Notizen aufeinanderstapeln

Wir müssen Gott nicht über unsere Eltern und Kinder stellen. Er ist der Einzige, der keinen Schutz braucht. Dass du diesen Satz schreibst, zeigt, dass Gott ihn vielleicht doch braucht. Schutz vor seiner Vergänglichkeit. Schutz davor, verurteilt zu werden wie wir einen Menschen verurteilen würden, wenn er Gottes Voraussetzungen hätte, aber keine Hilfe leisten würde. Er könnte alles, aber er tut rein gar nichts. Es ist interessant, wie wenig ich mir selbst helfen kann, obwohl ich soviel über Selbsthilfe weiß. Wenn ich doch nur ohne Umwege kommunizieren könnte. Ich würde alle Worte fallen lassen und einfach gehen. Weggehen. Die Bedenken anderer machen mich inzwischen bedenkenlos frei, zu handeln. Jede noch so falsche Handlung wäre ein Segen gegen diese träge Masse an pseudomoralischer Passivität. Ich bin mir sicher, diese hemmende Ambivalenz wurde erzeugt, damit wir weiterhin handlungsunfähig bleiben. Wenn du dann vor zwei Türen stehst und auf der einen steht “Aktivsein, Dinge tun, aber vielleicht den falschen Weg dabei gehen, aber vielleicht auch den Richtigen” und auf der anderen steht “Leckerli, Konsum, neuer Fernseher und Sex”, dann nimmst du doch lieber die Zweite, weil ich – so sage ich mir – differenzierter bin als all die Aktivisten und weniger extrem. Ob wir moderat gegen Extremismus vorgehen können, ohne dabei unterzugehen? Essen ist so eine Sache. Sie ist ein Teil der Sexualität, ein zusätzliches Geschenk von Aphrodite. Die Kartons stapeln sich so hoch wie unsere Probleme. Und wenn ich die Hälfte dieses ganzen Zeuges einfach wegwerfen würde? Wieso überhaupt müssen wir immer alles verwerten und verdauen? Schwachsinn. Der Nächste bitte.

Was zum Teufel machen wir hier?

Manchmal sind da diese Augenblicke, die sich zu einem Tag hinziehen. Einem Tag, an dem ich mich frage, was zum Teufel ich hier eigentlich tue und was zu suchen habe. Es geht viel tiefer als die Frage nach dem, was ich studiert habe, wo ich arbeite, wo ich lebe, wen ich liebe und welche Handlungen und Pflichten ich täglich verrichte. Es ist eine Frage nach dem Kern, nach der Sinnhaftigkeit unserer Existenz. Wir hassen uns dafür, dass wir erbarmungslos sind, dass wir Dinge zu unserem Vorteil tun, die anderen ein Nachteil sein können – oder dass wir die Zerstörung zulassen, damit wir es gut haben, solange wir sie nur tun lassen, haben wir nichts damit zu tun, meinen wir. Wir suchen ein Ventil für unsere verletzte Unrechteitelkeit, indem wir kernig wirkende und dennoch leere Sätze von uns geben, eine Position beziehen, nur um danach weiter die Zerstörung hinzunehmen. Der Kaffee ist so heiß-warm, er riecht nach Heimat; aber die Kinder, die ihn anbauen, haben keine. Unsere Existenzen sind wichtig, wir füllen sie mit Besonderheiten, damit wir im Käfig voller Affen, einzigartig sind. Die Masse zwingt uns dazu, dazuzugehören und uns am Mutterkuchen dieser Gesellschaft zu laben. Doch deshalb trägt jeder knallbunt, um gesehen zu werden; aber wenn alle knallbunt tragen, dann kann ein Einzelner nicht bunter sein als alle anderen. Und warum müssen wir uns überhaupt unterscheiden? Welcher böse Geist wurde uns in die Seele gepflanzt, dass wir nicht begreifen, dass die Unterscheidung es ist, die uns unglücklich macht und nicht, wenn wir uns verbinden. Weiterlesen

