"Mehrgan" – Das Herbstfest

Nach der antiken persischen Zeitrechnung hatte jedes Jahr zwölf Monate und jeder Monat 30 Tage. Wochen gab es nicht. Jeder Tag trug den Namen eines Heiligen, Der erste Tag eines jeden Monats hieß etwa Ormazd-Ruz (Ruz = Tag), der dreizehnte Tir-Ruz, der sechzehnte Mehr-Ruz und der neunzehnte Farvardin-Ruz. Die zwölf Monate des Jahres wurden ebenfalls nach den heiligen Götter und Engeln bezeichnet.

Jeder Monat hatte einen Tag, der mit dem Namen des Monats identisch war: Mehr-Ruz in Mehr-Mah (Mäh = Monat) usw. Das Mehrgan-Fest wurde am sechszehnten Tag (Mehr-Ruz) des Monats Mehr gefeiert. Es gab somit zwölf Tage im Jahr, an denen der Tag und der Monat dem gleichen Heiligen gewidmet waren. Diese Tage wurden von den Iranern besonders gewürdigt und nach einem bestimmten Ritual gefeiert. Das Jahr hatte jedoch nicht nur 360 Tage, sondern 365. Im antiken Persien blieben die fünf überzählige Tage bei der Jahresrechnung unberücksichtigt, Am sechsten Tag wurde das neue Jahr, Nouruz, gefeiert.

Der Begriff "Mehrgan" besteht aus zwei Teibegriffen „Mehr" und „gan". Der Begriff „Mehr" hat mehrere Bedeutungen. Er ist der Name eines der größten Götter der Zarathustra-Religion, der für Versprechen und Vereinbarung stand. Ferner bedeutet „Mehr" Liebe, Zuneigung und Freundlichkeit. „Mehr" ist. aber auch der Name des siebenten Monats des Jahres und des sechzehnten Tags des Monats. Die Bindung „gan" steht für Zugehörigkeit. „Mehrgan" ist also das Fest, das dem Gott „Mehr" zugehörig ist.

Im Buch ,Avesta" werden zwei Götter als die wichtigsten benannt: Sorush und Mehr (Mitra): Mehr taucht auch in der heiligen Schrift des antiken Indiens (Veda) auf und hat eine vergleichbare Stellung und Funktion wie bei den Iranern. Aus diesem Grund wird teilweise vertreten, dass Mehr der gemeinsame Gott der alten Iraner und Inder gewesen ist, Lange Zeit sind (insbesondere islamische) Forscher davon ausgegangen, dass Mehr und Sonne identisch sind. In „Avesta" unter dem Kapitel „Mehrisht, das sich mit der Würdigung des Mehr befasst, stellt die Sonne einen Kreis dar, auf dem der Gott Mehr sitzend aus dem Osten kommt. Er wacht über Einhaltung der Verträge und bestraft die Vertragsbrecher.

Die besondere Bedeutung des Gottes Mehr führte dazu, dass die Anbetungen im Lauf der Zeit die Form einer Religion einnahmen. Nach dem Sieg der Iraner über Babylon erreichte diese Religion die Gebiete des babylonischen Reichs und verbreitete sich von dort aus in Richtung Kleinasien. Von Kleinasien fand sie mittels römischer Soldaten den Weg nach Europa. Die Expansion der neuen Weltanschauung in Europa war so gewaltig, dass zu Beginn des christlichen Zeitalters die „Mehr-Religion" die größte auf dem europäischen Kontinent und zugleich die wichtigste Konkurrentin des Christentums war.

Nach, vielen harten und blutigen Kämpfen haben die Christen geschafft, den Einfluss der Mehr-Religion in Europa zu beseitigen. Dennoch fanden viele Rituale und Traditionen Eingang in den christlichen Glauben. Die Weihnachtsfeierlichkeiten anlässlich der Geburt Christi etwa sind zeitgleich mit „Yalda-Nach" (die längste Nacht des Jahres) und der Geburt des Gottes Mehr!

Die Überreste der heiligen Stätte der „Mehr"-Religion sind in ganz England und sogar in Island zu bewundern und sind ein Beleg für den enormen Einfluss diesen Glaubens.

Die besondere Bedeutung des Mehrgan-Fest ist zweifellos im wesentlichen in der hohen Stellung des Gottes „Mehr" begründet. Ein weiterer Grund ist der Zeitpunkt des Mehrgan-Fest, Herbstanfang! Nach der antiken persischen Zeitrechnung gab es nur zwei Jahreszeiten Großsommer und Großwinter. Da im Iran die warme Jahreszeit in der Regel länger andauert als die kalte, hatte der Großsommer sieben und der Großwinter fünf Monate Das große Fest zu Beginn des Sommers war der „Nouruz" und das zu Beginn des Winters „Mehrgan".

