Sackgassen

Aus einem Gespräch mit einem Freund, der in einer Sackgasse festsaß:

„Ich glaube, der ‚wahre‘ Sinn des Lebens erschließt sich den meisten erst, wenn sie körperlos sind. Doch für das Leben gilt: die meisten Menschen sehen einen Sinn, sie müssen ihn sehen, sich einen konstruieren, um weiterzumachen – trotz all der Vergänglichkeit. Für diese notwendige Ignoranz aller Absurdität zum Wohle eines konstruierten Leitfadens für das Leben, müssen Menschen verdrängen können; und das tun sie ganz hervorragend. Dann gibt es aber die, die vielleicht zu erschöpft sind, um verdrängen zu können. Wenn man die Schicksalsschläge, die man nebenbei hört, nicht mehr als nebenbei belässt, sondern hineinsinkt (meistens wohl unfreiwillig) oder Dinge in seinem Leben gesehen hat, die sehr nah an Tod, Elend, Leid und Verwesung liegen, dann fällt es immer schwerer, sich einen Sinn im Leben einzureden. All diese Sätze über ‘Erschaffe dich neu’ und ‘verwirkliche dich selbst’, all diese Luxusprobleme widern immer mehr an, hinterlassen den faden Nachgeschmack der Einsamkeit; das Gefühl des Irrsinns in einer irrsinnigen Welt, wo Rettungssanitäter statt Wiederbelebungen lieber an den Straßenrand pissen und über diese herrgöttliche Erleichterung danach sinnieren. Weiterlesen

Gedankenkreise anhalten

Letztens habe ich daran gedacht, dass das Leben kurz ist; und beunruhigt wurde mir bewusst, dass wir eindrittel unseres Tages einfach schlafen. Wie gut, dass ich zumindest ein paar aufregende Träume habe – und dennoch: Mit fortschreitender Reife meldet sich der Druck, (noch) mehr vom Leben mitzunehmen und sich hinzugeben. Hingabe und Druck beißen einander, schalten sich gegenseitig aus, das funktioniert nicht. Und Hingabe und Mitnahme können miteinander funktionieren, aber nur mit der richtigen Haltung. Nimmt man zu viel, sind Arme und Hände durch das Greifen und Halten verschlossen. Sind sie verschlossen, ist die Hingabe blockiert; denn dazu bedarf es des Mutes, schutzlos und mit offenen Armen all dem gegenüber zu stehen, das man wirklich sehen wollte. (Sehen im Sinne einer echten Berührung und Verbindung). Weiterlesen

Altern und Identität

Es ist nicht die Zeit, die uns altern lässt, sondern unsere Annahme, dass wir eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft haben. Das bringt mit sich, dass wir eine stabile Identität gewinnen – eine Identität als Illusion darüber, dass wir trotz all der Veränderungen an und in uns ein und die selbe Person sind. Wenn wir innerlich mit aller Macht ein und die selbe Person sein wollen und sich äußerlich jedoch über die Jahre hinweg zeigt, dass wir uns stark verändern, kommen wir nicht umhin, das Konzept des Alterns zu erfinden. Altern erklärt, warum wir uns verändern, ohne von der Idee des Ich-Seins ablassen zu müssen. Ohne die Idee des Alterns wären wir nicht nur „Ich“, sondern „viele Verschiedene“, und wir würden uns nicht fragen, warum wir nun so anders aussehen und denken. Wir würden denken „Das da ist jemand anderes, und ich lebe eben nur jetzt, und der andere eben in einem anderen Jetzt.“ Und es wäre vielleicht sogar die Wahrheit. (Oder nicht ganz. Denn die Frage ist, ob wir nicht vielleicht viel tiefer gehen und das Konzept der Identität loslassen müssen, um in solch einen Zustand von Jetzt gelangen zu können).

Bedingungen

Am Ende des Tages hat man nur das, was man gegeben hat und durch diesen Weg erhalten hat: eine Art Gewissheit, dass man mit anderen in tatsächlicher Berührung stand. Dass das eigene Tun, das eigene Lächeln und die Zuwendung sich nicht spurenlos in der Zeit verlieren. Die Natur hat nichts Barmherziges an sich. Wer sich gierig verhält, wird anfangs aufsteigen wie die mächtige Sonne und sich am Ende des Tages selbst verbrennen. Mit „sich selbst“ ist hier aber nicht ein einziges Individuum gemeint, sondern die ganze Spezies oder gar der ganze Planet. Die Natur ist nämlich nicht gerecht, macht keinen Unterschied zwischen individueller und kollektiver Schuld. Wenn sie antwortet, dann vollkommen vernichtend. Aber wir können nicht behaupten, sie hätte uns nicht mal sanft mal hart gewarnt. Das können wir nicht behaupten. Weiterlesen

Was wir so tun

Manchmal wird mir bewusst, dass wir vielleicht nur dieses eine Leben haben, diese eine Chance. Die Chance zu was eigentlich? Was möchten wir Menschen uns während unseres letzten Atemzugs sagen können, dass wir das ganze Leben lang so um die richtigen Entscheidungen, Wege, Investitionen und Ziele bangen? Ich weiß es nicht genau. Doch es kristallisieren sich im Gespräch mit anderen oft zwei Dinge heraus, die so unterschiedlich nicht sind: Die Einen sagen, sie würden gerne wissen, dass sie ein erfülltes Leben hatten. Die Anderen sagen, dass sie hoffen, dass sie etwas hinterlassen werden und dass sie durch ihren Tod nicht unsichtbar werden im Wirken ihrer Zeit.

