Einzigartigkeit

Ich erlebe bei meinen Mitmenschen immer häufiger eine Art Freizeitstress. Immer wieder wird mir die Frage gestellt, was ich an diesem Wochenende denn Schönes mache. Ich antworte zur Enttäuschung des Fragenden dann, dass wir am Wochenende Zuhause bleiben, uns zwei bis drei Filme anschauen, schön kochen und neue Desserts kreieren. Oder dass die Familie vorbeikomme und wir einfach beisammen sind und über unsere Woche reden. Der Blick, den ich manches Mal daraufhin ernte, drückt ungefähr folgendes aus: „Wie? So viel Arbeit, so wenig Zeit, und dann bleibst du einfach nur Zuhause? Verpasst du so dein Leben nicht?“ Nein, das Gefühl habe ich nicht. Nicht, dass ich nicht das Gefühl hätte, dass es unnatürlich sei, mehr Zeit mit Kollegen und Kolleginnen zu verbringen als mit der eigenen Familie oder dem eigenen Liebsten; nicht, dass ich mich nicht darüber wundern würde, wie bereitwillig sich andere Überstunden aufbrummen lassen, während ich sehr häufig sage, dass ich verhindert sei und wichtige Termine habe – aber das Heimischsein, das „ungezwungene Existieren“ in meinen eigenen vier Wänden mit meinen Liebsten, das kommt mir nicht wie Zeitverschwendung vor, es ist viel eher wie Zeitentschleunigen. Ich gewinne damit Augenblicke, ich verpasse sie nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich im Leben zu wenig erlebt habe; vielleicht wünschte ich sogar, mein Leben wäre etwas ruhiger gewesen mit weniger Auf und Abs, mit weniger Aufforderungen, existenzielle Entscheidungen treffen zu müssen oder Dinge auszuhalten, die ich selbst als nicht aushaltbar empfinde. Andererseits nehme ich dieses Besaufen bis zum Koma, dieses Abfeiern und diese künstlich erzeugte Nähe durch Drogen, Alkohol und unverbindlichem Sex als viel sinnloser weil ungewichteter wahr als mein eigenes Daheimsein. Jeder versucht in der ihm verbleibenden Zeit zu finden, was ihm fehlt; mir fehlt nun einmal die Ruhe. Anderen die Aufregung oder der Beweis anhand eines Selfies, dass man irgendwo dabei war, dass man gelebt hat und dass das Leben nicht nur aus Arbeit bestand. Weiterlesen

7 Fakten über mich

Dieser liebe Mensch hat mich zum “7-Fakten-Blog” Award nominiert. Eigentlich nehme ich solche Awards nicht gerne an und beantworte sie leider auch meistens nicht. Aber da dieser hier nur sehr wenig Regeln und Begrenzungen aufweist, habe ich mir gedacht: Warum nicht? Also fangen wir mit 7 Fakten über mich an:

❊ Die Nachsichtige ❊

Ich habe eine Stärke, die auch eine große Schwäche sein kann: Ich bin über die Maßen nachsichtig und gar nicht bis sehr selten nachtragend. Jene, die mich kennen, wissen, dass ich Dinge durchgehen lassen oder verzeihen kann, bei denen andere schon für immer „Adieu“ gesagt hätten – am Besten noch mit einem Rachefeldzug oder Arschtritt dazu. Ich nicht, und das, obwohl ich kurzfristig heftige Wut empfinden kann, die sich nach einem größeren Verrat meines Gegenübers in harte Verachtung umwandelt. Sobald die Person aber auf mich zukommt, öffne ich meine Türen und lasse sie erst einmal rein. Ich möchte mir anhören, was sie dazu zu sagen hat, vielleicht ist es auch die Hoffnung auf Wiedergutmachung, die mich hier treibt. Aber selbst, wenn keine angemessene Entschuldigung erfolgt, bleibe ich ihr erst einmal freundlich gesonnen, ohne aber die Skepsis einer Verletzten zu verlieren. Diese Nachsichtigkeit bezieht sich nur darauf, wenn jemand mich schädigt, wenn jemand anderes geschädigt wird, bewerte und handle ich anders. Weiterlesen

Ich liebe Dich, Köln …

Gestern Abend waren wir berauscht vor dem Glück des Zusammenseins; und ich habe gespürt, wie sehr ich diese Stadt und ihre Menschen liebe und wie sehr sie uns liebt. So lange habe ich auf diese Liebeserklärung gewartet und sie endlich bekommen. Da waren sie alle: Kölner und Kölnerinnen, Seite an Seite, mit einem dunklen unbeleuchteten Kölner Dom als wütende, große Mutter, die schützend ihre Hand über uns hält – und wir haben uns alle gegen die Pegida-ianer gestellt und ihnen ihren Demonstrationszug versperrt. Selten habe ich mich so zugehörig, so angenommen, so beschützt gefühlt wie gestern, als man gegen Migranten marschieren wollte, aber nicht mehr vom Fleck weg kam, weil sich ganz Köln quer stellte. Kleine dunkeläugige Kinder müssen keine Angst mehr haben. Ihre Väter und Mütter können sie beruhigen mit den Worten „Nein, mein Kind. Wir sind hier nicht unerwünscht. Siehst du die Menschen auf diesen Straßen? Sie kämpfen dafür, dass wir hier bleiben dürfen.“

Ich <3 Dich, Köln …

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Dienen [mit Leib & Seele]

