Von der Jugend und vom Schicksal

Seltsam, dass viele erst dann zufriedener mit sich werden, wenn der Zenit der jugendlichen Schönheit vorüber ist. Erst dann bekommt überhaupt das Gefühl für die eigene Schönheit Magie; Formen, die man damals ablehnte, beginnt man an sich selbst zu bewundern. Deshalb beneide ich die Teenies von heute nicht, während viele meiner Freundinnen jammern und sagen „Ach wäre ich doch wieder achtzehn.“ Ich erinnere mich aber noch genau, wie es war, achtzehn zu sein. Ich war grundsätzlich immer (!) zu dick, selbst wenn ich die untere Grenze von Normalgewicht erreicht hatte. Alles an mir stimmte nicht. Augen, Nase, Mund, Haut – ich habe immer etwas gefunden, das potenziell abstoßend war – heute weiß ich: abstoßend nur in meinem Kopf. Jede Annäherung und Liebeserklärung habe ich im ersten Augenblick immer als Verarschung interpretiert. „Wiewas? Der verarscht mich doch. Verliebt kann er unmöglich sein, nicht in mich.“ Das war nicht schön, das war ein ständiger Kampf um einen Preis, den es niemals geben würde. Andererseits gab es diese innere Aufregung, dieses Spielen mit dem Neuen – die ganze Welt: ein Rätsel. Ein noch größeres Rätsel: Das männliche Geschlecht. Und sie bereiteten uns heftige Bauchschmerzen, die wir aber niemals hätten missen wollen.

Ich weiß, dass wir Frauen häufig den Anschein machen, dass Männer uns nicht wirklich beeindrucken, dass wir sie längst durchschaut hätten, dass sie einfach gestrickt seien und man nur ein wenig mit dem Popo wackeln muss, um sie in die Falle zu locken. Aber so sehen wir Männer nicht, wir geben nur vor, es zu tun. Die größte Angst vieler Frauen ist, dass ihre Männer eines Tages sehen, dass es eigentlich keine guten Gründe mehr gibt, bei ihnen zu bleiben. „Was habe ich mehr zu bieten als andere Frauen? Jetzt altere ich auch noch, wieso sollte er bei uns bleiben?“ Dieser Gedanke basiert auf einer sehr fatalen, unbewussten Einstellung, nämlich jener, dass der Grund für die Liebe unserer Männer, fast nur im Aussehen zu suchen ist oder der Kompetenzen im Liebesspiel. Weiterlesen

Einachtel ihrer Hand

Gestern saß eine ältere Dame neben mir in der Bahn. Wir haben uns unterhalten, und ich habe bemerkt, dass sie über weitaus mehr als das Belanglose reden wollte. Als hätte ihr so lange niemand zugehört, wollte sie soviel mehr erzählen. Doch da war dieser Augenblick der Zurückhaltung in mir, der mich davon abhielt, ihre Hand zu nehmen und zu sagen: „Reden Sie mit mir. Ich weiß, Sie haben viel zu erzählen. Und es wäre mir eine Ehre, Ihnen zuzuhören.“ Woran liegt das, frage ich mich im Nachhinein, dass ich mich zurückgehalten habe? Warum kann ich nicht vergessen, dass man ablegehnt und für seltsam gehalten werden kann? Warum macht es mir etwas aus, Ablehnung zu erfahren? Was hätte ich verloren, wenn sie mir mit ihren kleinen, lebendigen Augen Widerwillen signalisiert und geschwiegen hätte? Ich hätte doch eh zwei Stationen später aussteigen müssen. Doch ich hätte den Augenblick zerstört. Das hätte ich mir nicht verziehen. Dem Augenblick noch mehr Magie verwehren, um die vorhandene nicht zu gefährden. Tun wir das nicht alle?

