Debilium

Warum in Rätseln schreiben, wenn man das Weinen hat. Mir widerstreben diese wilden Sätze, die keinen Halt finden, geschweige denn einen geben. Mir widerstreben konstruierte Rätselhaftigkeiten, weise Worte, die sich so sehr mit Geheimnissen kleiden, dass viele nur so tun, als haben sie den tieferen Sinn darin gefühlt – aus reiner Verlegenheit -, während der Weise selbst weiß, dass er nichts Besonderes gesagt hat, als verschachtelte Sätze ineinander zu stülpen und uns zu verunsichern. Ich erinnere mich dabei immer an diese Zufallskunstwerke, die ich als Kind produzierte, mit kleinen Händen und viel Fingerfarbe. Sie waren mehr als Picasso und Monet zusammen, sie waren viel bunter, außerdem hatte ich Spaß dabei; und im Nachhinein hat jede Erzieherin ein figurales Wunder darin entdeckt – und ich nickte energisch “Ja ja, das ist genau so, wie du sagst, Sigrid! Ein Baum mit Händen dran, die sich am Himmel hochziehen! Wie hast du das gemerkt?” Und Zuhause, bei meinen Eltern, war das Bild etwas anderes, aber eben immer noch ein Kunstwerk. Na, meinetwegen. Weiterlesen

Ob wir die Größe haben

Ob wir die Größe haben werden, uns einer Gier zu bekennen, die erlaubt, dass die Welt so wird, wie sie heute ist, frage ich mich. Ob wir den Mut haben werden, unseren alltäglichen Altruiusmus als Gegengewicht für unser Gewissen einzusetzen, um niemals die Größe haben zu müssen, uns unserer Gier zu bekennen, frage ich mich. Und warum wir bereit sind, nicht nur uns selbst, sondern unsere Kinder einer Zukunft zu berauben, wie sie hätte sein können, wenn wir nur erkannt, gewollt, hingesehen hätten. Und ob wir die Stärke haben werden, dieses “hätte sein sollen” auszusprechen und danach auszuhalten, ohne an den vergebenen Chancen, Leben und kollektiven Glücksmomenten zu verzweifeln. Wir Menschen haben gelernt, mit den unüberbrückbarsten Widersprüchen zu leben, doch nur, wenn sie uns selbst betreffen. Fremde sind uns fremd. Wir sind die sagenhafteten (Selbst)belüger, und wir finden immer wieder Wege, dem nach Balance strebenden Regelkreis in uns genug Stoff (in welcher Form auch immer) zu besorgen, damit er sich blind selbst erhalten kann – kopfüber. Doch was, wenn unsere Kinder uns eines Tages fragen, warum wir all das zugelassen haben? Was, wenn wir, nachdem wir ihnen über unsere selbstverherrlichenden Errungenschaften eine Gute Nacht Geschichte erzählt haben, ihnen Rede und Antwort stehen müssen für die elternlosen Kinder und den synchronen Schritten der Soldaten? Wie erklären wir ihnen, dass manche Menschen im Winter auf der Straße schlafen und manche Nationen ihr Essen wegwerfen, weil sie so viel davon haben? Früher oder später nageln sie uns fest und wollen Antworten. Und ob wir die Wahrhaftigkeit haben werden, ihren Blicken standzuhalten und zu bereuen, frage ich mich.

Wenn sich die Schlange selbst verschlingt

Wenn ich große Bäume sehe – vernarbte, wunderschöne Bäume, bricht das Gefühl durch mich durch, sie umarmen zu müssen. Ich habe diese uralte Sehnsucht, seit ich denken kann, und je nachdem, ob ich alleine bin oder mit jemandem, der mich für verrückt hält und dennoch liebt, tue ich es auch. Ich gehe hin, streichle seine Rillen und lege meine Wange an diese wunderbaren Narben und Markanten der Zeit. Und sehr oft habe ich das Gefühl, ich könnte den Bäumen Fragen stellen, Fragen auf dessen Antworten sie mich mit ihrer ganz eigenen Art hinführen. Warum ich diese innere Überzeugung habe, den festen Glauben, dass sie uns sehen und erkennen, dass sie weitaus mehr Zeit und Wissen, Weisheit und Güte in sich tragen, verstehe ich nicht. Ich weiß nur, dieses Gefühl ist so stark in mir, dass man mich bis jetzt nichts davon abbringen konnte, nicht einmal mein skeptisch ratterndes Gehirn, das überall so leicht Stringenzfehler findet, egal, wo es hinschaut. Weiterlesen

Viele Wege des Fragens

Letzte Nacht träumte ich von Marina Abramovic. Sie begleitete mich zu einem Schulfest, das mir scheinbar viel bedeutete. Da sie nicht offiziell eingeladen war, brachte ich ihren Stuhl selbst mit. Während ich ihn den langen Weg zum Schulschloss trug, wurde er immer größer und größer, bis er zu einem Thronstuhl wurde, den ich mit einem Seil auf meinen Rücken binden musste. Anders konnte ich ihn nicht mehr halten. Als ich Marina dann endlich in dieser schlossartigen Schule traf und ihr den großen königlichen Stuhl anbot, damit sie sich drauf setzte, sagte sie freundlich und mit einem Hauch von Nachsichtigkeit, dass wir beide drauf passen würden. Also setzte sie sich auf ihn, und ich setzte mich auf ihren Schoß. Das wechselte sich ab. Manchmal saßen wir nebeneinander, manchmal saß sie auf meinem Schoß. Das Schulfest verwandelte sich in ein Theaterstück, von dem ich nicht viel mitbekam. Ich beobachtete viel mehr ihr Gesicht, achtete auf jede Regung und freute mich sogar über jede Nichtregung.

