Über das Wetter reden

Alles findet hier seinen Anfang, und das Ende naht nur einen Atemzug weiter. Von hier oben aus sind wir nicht nur klein, sondern wahrhaft unbedeutend. Die Gase, die wir in das Weltall furzen kommen keine galaktischen zwei Meter weiter. Abfallprodukte sind wir – gut, diesen Stempel haben wir uns verdient. Und ich lache uns aus, wie ernst wir uns doch nehmen mit all unserer Technologie und dem, was wir Philosophie und Ethik nennen – und die Kunst, ach ja, die Kunst. Dann bleibe ich stehen, halte inne, schließe die Augen und ich weiß: wir können nichts dafür, die Zeit hat uns eine Pistole an die Stirn gesetzt, wir können nicht anders als mehr zu wollen als das, was wir haben – und wir rennen(,) um unser Leben (zu schnappen und noch das Beste aus diesem zappelnden Fisch herauszupressen. Doch loslassen und ihn schwimmen lassen, das gelingt uns nicht.)

Ich möchte nicht ein Teil von uns sein – manchmal ist das so; und heute ist manchmal. Ich möchte kein Teil dieser Vergangenheit sein, die ich jetzt schon sehe, die wir später bereuen, nicht erklären können und bei der unsere Enkelkinder in den Schulen lernen, dass wir zu der Generation gehören, die trotz allem nichts gelernt hat. Ich will kein Teil dieser plumpen Gedanken sein, kein Mitstreiter des Komplizierten, kein Verfechter des Einfachen, weil das alles zu nichts führt, weil am Ende unserer Worte nur noch Wünsche übrig bleiben; unerhört, weil falsch adressiert. (Sendet sie an euch selbst bitte. Es wird kein Wunder geschehen.) Weiterlesen

Wer weiß das schon?

Wir waren über eine Person am reden, die es nicht anders verdient hatte, als dass wir über sie redeten. Ein anderer hakte sich in das Gespräch ein und wollte wissen, um wen es sich handelte, doch ich schob ihn freundlich beiseite mit der Begründung, dass das nur seine Wahrnehmung verzerren würde. Vielleicht sei die Person zu ihm ja sehr nett, und es wäre unfair, wenn er nun aufgrund unserer Negativerfahrungen anders auf sie zugehen würde. Er versuchte es immer wieder, doch er scheiterte an mir. Wir kamen auf das Thema Religion. Weiterlesen

Gedankenabriss

Es ist nicht immer so einfach, unter Menschen zu sitzen, die mir soviel intelligenter vorkommen als ich selbst es je sein könnte. Wie geordnet sie sind in ihren Köpfen, wie wohl akzentuiert ihre Sätze klingen. Sie singen beim Reden zwar weniger als ich, aber selbst das ist angemessener als dieses Wellenförmige, das ich von mir gebe. Sich verloren zu fühlen, das scheint sich in meine Seele gebissen zu haben, wie ein Gewand, das ich nie wollte und das sich nicht mehr wegschälen lässt.

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Manchmal gedeihen sie, diese Momente, in denen ich denke: Das war doch gerade Gott oder das Universum, wie es mir zugezwinkert hat, mit Luftkuss und der Verheißung nach süßem Wein. Warm und lächelnd, meiner Wut zum Trotz anwesend, mit beschwichtigender Stimme sagend: “Psht, ich bin doch da. Ich habe dich nicht verlassen.” Und kurz weiß ich, dass ich wieder glauben kann, eines Tages, wenn mein schwaches Herz nur wieder aufstehen würde.

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Warum liebe ich Menschen nur so sehr? Heute ist eine alte Dame für eine unmerklich ältere Dame aufgestanden und hat ihr ihren Platz angeboten. Ich hätte sie küssen können. Als ich sechszehn war, sagte eine meiner gehässigeren Mitschülerinnen leicht verachtungsvoll: “Ach, mit Sherry kann man nicht gut lästern. Die liebt ja jeden und hat für jeden Scheiß Verständnis.” Tatsächlich hielt ich mich ab da eine Zeit lang mit meiner allgemeinen Zuwendung zurück und verdurstete an dem, was sich in mir sammelte. Soviel kann ich für mich gar nicht übrig lassen, ohne dass ich krank werde.