Aus dem Fenster

In der Klemme sitzend zwischen der Anklagenden und dem introvertierten Kind, das aus dem Fenster sieht und in die Ferne will. Da scheint immer dieser seidene Vorhang zu sein zwischen mir und allem anderen. Ich werde nie dazugehören, und inzwischen ist einer der Gründe dafür auch, dass ich es nicht mehr möchte. Diese ganzen Gespräche über die Ästhetik des Wortes. Bei wem hat die Liebe mich nur zurückgelassen? Und dann richten sie Reyhaneh Jabbari hin, weil sie einer versuchten Vergewaltigung nur entgehen kann, indem sie sich wehrt und ihn tötet. Wo waren wir, als all dies geschah? Als sie vor dem Richter versuchte, ihre Not zu erklären?

Mir fehlen die Autoren und Autorinnen, die es noch schafften, über sich zu schreiben, ohne den Radius ihrer Beschreibungen so eng an sich zu pressen, dass man beim Lesen unwillkürlich das Gefühl bekommen muss, sich um die Autorin oder den Autor zu drehen. Die meisten Texte hören sich an wie bunt gestellte Bilder aus dem hauseigenen Facebookalbum. Als ich Dostojewski las, fühlte ich, dass sein Kämmerlein dunkel war und sein Mantel verstaubt, auch wenn das vielleicht nicht so war. Mir fehlt der Schmerz und der Dreck beim Schreiben. Das Kerzenlicht, der vergilbte Teppich und die Erschöpfung. Heute müssen Texte gut aussehen, wie ein Instagram Foto. Ich glaube, Autoren sind weniger anfällig für diese Art des Schreibens. (Ich lasse mich hier gerne eines Besseren belehren).

Die Tage sind nach oben und unten hin wild. Letztens bin ich durch den Regen gegangen. Während alle anderen die Sicherheit suchten, dachte ich, dass ich mich begießen lassen will. Wie viel Glück eine wahrhaftige Begenung mit einem einfachen Natureieignis wie Regen bescheren kann. Und dennoch hat sich etwas verändert. Je älter ich werde, desto bewusster ist mir in jenem Moment die Begrenzung dieses Augenblickes. Die Freude geht einher mit einer stechenden Erkenntnis. Immer mehr. Weiterlesen

“Der Schmerz ist noch heiß”

Ich sitze schon seit einer halben Stunde hier an meinem Bildschirm, höre Musik und fühle den Drang, etwas schreiben zu müssen, weiß aber nicht was. Ich empfinde eine Mischung aus Erleichterung und Bewegungsdrang und frage mich, wie ich die beiden miteinander verbinden soll. Ersteres ist Entspannung, Zweiteres Anspannung. Draußen ist es so kalt wie schon ewig nicht mehr, und ich stelle mir vor, wie ich in einen zugefrorenen See springe, in dieses eine, für mich extra geschnittene Loch hinein. Ich tue mir weh, tausend Kältenadeln bohren sich in meine Haut, ich erleide einen sensorischen Schock und mein Kreislauf spielt kurz Kollaps, bevor sich alles langsam wieder in Gang setzt und ich jede Bewegung in mir spüre, jede Sehne spannen höre und jeder Muskel gegen die eigene Erstarrung kämpft, indem jede Kontraktion wie im Überlebenskampf zuckt. Alles, was ich bei dieser hier für euch unangenehmen Beschreibung empfinde, ist ein wohliges Gefühl von Freiheit, während Ihr beim Lesen vermutlich das Bild wegzuscheuchen sucht.

