“Der Schmerz ist noch heiß”

Ich sitze schon seit einer halben Stunde hier an meinem Bildschirm, höre Musik und fühle den Drang, etwas schreiben zu müssen, weiß aber nicht was. Ich empfinde eine Mischung aus Erleichterung und Bewegungsdrang und frage mich, wie ich die beiden miteinander verbinden soll. Ersteres ist Entspannung, Zweiteres Anspannung. Draußen ist es so kalt wie schon ewig nicht mehr, und ich stelle mir vor, wie ich in einen zugefrorenen See springe, in dieses eine, für mich extra geschnittene Loch hinein. Ich tue mir weh, tausend Kältenadeln bohren sich in meine Haut, ich erleide einen sensorischen Schock und mein Kreislauf spielt kurz Kollaps, bevor sich alles langsam wieder in Gang setzt und ich jede Bewegung in mir spüre, jede Sehne spannen höre und jeder Muskel gegen die eigene Erstarrung kämpft, indem jede Kontraktion wie im Überlebenskampf zuckt. Alles, was ich bei dieser hier für euch unangenehmen Beschreibung empfinde, ist ein wohliges Gefühl von Freiheit, während Ihr beim Lesen vermutlich das Bild wegzuscheuchen sucht.

Oft schon habe ich mich gefragt, warum ich die Kälte so liebe. Auf eine eindeutige Antwort bin ich nicht gekommen, doch geahnt habe ich immer, dass ich die Hitze in mir nur mit ihrer Hilfe beruhigen kann. “Heiß” bedeutet auf Persisch “Daagh” [das A lang ausgesprochen]. Wenn wir sagen wollen, dass ein Schmerz noch sehr frisch ist, dass er tief in einem sitzt, pocht und wund ist, dann sagen wir: “Der Schmerz ist noch heiß … [Dardesh daagh-e ...]” Vielleicht suche ich deshalb die Kälte. Die Wunden sollen nicht weiter atmen, sondern in einen erleichternden Dornröschenschlaf fallen … Weiterlesen

Tage ohne Fragen

Meine Sicht ist trüb von der Müdigkeit in meinen Knochen, und alles strahlt unter diffusem Licht. Die Lider sind schwer, die Lieder sind schwer. Manchmal können die Hingabe an die Muße und der Tanz mit einer ermatteten Zeit uns zur Lethargie verführen. Und ich meine nicht dieses quälende Gefühl, das uns hetzt, weil soviel zu erledigen ist, aber man keinen Fuß vor den anderen heben kann. Ich spreche vom Nichtstun, weil Nichtstun Lust bedeutet. Ein Raum ohne Wand schließt uns ein und wird zur Kugel. Einem Energiefeld, das uns von Druck, Raum und Zeit bewahrt. Und wir leben schweigsam, verliebt in die Zeitlosigkeit – ohne auch nur eine einzige Frage zu stellen. Morgens dauert der Traum einen ganzen Tag lang, und am Abend schwimmen wir in Wein. Du wirst von Rosen gepflückt. Wie sie dich entzücken. “Es gibt sie wirklich! In schwarz und auch in blau”, rufst du. Ich nicke und schlafe, während ich deinen Träumen folge.

So kamen mir die letzten Tage mit dir vor, Geliebter. Feiertage nennt man sie, doch wir haben wachend geschlafen. Es waren Tage ohne Fragen, Tage, die nur eine Sehnsucht übrig ließen: die nach der Absolutheit von allem. Die Nächte gehörten nur uns; keinen Sorgen, keinen Zweifeln. Die Zukunft blieb still, und die Vergangenheit wiegte uns ins Heute. Und alles war ruhig. Alles war gut.

[Ohne Titel]

Dieser hier hatte uns ziemlich zum Schmunzeln gebracht. Das war ein typischer, kleiner “Coolman” unter den Schneemännern. Lässig, selbstbewusst, die Lage voll im Blick. Ein wenig hat er den Macker unter den anderen gespielt. Gefiel Mr. Serious und mir doch sehr. Mit ein wenig Fantasie kann man sich vorstellen, wie er seine Hände in seiner Hosentasche trägt. Ein kleiner Schneemann mit Visionen.

