Einachtel ihrer Hand

Gestern saß eine ältere Dame neben mir in der Bahn. Wir haben uns unterhalten, und ich habe bemerkt, dass sie über weitaus mehr als das Belanglose reden wollte. Als hätte ihr so lange niemand zugehört, wollte sie soviel mehr erzählen. Doch da war dieser Augenblick der Zurückhaltung in mir, der mich davon abhielt, ihre Hand zu nehmen und zu sagen: „Reden Sie mit mir. Ich weiß, Sie haben viel zu erzählen. Und es wäre mir eine Ehre, Ihnen zuzuhören.“ Woran liegt das, frage ich mich im Nachhinein, dass ich mich zurückgehalten habe? Warum kann ich nicht vergessen, dass man ablegehnt und für seltsam gehalten werden kann? Warum macht es mir etwas aus, Ablehnung zu erfahren? Was hätte ich verloren, wenn sie mir mit ihren kleinen, lebendigen Augen Widerwillen signalisiert und geschwiegen hätte? Ich hätte doch eh zwei Stationen später aussteigen müssen. Doch ich hätte den Augenblick zerstört. Das hätte ich mir nicht verziehen. Dem Augenblick noch mehr Magie verwehren, um die vorhandene nicht zu gefährden. Tun wir das nicht alle?

Und doch unterhielten wir uns weiter; und sie lächelte und sprudelte lebendig aus ihrem Leben, erzählte über ihre Enkelkinder und Kinder, die viel zu selten vorbei kamen. Sie sprach über die Veränderungen der Zeit, ihre Rasantheit und ihre Bedrohung. Sie sprach mit unbeweglichen Händen; ein Ausdruck dafür, dass sie aus einer Zeit kam, in der es sich für eine Frau nicht schickte, sich zu öffnen und impulsiv zu sein. Einmal legte sie ihre Hand auf meine, als sie mir einen guten Rat geben wollte. Nur ganz kurz, nicht großflächig, nur einachtel von ihr lag auf meiner. Und ich zog sie nicht weg, ich sah ihr ins Gesicht und hörte ihr aufmerksam zu, dankte ihr für ihren wertvollen Rat. Als ich gehen musste, tat es mir weh. Eine ungewollte Trennung, die unsere Körper von uns forderten. Ich wollte ihr nicht das Gefühl geben, dass irgendetwas aus dem Alltag wichtiger wäre, als ihren blauen Augen zu folgen, ihrer Geschichte und ihrer zurückgehaltenen Wärme und Sehnsucht. Aber wie wäre das wiederum rübergekommen? „Ach, wissen Sie was, ich bleibe in der Bahn und fahre mit Ihnen weiter.“ Die Angst vor Aufdringlichkeit und der Überschreitung intimer Grenzen macht mir das Leben hier manchmal so schwer. Warum können in solchen Momenten nicht alle ein wenig orientalisch sein? Weiterlesen

Wer weiß das schon?

Wir waren über eine Person am reden, die es nicht anders verdient hatte, als dass wir über sie redeten. Ein anderer hakte sich in das Gespräch ein und wollte wissen, um wen es sich handelte, doch ich schob ihn freundlich beiseite mit der Begründung, dass das nur seine Wahrnehmung verzerren würde. Vielleicht sei die Person zu ihm ja sehr nett, und es wäre unfair, wenn er nun aufgrund unserer Negativerfahrungen anders auf sie zugehen würde. Er versuchte es immer wieder, doch er scheiterte an mir. Wir kamen auf das Thema Religion. Weiterlesen

Wir sind Menschen

Im Grunde, denke ich mir, suchen wir bei all dem Wunsch nach Ruhe doch oft diese Momente, in denen wir aufgenommen werden mit all unseren Narben und Entstellungen. Manchmal wollen wir jemanden, der unsere Anhänglichkeit erträgt, vor dem wir nicht so tun müssen, als seien wir absolut unabhängig und der einsame Eremit, der alles sucht, nur niemand anderen. Dieses So-tun-als-ob das Leben nur eine Parade wäre, an der man teilnehmen kann oder auch nicht. Als handele es sich dabei um eine Entscheidung. Als könne man sein Leben verweigern, ohne dabei ein elendiges Dasein zu haben. Ganz frei.

