Kontrolle

Jedesmal, wenn ich uns aus der Distanz betrachte, fühle ich mich fasziniert und erschlagen zugleich. Ich beobachte immer wieder, wie wir versuchen, unseren Selbstwert zu erhöhen. Jeder von uns tut das. Die einen mehr, die anderen weniger (geschickt). Am Faszinierendsten ist jedoch, wie wir versuchen, die Kontrolle über unser Leben in die Hand zu nehmen. Die einen durch Religiösität, Spiritualität und Glauben, die anderen durch Nihilismus (indem sie sich sagen: wir haben nichts zu verlieren, also brauche ich keine Angst zu haben) – und wieder andere durch Atheismus (ich bin mein eigener Gott) und Gesundheitswahn (ich entkomme der globalen Vergiftung der Menschen durch Großkonzerne). Ich sage aber: Es gibt kein Entkommen. Das Einzige, das man sich aussuchen kann – und das auch nur, wenn man es rechtzeitig tut und wirklich nur dann – ist der Ort, die Zeit und die Art des Sterbens unter der Bedingung, man nimmt es selbst in die Hand. Und ob man das tut, hängt wiederum von der eigenen Persönlichkeit ab, die mit der Lebensbiografie entweder kollidiert oder zusammengeht, vom Schicksal, das man tragen oder nicht ertragen kann – und vom Grad der geistigen Klarheit oder der geistigen Krankheit. Im Grunde gehört uns nichts; nicht einmal wir uns selbst.

Das Versprechen

An einem offen gesprochenen Wort kann man sich die eigene Zunge verbrennen und dem anderen die Augen. Wir reden von Wahrheit, wie heilsam sie sei, wenn sie erst einmal ausgesprochen ist. Und wer trauert um ihre Opfer? Zerfallene Illusionen, tote Weihnachtsmänner und stürzende Zahnfeen. Die tragische Liste lässt sich fortführen. Es gibt zwei Wesen, von denen mich noch niemand überzeugen konnte, dass es sie nicht gibt: Einhörner und Meerjungfrauen. Und was, wenn Atlantis kein Mythos ist und Moses das Meer tatsächlich gespalten hat? Vielleicht kümmerte sich Gott damals noch um uns und ist heute nur verbittert über uns missratenen Kinder.

Was, wenn es ohne den Beobachter nichts da draußen geben würde? Was, wenn alle Atome querdurch falsch verschachtelt sind, so dass die Hälfte des Ordners eigentlich ein Teil des Mülleimers ist und der Mülleimer ein Teil des Gefrierfachs und überhaupt – was, wenn nur wir es sind, die alles in Ordnung bringen, und die Ordnung kein Zustand der Realität ist? Wenn unser Gehirn die Dinge umdrehen kann, die von unserem Auge (der Retina) eigentlich kopfüber projiziert werden, dann will ich nicht wissen, was es sonst noch kann und welchen nie ergründbaren Streichen der Wahrnehmung wir noch als Sklave dienen. Was, wenn es außer der Logik noch eine andere Denk-Art gibt, die alles besser erschließen könnte? Dann wären wir verdammt in unserem engen System, da kämen wir niemals, niemals wieder raus, denn wir können nicht anders als logisch denken. Was, wenn wir Strichmenschen auf einer zweidimensionalen Kugel sind und stets nur die selbe Linie umrunden, während wir soviel Raum vergeuden, weil wir keine Dreidimensionalität sehen? Was wäre dann noch unser? Woran könnten wir uns festhalten? Welche einfache Wahrheit wäre erreichbar, wonach greifen, woran noch glauben, was noch wissen – und wozu wäre dann das Sprechen oder Sprache noch notwendig? Und warum noch aufstehen, warum nicht gleich ins Bett pinkeln, warum überhaupt noch den Fernseher ausmachen, warum ihn überhaupt anmachen. Und von Fenstern will ich gar nicht reden … Weiterlesen

