Diese Art von Mensch

Das neue Jahr entpuppt sich genau als das, was ich vorher bereits erspürt hatte. Eine Welle von Veränderungen spült alte Persistenzen fort; nach kurzem Trennungsschmerz kann die Wunde endlich ausfließen und letztendlich abheilen. Die Würfel sind erneut gefallen. Ich weiß, dass sich die Richtung in meinem Leben nun ändern wird. Das Gewand der Angst muss einem Neuen weichen. Ich werde wieder lernen, was es bedeutet, tief aus der Brust zu atmen und im schallenden Gelächter auszuatmen. Wir stecken uns gegenseitig an. Unsere Dynamik wird verflochten – und anstatt, dass wir uns durch unsere negativen Kräfte blockieren, werden wir heute zu elastischen Aufständischen, die einander die Rücken und die Haut decken.

Ich glaube, ich bin erwachsen geworden. Aus mir und meinem Anspruch auf Loyalität schlauer geworden. Meine Halsstarrigkeit ist zu Bruch gegangen und damit auch meine Forderungen, die ich an die Falschen gestellt habe. Ich will nur noch begegnen in dem Wissen, dass Trennungen dazu gehören. Immer weniger brauche ich zum Festhalten; und immer mehr Mut, um so zu leben, wie ich es für richtig halte. Den Mut bringe ich auf, weil ich in diesen Tagen etwas verstanden habe: Wenn ich muss, schaffe ich fast alles. Mit der Erkenntnis, dass nichts für ewig wärt, lerne ich zu schmusen. Noch verbrenne ich mich dabei. Noch brauche ich Zeit.

Kennt ihr diese Menschen, die einen verderben? Für alles, was davor war und danach noch kommen wird? Solche, die euch mit ihrer Echtheit und Leidenschaft mitreißen, ohne dass sie es wollen? Einfach nur durch das, was sie sagen und mit dem, was sie suchen? Ich bin einer Person begegnet, die sich bei der Suche nach Erkenntnis noch mehr Narben geholt hat als ich. Jemand, der noch weniger Kompromisse eingeht. Eine Person, die, wenn sie könnte, sich selbst gegen die Wahrheit eintauschen würde. Dieser Mensch ist ein Künstler: ein Wissenschaftler durch und durch. Mit all der Verzweiflung, die jemand mit so wenig Mitteln und diesen viel zu großen Sehnsüchten haben kann.

[Marina Abramovic] The Artist is Present

Ich habe Marina Abramovics Film “The Artist is Present” gesehen. Viele, die das besser können als ich, haben über sie geschrieben. Über ihre Kraft, ihre Selbstgeißelung, ihre Disziplin und ihre Liebe. Zwei Stühle stehen in einem großen Raum, einen Tisch gibt es irgendwann nicht mehr. Die Künstlerin ist anwesend und sitzt uns gegenüber. Die Schwere ihres Körpers wird durch ihr hochgeschlossenes Kleid betont. Und wenn wir wollen, dürfen wir uns – jeder einzeln – auf den Stuhl setzen, der ihr gegenüber steht. Dann richtet sie, erst mit geschlossenen und dann mit offenen Augen, den Blick auf uns; und diese kompromisslose Nacktheit überwältigt uns erst, nachdem wir uns durch die ungewohnte Zuwendung zu uns betroffen fühlen. Wir können diesem Blick oft nicht standhalten, bis wir uns entscheiden, uns genauso wie Marina auszuziehen, uns hinzugeben und passieren zu lassen, was passieren muss. In diesem Prozess des gegenseitigen Ansehens, des sich Öffnens und Einlassens geschieht nämlich etwas Unglaubliches: Wir sehen in unser Spiegelbild – und dann wieder doch nicht, weil dieser Spiegel jemand anderes ist und das Spiegelbild zu einer eigenen Kraft wird: zur innigsten Berührung, zu der zwei Fremde in so einer Situation in der der Lage sind. Viele Menschen weinen während dieser Konfrontation mit einem anderen Körper, der eine Prägung auf unserer Seele hinterlässt. Und dann kann uns eine Demut überkommen vor der Fähigkeit dieser Frau, die es aushält, dass soviele Augen, soviele Prägungen auf ihrer Seele hinterlassen. Ich möchte mehr über sie erfahren, aber Zuneigung habe ich bereits allein durch diesen Film für sie empfunden. Zuneigung und Respekt. [Leider rede ich zwar so, als sei ich dabei gewesen, doch ich bin ihr nie begegnet. Ich konnte es aber nicht anders niederschreiben als genau so, wie ich es hier getan habe. Als sei ich dabei gewesen.] Weiterlesen