Herbstbeginn ist auch die Erntezeit. Für ein Volk, das im wesentlichen von Landwirtschaft lebt, hat der Herbst daher eine existentielle Bedeutung Dieser Umstand steigerte zusätzlich die Symbolkraft und die Glanz des Mehrgan.

In historischer und mythologischer Hinsicht wird Mehgan mit Feridoun in Verbindung gebracht, sowie Nouruz mit Jamshid und Sade mit Houshang. Feridoun widersetzte sich der tausendjährigen Gewaltherrschaft von Zahak und besiegte ihn mit Hilfe eines tapferen Schmieds namens Kave. Teils wird überliefert, Mehrgan ist der Zeitpunkt, an dem Feridoun den Zahak endgültig bezwang und anschließend den Thron bestieg. Je glanzvoller Mehrgan in der Folgezeit durchgeführt wurde, desto mehr fanden sich Überlieferungen, Märchen und Mythen.

Mehrgan hat eine umfangreiche Zeremonie. Der erste König der Sassaniden, Ardeshir Babakan, setzte sich an diesem Tag erstmalig eine Krone auf, auf der die Sonne abgebildet war. Die ihm folgenden Könige haben eine solche Krone ihren Söhnen aufgesetzt und deren Körper mit einem besonderen Öl des Baums „Ban" eingeschmiert. Die ersten Besucher an diesem Tag beim König waren hohe Geistliche und Wissenschaftler. Der Tisch war gedeckt mit Zucker, Reis, Apfel, Granatapfel, Onnab,: weiße Trauben und Konar. Die Perser glaubten, der Verzehr dieser Köstlichkeiten, die Verwendung des Ban-Öls und das Trinken des Rosenwassers (Golab) würden vor Gefahren und Unannehmlichkeiten schützen.

Die historischen Überlieferungen belegen, dass Mehgan nicht nur in allern iranischen Provinzen gefeiert wurde, sondern auch die benachbarten Völker ein vergleichbares Fest kannten, wie etwa die Völker Babylons oder die Armenier.

Gegen Ende des Sassaniden-Reichs unter dem König Hormoz wurde Mehrgan 30 Tage lang gefeiert.

Shab-e Yalda – Die Yalda Nacht (Die längste Nacht des Jahres)

Die Yalda-Nacht ist ein altpersisches Fest. Die Nacht vor dem ersten Dey-Tag, also die Nacht vom 21. auf den 22. Dezember, ist die Yalda-Nacht, die längste Nacht des Jahres. Sie wird auch "Chelleh-Nacht" oder "Feuerfest" genannt.

In dieser Nacht finden sich Freunde und Verwandte in den Häusern der Ältesten ein und verbringen die Nacht fröhlich gemeinsam.

Traditionell werden in dieser Nacht vor allem Zuckermelonen, Melonen und Granatäpfel gegessen. Die Ältesten erzählen Geschichten, und es wird im Diwan des Hafis gelesen. Die Menschen freuen sich, dass das Licht neugeboren wurde und sich gegen die Dunkelheit durchsetzt. Nach "Shabe Yalda" werden die Tage wieder länger. Dieses Fest ist eines der wichtigsten Feste des Zoroastrismus, wird aber dennoch von den mehrheitlich muslimischen Iranern praktiziert.

Im Rahmen des Mithraskultes kam dieses Fest als Fest des Lichtes durch Legionäre auch in das römische Reich. Manche christlichen Historiker sind der Meinung, dass Weihnachten eine Weiterentwicklung dieses Festes sei. Bis zum 4. Jahrhundert wurde im antiken Rom am 21. Tag des zwölften Monates das Mithras-Fest zu Ehren der Geburt des Lichtes (Mithras) abgehalten. Mit Übernahme des Christentums als Staatsreligion wurde dieses größte Fest im alten Rom von der Kirche in die Feier der Geburt Jesu Christi umgewidmet. Ähnliche Sonnwendfeiern sind auch von den Kelten und Germanen überliefert.

In der altpersischen Tradition kam der Herrscher zu "Shabe Yalda" vom Thron herab und begab sich in die Wüste. Er schickte Diener und Wächter in den Urlaub und ging in ein Dorf, um dort die Nacht mit einfachen Bauern zu verbringen und ihnen zuzuhören.

