Komplementarität

Der Grund, warum ich bei dem, was ich tue, das erste Mal in meinem Leben das Gefühl angekommen zu sein genießen darf ist der, dass ich in der wissenschaftlichen Psychologie eine Gratwanderung leisten muss, die meinem stark komplementären Interessenscharakter in einer Weise entspricht, die mir die Erfüllung geben kann, die mir damals mit all meinen problematisch vielseitigen Interessen und Abzweigungsneigungen versagt worden war. Damals bin ich von Ast zu Ast gesprungen [Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Kunst] und empfand bereits im ersten Semester meines vorangegangenen Studiums eine innere Leere und einen Überdruss, der mich aggressiv machte. Ich litt unter dem Gefühl, dass ich einige Aspekte meiner Selbst abkapseln musste, um weiterzukommen. Doch heute habe ich all die Äste beieinander – und man erlaubt mir nicht nur, sie trotz ihrer Komplementarität zu besitzen, sondern macht sie sogar zur notwendigen Bedingung für die Arbeit an einem wichtigen, großartigen Puzzle bei dem das Fehlen der verschiedenen Äste das Endbild verzerren würde.

Psychologie muss in gewisser Weise Natur- und Geisteswissenschaft sein, wenn sie Menschen in ihrer Doppelnatur begreifen will. Der Mensch ist eine komplementäre Verbindung zweier Komponenten, die auf dem ersten Blick nicht ganz zueinander zu passen scheinen: Er ist durch und durch ein der Natur untergebenes Wesen, ein Produkt biologischer, physiologischer Prozesse, eine Rasse, die genauso sehr dem Selektionsdruck der Evolution unterlegen war [und heute noch ist] wie alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten auch. Andererseits produziert er jedoch Geistiges und Kultur. Er ist ein Wesen, das Kunst, Literatur, Religion und Musik erschafft und sich seiner Biografie bewusst ist. Es wäre unsinnig, diese Aspekte durch rein naturwissenschaftliche Messverfahren analysieren und begreifen zu wollen. Deshalb muss Psychologie zumindest teilweise beides sein; und deshalb gibt mir diese Disziplin fast alles, was ich brauche, um sogar für mein Ast-zu-Ast-Springen nicht nur nicht getadelt, sondern im besonderen Maße gelobt zu werden, weil es ein Vorteil ist, das zu können. Weiterlesen

Arbeit vs. Studium

Eine interessante Erfahrung, die ich gerade mache ist die, dass ich – seit ich wieder ganztags arbeite und nicht zur Uni gehe – das Gefühl habe, viel mehr Zeit für mich zu haben. Wenn meine Arbeit nämlich erledigt ist, gehe ich nach Hause und muss nichts mehr tun, rein gar nichts. Keine Fachliteratur lesen [die lese ich in bestimmten Minütchen auf der Arbeit, wenn ich etwas brauche], nicht lernen, keine Karteikarten basteln, nicht abgefragt werden, keine Nachtschichten einlegen, keine Hausarbeiten schreiben, keine Präsentationen vorbereiten, nichts. Ich habe geballte fünf Stunden bis zum Schlafengehen – und die gehören mir und immer auch meinem Mann und mir. Die Arbeit macht mir Spaß. Ich arbeite gerade in einer Psychotherapeutischen Praxis, in der wirklich lustige und wahnsinnige Dinge passieren, weil mein Chef lustig und wahnsinnig ist. Er wirft mich regelmäßig in neue Situationen hinein, und ich lasse mich teils angespannt teils unglaublich neugierig überrumpeln. Er hält nichts davon, zuviel zu erklären, er lässt mich direkt tun, und das ist genau das, was ich brauche nach all der Aneignung von Theorie durch das Studium. Weiterlesen

Loslassen

Es gibt nichts Heilsameres, als die Fähigkeit, Dinge, Ereignisse, Menschen und zertrümmerte Träume, loszulassen, wenn man um sie gekämpft hat und erkannt hat, dass man sie nicht in der Art halten und realisieren kann, wie man es gerne hätte. Doch wie bringt man sich bei, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen? Den Punkt, an dem es wichtig ist, zu realisieren, dass man Dinge, Ereignisse, Menschen und zertrümmerte Träume nicht mehr retten kann? Geschehens nicht rückgängig machen kann? Diese Frage bleibt vorerst offen. Trotzdem. Lasst uns weiter beim Loslassen bleiben. Was genau an ihm erleichtert die Last, die man zu tragen hat?

Zum einen sind es ökonömisch-praktische Aspekte. Der Mensch neigt dazu, immer mehr in hoffnungslose Projekte jeder Art (ob nun geschäftlicher, politischer, wissenschaftlicher oder beziehungstechnischer Natur) zu investieren. Sei es durch Zeit, Gedanken oder auch Mühe und Geld. Wenn man in etwas seine Seele und Leidenschaft reingesteckt hat, kann man seine Investition nicht einfach loslassen. Der unbedingte Wunsch, dass alles so klappt, wie man sich das erhofft, wird durch das eigene Zutun an Kraft, Zeit und auch Geld, immer größer und scheinbar greifbarer. So ist es aber nicht. Manchmal lassen sich Dinge, Situationen und Menschen nicht dahinbringen, wo man sie gerne hätte. Bei einseitigem Kraft- und Leidenschaftsaufwand erst recht nicht. Es gibt Projekte, halb realisierte Geschäftsideen und projizierte Wünsche in nahestehende Menschen, die sich – je mehr man Druck verübt – verschließen und man sich und sie in eine Sackgasse von Schulden, Reaktanz und Trotz oder auch kompletten Verlust treibt. Loslassen in einem richtigen Augenblick des Erkennens, kann den so schon vorhandenen Sach- oder Herzschaden (je nach Situation oder Beschaffenheit), wenigstens geringer halten.