Was bedeutet es eigentlich, etwas zu hinterlassen? Manchmal würde ich diesen Menschen gerne sagen, dass sie sich darüber am Wenigsten Sorgen machen müssten, denn hinterlassen tut man immer etwas auch ohne Kinder – und sei es nur den Einfluss, den man auf Mutter Erde hatte und mit der Basis des eigenen Handelns als Ursache-Wirkungs-Kette für weitere Ursache-Wirkungs-Ketten sorgt, und das bis ans Ende aller Tage. „Ja“, heißt es dann „ich will aber Gutes hinterlassen. Bedeutendes.“ Und hier kommt es zum Problem: Was ist bedeutend? Und die andere Frage lautet: Wenn wir uns die Ursache-Wirkungs-Kette unserer Welt und des Universums einmal anschauen: Ist es dann wirklich so, dass Gutes wirklich nur Gutes erzeugt? Was, wenn ich auf dem Weg zur alten Dame, für die ich einkaufen möchte, weil sie orientierungslos und schwach wirkt, eine kleine Babyente Nähe eines Gullis erschrecke, diese wegrennt, die Entenmutter samt der anderen Küken ihm hinterherlaufen, ein Autofahrer das sieht, sich ablenken lässt, ein über die Straße rennendes Kind übersieht und einen Unfall baut? Dann ist aus etwas Gutem etwas Schlechtes resultiert. Ein anderes Beispiel für gute Ambitionen, die kippen können, kennen wir aus der Geschichte. Da ist jemand, ein Visionär, er will das Beste für alle, er will soviele Leben retten wie nur möglich, er will seinem Land dienen und sich aus der wirtschaftlichen Knechtschaft befreien und fängt immer mehr an, für ein erst konkretes Ziel immer mehr Opfer (Leben) hinzunehmen, und anstatt, dass seine Ziele greifbarer werden, werden sie immer abstrakter, weil sie immer mehr Teilziele beherbergen, die Aktion X und Handlung Y und Entscheidung Z legitimieren … Und dann hinterlässt er nur Krieg und Zerstörung. Weiterlesen

Anti-Theodizee

„Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht, oder er kann es und will es nicht, oder er kann es nicht und will es nicht, oder er kann es und will es. Wenn er nun will und nicht kann, so ist er schwach, was auf Gott nicht zutrifft. Wenn er kann und nicht will, dann ist er missgünstig, was ebenfalls Gott fremd ist. Wenn er nicht will und nicht kann, dann ist er sowohl missgünstig wie auch schwach und dann auch nicht Gott. Wenn er aber will und kann, was allein sich für Gott ziemt, woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht (einfach) weg?“ [Epikur]

[Ohne Titel]

Einige von uns suchen Lösungen und Antworten, von denen die alten Philosophen schon sagten, dafür wird es niemals die Weisheit geben. Warum ich die Wahrheit suche, immer gesucht habe und immer suchen werde ist, dass ich sie als einziges Allheilmittel sehe. Bitte ruft nicht “Nein, es ist die Liebe” dazwischen. Für mich gibt es nichts wahrhaftigeres als die Liebe. Wenn ich sie finde – die Wahrheit – kann ich vielleicht die Welt retten. Und doch gibt es da eine Stimme in mir, die sagt, dass die Wahrheit mich nur dazu brächte, alles, wie es ist, hinzunehmen. Verändern würde ich dann erst recht nichts. Aber es gibt keine Wahrheit, und das ist eine der wenigen Wahrheiten, die ich abwehren werde wie eine lästige Fliege; vermutlich solange ich lebe. Wenn es nämlich keine Wahrheit gibt, gibt es auch nicht viele, kleine Perspektivwahrheiten, die sie sich vom Großen ableiten. Das Große, das Ganze gibt es dann nicht mehr. Gibt es keine Wahrheit, ergibt all das hier keinen Sinn, gibt es keinen Sinn, ist unser Leben beschränkt auf lust- und unlustbetonte Gefühle, auf Leid und Freude, auf Haben und Nichthaben, auf Leben und Überleben – auf Dinge, die vergänglich sind, Dinge die auf nichts fußen außer auf Fleiß und gewöhnlichem Fleisch, das irgendwann verwest; und die Seele ist nur ein unruhiges Neuron, das irgendwann abstirbt und in seinen letzten Zuckungen noch ein grelles Licht wahrzunehmen meint. Und dann war’s das mit der Größe von Gedichten, der Vollendung eines Musikstücks oder der Bedeutung von Liebe – man könnte sie alle zu Tode analysieren, und ja, ich meine zu Tode, denn ihre Bestandteile benennen zu können, macht sie zu zusammensetzbaren, chemischen oder technischen Elementen. Man könnte mir entgegnen: „Mädchen, du redest Müll. Puren Müll. Ob es Wahrheit gibt oder nicht, das ist doch egal, du lebst ja trotzdem, an deinen Empfindungen ändert das nichts.“ Und dennoch! Wäre es egal, was hinter allem hier stünde und ob überhaupt, hätte man den Protagonisten in Matrix doch auch sagen können: „Junge, es ist doch egal, ob deine Welt ein Computerprogramm ist oder von Gott gemacht, ob real oder nicht: du lebst ja trotzdem.“ Weiterlesen