Viele gut gemeinte Worte prasseln auf uns ein. Worte darüber, dass wir wählen können, wer wir sind – und “Ach mach dir doch nichts draus, das Leben ist doch schön!”. Wer kennt das nicht, wer hat schon nicht auf so einen Satz hin gelächelt und ein hochstimmiges “Ja, natürlich!” geantwortet aus dem Wunsch heraus, den schwarzen Hund in sich auf Teufel komm raus unentdeckt zu lassen, der wie ein anrüchiges Erbe an uns klebt und unser Inneres zu einer schwachen Witzfigur erscheinen lassen könnte. Dann diese lustigen Menschen in den Schaufenstern, die uns versprechen, dass das Leben uns gehört und wir nur zugreifen müssen, zugreifen, vielleicht ein wenig investieren, ja ein wenig Geld hier und da, ein paar Kontakte knüpfen, kaufen. Dann geht schon alles gut. Immer. Weiterlesen

Viele Wege des Fragens

Letzte Nacht träumte ich von Marina Abramovic. Sie begleitete mich zu einem Schulfest, das mir scheinbar viel bedeutete. Da sie nicht offiziell eingeladen war, brachte ich ihren Stuhl selbst mit. Während ich ihn den langen Weg zum Schulschloss trug, wurde er immer größer und größer, bis er zu einem Thronstuhl wurde, den ich mit einem Seil auf meinen Rücken binden musste. Anders konnte ich ihn nicht mehr halten. Als ich Marina dann endlich in dieser schlossartigen Schule traf und ihr den großen königlichen Stuhl anbot, damit sie sich drauf setzte, sagte sie freundlich und mit einem Hauch von Nachsichtigkeit, dass wir beide drauf passen würden. Also setzte sie sich auf ihn, und ich setzte mich auf ihren Schoß. Das wechselte sich ab. Manchmal saßen wir nebeneinander, manchmal saß sie auf meinem Schoß. Das Schulfest verwandelte sich in ein Theaterstück, von dem ich nicht viel mitbekam. Ich beobachtete viel mehr ihr Gesicht, achtete auf jede Regung und freute mich sogar über jede Nichtregung.

Das Theaterstück verwandelte sich ganz schleichend und sanft in ein Wissenschaftskongress. Die Räume wurden vom barockmäßigen steinigen Goldbeige zu kühlem, modernen Graublau. Es liefen Science Fiction Klassiker mit Realitätsgehalt an den vielen Monitoren. Abrisse der Szenen wurden mit reger Beteiligung diskutiert. Zukunftsvisionen wurden befürchtet oder freudig herbeigesehnt. Ich begann, mich unruhig zu fühlen aus Angst, diese technik- und wissenschaftslastigen Themen würden sie langweilen. Ich empfand den Gedanken als unerträglich, dass der eine Tag, den ich mit ihr verbringen durfte, für sie ein langweiliger war. Also drückte ich ihre Hand und sah sie mich entschuldigend an. Sie strahlte auf ruhige Weise und nickte verständnisvoll: “Wieso sollte mich das langweilen? Es gibt viele Wege, Fragen zu stellen. Hauptsache, wir stellen überhaupt welche …” Ich war beruhigt und blickte immer seltener auf ihr Gesicht, denn ich war sicher, sie genoss die Diskussionen, die Laser, die Technik, die Bakterienkulturen, die bunt aus ihren Räumen wuchsen und die Nervenzellen, denen wir in Großaufnahme beim Andocken und Verästeln zusehen durften. Alles war in Ordnung, hörte ich sie denken, so lange wir nur weiter Fragen stellten …

Diese Art von Mensch

Das neue Jahr entpuppt sich genau als das, was ich vorher bereits erspürt hatte. Eine Welle von Veränderungen spült alte Persistenzen fort; nach kurzem Trennungsschmerz kann die Wunde endlich ausfließen und letztendlich abheilen. Die Würfel sind erneut gefallen. Ich weiß, dass sich die Richtung in meinem Leben nun ändern wird. Das Gewand der Angst muss einem Neuen weichen. Ich werde wieder lernen, was es bedeutet, tief aus der Brust zu atmen und im schallenden Gelächter auszuatmen. Wir stecken uns gegenseitig an. Unsere Dynamik wird verflochten – und anstatt, dass wir uns durch unsere negativen Kräfte blockieren, werden wir heute zu elastischen Aufständischen, die einander die Rücken und die Haut decken.