Immer hinterher

In subtiler Weise werde ich immer hinterher sein, weil ich die Grobere, Dümmere und vielleicht auch zu Einfache bin. Es liegt daran, dass ich mit dem Finger auf Dinge zeige, ihnen einen Namen gebe, damit wir den Vogel im Gedächtnis behalten, auch wenn er schon längst nach Süden gezogen ist. Es liegt auch daran, dass ich zwar viele Zusammenhänge erkenne, aber trotzdem eine Wertung abgebe. Ich traue mich, zu sagen: “Nein, das ist nicht gut, das ist nicht richtig! Lasst uns das anders machen.” Man könnte mir die Abstraktionsfähigkeit absprechen, man könnte mir die Intuitionslosigkeit vorwerfen, man könnte meinen, ich lege einen hämmernden Pragmatismus an den Tag, der – aus welchen Gründen auch immer – schlecht sei. Begründungen für das “schlecht” gibt es sehr oft nicht, denn man stoppt sich selbst am bewerten, man könnte ja auf die Art zugeben, man gehöre zu der Spezies Mensch, zu der ich gehörte. Und obwohl etwas in mir weiß, dass es in Ordnung ist, wie ich bin, werde ich immer hinterher sein, weil ich viel zu schnell nach vorne ziehe, die Lösung pflücken und einen unerträglichen Zustand beenden will. Aus dieser Absicht entsteht die Frustrationstoleranz eines Kindes mit dem Unterschied, dass ich nicht aufgeben werde. Weiterlesen

Es schmeckt so fade

Schreiben macht mir keinen Spaß mehr. Vielleicht sind meine Themen zu konkret, die Probleme über die ich nachdenke, zu weltlich, als dass ich sie in schöne Formen packen könnte. Es ist anstrengend, Dinge zu umschreiben, die am besten gar nicht umschrieben werden sollten. Gestern habe ich einen wütenden Text an einen Arzt [einige Ärzte] und deren Chefs, der Pharmamafia, geschrieben, ihn hier online gestellt und ihn nach ca. zwei Stunden wieder zurückgenommen. Könnte ja zu unfreundlich sein, zu aggressiv, zu unanständig und zu pauschalisierend. Irgendjemanden gibt es doch immer, der mir per E-Mail mitteilt, dass nicht alle Ärzte, alle Religiösen, alle Frauen, alle Männer so seien – und das, obwohl ich nie so etwas behauptet habe. Darauf habe ich keine Lust. Was ist bloß aus mir geworden? Jemand hat mir die Zähne gezogen. Ich versuche, irgendeinem sehr falschen Anspruch zu genügen. Ich habe noch nicht entdeckt, woher er stammt und wie er sich so in meine Blogwelt einschleichen konnte, aber es gefällt mir überhaupt nicht. Nein, Schreiben macht so keinen Spaß mehr.

Liebesberufung

Mein Smiley sieht hier so herrlich verzweifelt aus, da dachte ich, das muss ich euch einmal zeigen. Ich muss gerade den Mathekram aus den ersten zwei Semestern [Statistik & Stochastik] wiederholen, damit ich die jetzige Vertiefung in die Materie besser verstehe. Ich staune immer wieder darüber, dass man ein 600-seitiges Buch, in dem vor allem Zahlen, Formeln und ihre Herleitungen eine Rolle spielen, so gut aufbereiten kann [praxisbezogen anhand von Forschungsbeispielen], dass ich es richtig mit Interesse lese und wissen möchte, “wie es weiter geht”. Weiterlesen