In dieser Nacht finden sich Freunde und Verwandte in den Häusern der Ältesten ein, und verbringen die Nacht fröhlich gemeinsam. Traditionell werden in dieser Nacht vorallem Zuckermelonen, Melonen und Granatäpfel gegessen. Die Ältesten erzählen Geschichten und es wird im Diwan des Hafez gelesen. Die Menschen freuen sich das das Licht neugeboren wurde und sich gegen die Dunkelheit durchsetzt. Nach "Shabe-Yalda" werden die Tage wieder länger. Ein weiterer Brauch ist das Entzünden eines großen Feuers, das Licht und Hoffnung repräsentiert.

Noruz – Das iranische Neujahrsfest

Das schönste und größte iranische Fest ist das Frühlings- und Neujahrsfest “Nowruz“ („der neue Tag“), dessen Wurzeln mindestens in die Zeit der Achämeniden zurückreichen. Dieses älteste und wichtigste, iranische Fest beginnt mit dem astronomischen Frühlingsanfang, der zugleich der Beginn des iranischen Kalenderjahres ist und nach gregorianischer (abendländischer) Zeitrechnung etwa auf den 20./21. März jedes Jahres fällt (2). Der eigentliche Höhepunkt des Festes ist der Zeitpunkt der Tag/Nacht-Gleiche („Tahwil-e Sal“).

Nowruz ist das am weitesten verbreitete, und farben­prächtigste der iranischen Feste, dass als Frühlingsfest auch in vielen Ländern der Region, wie Âzarbâican, Afghanistan, Tadschikistan, Pakistan, Irak, in den kurdischen Gebieten, in Üzbekistan, Kazakistan, Kirkizistan, Indien und in der Türkei, und sogar unter den iranisch-stämmigen Juden in Isreal, gefeiert wird. Es ist eben das einzige Fest, das von allen Volksgruppen gefeiert wird und vielleicht deshalb, weil es einer vorislamischen Tradition entstammt, nicht einer einzelnen Religionsgruppe vorbehalten ist.

Über den Ursprung des Nowruz gibt es unterschiedliche Meinungen: Altpersische Legenden erzählen davon, dass Gott den Menschen am ersten Tag des Frühlings erschuf. Am häufigsten wird aber seine Entstehung mit Jamshid, dem mythischen iranischen König, in Verbindung gebracht, wobei das Fest an die Himmelfahrt von Jamshid erinnern soll, für die er einen fliegenden „Wagen“ von den Dämonen hatte bauen lassen; Dämonen, die er zuvor bezwang und in den Dienst der Sterblichen stellte.

Allerdings scheint Nowruz ursprünglich eher aus der Hirten- oder bäuerlichen Kultur, die den Übergang vom Winter zum Sommer verehrt hatten, entstanden zu sein: Fruchtbarkeits- und Erneuerungsriten können ohne Zweifel in manchen Bräuchen erkannt werden.

Zwölf Tage dauert das Fest. Am dreizehnten Tage des neuen Jahres, der als Unglückstag gilt, ziehen die Menschen in die freie Natur, und organisieren einen ausgiebigen Ausflug.

In der Sasaniden-Zeit (226-652 n. Chr.) wurde zwischen einem Klein-Nowruz (am ersten Tag) und einem Großen Nowruz (am sechsten Tag des Neujahrs) unterschieden. Erst später hat sich die Feier auf die heutige Länge von 13 Tagen ausgeweitet.

Im antiken Persien war der Kalender noch ohne regelmäßige Schaltjahre, sodass sich das Nowruz-Fest im Laufe der Jahre immer mehr vom eigentlichen Frühlingsbeginn entfernte. Man fügte dann etwa alle 120 Jahre einen dreizehnten Monat hinzu, um den entstandenen Zeitversatz wieder auszugleichen.

Im Jahr 467 nach iranischer Zeitrechnung (1006 n. Chr.), bzw. um dieses Jahr herum, wurde eine Kalenderreform, woran der berühmte iranische Dichter und Wissenschaftler „Omar Khayyam“ maßgeblich beteiligt war, durchgeführt. Mit dieser Reform wurde der Nowruz auf den ersten Frühlingstag gelegt und Schaltjahre (etwa alle vier Jahre) eingefügt, um den Nowruz an den Frühlingsbeginn zu koppeln.