Ich glaube, ich bin erwachsen geworden. Aus mir und meinem Anspruch auf Loyalität schlauer geworden. Meine Halsstarrigkeit ist zu Bruch gegangen und damit auch meine Forderungen, die ich an die Falschen gestellt habe. Ich will nur noch begegnen in dem Wissen, dass Trennungen dazu gehören. Immer weniger brauche ich zum Festhalten; und immer mehr Mut, um so zu leben, wie ich es für richtig halte. Den Mut bringe ich auf, weil ich in diesen Tagen etwas verstanden habe: Wenn ich muss, schaffe ich fast alles. Mit der Erkenntnis, dass nichts für ewig wärt, lerne ich zu schmusen. Noch verbrenne ich mich dabei. Noch brauche ich Zeit.

Kennt ihr diese Menschen, die einen verderben? Für alles, was davor war und danach noch kommen wird? Solche, die euch mit ihrer Echtheit und Leidenschaft mitreißen, ohne dass sie es wollen? Einfach nur durch das, was sie sagen und mit dem, was sie suchen? Ich bin einer Person begegnet, die sich bei der Suche nach Erkenntnis noch mehr Narben geholt hat als ich. Jemand, der noch weniger Kompromisse eingeht. Eine Person, die, wenn sie könnte, sich selbst gegen die Wahrheit eintauschen würde. Dieser Mensch ist ein Künstler: ein Wissenschaftler durch und durch. Mit all der Verzweiflung, die jemand mit so wenig Mitteln und diesen viel zu großen Sehnsüchten haben kann.

Loser Faden

Ich habe aufgehört, dir zu verzeihen, als du nebenher sagtest, der Verrat sei noch harmlos gewesen. Und ich dachte an die Tage dieses Verrates und an die spitzen Kanten der Realität, an denen ich mir den Körper zerschürfte. Ich schwieg dich mit stockendem Atem an. Doch die Pause nutztest du, um sie bis zum Rand mit Alltagsgezwitscher zu füllen. Die Trennung stand vor mir und tanzte. Etwas in mir ließ etwas anderes los: eine Art seidenen Faden, an dem du schon lange nicht mehr hingst. Und anstatt, dass ich danach ins Endlose fiel, schwebte ich auf wie ein Neugeborener auf dem Weg ins Licht. Ich fühlte eine Erleichterung, die sonderbare Schwere ausstieß. Sie war nicht schön, sie war nicht erhellend, sondern real und so physisch, dass meine ganze Körperhaltung sich veränderte. Sie ließ Wahrheiten auf meinen bunten Teppich niederprasseln, die ich all die Jahre versteckt hatte vor uns. Nur, weil ich unsere erste Begegnung ehrte. Wann ich dir die Botschaft verkünden werde, dass unsere Schicksale nun voneinander unabhängig sind, weiß ich noch nicht. Der lose Faden wird mich führen, und ich weiß, bei dieser Offenbarung wird die Erleichterung in deinen Augen Knospen springen lassen.

