Wo sind sie?

„Wo sind die Menschen, die genauso groß leben wie sie große Töne spucken und pathetisch Reden über Familie, Heimat, Wohltätigkeit, Sinn, Liebe und das Universum halten? Wo die Menschen, die nicht wegschauen, obwohl sie beim Hinschauen erzittern und der nächste Albtraum nicht lange auf sich warten lässt? Und wo sind die Menschen, die handeln, obwohl die Angst sie zu lähmen droht, doch alle Rechtfertigungen und Entschuldigungen der Welt sie nicht von ihrer Pflicht als Mensch für den anderen Menschen abhalten können? Wo sind die Menschen, die noch in den Spiegel sehen – unverfälscht und pur – ohne vorzugeben, jemand zu sein, der sie nicht sind, damit die Scham sie nicht einholt? Wo?“

Das sind die zusammengefassten Gedanken, die sich fragmental die letzten Wochen über in mir zusammengesammelt haben. Sie ergeben inzwischen einen Satz, eine Frage – und am Ende sind sie doch eine Anklage. Ich habe die alte Übelkeit in mir, wenn ich große Reden höre, wenn ich Belehrungen über mich ergehen lasse über Menschlichkeit und Liebe, über Verantwortung und die Gerechtigkeit des Universums und am Ende doch alleine bleibe mit der Last der Liebe. Ich möchte Gift spucken, ich möchte sagen „Halt’ deine Fresse, wo bist du denn jetzt gewesen die letzten Wochen?“ Weiterlesen

Gedankenabriss

In den letzten Tagen frage ich mich immer wieder, wie es wohl ist, wenn man älter ist und davon ausgeht, dass man vielleicht noch nur zehn oder zwölf Jahre zu leben hat. Wie fühlt sich das an? Aus heutiger Sicht würde mir wohl ein wenig der Panikschweiß von der Stirn brechen, und ich würde “Oh Gott, oh Gott” rufen, weil ich ja noch soviel vorhatte. Aber wenn ich mir vorstelle, ich wäre gealtert, hätte die Möglichkeit bekommen, zu reifen und das Langsamwerden des Körpers zu erleben und allmählich zu akzeptieren, dann würde ich mit dieser Erkenntnis vielleicht umgehen wie mit einer Gewissheit, die für uns alle gilt – und ich könnte mich beruhigen. Vielleicht altern wi auchr deshalb: damit ein Ende akzeptabler erscheint. Vielleicht ist Altern eine Art Konfrontation mit dem Sterben und eine Möglichkeit, neben diesem den Kontrast des Lebens besonders besonnen zu genießen. Vielleicht ist es also gut, die Sache mit dem Altern.

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Gedankenabriss

Blutarmut. Seichtes Leben, blass an Lächeln, am Wollen, an Leidenschaft, an der Fähigkeit zu leiden, mitzuleiden, zu teilen. Wir denken, grübeln, wir vertiefen uns mit einem Spaten in alles, das wir zum graben finden des Grabens willen; und am Ende bleibt dieser eine Punkt, an dem wir zurückkehren, zu dem wir hingraben, den wir niemals verlassen werden: Uns selbst. Wenn das mal kein Gefängnis ist, das man uns als Selbstfindung verkaufen will.

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“Du fühlst dich alleine, wenn du weißt, da sind nicht viele, die jemals an diesen einen Punkt gekommen sind, an dem es eigentlich nur noch das Umfallen oder Resignieren gibt, das Loslassen und Sterben als einzige noch aushaltbare Option, aber die durch einen ungeheueren inneren und äußeren Zwang, einer Übremacht und Schicksalhaftigkeit dazu veranlasst werden, einfach weiter zu machen, bis zum Anschlag von irgendetwas. Oder kennst du Autos, die ohne Sprit fahren? Ich bin ein Auto ohne Sprit. Und ich fahre.”

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“Aber hast du nicht manchmal das Bedürfnis, über einen bestimmten Punkt hinauszugehen? Und kommt dir da nicht in den Sinn, deine Seele für diese Überschreitung zu verkaufen? Wenn du diese Grenze erreicht hast, dieses ‘Ich kann ab diesem Punkt nicht mehr weiterdenken’, was machst du dann? Soll es hier dann schon enden?” – “Ich höre dann Musik. Ganz bestimmte Musik, sie ist für mich das Grenzenloseste, das wir erfahren können. Nietzsche sagte: ‘Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.’ Im ersten Augenblick dachte ich, er meine das rein hedonistisch, weil Musik einfach Freude bereitet. Heute denke ich, dass Musik eine eigene Qualität hat, eine Dimensionsebene, die alles andere zusammenhalten kann. Keine andere Kunstform konnte das jemals so eindringlich realisieren wie die Musik. Musik ist der Beweis dafür, dass es im Universum mehr gibt als uns. Ich weiß, es macht keinen Sinn, was ich sage, aber bei der Musik, wir sind nicht allein.”