Und doch unterhielten wir uns weiter; und sie lächelte und sprudelte lebendig aus ihrem Leben, erzählte über ihre Enkelkinder und Kinder, die viel zu selten vorbei kamen. Sie sprach über die Veränderungen der Zeit, ihre Rasantheit und ihre Bedrohung. Sie sprach mit unbeweglichen Händen; ein Ausdruck dafür, dass sie aus einer Zeit kam, in der es sich für eine Frau nicht schickte, sich zu öffnen und impulsiv zu sein. Einmal legte sie ihre Hand auf meine, als sie mir einen guten Rat geben wollte. Nur ganz kurz, nicht großflächig, nur einachtel von ihr lag auf meiner. Und ich zog sie nicht weg, ich sah ihr ins Gesicht und hörte ihr aufmerksam zu, dankte ihr für ihren wertvollen Rat. Als ich gehen musste, tat es mir weh. Eine ungewollte Trennung, die unsere Körper von uns forderten. Ich wollte ihr nicht das Gefühl geben, dass irgendetwas aus dem Alltag wichtiger wäre, als ihren blauen Augen zu folgen, ihrer Geschichte und ihrer zurückgehaltenen Wärme und Sehnsucht. Aber wie wäre das wiederum rübergekommen? „Ach, wissen Sie was, ich bleibe in der Bahn und fahre mit Ihnen weiter.“ Die Angst vor Aufdringlichkeit und der Überschreitung intimer Grenzen macht mir das Leben hier manchmal so schwer. Warum können in solchen Momenten nicht alle ein wenig orientalisch sein? Weiterlesen

Nicht …

Da redest du. So, wie du nun einmal bist – so ganz und gar am Puls der Gegenwart vorbei. Da sind Worte, die sprichst du kraftvoll und doch nur mit kalter Zuversicht. Neben dir ein Drama. Hinter dir eine ungewollte Zukunft. Vor dir die Verzweiflung. Doch all das interessiert dich nicht. Deine Hände gestikulieren, während deine Augen hilflos in deinem Schoß liegen. Wohin du auch gehst, hinterlässt du Fragen. Doch Antworten? Die gibt es nicht. Was auch immer du tust, deine Heimat suchst du am falschen Ort. Doch die Heimat, die zu dir kam und um Obdach bat, die willst du nicht. Wir schnüffeln an der Vergangenheit wie Seemänner an ihrem letzten Atemzug in einem sinkenden Schiff. Doch unser Erstickungskampf währt ewig. Die Sirenen schweigen schwer, denn dich zu verführen, dass gelingt ihnen nicht. Lass uns schlafen, Geliebter. Müde bist du. Ein wenig vergessen und das Leben liegen lassen. Für alles andere gibt es dieses unvollendete Gedicht.

Alltagsobsessionen

Wenn Pflichten mir den Kopf verschleißen, das Leben zu einem Wettrennen um jeden To-Do-Punkt wird und ein Stapel nach dem Nächsten abgearbeitet und wieder aufgetürmt werden muss, mache ich mir mit aller Gewalt eine Nische frei, die nur mir gehört. Zugang finden die wenigsten dazu, sollen sie auch nicht. Die Exzesse, die ich in dieser Nische auslebe, soll niemand verstehen. Meistens bleiben sie auch unauffällig und leise. Oft verbeiße ich mich einfach nur in ein Thema, das keine großen Ressourcen raubt, und ich werde zu einer kleinen Expertin darin. Oder ich beschäftige mich in meinen Pausen mit der Lösung hypothetischer Probleme, bis die Lösungen bei verschiedenen Problemstellungen immer schneller hervorkommen. Oder ich fange an, ein paar anatomische Strukturen in Name, Lokalisation und ihrer Funktion auswendig zu lernen und stelle mir zu jedem Bereich eine prägnante Geschichte vor. Oder ich vertiefe mich in eine Serie und identifiziere mich so stark mit einer bestimmten Rolle, dass sie mir Kraft gibt, um meinen belastenden Alltag zu bewältigen. Nach fünfzehn Jahren Deodorants und dem selben BodyShop Parfüm, habe ich urplötzlich entschieden, in jeder mir hart erkämpften freien Minute herauszufinden, welche(s) Parfum(s) der Richtige für mich ist. Schon war ich in meiner Nische, in der kleinen Obsession, die ich brauche, um meine Triebwerke in Stand zu halten.