Zum anderen spielt die seelische Befreiung eine große Rolle. Jeder kennt das Gefühl, wenn er ein hoffnungsloses Unterfangen aufgibt. Sei es der Versuch, das Herz eines Menschen zu gewinnen, das einfach nicht dafür bestimmt ist, das Eigene zu wollen – oder aber der Versuch, jemandem den rechten Weg zu weisen, der es aber darauf angelegt hat, jede von Euch gemachte, schlimme Erfahrung selber erleiden zu müssen, um dann vielleicht daraus zu lernen oder nie wieder hoch zu kommen. Wenn man solche Versuche irgendwann loslässt, dann merkt man, wie man unverhofft und augenblicklich aufatmet. Dinge und Menschen sich selbst, dem Schicksal – oder bei gläubigen Menschen – dem Gunsten oder Ungunsten Gottes zu überlassen – kann unglaublich befreiend sein. Akzeptanz, Hin- und Annahme dessen, was man nicht ändern kann, kann einem inneren Frieden verschaffen, eine abwartende und beobachtende Haltung einbringen, die sogar der ursprünglichen Absicht dienen kann. Gewiss, die Sorge und der Nachgeschmack von Traurigkeit werden einen noch lange begleiten. Doch vorher, im Vulkan des Tuns und Kämpfens, war man nicht nur traurig, sondern gestresst, wütend, gehetzt, verrannt, gebrannt und getrieben – von einer Unruhe, die einen nicht mehr schlafen ließ. Lässt man aber los, kann man im Fall der Fälle – beim Eintreffen der befürchteten Situationen – besser und reflektierter für die Person da sein. Allein aufgrund des Umstandes, dass man sich eine Schonzeit erlaubt hat. Eben durch dieses Loslassen. Weiterlesen

Normal. Das sind immer nur die Anderen.

Erschöpfung macht sich in Dir breit. Erschöpfung ohne Anfang. Erschöpfung ohne Ende. Du fragst Dich, warum. Wo ist der Marathon, den Du gelaufen bist, wo der sportliche, kräftezehrende Kampf, den Du gekämpft hast – und die Antwort findest Du nicht. Müde gehst Du auf all die Gruppen zu, mit denen Du im Laufe des Tages zusammen arbeiten musst für Projekt dies und Projekt das. Teamarbeit. Das A und O heute, wer das kann, der ist begehrt. Teamarbeit, das ist anstrengend, denkst Du. Da muss man reden, in Augen schauen, nicken, obwohl man nicht nicken will und ein Endergebnis lieben, das nur zu 1/6 Deinen Vorstellungen entspricht. Weil diskutieren, das geht nicht. Deine Zunge ist schwer, Dein Mund, nein, der geht nicht auf, der will nicht, der kann nicht. Erinnere Dich. Erschöpfung ohne Anfang. Erschöpfung ohne Ende.

Eine Gruppe von Menschen sitzt und lacht. Nach getaner Arbeit sitzen Teams noch zusammen, zeigen sich, dass sie nicht nur eine zusammen gewürfelte Zweckgemeinschaft sind, sondern auch dann zusammen wären, wenn sie es nicht müssten. Normal, denkst Du, das sind immer nur die Anderen. Du sitzt daneben, lächelst, nickst – genauso wie bei der Arbeit. Das Endergebnis des Gespräches hat noch nicht einmal 1/6 von Dir. Du suchst einen Grund, um zu gehen, findest ihn aber nicht. Reicht Müdigkeit als Grund? Nein, diese tolle Gruppe, sie macht doch wach. Also bleibst Du. Bleibst Du in der Gruppe – und bleibst doch zurück. Normal, denkst Du, das sind immer nur die Anderen. Und Verrücktsein, denkst Du, das wollen immer nur die Anderen, während Du nach Normalität hechelst, sie suchst, ihr in Dir und Deiner gelähmten Welt einen Platz bieten willst.

Das Leben ist nun einmal keine amerikanische Sitcom. Deshalb liebst Du sie so. Die Welt dreht sich nicht um Euer Lieblingslokal oder dem Wohnzimmer des besten Kumpels, in dem alle sitzen und ein Bierchen trinken. Niemand ist von morgens bis abends für Dich da, weil Du neben seiner Beziehung die Hauptrolle spielst. Der Ernst des Lebens wird nie an solchen Orten gezeigt, man macht es mehr mit sich aus. Mit sich oder mit anderen, die nur im Augenblick des Zuhörens – wenn überhaupt – ernsthaft mit Deinem Ernst beschäftigt sind. Keine gemeinsamen Missionen, kein Einsatz für das Leben des Anderen. Keine wundervollen Dachterassen über New York – und kein bezahlbares, ständiges Abhängen in einem romantisch holzigen Lieblingslokal mindestens zu Sechst und mindestens mit zehn Getränken und einem warmen Abendessen. Weiterlesen