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“Nach deiner Definition hat eigentlich niemand Freunde, Sherry.” – “Ja, richtig.”

Gedankenabriss

Es ist nicht immer so einfach, unter Menschen zu sitzen, die mir soviel intelligenter vorkommen als ich selbst es je sein könnte. Wie geordnet sie sind in ihren Köpfen, wie wohl akzentuiert ihre Sätze klingen. Sie singen beim Reden zwar weniger als ich, aber selbst das ist angemessener als dieses Wellenförmige, das ich von mir gebe. Sich verloren zu fühlen, das scheint sich in meine Seele gebissen zu haben, wie ein Gewand, das ich nie wollte und das sich nicht mehr wegschälen lässt.

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Manchmal gedeihen sie, diese Momente, in denen ich denke: Das war doch gerade Gott oder das Universum, wie es mir zugezwinkert hat, mit Luftkuss und der Verheißung nach süßem Wein. Warm und lächelnd, meiner Wut zum Trotz anwesend, mit beschwichtigender Stimme sagend: “Psht, ich bin doch da. Ich habe dich nicht verlassen.” Und kurz weiß ich, dass ich wieder glauben kann, eines Tages, wenn mein schwaches Herz nur wieder aufstehen würde.

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Warum liebe ich Menschen nur so sehr? Heute ist eine alte Dame für eine unmerklich ältere Dame aufgestanden und hat ihr ihren Platz angeboten. Ich hätte sie küssen können. Als ich sechszehn war, sagte eine meiner gehässigeren Mitschülerinnen leicht verachtungsvoll: “Ach, mit Sherry kann man nicht gut lästern. Die liebt ja jeden und hat für jeden Scheiß Verständnis.” Tatsächlich hielt ich mich ab da eine Zeit lang mit meiner allgemeinen Zuwendung zurück und verdurstete an dem, was sich in mir sammelte. Soviel kann ich für mich gar nicht übrig lassen, ohne dass ich krank werde.

Ich liebe uns

Eigentlich wollten wir nur frei sein. Doch irgendwann meinte einer, erkannt zu haben, dass Freiheit nur mit absoluter Macht einhergehen kann. Und so entstand die Realität, in der wir gerade leben. Die Geschäftigkeit hat wieder begonnen. Die Tage sind vollbepackt mit Seminaren und Vorlesungen. Zuhause schwillt der Kopf bis zum Schädelanschlag an, die Informationen müssen irgendwie verdaut werden – es sind so viele. So viel zu tun, der Studienverlaufsplan sieht aus wie die Programmieranweisung eines Fließbandroboteres. Literaturlisten, Kopiervorlagen, Klausurtermine, Präsentationen, neues Wissen trifft auf Altes – und das Gelernte ergibt immer mehr Sinn und ein erquickendes Gefühl von Sinnhaftigkeit, so wie, wenn ein Schlüssel in ein Schloss passt und klack macht oder wenn die Weingummis genau den Geschmack haben, den man sich ersehnt hat, oder wie der erste Kuss, bei dem man merkt, dass die Natur schon weiß, wie es geht und man sich umsonst all die Sorgen gemacht hat. Dieses Stimmige bewirkt, dass wir schon selbst Forschungsideen haben und endlich unsere eigenen Gedanken ernstnehmen, anstatt die anderer zu schlucken. Weiterlesen

Unklarheiten weiter trüben

“Ich schrubbe seinen Boden. Vorhin noch hat er diese nassen Hände geküsst und mir gedankt, dass ich nicht gehe, so wie alle immer nur gehen heut zu Tage. Der aufrechte Gang ist beliebt, ich weiß. Das aufrechte Rennen noch mehr. Doch wie sehr ich den Schmerz meiner Knie gerade genieße, das versteh’ ich selbst noch nicht einmal. Wieso also sollte ich gehen? Erst eiin sechs Stunden kommt er wieder. Sechs Stunden, in denen ich Zeit habe, zu verstehen, was dieses Gefühl, das größer ist als ich, bedeutet …” – Das hier ist ein Ausschnitt aus meinem alten Tagebuch, den ich in einem großen Wahnvulkan aus verliebter Liebe geschrieben habe. Und noch heute weiß ich intuitiv, dass es keine glücklicheren Augenblicke gibt als jene, in denen man nicht mehr um seinen Stolz bangen muss, weil Stolz gleich ist, wenn man sich selbst nicht mehr gehört. Sich selbst nicht zu gehören, ohne das Gefühl eines Verlustes zu verspüren, scheint unwahrscheinlich in einer Zeit, in der Haben so wichtig ist. Aber es gibt diese Augenblicke, in denen ich mir nicht selbst gehörte und das der wunderbarste aller Augenblicke war. [Es gibt auch welche, in denen man das Gefühl von Kontrollverlust hat, das wiederum sind schreckliche Momente, aber das ist ein anderes Thema. Denn in Momenten der Hingabe, will man nichts mehr kontrollieren ...]