Ich liebe uns

Eigentlich wollten wir nur frei sein. Doch irgendwann meinte einer, erkannt zu haben, dass Freiheit nur mit absoluter Macht einhergehen kann. Und so entstand die Realität, in der wir gerade leben. Die Geschäftigkeit hat wieder begonnen. Die Tage sind vollbepackt mit Seminaren und Vorlesungen. Zuhause schwillt der Kopf bis zum Schädelanschlag an, die Informationen müssen irgendwie verdaut werden – es sind so viele. So viel zu tun, der Studienverlaufsplan sieht aus wie die Programmieranweisung eines Fließbandroboteres. Literaturlisten, Kopiervorlagen, Klausurtermine, Präsentationen, neues Wissen trifft auf Altes – und das Gelernte ergibt immer mehr Sinn und ein erquickendes Gefühl von Sinnhaftigkeit, so wie, wenn ein Schlüssel in ein Schloss passt und klack macht oder wenn die Weingummis genau den Geschmack haben, den man sich ersehnt hat, oder wie der erste Kuss, bei dem man merkt, dass die Natur schon weiß, wie es geht und man sich umsonst all die Sorgen gemacht hat. Dieses Stimmige bewirkt, dass wir schon selbst Forschungsideen haben und endlich unsere eigenen Gedanken ernstnehmen, anstatt die anderer zu schlucken. Weiterlesen

Von Mulan, dem Krieg und der Natur der Frauen

Freilassung, das ist ein Wort, mit dem ich heute aufgewacht bin. Freilassung wovon eigentlich? Wäre ich freier, würde ich unter den Gesetzen des Dschungels leben? Gewiss, einigen Konventionen müsste ich nicht nachkommen, meinen Standpunkt und Status in einem geplanten Menschenhaufen nicht verteidigen, doch auch im Dschungel müsste ich das Alphaweibchen markieren, natürlich müsste ich das nicht, das müssen Männer, aber ich bin ein Weibchen, das das Alphaweibchen markieren würde. Ich möchte gerne wie Tarzan ohne Jane die Bäume bespringen und wie Mogli den Tiger bezwingen. Mogli hat den Goldschatz nicht “verstanden”, er blieb frei von Gier. Ich frage mich: Geht das überhaupt? Lieben wir Menschen nicht von Natur aus Glitzer und Gold, auch wenn wir nicht wissen, warum? Aber Pochahontas hatte schon Recht, als sie meinte “Was wollen die Bleichgesichter denn mit Gold? Das kann man ja noch nicht einmal essen!” Wo wir gerade bei Walt Disney sind …

Als ich ein Kind war, wollte ich immer zu Arielle, die Meerjungfrau, unter das Meer. Ihre Welt war so bunt, alles hatte eine Ordnung. Außerdem fand ich die Fischgetiere so, wie sie dort waren, erträglich. In Real sind mir Unterwassertiere sehr suspekt, wenn nicht sogar unsympathisch, außer Orcas und Delphine [Nein, das schreibe ich jetzt nicht mit "f"!]. Ich wollte so aussehen wie Arielle – nur mit schwarzen Haaren. Disney hat es mir da nicht leicht gemacht, denn Arielles Pendant – die böse Hexe Ursula – war verkleidet in eine Arielle II mit schwarzen Haaren. Aber wie gesagt, sie war böse. Und schwarzhaarig. Das war nicht weiter schlimm, denn Arielle wurde von Prinzessin Jasmin abgelöst, wenigstens kam sie so “aus der Ecke”, aus der ich kam. Sie war auch etwas cooler. Selbständiger und so, konnte sich auch wehren. Aber dann, dann kam Mulan und hat alle abgelöst. Mulan habe ich bestimmt zwanzig mal geschaut, das letzte Mal vor vier Monaten mit meinen Geschwistern. Die Lieder konnten wir alle auswendig. Sie hat sich – um ihren Vater vor einem Krieg zu retten, der mit seiner Kriegsverletzung von damals garantiert gestorben wäre beim Einsatz – als Junge verkleidet und ist mit den Männern in den Krieg gegen die Hunnen gezogen. Was für ein Mädchen! Weiterlesen