Und Nietzsche weinte

“Vor wenigen Monaten zeigte meine Schwester Elisabeth mir einen Brief, den ich ihr 1865 geschrieben hatte, mit einundzwanzig Jahren. […] In diesem Brief behauptete ich, es gebe grundsätzlich zwei Lebenshaltungen: diejenige derer, welche Seelenfrieden und Glück suchten und welche glaubten und am Glauben festhalten müssten, und diejenige derer, welche die Wahrheit suchten und welche allem Seelenfrieden entraten und ihr Leben der Erkenntnissuche weihen müssten. Das war mir also bereits mit einundzwanzig klar, vor einem halben Leben. Nun wird es Zeit, dass Sie es lernen. […] Sie müssen wählen zwischen der Behaglichkeit und wirklichem Wahrheitsstreben!” [Nietzsche im Gespräch mit Josef Breuer im Roman "Und Nietzsche weinte" von Irvin D. Yalom]

Ich hätte Nietzsche für diesen Satz umarmen können. Diese Härte, die er gegen sich selbst zugunsten eines Ideals – der Wahrheit – walten ließ, empfinde ich als weitaus mutiger und schwieriger als den Wunsch, sich an dem Punkt zur Ruhe zu setzen, wo das Glauben am Einfachsten ist und die innere Ruhe am Besten zu erlangen ist. Innere Ruhe ist ein sehr lockendes Ziel, auch für mich, denn ich habe selten welche. Trotzdem habe ich es bis jetzt nur selten geschafft, mich der inneren Ruhe wegen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiter zu fragen, zu skeptizieren, zu bohren und bis zum bitteren Ende durchzudenken. Jahr um Jahr habe ich zu Ungunsten meines Friedens und meiner seelischen Stabilität Glaubenssätze abgelegt, die mir eigentlich tief eingegraben waren – die uns alle eingegraben wurden. Ich will nicht sagen, dass ich so hart gegen mich selbst bin wie es Nietzsche war, aber ich war härter gegen mich selbst als ich es bei anderen erlebt habe; und gerade beim Lesen dieser Zeilen hat es mich fast ein wenig stolz gemacht. Weiterlesen

Moral – der Versuch einer Definition

Ein komplexes, gesellschaftliches Konstrukt, das man ablegen und anziehen kann, in vielen Farben und Formen, ohne dabei – rein objektiv – in existenzielle Argumentationsbedrängnis zu geraten, wenn man die Veränderungen dabei rechtfertigen muss. Denn fast alles lässt sich mit “andere Länder, andere Sitten” erklären. Je nach Epoche kann man sogar die abstrusesten moralischen Vorstellungen legitimieren, bis sie von Neuen ersetzt werden – meistens durch psychische, konventionelle oder direkte Gewalteinwirkung. Moral kann “Gutmenschen” (Pazifisten um jeden Preis) zur Passivität verleiten und dadurch zur Mitschuld durch Entscheidungs- und Verantwortungsfaulheit anregen. Darüber hinaus lassen einige moralische Vorstellungen manch einen dazu verleiten, den Satz zu sagen “Man kann Leben nicht gegen Leben aufwiegen” im Sinne von: Meine Passivität ist hier richtig, denn es macht keinen Unterschied, ob Zehntausende sterben oder nur Hunderte – wenn ein Leben unendlich viel wert ist, können viele Leben nicht uendlicher wert sein -, deshalb werde ich meinen Prinzipien lieber treu bleiben. Moral kann in einer brenzlichen Situation ein richtiges Handeln – oder Handeln überhaupt – verhindern, weil bei vielen noch die moralische Vorstellung Bestand hat, dass – wenn man Leute sterben lässt, da man nichts getan hat – es weniger verwerflich ist, als wenn man in ein Geschehen mit Gewalt eingreift, um diese Menschen nicht sterben zu lassen. Religiöse Moral kann ganze Gesellschaften rückständig und die Schwachen (Frauen und Kinder) unterwürfig halten. Moral heute kann ein Lifestyle-Produkt sein, das wir uns anhängen wie einen modischen Ohrring, der unsere Persönlichkeit unterstreicht und unsere Zugehörigkeit in Form und Farbe manifestiert. Moral ist der Luxus jener, die nicht um ihr Leben bangen müssen, eine Geburt der Distanz und Diskrepanz zwischen dieser und der dritten Welt. Moral ist inzwischen ein rein geistiges Konstrukt, da die Wenigsten aus diesen Breitengraden eine echte moralische Entscheidung treffen müssen, von der Existenzielles abhängt. Also bleibt uns nur das Reden und Definieren – und das Verurteilen. Moral ist die Versuchung, sich durch sie besser zu fühlen als andere.