Ich habe sämtliche Douglas Verkäuferinnen zur Verzweiflung gebracht, ich habe Kaffeebohnen gefordert, um nach dem Riechen des einen Parfums die Nase mit ihnen neutralisieren zu können. Und ich habe selbst ernannte Duftexpertinnen freundlich während ihrer Ausführungen korrigiert. Vor kurzem noch wusste ich rein gar nichts – wirklich gar nichts – über Parfums. Ich wusste, dass sie sehr chique Markennamen tragen, und jedes Parfum ein Image hat. Das Image ging mir immer auf die Nerven. Diese Frauen hatten nichts mit mir gemein, also wollte ich auch ihre Parfums nicht. Aber jetzt weiß ich fast alles. Alle Duftstoffe, was sie für Noten haben, ob sie in der Basis, der Mitte oder im Kopf des Duftes liegen, was ihre Haltbarkeit ausmacht, wie man Düfte destilliert und ihnen den Charakter verleiht, den sie brauchen, um betörend zu wirken – und ich habe eine sehr feine Idee darüber, welche Art von Parfum zu welchem Temperament passt. Ich möchte jetzt meine Wahl zeigen, von der zwei sich vollständig glücklich in mein Wesen legen und zwei mir noch einige Schuhgrößen zu groß sind. Ein Duft wird noch hinzukommen, dann habe ich ein Parfum für besondere Tage, Jahreszeiten und Situationen.

Am Besten zu mir passt „Sí“ von Armani. Es riecht regelrecht nach persischen Zutaten in einem süßlichen Gericht oder persisches Eis mit Safran und Rosenwasser oder Faloodeh. Safran, Vanille, leicht Zitrone – für meine Nase ist alles dabei, was sich heimisch anfühlt. Und dennoch ist es nicht schwer, es fliegt leicht um mich herum. Ich will dem Duft folgen und kann ihn nicht greifen, dafür freue ich mich über jede Brise, auf der sie sich zu meiner Nase tragen lässt. Alle anderen drei sind von Thierry Mugler. „Angel“ und „Alien Absolue“ sind zwei Nummern zu groß für mich – noch. Aber zum Ausgehen kann ich sie schon tragen. Das „Alien“ im lila Flacon hingegen passt wunderbar zu mir. Es ist eine kleine Diva, aber eine junge und unbeholfene. Hihi. Voilà …




Monster abzugeben

Nein, das ist nicht die Masterarbeit, das ist ein ganz normales Diagnostisches Gutachten für eine Klientin, das wir im Rahmen des Studiums erstellen müssen. Sind ja nur achtzig Seiten, also umfangreicher als meine Bachelorarbeit. Diese Leistungen müssen wir nebenher erbringen. Neben Praktika, Präsentationen, weiteren Hausarbeiten, Klausuren, Hausaufgaben und Seminaren mit Anwesenheitspflicht. Es ist wirklich an der Zeit, dass die Uni bald zu Ende geht.

Eine ehrliche Frage an euch

Ihr Lieben, wie geht es euch? Was tut ihr so, und warum tut ihr es? Was beschäftigt euch besonders gerade? Und fühlt ihr euch gut? Das sind ernstgemeinte Fragen. Da ich in den letzten Atemzügen meines Studiums noch alle Kräfte und Konzentration sammele, komme ich viel seltener dazu, euch zu lesen und bei euch zu kommentieren, deshalb möchte ich euch alle kurz hier versammeln und wissen: Wie geht es euch? Die Frage richtet sich an jeden, der sie beantworten möchte. Auch an Leser/innen, die ich noch nicht kenne.

[Ohne Titel]

Das bricht mir ja schon manchmal das Herz, wenn ich Hunde ganz brav, konzentriert und hoffnungsvoll warten sehe. Als würden sie kurz denken, dass Herrchen oder Frauchen diesmal vielleicht doch nicht wieder zurück kommen werden …