Das Selbstexperiment

Die von Selbstzweifeln geplagte Frau ist mir irgendwie abhanden gekommen. Seitdem hat sich sogar mein Gedächtnis verbessert, und ich kann mir Lernstoff viel schneller einprägen. Wie kann es sein, dass der Ballast der Selbstablehnung so heftig auf die Leistung schlägt?

Ich habe vor acht oder neun Wochen ein Experiment begonnen, nachdem ich nach einem Seminar bemerkte, dass ich an das, was ich über Psychotherapie und Interventionstechniken lernte, nicht glaubte. Dass eine sehr laute und sarkastische Stimme in mir sagte: „Oh Mann, mit dem Scheiß willst du später Menschen, die Hilfe brauchen, helfen? Das glaubst du doch selbst nicht.“ Also habe ich nur einen kleinen Therapiebaustein genommen und ihn sogar unter sehr suboptimalen Bedingungen durchgesetzt: Ich habe tagtäglich gegen meine automatischen Gedanken angekämpft („Du kannst das nicht“, „Du bist zu blöd dazu“, „Du bist fett“, „Du bist hässlich“, „Du bist nicht liebenswert“), indem ich die Komplementärgedanken dazu bewusst „gedacht“ habe (“Du kannst das”, “Du bist sehr intelligent, schön, liebenswert”). Mit der Zeit habe ich die automatischen negativen Gedanken mit viel Mühe und einsetzenden Kopfschmerzen immer und immer wieder korrigiert, bis ich vor Erschöpfung wütend wurde. Diese Wut war aber verdammt gut und heilsam. Sie hat mir nämlich plötzlich die Frage gestellt, warum ich mir überhaupt seit Ewigkeiten das Recht verwehrte, mich wirklich in Ordnung zu finden? Warum eigentlich? Wo bin ich denn soviel schlechter als andere? “Ja, zähl’ mal auf, Sherry. Worin genau bist du denn so abgrundtief schlecht, dass du dich verachten müsstest?” Diese wirklich konkrete Frage erforderte eine konkrete Antwort, die ich gar nicht geben konnte. Wenn ich etwas nicht beantworten konnte, dann doch, weil das Gefühl gar nicht auf Fakten beruhte. (Simple Schlussfolgerungen sind manchmal sehr heilsam.) Weiterlesen

Monster abzugeben

Nein, das ist nicht die Masterarbeit, das ist ein ganz normales Diagnostisches Gutachten für eine Klientin, das wir im Rahmen des Studiums erstellen müssen. Sind ja nur achtzig Seiten, also umfangreicher als meine Bachelorarbeit. Diese Leistungen müssen wir nebenher erbringen. Neben Praktika, Präsentationen, weiteren Hausarbeiten, Klausuren, Hausaufgaben und Seminaren mit Anwesenheitspflicht. Es ist wirklich an der Zeit, dass die Uni bald zu Ende geht.

Der Versuch sich selbst zu erschaffen

Seit Monaten beschäftige ich mich mit den kreisenden Gedanken um ein Tattoo. In meinem Alter ist das seltsam, wo ich diesen Verführungen in Teeny-Jahren trotz besonderer Anfälligkeit erfolgreich entsagen konnte (Mit Hilfe meiner Eltern natürlich). Ich habe noch keine genaue Vorstellung, wie es aussehen soll, weil ich nicht weiß, wie das, was ich auf meiner Haut ausdrücken will, überhaupt in ein Bild gebracht werden könnte. Also halte ich einfach nur an diesem Vorhaben fest, ohne eine genaue Idee zu haben und warte nur noch auf diese eine Sache – diese eine Hürde – die ich noch zu überwinden habe, um mir danach die Markierung in meinem Lebenslauf aus einzugravieren. Nicht irgendwo in der virtuellen Welt, in einem Tagebuch, das verloren gehen könnte oder irgendwo außerhalb von mir, sondern auf mir selbst. Immer da als Beweis dafür, dass alles wirklich geschehen ist und ich überlebt habe.

Wie es der Zufall so wollte, bekam ich in diesem Semester den Kurs “Körperdysmorphe Störungen” auch wirklich zugeteilt. Bei der Körperdysmorphie handelt es sich um eine überdimensional ausgeprägte Beschäftigung mit einem “Makel” am Körper, der vielleicht gar keiner ist oder von der sozialen Umwelt gar nicht als solcher wahrgenommen wird – aber dafür umso extremer vom Betroffenen selbst. Dabei kann es sich um alles Mögliche handeln: Um die Nase, den Mund, die Füße, die Akne, die Sommersprossen, ja, sogar die Muskeln und die Figur. Es gibt Männer, die tragen unter ihren Klamotten drei bis vier Schichten andere Klamotten, nur weil sie davon überzeugt sind, dass sie spargeldünn und schwächlich aussehen müssen. Vom Gegenteil überzeugen kann man sie nicht ohne Weiteres. Weiterlesen