Das Leben verändert uns, und durch diese Veränderung verändern wir unser kleines Leben. Meines lehrte mich, dass ich mich stolzer und eigensinniger zeigen muss, als ich das von mir selbst fordern würde, ja sogar als es meiner Natur entsprechen würde. Wegen dieser irrsinnigen Anforderungen verlernen wir in diesen zahllosen Kopf-an-Kopf-Rennen gegen unseren Selbstwert manchmal, dass die völlige Hingabe mehr ist als nur das Seufzen und Stöhnen in einer schwülen Sommernacht. Hingabe ist mehr als den Körper aufbäumen und dann entspannen zu lassen. Vielleicht ist Hingabe viel mehr eine Art “Vergessen”, vergessen, was man will und dadurch alles bekommen, was man je wollte. In manchen Augenblicken hat sie sogar etwas mit freiwilligem Sklaventum zu tun hat. Ein Paradoxon, ich weiß, aber ich finde kein anderes Wort dafür. Weiterlesen

Gegen den Sturm

Es ist ja nicht so, als seien diese Bilder hier in irgendeiner Weise künstlerisch wertvoll. Ich weiß ja selbst, was für kantig kindliche Figürchen ich produziere, sobald ich aufhöre, meinen Kopf am Malprozess teilhaben zu lassen. Alles verliert an Bedeutung, nur der unmittelbare Impuls zählt. Trotzdem ist es eine faszinierende Art, mir selbst näher zu kommen und im Nachhinein über mich nachzudenken, wenn ich einfach nur rummatsche mit all diesen Farben. Ich habe bis jetzt in den jüngsten Bildern viel von mir entdecken können – und im Nachhinein sogar verstehen können. Natürlich weiß ich, dass eine nachträgliche Interpretation von Bildern immer Verzerrungen unterzogen ist. Auch der menschliche Drang, in allem einen Sinn und eine Kohärenz zu sehen, eine Geschichte, die zu meiner Biografie passt, wird vermutlich einiges an Wahrheit kosten. Aber für solch’ unwichtige Angelegenheiten ist doch weniger wichtig, ob ich mit meiner Interpretation über mich richtig liege, als viel mehr, ob ich mit dem, was ich herausfinde, etwas anfangen kann. Hier ist diese kompromisslose Suche nach der “Wahrheit” oder dem, was ihr am Nächsten kommt, nicht mehr von Belang. Woanders aber wiederum schon. Weiterlesen

Bedauern vs. Erleichterung

Gestern ist mir in einem Moment des Erschreckens bewusst geworden, dass ich schon seit Jahren nicht mehr wirklich über mich selbst nachdenke. Ich habe zwar stets das Gefühl, zu wissen, was ich gerade fühle [also den Kontakt zu mir habe ich nicht verloren], aber ich reflektiere mein Verhalten und meine Gefühle nicht so, wie es andere [Frauen] tun. Irgendwann habe ich das aufgegeben; und ich frage mich im Nachhinein, ob ich das überhaupt jemals so gründlich getan habe wie die anderen. Und jetzt, da mir das bewusst wird, fühle ich zwar so etwas wie eine Art Bedauern, aber auch eine aufseufzende Erleichterung. Erklären kann ich mir diese Ambivalenz nicht. Einerseits möchte ich gerne die Entwicklung sehen, die ich hinter mir habe und schaffe das Zusammensetzen der Puzzleteile nicht [und wenn ich ehrlich bin, winke ich den Versuch der Rekonstruktion mit Vehemenz ab, wie ein automatischer Reflex springt sie hoch und stoppt alles], andererseits ist es herrliches Gefühl, sich selbst ein wenig egal zu sein.

Unnahbarkeit

Ich war nie die Unnahbare. Meine Unnahbarkeit zeigte sich vielmehr in einem peinlich berührten Zurückrudern, gleich dem eines Japaners, der sich für seine Distanz mehrmals verbeugend entschuldigt. Vielleicht zeigte sie sich auch in meiner warmherzigen Umarmung bei gleichzeitigem Ich-Schweigen. Doch die kühle Fassade des Gleichmutes konnte ich nie länger als ein paar Minuten halten. Ich strafe andere und mich anders. Eher mit eiserner Härte gegen das Aufschwappen meiner Gefühle und Forderungen. So verharre ich mein Gegenüber in Verzweiflung. Es klopft in mir an Eisentüren. Das Kind will eine Hand, doch ich schlage sie ab.