Seitdem ist der genaue Zeitpunkt des Jahreswechsels im Iran (der astronomische Frühlingsbeginn oder „Tahwil-e Sal“) entweder am Nachmittag des letzten Tages des alten Jahres oder am Vormittag des ersten Tages des neuen Jahres (beide Teheraner Zeit) (3)

Pischvaz-e Nowruz (Vorbereitungen für den Nowruz)

Die Vorbereitungen für den Nowruz beginnen eine Weile vor den Feiertagen. Obwohl es lokale Unterschiede gibt, bestehen einige Gebräuche überall. Schon fünfzehn Tage vorher wird das Fest vorbereitet: Weizen, das vorher in Wasser zum Keimen gebracht wurde, wächst auf einem Teller oder einer flachen Schüssel zu kleinen grünen Schösslingen (Sabze) heran.

Der Frühlingsputz ist der wichtigste Teil bei der Vorbereitung. Die Hausfrauen haben alle Hände voll zu tun. Beschädigte oder gebrochene Gegenstände müssen unbedingt entsorgt werden. Schöne Blumentöpfe am Fenster, und noch einige Winterfrüchte werden hier und dorthin gestellt, damit es überall schön ausschaut und nach Blumen und Zitrusfrüchten duftet.

Am Vorabend des letzten Mittwochs des Jahres (Charshanbe-Suri), beginnen die Feierlichkeiten. Auf freien Grundstücken oder in unbefahrenen Gassen wird ein kleines Feuer gemacht, über das Jung und Alt springen. Am letzten Freitag des Jahres findet ein Besuch der verstorbenen Verwandten auf dem Friedhof statt.

Am Vorabend des Jahreswechsels laufen die allgemeinen Bäder auf Hochtouren; Alle waschen sich unbedingt den Körper, damit sie den Jahreswechsel sauber erleben. Diese Körperreinigung ist sogar ein Ritual. Unter der Sasaniden-Dynastie, haben sich die Iraner, am Vorabend des Nowruz, nach einer bestimmten Ordnung, den Körper waschen müssen. Zusätzlich war es üblich, den Körper, am nächsten Tag, d.h. am ersten Tag des Frühlingsfestes, in fließendem Wasser, wie in Flüssen u. ä., zu waschen und einander mit Wasser anzuspritzen, damit der Körper von Sünden befreit wird und auch die Seelenqualen beseitigt werden. Solchen Bräuchen begegnet man im Iran noch immer in alten Volksgruppen, besonders am Hochland in den Gebirgen.

Noch immer ist es unter Nomaden und Dorfbewohnern üblich, die Festtags-, und Hochzeitswaschungen, nach bestimmten Bräuchen, in einem natürlichen Bach des Dorfes zu vollziehen.

Haji–Firuz (Nowruz–Botschafter)

Ein noch am Leben erhaltener Brauch vor dem Nowruz, ist der Aufruf des Nowruz-Botschafters „Haji-Firuz“. Das ist ein rot verkleideter Mann, mit einem „Kolah-Bughi“ (langen Magierhut) am Kopf, mit schwarz gefärbtem Gesicht, der, von einer Straße zur anderen, mit einem „Dayere“ (Tamburin) in der Hand fröhliche Lieder singt. Er bringt die Menschen zum Lachen und teilt mit jedem die gute Nachricht: Der Frühling kommt, man soll die Sorgen verjagen, den Kopf hoch halten und fröhlich sein:

Charshanbe Suri (Fröhlicher Mittwoch) (4)

Am Vorabend des letzten Mittwochs des Jahres wird ein kleines Feuer** gemacht, über das Jung und Alt springen. Dabei sprechen sie zum Feuer die Worte: „Meine Blässe (=mein Schädliches) möge dir gehören, deine Röte (=dein Gutes) mir.

Meine Blässe für dich,
deine Röte für mich,
meine Kälte ist dir,
deine Wärme ist mir.

Die modernen Wohnviertel Teherans bieten sich schlecht für diesen Brauch an. Aber in den Provinzstädten und auf dem Lande ist er noch immer lebendig.

Es gibt unzählige Bräuche für diesen Abend. Es gibt allgemeine Bräuche, die im ganzen Land bekannt sind und allgemein erhalten werden und viele lokale Glaubensbezogene, auch zum Teil Schamanistische Arten, die schon längst Tradition geworden sind.

In Schiraz

Am selben Abend gehen in Schiraz Leute mit einem Korb Salz umher und verkaufen es den Passanten gegen eine Handvoll Münzen. An diesem Abend wird auch die Zukunft gedeutet.