Große Schätze

Das hier ist keine Angeberei, sondern eher Schwärmerei. Ich habe hart dafür gearbeitet, um mir die meisten Lehrbücher auch kaufen zu können und nicht nur auszuleihen. Wie hätte ich sie sonst entdecken können, so ganz ohne Totaleinverleibung? Ich verkaufe sie auch nicht weiter, immerhin habe ich viel Zeit mit ihnen verbracht und durfte magische Aha-Effekte erleben. [Außerdem sind die meisten neon-markiert.] Andererseits habe ich erlebt, dass Lesen allein nicht ausreicht, um Wissen am Besten in mir zu manifestieren. Ich bin nicht ausschließlich Primatin der Kognition, deshalb brauche ich noch einen anderen Zugang, und das ist das Zeichnen von Fakten, das Verändern von Modellanteilen, um dann zu schauen, wie die Konsequenz ohne Variable X aussehen würde. Man könnte sagen, ich lerne viel dadurch, indem ich mit Faktoren rumwürfele und das Verhalten einer Sache simuliere, um aus der Abweichung, die sich ergibt, die Natur des Gegenstandes zu verstehen. Wenn ich es schaffen würde, all den Stoff so zu lernen – und nicht anders -, könnte ich mit Sicherheit behaupten, dass ich es nie wieder vergessen würde, was ich gelernt habe. Aber nein, das Studium lässt keine Zeit zum Lernen. [Ja, den Satz muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.] Ich hoffe, die Bilderlastigkeit der letzten Tage macht euch nichts aus. Falls ihr euch für einige Bücher interessiert, klickt einfach drauf, dann könnt ihr die Titel und Autoren lesen.



Fluchtreflexe

Nach nur zehn Tagen Vorlesungsbeginn, sah mein Ordner bereits so aus. Jetzt, paar Tage später, füllt sich bereits der Zweite. Da kann ich wieder nur den Kopf schütteln. Was denken die Dozenten eigentlich? Vermutlich hält jeder von ihnen ihre eigene psychologische Disziplin für die Wichtigste. Ich fühle mich jetzt schon erschlagen und nehme den mir schon vertrauten Fluchtreflex wahr, den ich jedes Semester von Neuem habe. Bis ich mich beim Durcharbeiten all des Materials selbst wieder dabei ertappe, wie wundervoll es ist, was ich da lesen darf. Aber mal etwas Anderes: Ich sollte mich vielleicht ernsthaft daran gewöhnen, die PDFs am MacBook zu lesen, damit ich nicht soviel Papiermüll produziere. Aber wie bei den Meisten, erfasse ich Dinge besser, wenn ich sie in der Hand habe, berühren und unterstreichen kann – und vor allem meine Notizen [Fragen] festhalten darf.

“Der Schmerz ist noch heiß”

Ich sitze schon seit einer halben Stunde hier an meinem Bildschirm, höre Musik und fühle den Drang, etwas schreiben zu müssen, weiß aber nicht was. Ich empfinde eine Mischung aus Erleichterung und Bewegungsdrang und frage mich, wie ich die beiden miteinander verbinden soll. Ersteres ist Entspannung, Zweiteres Anspannung. Draußen ist es so kalt wie schon ewig nicht mehr, und ich stelle mir vor, wie ich in einen zugefrorenen See springe, in dieses eine, für mich extra geschnittene Loch hinein. Ich tue mir weh, tausend Kältenadeln bohren sich in meine Haut, ich erleide einen sensorischen Schock und mein Kreislauf spielt kurz Kollaps, bevor sich alles langsam wieder in Gang setzt und ich jede Bewegung in mir spüre, jede Sehne spannen höre und jeder Muskel gegen die eigene Erstarrung kämpft, indem jede Kontraktion wie im Überlebenskampf zuckt. Alles, was ich bei dieser hier für euch unangenehmen Beschreibung empfinde, ist ein wohliges Gefühl von Freiheit, während Ihr beim Lesen vermutlich das Bild wegzuscheuchen sucht.