Das Leben wäre umso vieles einfacher, wenn man tatsächlich ernten würde, was man sät. Umso unglaublicher ist es, dass wir trotz der erlebten Widersprüchlichkeit von universellen oder göttlichen Gerechtigkeitskonzepten immer noch überzeugt davon sind, dass Gutes zu tun uns Gutes bringen wird. Und dennoch sehe ich, dass soviele von uns die guten Dinge nicht tun, weil sie erwarten, dass Gott oder das Universum es im Nachhinein gut mit ihnen meinen, sondern weil es ihnen einfach ein Bedürfnis ist, so zu handeln, dass es andere heilt und beflügelt. Ich gebe nicht aus altruistischen Gründen, ich gebe, weil es mich verdammt nochmal erfüllt. Ein lieber Mensch sagte einst in einer Diskussion, es wäre viel schwieriger gut zu sein und gut zu handeln, deshalb wäre es soviel wert, den anderen Impulsen nicht nachzugeben. (Vielleicht hat er es anders gemeint, aber ich gebe wieder, wie ich es verstanden habe). In dem Moment wurde mir klar, dass es (für mich) genau umgekehrt ist. Gut zu sein, zu hegen, pflegen, helfen und lieben fällt doch umsovieles leichter, ist es doch der aller erste Impuls in jeder vertrauenswürdigen Begegnung, den ich empfinde. Zu zerstören, zu distanzieren, zu erkalten und mich abzuwenden fällt mir so unglaublich schwer, selbst bei Menschen, die mir Schlechtes getan haben. Noch vor Wochen kam eine Person auf mich zu, von der ich weiß, dass sie hinter meinem Rücken Läster- um Lästerattacken über mich von sich gibt; und der erste Impuls war, sie einfach zu umarmen in der Hoffnung, dass all ihre negativen Gedanken über mich abfallen. Erst im zweiten Impuls dachte ich, dass sie das vielleicht nicht will und dass ich mich vielleicht entsprechend ihrer „Bösartigkeit“ mir gegenüber verhalten und auf Distanz gehen müsste. Die beiden konkurrierenden Impulse ergaben eine lauwarme Umarmung. Meine Zuwendung war eher ein unerfüllter Wunsch als ein Willkommensgruß in meine Seele hineingehen zu dürfen, wenn sie wollte. Weiterlesen

She …

Diesen Song habe ich heute geschenkt bekommen, indem ich von ihm daran erinnert wurde, dass es ihn gibt. Er hatte ihn auf dem Heimweg im Radio gehört und fand, „er sagt vieles von dem, wofür ich zu ungeschickt bin.“ Ich höre ihn schon den ganzen Tag, entweder mit Headset oder im Herzen. Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk. Diese alten Songs machen, dass ich nicht alleine bin.

„She, who always seems so happy in a crowd
Whose eyes can be so private and so proud
No one’s allowed to see them when they cry“

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Die anhängliche Nostalgikerin

Nostalgie ist eine Form der Anhänglichkeit, und sie ist auch eine Form der Revolte gegen die Gegenwart. Oft wird sie als Schwäche empfunden, aber im Grunde ist sie unheimlich stark. Nostalgische Menschen können jahrelang aus ihren Erinnerungen zehren und neue Kraft schöpfen, auch wenn sie zeitgleich die Hoffnung für das Heute in Frage stellen. Ich bin anhänglich, und ich bin eine Nostalgikerin. Doch diese Nostalgie macht mich zu einem sehr treuen Menschen. Einem Menschen, der nicht vergessen kann, dass er einst geliebt hat und aus dieser intensiven Erinnerung die Liebe weiter aufrechterhalten kann. Mein Elefantengedächtnis begleitet mich seit meinem zweiten Lebensjahr. Ich kann weder das Herrliche noch die Angst vergessen. Der See in mir, der all die Eindrücke einverleibt und sogar intensiviert hat, wird mich immer verletzen und vieles, das in Vergessenheit geraten sollte, von Neuem erleben lassen; doch zeitgleich wird er mir die Schatztruhe sein, aus der ich immer wieder schöpfen kann. Ich weiß jetzt, was ich antworten werde, wenn jemand mich fragt, woher ich all die Kraft herhole. Ich werde ihm sagen, ich bin stark, weil ich eine anhängliche Nostalgikerin bin. Ich werde ihm nicht erzählen, dass nur die Gegenwart zählt, ich werde ihm meine Wahrheit erzählen – nämlich, dass mein Ziel es nie sein wird, einfach nur frei und glücklich und frei von Sorge zu sein, sondern dass ich mehr will, als in einem distanzierten Zustand der Meditation das Negative an mir vorbeiziehen zu lassen. Dass meine Kraft aus der Strenge der Verantwortung wächst, und dass meine Strenge und Verantwortung aus der Liebe entspringt, die für mich mehr ist als nur atmen, existieren und sie zu bekennen. Ich werde erzählen, dass meine Liebe ein Gelübde ist, ein Band, das der Nabelschnur ähnelt. Und ich werde diesen Standpunkt für mein eigenes Leben verteidigen, weil ich so sein will, wie ich bin. Weil ich jede Konsequenz meiner teilweise vorhandenen Selbstdestruktivität tragen möchte, weil ich voll und ganz dahinter stehe – und weil alles andere für mich nur ein halbes Dasein wäre. Weiterlesen