Fieber aushalten

»Es ist gar nicht so schwer, sich einen großen Namen zu machen [...]
Sei immer treu und zuverlässig, gib über 100 Prozent
und sei nur ein einziges Mal abwesend oder nur durchschnittlich: und du bist ein Verräter oder Versager. Sei immer abwesend, wenn man dich braucht,
denke nur an dich und deine Ziele und sei nur ein einziges Mal da:
dann bist du gottgleich.«

… und sobald das Selbstwertgefühl steigt, geschieht noch viel mehr. Ein Lauffeuer breitet sich aus in alle Ecken, Windungen und Wunden, die man bis dahin einfach hinnahm. Es ertönt seit kurzem – wenn auch noch immer zu selten – das Wort „Nein“ heraus. Man fängt an, abzuwägen: Kann die Person diese eine kleine Aufgabe wirklich nicht alleine erledigen? Oder will hier jemand nur ein bequemes Leben auf deine Kosten? Und schon traut man sich „Nein“ zu sagen. Sobald man die eigenen Kosten für genauso wertvoll hält wie die der anderen, kann man „nein“ sagen. Es kann gut sein, dass man andere Menschen damit an den Kopf stößt, immerhin sind sie anderes gewöhnt, immerhin konnten sie sich immer darauf verlassen, dass man (okay: ich) einen Mehraufwand mit genauso viel Kraftaufwand auf mich nehme, damit ein anderer den selben Kraftaufwand nicht auf sich nehmen muss. Mit welcher Begründung, weiß weder ich noch die andere Person: aber man tut es, man delegiert, wenn man kann. Jeder versucht Last abzuwerfen, wenn irgendwie möglich. Dann gibt es eben diese Eselmenschen ohne Selbstwertgefühl, die das Gefühl haben, ihre Existenz rechtfertigen müssen, weil irgendwann einmal jemand ihnen verinnerlichte, sie seien nicht gut genug – und diese sagen dann: „OK, mach ich.“ Dieser Esel in mir wird immer kleiner. Ja, mein Freundeskreis schrumpft vielleicht, es kann sein, dass einige sauer auf mich sein werden – was soll’s? Eines weiß ich jetzt: Es ist nicht mein Problem. Nicht mehr. „Neinsagen“ ist mein gutes Recht – wenn nicht sogar mehr eine Pflicht; vor allem, wenn ich weitaus mehr in Arbeit ersticke als die, die mich „um etwas Kleines“ bitten. Der nächste Fortschritt für mich wäre, nach einem „Nein“ keine ellenlangen Gründe mehr für mein „Nein“ zu nennen in der Hoffnung, dass man Verständnis für mich hat. „Nein, ich habe gerade leider zuviel um die Ohren, das schaffe ich nicht“ sollte reichen. Das versuche ich dann gleich beim nächsten Mal. Weiterlesen

Gehen lassen

Freunde kommen
Und gehen meistens
Erst merkst du nichts
Da ist diese Erinnerung
Hartnäckig umzingelt sie mich
Und der Treueschwur verzeiht mir
meine Zweifel nicht

Und weil man einst
in guten Zeiten
Wege kreuzte
Greife ich nach Hände
die mich nicht mehr halten

Schleichend verfliegt
ihr Interesse an Uns
Und weil es mir
nicht anders geht
Schweige ich -
winkend

Und lasse sie gehen …

Geheimnisse – oder: Das Gegenteil von “heimatlos”

Wie ich sie um das, was sie teilen, beneide. Um ihre Geheimnisse, um das Staunen über die Welt und das gleichzeitige Nichternstnehmen, weil sie doch einander haben und ihre ganz eigene Realität. Alle Wege sind offen. Um sie herum nur Möglichkeiten. Die einzige Grenze ihre noch nicht vorhandene Volljährigkeit – doch auch dafür haben sie ganz sicher einen Plan. Bestimmt sind sie Nachbarn und klopfen nachts in Geheimsprache Rätsel an die Wand und wissen, dass sie auserwählt worden sind, um der Welt etwas ganz Besonderes zu geben. Und während ich sie so betrachte, denke ich mir, dass ich als Kind eigentlich eher ein Junge war.

