hat sich mit seiner Vergangenheit arrangiert, sieht heute vielleicht sogar diese kulturelle Invasion als Bereicherung an.

In meiner alten Schule ist mitten im Pausenhof ein römischer Brunnen ausgegraben worden. Tief in der Erde entblößte sich das alte Erbe. Die Grube mit dem großen Brunnen wurde mit einer dicken Schutzscheibe bedeckt, und wir Kinder konnten herunter schauten tief runter in eine geheimnisvolle uns fremde, alte Welt. Die Schule wurde einfach drumherum weiter gebaut, nichts wurde zerstört. Wir nahmen hin und wir nahmen an, Rom gehöre zu uns. Ich glaube, daraus rührt die Fähigkeit der Kölner zur Freundleichkeit und Warmherzigkeit her, auch wenn Fremde auf sie zukommen. Auch, wenn ich es hier manchmal nicht leicht hatte, so wurde mir nach einer schlechten Erfahrung zehn Gute zuteil. Kölner sind für mich die Südländer Deutschlands. Sie lachen mit dir, sie klopfen dir auf die Schulter, sie sind etwas laut und sie haben durchaus auch ihre Vorurteile, aber sie versuchen einen immer aufzunehmen – so wie sie Rom in ihre Identität aufgenommen haben.

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Simple Things

Und dann gibt es diese Momente, in denen ich nach Innen lächle. In einer Bahn sitzen und einen jungen Mann beobachten, wie er nach einem Ruck aufspringt und die alte Dame auffangen will, obwohl sie gar nicht in Gefahr war. Wie die alte Dame daraufhin wie in alten Tagen und doch mit rauher Stimme kichert und sagt: “Och danke, junger Mann. Dat wär jäz doche nidde nötisch jewesen. Aba anständisch von Ihnen. Dat muss isch schon sache!” Ich liebe Menschen mit einem unverfälschten Beschützerinstinkt, der wie ein Reflex ausfährt. Während sie selbst in Gedanken noch ruhig an ihrem Platz sitzen, haben sie bereits mindestens eine alte Dame und mich glücklich gemacht und bemerken später erst, dass sie ja mitten in der Bahn stehen mit ausgebreiteten Armen und angespanntem Körper. Wenn es eine Eigenschaft an mir gibt, auf die ich stolz bin – wirklich stolz – dann ist es genau diese, dass ich einen starken Beschützerinstinkt habe. Und trotzdem ist es wirklich eine der Eigenschaften, von denen ich behaupten kann, dass ich überhaupt nichts für sie kann, nie an ihr gearbeitet habe oder versucht habe, sie zu verbessern. Sie war da, sie hat sich durch das Beobachten meiner Eltern im Umgang mit anderen verstärkt und lebt in mir weiter. Und ich will sie nicht aufgeben, auch wenn sie mich schon einige Male in Schwierigkeiten gebracht hat, auch in Emotionale. Weiterlesen

Märchen und Lieder

Absolute Müdigkeit. Und meine Augen brennen. [Und ich mag es entgegen der Meinung von Literaturprofis, Sätze mit "und" zu beginnen.] Das Geschwafel zerrt an meinen intoleranten Nerven. Mit Steinen will ich werfen. In manchen Ländern kämpft man um einen Schluck Wasser, und ich lamentiere, weil es wieder viel zu laut ist. Sich mitzuteilen stinkt nach Selbstvermarktung. Unehrlichkeit zwischen Wörtern und Zeilen, und das verzerrte Gesicht des Nonverbalen nimmt einem Augenblick mit Magiepotenzial die Reinheit. “Ich bin, ich bin, ich, die ich bin und immer nur sein will, vor allem im Mittelpunkt” höre ich es überall – auch von mir. Ein Bazar mit bunten Lügen verfolgt mich bis in traumlose Nächte. Ruhe jetzt.

Heute ist wieder einer dieser Tage, an denen ich so ausgeschlossen bin, unzugehörig, ganz und gar auffällig schwarzköpfig und schwer von Begriff. Welche Sprache sprechen die da? Wie geht das? Warum bilden die einen Kreis, lassen mich außen vor und bemerken das nicht? Warum sieht man, dass ich nicht von hier bin? Rieche ich seltsam? Und würde ich sie all das persönlich fragen, würden erstaunte Augen und nichts wissende Zuckschultern ein lustiges Zusammenspiel zeigen. Die Unsicherheit zwischen greifbarer Fremdheit und Einbildung zermürbt mich. Und ich weiß, es liegt an mir, nicht an ihnen. Weiterlesen

Unklarheiten weiter trüben

“Ich schrubbe seinen Boden. Vorhin noch hat er diese nassen Hände geküsst und mir gedankt, dass ich nicht gehe, so wie alle immer nur gehen heut zu Tage. Der aufrechte Gang ist beliebt, ich weiß. Das aufrechte Rennen noch mehr. Doch wie sehr ich den Schmerz meiner Knie gerade genieße, das versteh’ ich selbst noch nicht einmal. Wieso also sollte ich gehen? Erst eiin sechs Stunden kommt er wieder. Sechs Stunden, in denen ich Zeit habe, zu verstehen, was dieses Gefühl, das größer ist als ich, bedeutet …” – Das hier ist ein Ausschnitt aus meinem alten Tagebuch, den ich in einem großen Wahnvulkan aus verliebter Liebe geschrieben habe. Und noch heute weiß ich intuitiv, dass es keine glücklicheren Augenblicke gibt als jene, in denen man nicht mehr um seinen Stolz bangen muss, weil Stolz gleich ist, wenn man sich selbst nicht mehr gehört. Sich selbst nicht zu gehören, ohne das Gefühl eines Verlustes zu verspüren, scheint unwahrscheinlich in einer Zeit, in der Haben so wichtig ist. Aber es gibt diese Augenblicke, in denen ich mir nicht selbst gehörte und das der wunderbarste aller Augenblicke war. [Es gibt auch welche, in denen man das Gefühl von Kontrollverlust hat, das wiederum sind schreckliche Momente, aber das ist ein anderes Thema. Denn in Momenten der Hingabe, will man nichts mehr kontrollieren ...]

Das Leben verändert uns, und durch diese Veränderung verändern wir unser kleines Leben. Meines lehrte mich, dass ich mich stolzer und eigensinniger zeigen muss, als ich das von mir selbst fordern würde, ja sogar als es meiner Natur entsprechen würde. Wegen dieser irrsinnigen Anforderungen verlernen wir in diesen zahllosen Kopf-an-Kopf-Rennen gegen unseren Selbstwert manchmal, dass die völlige Hingabe mehr ist als nur das Seufzen und Stöhnen in einer schwülen Sommernacht. Hingabe ist mehr als den Körper aufbäumen und dann entspannen zu lassen. Vielleicht ist Hingabe viel mehr eine Art “Vergessen”, vergessen, was man will und dadurch alles bekommen, was man je wollte. In manchen Augenblicken hat sie sogar etwas mit freiwilligem Sklaventum zu tun hat. Ein Paradoxon, ich weiß, aber ich finde kein anderes Wort dafür. Weiterlesen