Anders

Ihr Leben ist mir fremd. Die Art, wie sie einander grüßen, ist mir fremd. Die Floskeln tun mir weh, und die Leichtigkeit, mit der sie über wunde Kleinigkeiten hinwegsehen, beleidigt unsere Geschichte. Ich möchte euch nahe sein, aber ihr stoßt mich weg. Und wenn ihr kommt, dreh’ ich mich um. Ich bin zu dunkel, zu ernst, ich lache zu laut und ich kann nicht jedem zuerst feindlich gesonnen sein, sondern liebe ihn zuerst – also genau umgekehrt. Und von umgekehrt bis verkehrt bedarf es keiner großen Fantasie. Ich fühle mich verkehrt unter euch. Ich habe eine andere Welt in mir. Und manchmal, wenn ich so fühle wie heute, bin ich blind und taub für eure. Ich habe das Gefühl, ihr schlagt mit euren fremden Worten auf mich ein. Und das Recht, habe ich das Gefühl, das wisst ihr immer auf eurer Seite, weil ich erst drei Jahre nach meiner Geburt euren Boden betreten habe. In solchen Augenblicken drängt sich das Bild des alten Mannes aus meinen Träumen in mir auf, der inmitten der technologischen Revolution steht und um seine Schubkarre und die Schaufel weint. Ich habe Angst vor euch, so wie ihr vor mir, wenn ich so bin, wie ich es heute bin. Dann drängt ihr mich weg, drängt mich in den Schoß meiner Kultur, einer Kultur, die seit Anbeginn der letzten, prophetischen Religion und der Revolution am sterben ist. In ihrem Schoß werde ich verbrannt von ihrer Schönheit und vertrieben von ihrer Vergänglichkeit. Und nun? Wo soll ich denn hin? Der einzig sichere Kreis ist mein blaues Haus und der Garten mit all den blutsverwandten Blumen. Aber der ist fragil und sterblich. Und meine Erinnerungen wandeln sich mit zunehmenden Lücken zu einer neuen Geschichte, nur, damit ich überlebe. Euer Leben ist mir fremd. Und wenn ihr lacht über all die Andersartigen da draußen mit ihren komischen Bräuchen, ihrer wilden Gestik und ihrer bunten Mimik, dann lacht ihr auch über mich. Meine unbewegte Miene nehmt ihr persönlich und als Beweis dafür, dass ich schlecht integriert bin. Doch was ihr nicht versteht ist: Ich kann nicht über mich selbst lachen – nicht mit euch zusammen. Nicht hier, nicht jetzt.

Arbeit vs. Studium

Eine interessante Erfahrung, die ich gerade mache ist die, dass ich – seit ich wieder ganztags arbeite und nicht zur Uni gehe – das Gefühl habe, viel mehr Zeit für mich zu haben. Wenn meine Arbeit nämlich erledigt ist, gehe ich nach Hause und muss nichts mehr tun, rein gar nichts. Keine Fachliteratur lesen [die lese ich in bestimmten Minütchen auf der Arbeit, wenn ich etwas brauche], nicht lernen, keine Karteikarten basteln, nicht abgefragt werden, keine Nachtschichten einlegen, keine Hausarbeiten schreiben, keine Präsentationen vorbereiten, nichts. Ich habe geballte fünf Stunden bis zum Schlafengehen – und die gehören mir und immer auch meinem Mann und mir. Die Arbeit macht mir Spaß. Ich arbeite gerade in einer Psychotherapeutischen Praxis, in der wirklich lustige und wahnsinnige Dinge passieren, weil mein Chef lustig und wahnsinnig ist. Er wirft mich regelmäßig in neue Situationen hinein, und ich lasse mich teils angespannt teils unglaublich neugierig überrumpeln. Er hält nichts davon, zuviel zu erklären, er lässt mich direkt tun, und das ist genau das, was ich brauche nach all der Aneignung von Theorie durch das Studium. Weiterlesen