Die Beschaffenheit von Gut und Böse

Der Grundgedanke eines jeden Augenblickes voll von Liebe und frei von allem ist: “Alles ist möglich, solange du liebst.” Vielleicht ist es ein Segen, in den jungen Jahren genau dieses Gefühl zu haben, die Gewissheit in sich zu tragen, Bäume ausreißen und Berge versetzen zu können. Von Glück kann man vielleicht auch noch reden, wenn man in genau jenen Jahren von persischer Poesie geprägt wird und der Art wie Erich Fried über die Liebe sprach. Hafez malte einst dieses Bild von sich selbst, wie er durch den Himmel flog und “tausend Schleier zerriss”, nur mit seiner Leidenschaft und seiner Ergebenheit diesem allumfassenden Gefühl gegenüber. Wem galt diese Liebe eigentlich? Mal Gott, mal einem Geliebten, mal allem, was existierte, denn er hatte nur das liebenswürdigste Bild von seinem Gott gezeichnet.

Mit den Jahren erfährt man, dass Liebe nicht alles ist, obwohl es falsch ist, dass sie nicht alles ist. Wie konnte Liebe nur nicht alles sein? Komplizierte Ereignisse drängen nach einer Erklärung, für die Liebe keine mehr hatte. Es war nicht so, dass man einen “bösen Menschen” einfach nur umarmen musste, ihm das, was er nie bekommen hatte, schenkt – und dann war alles in Ordnung. Und wie sollte man das den Geschädigten erklären? “Er hat dir das angetan, weil er zuwenig Liebe hatte. Ich gebe ihm jetzt die Liebe, die er nie hatte. Hab doch Verständnis.” Spätestens dann, wenn man auf Massenmörder stößt, die sehr wohl ein behütetes Elternhaus hatten, bleibt man ratlos mit seiner Liebe als Fundament und Heilung für alles und jeden zurück und beginnt, die andere Seite zu erkunden. (Nachdem man sich für seine Naivität geschämt hat.) Weiterlesen

Sichtweisen

Je nachdem, welche Vorannahme [Hypothese] man hat, können die selben gesammelten Daten zu völlig verschiedenen Schlussfolgerungen führen. Das ist ein wenig ernüchternd für Menschen, die eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung suchen. Doch das sollte man gar nicht erst wollen, denn die Präzision, die wir suchen, können wir allein aufgrund unserer Wahrnehmungsgrenzen und -verzerrungen nicht leisten. Bleiben wir bescheiden, erwarten wir nur das Mögliche.

Man erlebt das auch immer wieder im Alltag. Je nachdem, was uns gerade besonders beschäftigt oder welches Menschen- und Weltbild wir indoktriniert bekommen oder uns selbst durch Erfahrung angeeignet haben, kann ein und das selbe Verhalten einer Person von zwei verschiedenen Lebensbiografien unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden. Ein kleines Beispiel: Wenn ich auf Persisch sagen möchte “Du Vollpfosten, das war völlig falsch, was du gemacht hast” sage ich “Ghalat kardi!” [So im Sinne von "Du Idiot, voll vermasselt! Mach' das nie wieder, ist das klar?"] Wenn ich mich nun mit einer Afghanin unterhalte, kann es sein, dass sie zu mir sagt “Ghalat kardi” und dabei liebenswürdig lächelt. Warum lächelt sie dabei? Weil sie, trotz, dass wir rein linguistisch die “selbe” Sprache sprechen, doch eine andere spricht. Sie wollte nicht unhöflich zu mir sein, sondern wollte mir nur mitteilen: “Oh, das hast du falsch verstanden, tut mir Leid. Ich erklär’s nochmal …” In so einer Situation würde ich mit offenem Mund da stehen und ihre aggressionslose Mimik mit ihrem Satz – in meiner Kultur beleidigend – interferieren lassen und stocken. Peng! Schon ist meine Welt durcheinander. Weiterlesen