Oft schon habe ich mich gefragt, warum ich die Kälte so liebe. Auf eine eindeutige Antwort bin ich nicht gekommen, doch geahnt habe ich immer, dass ich die Hitze in mir nur mit ihrer Hilfe beruhigen kann. “Heiß” bedeutet auf Persisch “Daagh” [das A lang ausgesprochen]. Wenn wir sagen wollen, dass ein Schmerz noch sehr frisch ist, dass er tief in einem sitzt, pocht und wund ist, dann sagen wir: “Der Schmerz ist noch heiß … [Dardesh daagh-e …]” Vielleicht suche ich deshalb die Kälte. Die Wunden sollen nicht weiter atmen, sondern in einen erleichternden Dornröschenschlaf fallen … Weiterlesen

Tage ohne Fragen

Meine Sicht ist trüb von der Müdigkeit in meinen Knochen, und alles strahlt unter diffusem Licht. Die Lider sind schwer, die Lieder sind schwer. Manchmal können die Hingabe an die Muße und der Tanz mit einer ermatteten Zeit uns zur Lethargie verführen. Und ich meine nicht dieses quälende Gefühl, das uns hetzt, weil soviel zu erledigen ist, aber man keinen Fuß vor den anderen heben kann. Ich spreche vom Nichtstun, weil Nichtstun Lust bedeutet. Ein Raum ohne Wand schließt uns ein und wird zur Kugel. Einem Energiefeld, das uns von Druck, Raum und Zeit bewahrt. Und wir leben schweigsam, verliebt in die Zeitlosigkeit – ohne auch nur eine einzige Frage zu stellen. Morgens dauert der Traum einen ganzen Tag lang, und am Abend schwimmen wir in Wein. Du wirst von Rosen gepflückt. Wie sie dich entzücken. “Es gibt sie wirklich! In schwarz und auch in blau”, rufst du. Ich nicke und schlafe, während ich deinen Träumen folge.

So kamen mir die letzten Tage mit dir vor, Geliebter. Feiertage nennt man sie, doch wir haben wachend geschlafen. Es waren Tage ohne Fragen, Tage, die nur eine Sehnsucht übrig ließen: die nach der Absolutheit von allem. Die Nächte gehörten nur uns; keinen Sorgen, keinen Zweifeln. Die Zukunft blieb still, und die Vergangenheit wiegte uns ins Heute. Und alles war ruhig. Alles war gut.

[Ohne Titel]

Dieser hier hatte uns ziemlich zum Schmunzeln gebracht. Das war ein typischer, kleiner “Coolman” unter den Schneemännern. Lässig, selbstbewusst, die Lage voll im Blick. Ein wenig hat er den Macker unter den anderen gespielt. Gefiel Mr. Serious und mir doch sehr. Mit ein wenig Fantasie kann man sich vorstellen, wie er seine Hände in seiner Hosentasche trägt. Ein kleiner Schneemann mit Visionen.

Immer hinterher

In subtiler Weise werde ich immer hinterher sein, weil ich die Grobere, Dümmere und vielleicht auch zu Einfache bin. Es liegt daran, dass ich mit dem Finger auf Dinge zeige, ihnen einen Namen gebe, damit wir den Vogel im Gedächtnis behalten, auch wenn er schon längst nach Süden gezogen ist. Es liegt auch daran, dass ich zwar viele Zusammenhänge erkenne, aber trotzdem eine Wertung abgebe. Ich traue mich, zu sagen: “Nein, das ist nicht gut, das ist nicht richtig! Lasst uns das anders machen.” Man könnte mir die Abstraktionsfähigkeit absprechen, man könnte mir die Intuitionslosigkeit vorwerfen, man könnte meinen, ich lege einen hämmernden Pragmatismus an den Tag, der – aus welchen Gründen auch immer – schlecht sei. Begründungen für das “schlecht” gibt es sehr oft nicht, denn man stoppt sich selbst am bewerten, man könnte ja auf die Art zugeben, man gehöre zu der Spezies Mensch, zu der ich gehörte. Und obwohl etwas in mir weiß, dass es in Ordnung ist, wie ich bin, werde ich immer hinterher sein, weil ich viel zu schnell nach vorne ziehe, die Lösung pflücken und einen unerträglichen Zustand beenden will. Aus dieser Absicht entsteht die Frustrationstoleranz eines Kindes mit dem Unterschied, dass ich nicht aufgeben werde. Weiterlesen