Das Theaterstück verwandelte sich ganz schleichend und sanft in ein Wissenschaftskongress. Die Räume wurden vom barockmäßigen steinigen Goldbeige zu kühlem, modernen Graublau. Es liefen Science Fiction Klassiker mit Realitätsgehalt an den vielen Monitoren. Abrisse der Szenen wurden mit reger Beteiligung diskutiert. Zukunftsvisionen wurden befürchtet oder freudig herbeigesehnt. Ich begann, mich unruhig zu fühlen aus Angst, diese technik- und wissenschaftslastigen Themen würden sie langweilen. Ich empfand den Gedanken als unerträglich, dass der eine Tag, den ich mit ihr verbringen durfte, für sie ein langweiliger war. Also drückte ich ihre Hand und sah sie mich entschuldigend an. Sie strahlte auf ruhige Weise und nickte verständnisvoll: “Wieso sollte mich das langweilen? Es gibt viele Wege, Fragen zu stellen. Hauptsache, wir stellen überhaupt welche …” Ich war beruhigt und blickte immer seltener auf ihr Gesicht, denn ich war sicher, sie genoss die Diskussionen, die Laser, die Technik, die Bakterienkulturen, die bunt aus ihren Räumen wuchsen und die Nervenzellen, denen wir in Großaufnahme beim Andocken und Verästeln zusehen durften. Alles war in Ordnung, hörte ich sie denken, so lange wir nur weiter Fragen stellten …

Sichtweisen

Je nachdem, welche Vorannahme [Hypothese] man hat, können die selben gesammelten Daten zu völlig verschiedenen Schlussfolgerungen führen. Das ist ein wenig ernüchternd für Menschen, die eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung suchen. Doch das sollte man gar nicht erst wollen, denn die Präzision, die wir suchen, können wir allein aufgrund unserer Wahrnehmungsgrenzen und -verzerrungen nicht leisten. Bleiben wir bescheiden, erwarten wir nur das Mögliche.

Man erlebt das auch immer wieder im Alltag. Je nachdem, was uns gerade besonders beschäftigt oder welches Menschen- und Weltbild wir indoktriniert bekommen oder uns selbst durch Erfahrung angeeignet haben, kann ein und das selbe Verhalten einer Person von zwei verschiedenen Lebensbiografien unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden. Ein kleines Beispiel: Wenn ich auf Persisch sagen möchte “Du Vollpfosten, das war völlig falsch, was du gemacht hast” sage ich “Ghalat kardi!” [So im Sinne von "Du Idiot, voll vermasselt! Mach' das nie wieder, ist das klar?"] Wenn ich mich nun mit einer Afghanin unterhalte, kann es sein, dass sie zu mir sagt “Ghalat kardi” und dabei liebenswürdig lächelt. Warum lächelt sie dabei? Weil sie, trotz, dass wir rein linguistisch die “selbe” Sprache sprechen, doch eine andere spricht. Sie wollte nicht unhöflich zu mir sein, sondern wollte mir nur mitteilen: “Oh, das hast du falsch verstanden, tut mir Leid. Ich erklär’s nochmal …” In so einer Situation würde ich mit offenem Mund da stehen und ihre aggressionslose Mimik mit ihrem Satz – in meiner Kultur beleidigend – interferieren lassen und stocken. Peng! Schon ist meine Welt durcheinander. Weiterlesen

Simple Things

Und dann gibt es diese Momente, in denen ich nach Innen lächle. In einer Bahn sitzen und einen jungen Mann beobachten, wie er nach einem Ruck aufspringt und die alte Dame auffangen will, obwohl sie gar nicht in Gefahr war. Wie die alte Dame daraufhin wie in alten Tagen und doch mit rauher Stimme kichert und sagt: “Och danke, junger Mann. Dat wär jäz doche nidde nötisch jewesen. Aba anständisch von Ihnen. Dat muss isch schon sache!” Ich liebe Menschen mit einem unverfälschten Beschützerinstinkt, der wie ein Reflex ausfährt. Während sie selbst in Gedanken noch ruhig an ihrem Platz sitzen, haben sie bereits mindestens eine alte Dame und mich glücklich gemacht und bemerken später erst, dass sie ja mitten in der Bahn stehen mit ausgebreiteten Armen und angespanntem Körper. Wenn es eine Eigenschaft an mir gibt, auf die ich stolz bin – wirklich stolz – dann ist es genau diese, dass ich einen starken Beschützerinstinkt habe. Und trotzdem ist es wirklich eine der Eigenschaften, von denen ich behaupten kann, dass ich überhaupt nichts für sie kann, nie an ihr gearbeitet habe oder versucht habe, sie zu verbessern. Sie war da, sie hat sich durch das Beobachten meiner Eltern im Umgang mit anderen verstärkt und lebt in mir weiter. Und ich will sie nicht aufgeben, auch wenn sie mich schon einige Male in Schwierigkeiten gebracht hat, auch in Emotionale. Weiterlesen