Orte und Räume

Es gibt Orte und Räume, die werden wir niemals verlassen, auch wenn wir schon längst nicht mehr sind. Oft sind es jene, in denen wir viel Einheit und Glück oder Leid und Schmerz empfunden haben. Wir hinterlassen dort Lachen und Liebe, Schweiß und Tränen – und in den schlimmsten aller Fälle auch Blut und einen Teil unseres Ichgefühls. Und was sich dort von uns entfernt hat ist auch gleichzeitig das, was uns dort fest hält: der Wunsch, den Moment des Glücks festzuhalten oder das leidende Ich in den Erinnerungen dieser Räume zu trösten. Szenarien zu erfinden, die ermöglichen, dass nicht mehr geschehen kann, was dort geschehen ist. Rückwirkendes Hoffen, so dass eine Geschichte gut ausgeht. Diese Orte und Räume werden wir niemals verlassen. Weiterlesen

Immer hinterher

In subtiler Weise werde ich immer hinterher sein, weil ich die Grobere, Dümmere und vielleicht auch zu Einfache bin. Es liegt daran, dass ich mit dem Finger auf Dinge zeige, ihnen einen Namen gebe, damit wir den Vogel im Gedächtnis behalten, auch wenn er schon längst nach Süden gezogen ist. Es liegt auch daran, dass ich zwar viele Zusammenhänge erkenne, aber trotzdem eine Wertung abgebe. Ich traue mich, zu sagen: “Nein, das ist nicht gut, das ist nicht richtig! Lasst uns das anders machen.” Man könnte mir die Abstraktionsfähigkeit absprechen, man könnte mir die Intuitionslosigkeit vorwerfen, man könnte meinen, ich lege einen hämmernden Pragmatismus an den Tag, der – aus welchen Gründen auch immer – schlecht sei. Begründungen für das “schlecht” gibt es sehr oft nicht, denn man stoppt sich selbst am bewerten, man könnte ja auf die Art zugeben, man gehöre zu der Spezies Mensch, zu der ich gehörte. Und obwohl etwas in mir weiß, dass es in Ordnung ist, wie ich bin, werde ich immer hinterher sein, weil ich viel zu schnell nach vorne ziehe, die Lösung pflücken und einen unerträglichen Zustand beenden will. Aus dieser Absicht entsteht die Frustrationstoleranz eines Kindes mit dem Unterschied, dass ich nicht aufgeben werde. Weiterlesen

In der Zusammenhanglosigkeit verloren

Zusammenhanglose Zähne klappern arhythmisch um Aufmerksamkeit, und der Loseste scheint zu gewinnen. Wir beachten immer alles, das wir zu verlieren drohen, aber immer auch erst dann und nicht vorher. Gebrochene Mädchen ringen um ihr Selbstwertgefühl, indem sie sexuelle Anziehungskraft mit Liebenswürdigkeit verwechseln. Kalte Nächte, zerwühlte Betten, sexueller Devotismus ohne echte Hingabe, ein Macho, der drei andere neben ihr hat und dann die Trennung, bis der Kreislauf von neuem beginnt. Nur mit weniger Selbstwertgefühl und noch stärker der Drang, durch sexuelle Anziehung Liebe zu ergattern. Der Bruch mit sich selbst verunstaltet uns, die Atemwege sind verstopft mit Habenwollenlisten, die unsere wahren Wünsche verbergen. Wir stagnieren in unserer Maske und sind belagert von unserer Verdrängung und wundern uns über Panik- und Erstickungsanfälle in der Nacht. Lasst uns schlafen und neu beginnen, frei von Altlasten, neu beginnen. Und dann kommt die Marketingfalle und schnappt zu, weil wir die höchste Offenheit in unserer Verzweiflung zeigen, wenn jeder Wegweiser wie der letzte Strohhalm verinnerlicht wird. Weiterlesen