[Tagebuch der Anderen] Adieu

Falls Du denkst, ich würde Dich anrufen, jemals noch im Leben den ersten Schritt zu Dir machen, dann irrst Du Dich gewaltig. Du bedeutest mir nichts, und der Grund, warum Du mir überhaupt noch im Kopf rumschwirrst und ich Dir hier, in diesem herrlich verlassenen Tagebuch schreibe ist der, dass ich mir gerne vorstelle, wie Du Dich in Selbstzweifel verlierst und Dich fragst, warum ich Dich so verachte. Dabei ist der Grund so einfach, Du kleine Bitch. So einfach. Das selbe Verhalten hast Du mir Jahre lang gezeigt, und nun, da ich Dich nicht mehr ernstnehmen kann und mein Selbstwertgefühl über Deine Dreistigkeit hinausgewachsen ist, lasse ich Dich fallen, ohne dass Du es merkst. Langsam, genüsslich, schadenfroh betrachte ich Dein Herantasten an die Realität, Deinen Versuch, eine Erklärung dafür zu finden, warum Du Dich an meinem Lächeln stoßen kannst. Du sollst langsam verstehen, die Erkenntnis gewinnen, dass Du mich verloren hast, dass Du verlassen wurdest. Du, die allseits Beliebte der Nation, wurdest verlassen von einer, die Du schon als Anhängsel – als manchmal lästiges Accessoire Deines Wesens – betrachtet hast. Das hättest Du nun nicht erwartet, was? Adieu. [31/3/2012]

Die Tür

Die Blumen umarmen dein blaues Haus. Von einer Unmenge so zäh wie Unkraut. Sie liebten es. Dieses Blau so tief wie jene Spiegel, in die man blickte, wenn man sich selbst in seinen eigenen Träumen hinterfragte. Also verwuchsen sie mit ihm und trugen seine Farben. Manchmal klopfe ich noch immer an deiner Tür, obwohl ich weiß, dass ich ein ungebetener Gast bin. Nicht einmal aus Höflichkeit hast du mich reingebeten. Von Floskeln und Konventionen hieltest du nie viel. Dein Garten sprüht vor verlockender Verwüstung. Die Ordnung der Reihenhäuser wurde mir immer mehr zuwider. Vor allem kurz, nachdem ich mich durch deinen Gartenzaun windete. Ich weiß, dass du mich hinter deinen dunklen Fenstern mit Argusaugen beobachtest. Einen Stein warfst du jedoch nie nach mir.

Ich vergesse dir nicht, wie du einst deine Picknickdecke wohlgeplant auf der Wiese vergessen hattest. Ein Laib Brot, Käse und Trauben lagen darauf und hießen mich willkommen. Obwohl ich wusste, dass es ein Geschenk von dir war, spielte ich dein Spiel mit und tat so, als sei ich der Dieb, der dir deine Schusseligkeit glaubte und klaute deine Köstlichkeiten. Es riecht noch immer nach deinen blauen Träumen. Wie einsam du doch bist. Komm, alter Freund, mach endlich die Tür auf. Lass die Frage nach der verschlossenen Tür nicht mehr die deine sein.

Mamiris Geschenk

Dieses unglaublich wunderschöne Bild hat Miriam für mich gemalt. Sie hat es auf Facebook hochgeladen, da wusste ich noch gar nicht, dass es für mich gedacht war. Ich bin spontan in dieses Bild reingesprungen und habe nur mehrere Male “Oh mein Gott, ich habe mich verliebt” geschrieben. Dann eröffnete sie mir “dir nichts mir nichts”, dass sie dieses Bild für mich gemalt habe und dass sie es mir schenken möchte. Ich bin wirklich überwältigt und so dankbar. Wenn ich mit meiner Aufregung und Luftsprungfreude wieder runter gekommen bin und diesen Schatz bei mir habe, werde ich herausfinden, warum sie so sehr mein ist, warum sie sich direkt auf mein Herz gelegt hat und warum ich mit ihr tanzen könnte. Danke, Miriam, von Herzen danke. Ich weiß nicht, wie und womit ich das verdient habe, aber ich liebe es so sehr.

Diese Art von Mensch

Das neue Jahr entpuppt sich genau als das, was ich vorher bereits erspürt hatte. Eine Welle von Veränderungen spült alte Persistenzen fort; nach kurzem Trennungsschmerz kann die Wunde endlich ausfließen und letztendlich abheilen. Die Würfel sind erneut gefallen. Ich weiß, dass sich die Richtung in meinem Leben nun ändern wird. Das Gewand der Angst muss einem Neuen weichen. Ich werde wieder lernen, was es bedeutet, tief aus der Brust zu atmen und im schallenden Gelächter auszuatmen. Wir stecken uns gegenseitig an. Unsere Dynamik wird verflochten – und anstatt, dass wir uns durch unsere negativen Kräfte blockieren, werden wir heute zu elastischen Aufständischen, die einander die Rücken und die Haut decken.

Ich glaube, ich bin erwachsen geworden. Aus mir und meinem Anspruch auf Loyalität schlauer geworden. Meine Halsstarrigkeit ist zu Bruch gegangen und damit auch meine Forderungen, die ich an die Falschen gestellt habe. Ich will nur noch begegnen in dem Wissen, dass Trennungen dazu gehören. Immer weniger brauche ich zum Festhalten; und immer mehr Mut, um so zu leben, wie ich es für richtig halte. Den Mut bringe ich auf, weil ich in diesen Tagen etwas verstanden habe: Wenn ich muss, schaffe ich fast alles. Mit der Erkenntnis, dass nichts für ewig wärt, lerne ich zu schmusen. Noch verbrenne ich mich dabei. Noch brauche ich Zeit.