Hat man sich einen Wunsch ausgedacht, wird ein Schlüssel mit zwei Kerben auf die Erde gelegt; derjenige, der sich etwas gewünscht hat, lehnt das rechte Ohr gegen eine Mauer; und je nachdem, was er hört, erfüllt sich auch sein Wunsch.

Unter die Dachrinne des Hauses wird oft auch ein blauer Krug gestellt, und alle, die sich einen Wunsch ausgedacht haben, werfen irgendetwas in den Krug. Am nächsten Morgen nimmt ein kleines Mädchen die Gegenstände heraus und deutet sie.

Manche stellen sich, mit einem Schlüsselbund unter dem Fuß, an eine Straßenecke, und wünschen sich etwas. Sagt die erste vorbeigehende Person unaufgefordert ein gutes Wort, geht der Wunsch in Erfüllung. Man darf allerdings nicht vergessen, vorher den Schlüssel unter die Dachrinne zu legen.

Andere legen ein paar Münzen in einen Krug, der bei Sonnenuntergang mit den Worten von der Terrasse geworfen wird: „Mögen meine Schmerzen und Sorgen mit diesem Krug verschwinden! “ Man darf sich allerdings dabei nicht umdrehen, sonst könnte ein Unglück geschehen.

In Esfahan (Isfahan)

In Esfahan springt man über ein brennendes blaues Tuch und singt dabei ein paar Reime, die das Böse vertreiben sollen. Auch gibt es zum Teil noch den Brauch, dass sieben Frauen einen Topf mit Wasser füllen, das sie aus sieben Quellen geschöpft haben. Jede von ihnen wirft dann irgendeinen kleinen Gegenstand in den Topf. Über diesen wird ein metallener Teller gestülpt, der ein Erbgegenstand sein muss. Dann steckt man den Topf in den Ofen.

In der Früh des nächsten Morgens holen ihn die Frauen heraus. Die älteste setzt sich, stellt ihn zwischen ihre Beine, deckt ihn mit einem Tuch zu, zieht einen Gegenstand heraus, und hält ihn eine Weile in der geschlossenen Hand, einen Vers des „Hafez“ zitierend. Dann öffnet sie die Hand, und gibt den Gegenstand dem Eigentümer. Je nach Aussage des Verses ist die Zukunft gut oder schlecht.

Sofre-ye Haft-Sin (Nowruz-Tisch)

Wichtigstes Brauchtum sind die Haft-Sin („Sieben-S“). Am Vorabend des Neujahrstages, brennt in jedem Zimmer des Hauses eine Kerze (Symbol des Lichts). Auf einem festlich gedeckten Tischtuch, der in manchen Familien am Boden liegt, oder auf einem Tisch, werden sieben Gegenstände ausgebreitet, die mit dem Buchstaben „S“ (pers. Sin) beginnen: Sabze (Weizen- oder Linsensprossen), Samanu (eine süße Speise aus Weizenkeimen), Sir (Knoblauch), Serke (Essig), Somagh (saures Gewürz), Sib (Apfel) und Senjed (Mehlbeeren). Außerdem kommen Sekke (Münzen), häufig auch Sonbol (Hyazinthe) sowie Sepand (eine wilde Raute) – für den Weihrauch – hinzu. Zusätzlich werden ein Spiegel (Symbol für Glück), ein oder einige Goldfische, die in einem durchsichtigen Wasserkrug schwimmen, ein Stück Brot, bemalte harte Eier sowie Diwan-e Hafez (Gedichtband von Hafez), bei Zoroastriern eher das Awesta und bei Moslemen der Koran, gedeckt.

Die Jahreswende wird, besonders von Kindern, mit Spannung und Aufregung erwartet. Gleich nach der Ankündigung des Neuen Jahres, des „Tahwil-e Sal“, beginnen alle Mitglieder der Familie, die sich zuvor gebadet und in frischen Kleidern um den Tisch versammelt haben, einander zu umarmen und ihre Glückwünsche auszutauschen. Die Älteren beschenken die Jüngeren. Alle Erwachsenen in der Familie versuchen auf jeden Fall den Kindern etwas zu schenken. Diese bekommen häufig Geld in Form von frisch gedruckten Geldscheinen oder heutzutage auch Spielzeuge. Wenn einer sich nichts Großes leisten kann, schenkt er den kleinen Kindern gefärbte Eier und jedem anderen Jüngeren Geldscheine mit nicht allzu großem Wert, aber auf jeden Fall frisch gedruckt. Neue Geldscheine für Nowruz zu drucken, gehört zu den Aufgaben der Nationalbank.