Oft schon habe ich mich gefragt, warum ich die Kälte so liebe. Auf eine eindeutige Antwort bin ich nicht gekommen, doch geahnt habe ich immer, dass ich die Hitze in mir nur mit ihrer Hilfe beruhigen kann. “Heiß” bedeutet auf Persisch “Daagh” [das A lang ausgesprochen]. Wenn wir sagen wollen, dass ein Schmerz noch sehr frisch ist, dass er tief in einem sitzt, pocht und wund ist, dann sagen wir: “Der Schmerz ist noch heiß … [Dardesh daagh-e ...]” Vielleicht suche ich deshalb die Kälte. Die Wunden sollen nicht weiter atmen, sondern in einen erleichternden Dornröschenschlaf fallen … Weiterlesen

Liebesberufung

Mein Smiley sieht hier so herrlich verzweifelt aus, da dachte ich, das muss ich euch einmal zeigen. Ich muss gerade den Mathekram aus den ersten zwei Semestern [Statistik & Stochastik] wiederholen, damit ich die jetzige Vertiefung in die Materie besser verstehe. Ich staune immer wieder darüber, dass man ein 600-seitiges Buch, in dem vor allem Zahlen, Formeln und ihre Herleitungen eine Rolle spielen, so gut aufbereiten kann [praxisbezogen anhand von Forschungsbeispielen], dass ich es richtig mit Interesse lese und wissen möchte, “wie es weiter geht”. Weiterlesen

Ich liebe uns

Eigentlich wollten wir nur frei sein. Doch irgendwann meinte einer, erkannt zu haben, dass Freiheit nur mit absoluter Macht einhergehen kann. Und so entstand die Realität, in der wir gerade leben. Die Geschäftigkeit hat wieder begonnen. Die Tage sind vollbepackt mit Seminaren und Vorlesungen. Zuhause schwillt der Kopf bis zum Schädelanschlag an, die Informationen müssen irgendwie verdaut werden – es sind so viele. So viel zu tun, der Studienverlaufsplan sieht aus wie die Programmieranweisung eines Fließbandroboteres. Literaturlisten, Kopiervorlagen, Klausurtermine, Präsentationen, neues Wissen trifft auf Altes – und das Gelernte ergibt immer mehr Sinn und ein erquickendes Gefühl von Sinnhaftigkeit, so wie, wenn ein Schlüssel in ein Schloss passt und klack macht oder wenn die Weingummis genau den Geschmack haben, den man sich ersehnt hat, oder wie der erste Kuss, bei dem man merkt, dass die Natur schon weiß, wie es geht und man sich umsonst all die Sorgen gemacht hat. Dieses Stimmige bewirkt, dass wir schon selbst Forschungsideen haben und endlich unsere eigenen Gedanken ernstnehmen, anstatt die anderer zu schlucken. Weiterlesen

Gerade eben …

… habe ich meinen ersten Zulassungsbescheid für’s »Master of Science Psychologie« erhalten. Ich bin so unendlich erleichtert, weil ich risikofreudig [oder dumm] genug war, mich nur an zwei Universitäten zu bewerben. Vielleicht bekomme ich die Zulassung für meine jetzige Uni ja auch noch, dann habe ich die Qual der Wahl. Das ist aber nur Nebensache. Ich muss mir keine Sorgen mehr machen, weil mir der eine Masterplatz sicher ist. Aber eine Sache muss ich dazu loswerden: Es ist einfach eine bodenlose Drecksscheiße, dass ich mit einem oberen Einserdurchschnitt um meine Existenz als Psychologin fürchten musste, weil die Auswahlkriterien so hart sind. Warum dürfen wir nicht – wie die Diplomer – einfach zu Ende studieren? All die Bachelor PsychologInnen, die es nicht schaffen werden, weil sie “nur eine 1,8 oder 1,9″ haben, werden um ihre Zukunft betrogen. Irgendetwas ist hier mächtig schiefgelaufen mit dem Bolognascheiß. Vonwegen, die Unis sollen dadurch homogenisiert werden. Es war noch nie schwieriger, den Studienplatz zu tauschen, als jetzt. Ständig werden Leistungen nicht anerkannt, oder man bekommt dafür weniger Credit Points, als eigentlich von der Herkunftsuni gedacht. Während wir in 6 Semestern ca. 12 Hausarbeiten schreiben mussten, müssen einige gar keine schreiben. Es gibt sogar Unis, in denen die Studierenden die Prüfungen so lange wiederholen dürfen, bis sie eine Note erhalten, mit der sie zufrieden sind. So schreibt man ein und die selbe Prüfung so oft, bis der Schnitt mächtig gehoben ist. Wo sind wir hier bloß gelandet? Bestimmt nicht bei “fairer Vergleichbarkeit von Leistungen”. Dazu empfehle ich jedem den Artikel von Gretchens Armee, den ich voll und ganz unterschreiben kann. Der könnte für jeden interessant sein, auch für die, die Kinder haben und sich später mit diesem System auskennen müssen oder vielleicht noch vorhaben, etwas dagegen zu unternehmen, bevor die eigenen Kinder unter solchen Bedingungen studieren müssen: → Bachelor-Master: Wo seid ihr alle?