Kennt ihr diese Menschen, die einen verderben? Für alles, was davor war und danach noch kommen wird? Solche, die euch mit ihrer Echtheit und Leidenschaft mitreißen, ohne dass sie es wollen? Einfach nur durch das, was sie sagen und mit dem, was sie suchen? Ich bin einer Person begegnet, die sich bei der Suche nach Erkenntnis noch mehr Narben geholt hat als ich. Jemand, der noch weniger Kompromisse eingeht. Eine Person, die, wenn sie könnte, sich selbst gegen die Wahrheit eintauschen würde. Dieser Mensch ist ein Künstler: ein Wissenschaftler durch und durch. Mit all der Verzweiflung, die jemand mit so wenig Mitteln und diesen viel zu großen Sehnsüchten haben kann.

Der Größere von uns

Der Spatz schlief auf meinem Kopf ein und ließ sich nicht von seinem Irrglauben abbringen, ich sei einer von ihnen. Ich stellte mich mit ihm vor den Spiegel und erklärte: “Spatz! Würde dich ein Spatz denn Spatz nennen? Ich bin ein Menschenwesen, hässlich, gefährlich und manchmal so hungrig, dass ich dich direkt so mit deinem süßen, molligen Bäuchlein am Liebsten verspeisen würde.” “Mich kannst du nicht blenden!”, zwitscherte er zurück. “Du bist kein Mensch, du bist ein Spatz!” und schlief unbeeindruckt weiter, legte sein Köpfchen auf seine Brust und sein kleines Herzchen stolperte mit ihm durch seine Träume.

Als er aufwachte, beobachtete er mich mit einem Auge bei meinen täglichen Verrichtungen. Ich spülte das Geschirr und schälte Zwiebeln. Das mochte er nicht. Er lachte und sagte “Du hast aber einen seltsamen Geschmack für einen Spatz!” Für einen Augenblick war ich mir sicher, er wisse eigentlich sehr genau, wer ich bin. Aber er wies meine Gedanken ab, indem er bedeutungsvoll sagte: “Na, über Geschmack lässt sich ja nicht streiten. Ich gehe mir mein Futter suchen, wenn du willst, bringe ich dir etwas mit!” Ich schüttelte den Kopf und sagte, ich finde es eher “bah und igitt”, was normale Spätze so aßen. Er hob eine Braue, zwitscherte ein 4-Töne-Liedchen und flog davon.

In seiner Abwesenheit schaute ich in den Spiegel. Die Menschengestalt ist tatsächlich nicht die Schönste in unserer Natur. Wenn ich so an Katzenwesen denke oder an Wölfe und Nagetiere, dann waren wir Menschen schon recht nackte und hässliche Dinger. Unser Kopf war viel zu groß, unsere Gliedmaßen schlacksig und lang und unsere Haut viel zu verletzlich. Wir neigen zu seltsamen Proportionen, haben keine echten Werkzeuge, ständig müssen wir sie uns selbst basteln. Und das Schlimmste war: wir hielten uns für die Größten. Doch der Spatz hatte mich aus irgendeinem Grund in seine Sippe aufgenommen, ohne dass ich fragen musste. Ich musste ihn noch nicht einmal davon überzeugen, dass ich ein Spatz bin und kein Mensch. Er ging einfach davon aus. Warum denn nur? Weiterlesen

Für mich alleine

Dann bin ich eben für mich alleine. Wenn niemand die offenen Hände und meine lautlose Bitte, geben und nehmen zu dürfen sieht, dann bleibe ich allein bei mir. Der Schnee ist auch ohne ein zweites und drittes Gesicht schön anzusehen; er schmilzt auch so auf meinen Wimpern und wird zum Geliebten von Brauen und Tränen. Dazu brauche ich kein blassrosanes Lächeln eurer Wangen oder nickend fallende Augenlider. Alleine lässt sich das Glück sehr wohl empfinden [wenn ich die Augen schließe und mir vorstelle, ihr wäret doch bei mir]. Und wenn du das nächste Mal wieder Wärme suchst, geh’ allein in den Schnee hinaus und lass mich mit meinem Selbst allein verweilen. Such weder meine Hände noch meine Stirnküsse, denn ich werde dir nur stille Vorwürfe machen und dir keine Träne nachweinen. Erst mich an dich gewöhnen und dann entwöhnen wie ein lästiges Kind, das ist fremd – und Fremde sind wir nicht. Ich spreche mit einer weißen Tracht aus halbgefrorenen Engelsmustern, die sogleich, wenn ich sie gefangen habe, wegschmelzen. Wenn ich ihren Verlust mit Würde trage, dann lass mich auch in Würde den Verlust von dir ertragen. Dann bin ich eben für mich alleine …