Besuche der Verwandten und Freunde und darauf folgende Gegenbesuche in den ersten zwölf Tagen des neuen Jahres, ist ein anderer schöner Nowruz–Brauch. Dabei werden die Ältesten in der Familie und im Bekanntenkreis zuerst besucht. Der Nowruz–Besuch ruft alle zur Versöhnung auf und bietet Gelegenheit zum Verzeihen an. Alle versuchen, die eventuell schlechte Vergangenheit ruhen zu lassen und einander wieder näher zu kommen.

Festmahle (5)

Alle Familienmitglieder versammeln sich im Eltern- oder Großelternhaus zum Festabendessen. Frischer Weißfisch oder geräucherter Fisch mit Dillreis (Sabsi-Polo ba Ma´hi) wird serviert. An dem Abend werden auch an die neuen Familienmitglieder (Braut oder Bräutigam) Nowruz-Geschenke (Armaghan), verteilt. Entweder eine Goldmünze oder etwas nach ihrem Wunsch oder Bedarf.

Audienz im Königspalast (Persepolis)

Die Achämeniden-Könige (559-330 vor Christus) feierten Nowruz vor allem in Persepolis, ihrer Hauptstadt, und viele Gelehrte sind der Ansicht, dass die Parade der Geschenk-Botschafter der verschiedenen Völkerschaften, wie sie auf den Reliefs der Apadana-Palastwände abgebildet sind, eine Nowruz-Zeremonie darstellt.

Der sechste Tag des Festes war der Große Nowruz. An diesem Tag kamen die Bevölkerungsgruppen in den Palast, um den König beglückwünschen zu können, und jeder konnte sein Festgeschenk persönlich erhalten.

Zeitgenössische Zeugnisse und auch Berichte aus der Frühislamischen Zeit bestätigen, dass die Sasanidenkönige (226-652 n. Chr.) sich der Nowruz-Feier und seinen farbenprächtigen Bräuchen und Zeremonien ausgiebig hingegeben haben. Einige von diesen Quellen neigen dazu, die Zahl sieben hervorzuheben: zum Beispiel wurden sieben Arten von Samen in kleinen Behältern als Teil der Riten und als Schmuck verwendet. Ein Brauch, der in den wenigen heute noch bestehenden Dörfern der Zarathustra-Anhänger im Iran noch beobachtet werden kann.


Der 13. Tag (Sizdah be dar)

Zwölf Tage lang dauert das Fest. Mit dem dreizehnten Tag (Sizdah-be-dar) endet das Fest. Familien und Freunde treffen sich am „Sizdah be dar“, manchmal in großen Gruppen, und verlassen die Stadt gemeinsam und gehen zum Picknicken aufs Land. Man nimmt die Sabze (Weizenkeimlinge) mit, die vor Nowruz gesetzt wurde und schon zu einem grünen „Teppich“ herangewachsen ist, mit und wirft sie in der freien Natur weg, möglichst in einen Fluss.

So glauben sie nicht nur, den Frühling willkommen zu heißen, sondern damit auch das Böse, das der dreizehnte Tag mit sich bringen könnte, dort zu belassen, wo es kein Unheil anrichten kann und damit alles Übel vertreiben zu können.

Auf den Wiesen und in den Wäldern sieht und hört man den ganzen Tag lang, die Menschen fröhlich tanzen und musizieren. Junge Mädchen, die im heiratsfähigen Alter sind, singen, während sie Knoten in die Grashalme flechten, einem alten Brauch entsprechend, immer denselben Vers:

„Der dreizehnte draußen zu unserem Glück,
Und in einem Jahr
Für mich einen Mann
Und in meinen Armen ein Kind!“


Nachwort des Autors:

Ich musste mich bei der Erstellung dieses Heftes leider beschränken. Aus der Fülle des Stoffes, habe ich nur das herausgeholt, was mir bedeutend erschien. Hätte ich versuchen wollen, alle Erzählungen und Bräuche zu bringen, die wir aus der Kulturgeschichte der iranischen Völker kennen, so wäre ein Umfang von gut hundert Seiten erforderlich gewesen.

Meine Darstellung mag subjektiv erscheinen, vor allem dort, wo die Sachverhalte selbst noch umstritten sind. Dies gilt leider für fast alles, was sich auf die Kulturgeschichte des Alt-Irans bezieht. Gleichwohl hoffe ich, wenigstens eine, in sich folgerichtige Gesamtheit von Nowruz entworfen zu haben.


(Javad Parsay)