Wir sind Menschen

Im Grunde, denke ich mir, suchen wir bei all dem Wunsch nach Ruhe doch oft diese Momente, in denen wir aufgenommen werden mit all unseren Narben und Entstellungen. Manchmal wollen wir jemanden, der unsere Anhänglichkeit erträgt, vor dem wir nicht so tun müssen, als seien wir absolut unabhängig und der einsame Eremit, der alles sucht, nur niemand anderen. Dieses So-tun-als-ob das Leben nur eine Parade wäre, an der man teilnehmen kann oder auch nicht. Als handele es sich dabei um eine Entscheidung. Als könne man sein Leben verweigern, ohne dabei ein elendiges Dasein zu haben. Ganz frei.

Viele gut gemeinte Worte prasseln auf uns ein. Worte darüber, dass wir wählen können, wer wir sind – und “Ach mach dir doch nichts draus, das Leben ist doch schön!”. Wer kennt das nicht, wer hat schon nicht auf so einen Satz hin gelächelt und ein hochstimmiges “Ja, natürlich!” geantwortet aus dem Wunsch heraus, den schwarzen Hund in sich auf Teufel komm raus unentdeckt zu lassen, der wie ein anrüchiges Erbe an uns klebt und unser Inneres zu einer schwachen Witzfigur erscheinen lassen könnte. Dann diese lustigen Menschen in den Schaufenstern, die uns versprechen, dass das Leben uns gehört und wir nur zugreifen müssen, zugreifen, vielleicht ein wenig investieren, ja ein wenig Geld hier und da, ein paar Kontakte knüpfen, kaufen. Dann geht schon alles gut. Immer. Weiterlesen

Der Versuch sich selbst zu erschaffen

Seit Monaten beschäftige ich mich mit den kreisenden Gedanken um ein Tattoo. In meinem Alter ist das seltsam, wo ich diesen Verführungen in Teeny-Jahren trotz besonderer Anfälligkeit erfolgreich entsagen konnte (Mit Hilfe meiner Eltern natürlich). Ich habe noch keine genaue Vorstellung, wie es aussehen soll, weil ich nicht weiß, wie das, was ich auf meiner Haut ausdrücken will, überhaupt in ein Bild gebracht werden könnte. Also halte ich einfach nur an diesem Vorhaben fest, ohne eine genaue Idee zu haben und warte nur noch auf diese eine Sache – diese eine Hürde – die ich noch zu überwinden habe, um mir danach die Markierung in meinem Lebenslauf aus einzugravieren. Nicht irgendwo in der virtuellen Welt, in einem Tagebuch, das verloren gehen könnte oder irgendwo außerhalb von mir, sondern auf mir selbst. Immer da als Beweis dafür, dass alles wirklich geschehen ist und ich überlebt habe.

Wie es der Zufall so wollte, bekam ich in diesem Semester den Kurs “Körperdysmorphe Störungen” auch wirklich zugeteilt. Bei der Körperdysmorphie handelt es sich um eine überdimensional ausgeprägte Beschäftigung mit einem “Makel” am Körper, der vielleicht gar keiner ist oder von der sozialen Umwelt gar nicht als solcher wahrgenommen wird – aber dafür umso extremer vom Betroffenen selbst. Dabei kann es sich um alles Mögliche handeln: Um die Nase, den Mund, die Füße, die Akne, die Sommersprossen, ja, sogar die Muskeln und die Figur. Es gibt Männer, die tragen unter ihren Klamotten drei bis vier Schichten andere Klamotten, nur weil sie davon überzeugt sind, dass sie spargeldünn und schwächlich aussehen müssen. Vom Gegenteil überzeugen kann man sie nicht ohne Weiteres. Weiterlesen

Rast

Wo soll das hinführen? Dieser sture Stillstand, während ich mich nach Außen der Rennerei hingebe. Diese geschichteten und dann doch wieder einander veschlingenden Wahrheiten, die mich vor der Kluft großer Widersprüche stellen. Manchmal fühlt es sich so an, als würde ich in meiner jetizgen Existenz mit einem der möglichen Paralleluniversen zusammenstoßen und in einer seriellen Kette von Déjà-vus umherstolpern. Alles ist kurz anders. Frappierend gut. So, als sei das Schlimmste nie passiert. Das Herz hüpft; und kurz, bevor es vor Erleichterung aufatmen will, befinde ich mich wieder in meiner eigenen Dimension. Es ist nicht einmal ein Aufprall, kein Schlag, der mir sagt: Hier ist die Markierung zur Hölle. Doch die vertraute Welt ist hart. Sie ist kalt. Ich brauche Rast, aber eine, die mich nicht von mir selbst abbindet, sondern all die Klagen zulässt.