Simple Things

Und dann gibt es diese Momente, in denen ich nach Innen lächle. In einer Bahn sitzen und einen jungen Mann beobachten, wie er nach einem Ruck aufspringt und die alte Dame auffangen will, obwohl sie gar nicht in Gefahr war. Wie die alte Dame daraufhin wie in alten Tagen und doch mit rauher Stimme kichert und sagt: “Och danke, junger Mann. Dat wär jäz doche nidde nötisch jewesen. Aba anständisch von Ihnen. Dat muss isch schon sache!” Ich liebe Menschen mit einem unverfälschten Beschützerinstinkt, der wie ein Reflex ausfährt. Während sie selbst in Gedanken noch ruhig an ihrem Platz sitzen, haben sie bereits mindestens eine alte Dame und mich glücklich gemacht und bemerken später erst, dass sie ja mitten in der Bahn stehen mit ausgebreiteten Armen und angespanntem Körper. Wenn es eine Eigenschaft an mir gibt, auf die ich stolz bin – wirklich stolz – dann ist es genau diese, dass ich einen starken Beschützerinstinkt habe. Und trotzdem ist es wirklich eine der Eigenschaften, von denen ich behaupten kann, dass ich überhaupt nichts für sie kann, nie an ihr gearbeitet habe oder versucht habe, sie zu verbessern. Sie war da, sie hat sich durch das Beobachten meiner Eltern im Umgang mit anderen verstärkt und lebt in mir weiter. Und ich will sie nicht aufgeben, auch wenn sie mich schon einige Male in Schwierigkeiten gebracht hat, auch in Emotionale. Weiterlesen

[Marina Abramovic] The Artist is Present

Ich habe Marina Abramovics Film “The Artist is Present” gesehen. Viele, die das besser können als ich, haben über sie geschrieben. Über ihre Kraft, ihre Selbstgeißelung, ihre Disziplin und ihre Liebe. Zwei Stühle stehen in einem großen Raum, einen Tisch gibt es irgendwann nicht mehr. Die Künstlerin ist anwesend und sitzt uns gegenüber. Die Schwere ihres Körpers wird durch ihr hochgeschlossenes Kleid betont. Und wenn wir wollen, dürfen wir uns – jeder einzeln – auf den Stuhl setzen, der ihr gegenüber steht. Dann richtet sie, erst mit geschlossenen und dann mit offenen Augen, den Blick auf uns; und diese kompromisslose Nacktheit überwältigt uns erst, nachdem wir uns durch die ungewohnte Zuwendung zu uns betroffen fühlen. Wir können diesem Blick oft nicht standhalten, bis wir uns entscheiden, uns genauso wie Marina auszuziehen, uns hinzugeben und passieren zu lassen, was passieren muss. In diesem Prozess des gegenseitigen Ansehens, des sich Öffnens und Einlassens geschieht nämlich etwas Unglaubliches: Wir sehen in unser Spiegelbild – und dann wieder doch nicht, weil dieser Spiegel jemand anderes ist und das Spiegelbild zu einer eigenen Kraft wird: zur innigsten Berührung, zu der zwei Fremde in so einer Situation in der der Lage sind. Viele Menschen weinen während dieser Konfrontation mit einem anderen Körper, der eine Prägung auf unserer Seele hinterlässt. Und dann kann uns eine Demut überkommen vor der Fähigkeit dieser Frau, die es aushält, dass soviele Augen, soviele Prägungen auf ihrer Seele hinterlassen. Ich möchte mehr über sie erfahren, aber Zuneigung habe ich bereits allein durch diesen Film für sie empfunden. Zuneigung und Respekt. [Leider rede ich zwar so, als sei ich dabei gewesen, doch ich bin ihr nie begegnet. Ich konnte es aber nicht anders niederschreiben als genau so, wie ich es hier getan habe. Als sei ich dabei gewesen.] Weiterlesen

Orte und Räume

Es gibt Orte und Räume, die werden wir niemals verlassen, auch wenn wir schon längst nicht mehr sind. Oft sind es jene, in denen wir viel Einheit und Glück oder Leid und Schmerz empfunden haben. Wir hinterlassen dort Lachen und Liebe, Schweiß und Tränen – und in den schlimmsten aller Fälle auch Blut und einen Teil unseres Ichgefühls. Und was sich dort von uns entfernt hat ist auch gleichzeitig das, was uns dort fest hält: der Wunsch, den Moment des Glücks festzuhalten oder das leidende Ich in den Erinnerungen dieser Räume zu trösten. Szenarien zu erfinden, die ermöglichen, dass nicht mehr geschehen kann, was dort geschehen ist. Rückwirkendes Hoffen, so dass eine Geschichte gut ausgeht. Diese Orte und Räume werden wir niemals verlassen. Weiterlesen