Orte und Räume

Es gibt Orte und Räume, die werden wir niemals verlassen, auch wenn wir schon längst nicht mehr sind. Oft sind es jene, in denen wir viel Einheit und Glück oder Leid und Schmerz empfunden haben. Wir hinterlassen dort Lachen und Liebe, Schweiß und Tränen – und in den schlimmsten aller Fälle auch Blut und einen Teil unseres Ichgefühls. Und was sich dort von uns entfernt hat ist auch gleichzeitig das, was uns dort fest hält: der Wunsch, den Moment des Glücks festzuhalten oder das leidende Ich in den Erinnerungen dieser Räume zu trösten. Szenarien zu erfinden, die ermöglichen, dass nicht mehr geschehen kann, was dort geschehen ist. Rückwirkendes Hoffen, so dass eine Geschichte gut ausgeht. Diese Orte und Räume werden wir niemals verlassen. Weiterlesen

Immer hinterher

In subtiler Weise werde ich immer hinterher sein, weil ich die Grobere, Dümmere und vielleicht auch zu Einfache bin. Es liegt daran, dass ich mit dem Finger auf Dinge zeige, ihnen einen Namen gebe, damit wir den Vogel im Gedächtnis behalten, auch wenn er schon längst nach Süden gezogen ist. Es liegt auch daran, dass ich zwar viele Zusammenhänge erkenne, aber trotzdem eine Wertung abgebe. Ich traue mich, zu sagen: “Nein, das ist nicht gut, das ist nicht richtig! Lasst uns das anders machen.” Man könnte mir die Abstraktionsfähigkeit absprechen, man könnte mir die Intuitionslosigkeit vorwerfen, man könnte meinen, ich lege einen hämmernden Pragmatismus an den Tag, der – aus welchen Gründen auch immer – schlecht sei. Begründungen für das “schlecht” gibt es sehr oft nicht, denn man stoppt sich selbst am bewerten, man könnte ja auf die Art zugeben, man gehöre zu der Spezies Mensch, zu der ich gehörte. Und obwohl etwas in mir weiß, dass es in Ordnung ist, wie ich bin, werde ich immer hinterher sein, weil ich viel zu schnell nach vorne ziehe, die Lösung pflücken und einen unerträglichen Zustand beenden will. Aus dieser Absicht entsteht die Frustrationstoleranz eines Kindes mit dem Unterschied, dass ich nicht aufgeben werde. Weiterlesen

Wolkenatlas

Es geschieht einfach so. Die Veränderungen vollziehen sich, durchschneiden unsere Seelen in Streifen, flicken neue Enden zusammen und streicheln alles glatt. Wenn ich zur Beobachterin meiner Selbst werde, dann sehe ich diese beruhigende Systematik der Bewegungen in mir, ich sehe die Elemente, die einander anziehen, sich verbinden und zu einer neuen Qualität werden. Genauso sehe ich, wie Einheiten sich auseinanderflechten und wie loses Garn herunterhängen, bevor sie in ihrer neuen Dynamik merken, dass sie eine neues Element gewonnen haben durch die einst gewesene Verbindung. Alles, was sich in der Mikroebene beobachten lässt, kann man unversal auf alle Ebenen legen und die Prinzipgleichheit erkennen, die wir immer gesucht haben, die einige Gott nennen, Universum, Naturgesetze, Macht der Aliens oder Liebe. Das ist die Sicherheit, die wir suchen, die Regelhaftigkeit; und doch bleibt sie eine Illusion, denn Systematik ist das, was unser Gehirn und unser Geist zu erfassen vermag, während es alle anderen Umgebungsbewegungen ungefiltert geschehen und ungesehen lässt.

Man sagt, dass die Remission bei Persönlichkeitsstörungen eher die Regel sei als die Ausnahme. Während normale Menschen ohne Persönlichkeitsstörung unflexibler werden je älter sie werden, ist es bei vorher vorhandener Persönlichkeitsstörung umgekehrt. Die Verkettungen lösen sich mit der Zeit, man erwürgt sich nicht mehr selbst durch diese sturköpfigen und immer selbigen Verhaltensmuster. Ich habe mich extremen Menschen immer sehr nahe gefühlt. Von ihnen geht eine Anziehungskraft aus, die ich nicht beschreiben kann. Dieser unbedingte Wille, glücklich zu werden und dieser erbarmungslose Selbstboykott – aus dem Gefühl resultierend, es nicht anders verdient zu haben – ergeben jene tragische Mischung, die die intensivsten Geschichten schreibt. Und trotzdem wünschte ich, diese Selbstkasteiung würde aufhören, aufhören, damit die Stille einkehrt. Weiterlesen