Ich vermisse sie alle

Manchmal vergehen die Tage nicht nur einfach, sondern ich muss sie zu ihrem Ende schleppen. Widerwillig lassen sie meine Gedanken los, widerwillig lassen meine Ängste die Erinnerungen an sie frei. Am Schlimmsten sind die Phasen, in denen man sich einsam gegen alles stemmen muss, weil nur noch Stemmen einen wachhält gegen die eigene Müdigkeit. Künstliche Adrenalinkicks, danke, Körper, dass du trotz deiner Raffinesse manchmal so leicht zu manipulieren bist. Wie Stein liegt die Müdigkeit in meinem täglichen Rucksack, will getragen werden; ignorieren kann ich sie nicht. Am Ende des Tages, irgendwo verfangen in den Seilen eigener Niedermacher, ist man sowieso alleine. Kafka sagte einst [sinngemäß], die Hölle des anderen, kenne niemand. Wie Recht er hat. Ich glaube, tief in den unberührtesten Punkt unserer Selbst, können wir nur alleine hin.

Seit gestern frage ich mich ohne Unterbrechung, warum ich Filme und Serien mag, die das Archaische in uns ansprechen. Vielleicht sollte ich das Uns in diesem Zusammenhang weglassen, ich bin empfänglicher dafür als andere. Ich muss immerzu an die Iren denken. Sie hatten das selbe Schicksal wie wir vor hunderten von Jahren, nur dass sie ihre Feinde heute nicht anbeten und aus ihnen Heilige gemacht haben. Als ich gestern die letzten fünf Folge der letzten Staffel von Spartacus zu Ende geschaut und ungefähr eine halbe Stunde geschluchzt habe, ist mir bewusst geworden, dass ich nichts über mich und uns als Menschen weiß. Man ist immer auf der sicheren Seite, wenn man die Menschheit als die mieseste Spezies dieser Erde bezeichnet, weil es einfach stimmt, wir sind scheiße. Schaut uns doch an: Wir töten Delfine, Delfine (!), die auf uns zukommen, weil sie uns von Natur aus mögen. [Siehe Dänemark]. Das musste ich letztens verdauen, immer wieder dieses blutrote Meer anstarrend, und Delfine, die erst in der Sekunde, in der Haken und Messer in ihnen stecken, bemerkten, dass das hier eine menschliche Tradition ist und sie zum Spaß geschlachtet werden – wie damals bei den Gladiatorenkämpfen in der Arena. Abschlachten als Tradition, als menschliche Ur-Lust – nur worauf? Was passiert(e) eigentlich mit dem Fleisch? [Mit dem Delfinfleisch und dem der Gladiatoren damals - und überhaupt all den Leichen?]

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Schreiben …

Ab wann reden wir bei Schreibenden von einem Talent oder einer Gabe? Ab welchem Punkt sind auch die besten Literaturkenner der Meinung, dass jemand das Schreiben wirklich beherrscht? Die Frage stellte ich mir, als ich mich – wie so oft – in Anders Wolfs Blog verirrte und mich von seiner schonungslosen Ehrlichkeit entführen ließ. Ich war während des Lesens vollkommen davon überzeugt: Bei ihm müssten alle der selben Meinung sein. Hier lässt sich nicht mehr diskutieren, dieses Talent steht für sich alleine und markiert eine neue Dimension. Schreiben mit der Bitte und nicht mit dem Anspruch, gelesen und gesehen zu werden. Schreiben, weil es einem das Atmen und die Pest in einem ist. Schreiben, damit man endlich ans Ende seiner eigenen Hölle ankommt. Schreiben, nicht um jemand zu sein, sondern um trotz all dem Erlebten, jemand zu werden, den man endlich [er]tragen kann. Schreiben, um kurz von sich selbst abzulassen, weil das Papier uns aufnimmt und der Stift uns hält.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass das Bloggen unseren ureigenen Schreibimpuls in eine andere als ursprüngliche Richtung lenkt. Dass die Öffentlichkeit und die sofortige Reaktion auf unsere Gedanken unsere Folgegedanken verändern, abkürzen und unausgereift auf die Menschheit losgelassen werden. Dass wir beginnen, anderen treu zu sein und immer weniger uns selbst, weil wir am Ende des Tages doch mehr stolz auf die Statistik schauen als auf den holprigen Weg, den wir gehen wollten, um ein Stück weit mehr zu wachsen. Und vermutlich ist es das, was ich an meinem Blog nicht mehr so gut aushielt: Ich umging mein Recht, Dinge auszusprechen, die anderen auf die Füße treten könnten. Ich versuchte Fehler zu vermeiden. Damit blieb ich allein mit der klumpigen Stagnation in mir, damit machte ich mich selbst zu jemandem, der nur unter Bedingungen dazu gehören kann. Weiterlesen