Joséphine

“Deine Augen sind
so müde, Joséphine.
Was hat man dir
nur angetan?”

“Meine Augen sind
so müde, Held?
Was denkst du,
wer hier all die Jahre
nicht mehr war?”

“Du weißt doch, Liebste
Gekämpft habe ich.
Gegen Dämonen,
gegen Soldaten
gegen mich
Weißt du denn nicht?”

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Endlosschleife

Das Grau des Asphaltes vermengt sich mit dem des Himmels. Oben und Unten vergeben ihre Bedeutung, weil sie an Trennschärfe verlieren bei all den ineinander laufenden Halbnuancen. Ein Mann sitzt auf einer Bank und hält seine Hand durch das Ballen seiner Faust in sich gefangen und schaut unentwegt auf sie. Die Zeit steht still. Er verharrt in einen einzigen Gedanken, der noch nicht einmal einer ist, sondern die Unausgereiftheit einer rohen Emotion hat, die sich noch nicht in das Zwangskorsett der Sprache einbündeln lässt. Seine Jacke ist braun und alt, aber nicht schmutzig. Seine Haare flattern in einer Komposition von Schwarzbraun und Graumeliert in die selbe Richtung, in die auch der Wind rennt. Die Menschen im Park ziehen ihre Füße unter einen Mantel der Unsichtbarkeit zurück. Das Hintergrundraunen ihrer Stimmen lässt sich mit einem einzigen Satz zusammen fassen. Es regnet bald, gehen wir Heim. Hektische Schritte verschwinden in eine geräuschlose Kulisse und lassen den Park und den Mann auf der Bank trostlos zurück. Er öffnet vorsichtig seine Faust. Seine Körperhaltung verspannt sich mehr als zuvor, und seine Kaumuskeln lassen seine Zähne knirschen. Er hat Angst vor der Emotion, die sich in einen Gedanken manifestiert und eine Wahrheit ausspricht, die er nicht wissen will. Seine Hand knackst, die Sehnen und Fingergelenke wehren sich gegen die Befehle des Kopfes, doch er gewinnt. Der zusammen gefaltete Zettel liegt noch immer darin. “Was hattest du erwartet? Dass er verschwindet, wenn du nur lange genug eine Faust machst?” Er faltet den Zettel auseinander und fokussiert das Geschriebene an: “Dich hat es nie gegeben. Du bist ein Fantasieprodukt einer Geschichtenerzählerin. Alles bisher Dagewesene ist nur eine erdachte Hintergrundgeschichte, damit du einen authentischen Charakter ergibst mit Sinn und Kohärenz. Du glaubst nicht? Schlag’ das Buch auf, das du dir gekauft hast. Schlag’ die erste Seite auf, und du wirst sehen.”

So weit ist er vorhin schon gewesen, nur dass die Worte ihn nicht mehr treffen wie ein Schlag und seine Gedanken in abertausende kleine Splitter sprengen. Das Buch, das er sich vorhin gekauft hat, hatte nicht einmal einen Titel, der ihm in Erinnerung geblieben ist. Einzig das Cover war es, das ihn angesprochen hat. Die beige-braunen Herbstfarben, mit denen die undeutliche Silouhette eines Mannes ummantelt ist, der auf einer Bank im Park sitzt, kam ihm undefiniert vertraut vor, so dass er nicht umhin konnte, das Buch zu kaufen. Vorsichtig packt er das Buch aus. “Besonders dick ist es nicht, vielleicht dreihundert Seiten lang”, denkt er zufrieden und wiegt es ab wie eine Melone und prüft, wie es in der Hand liegt, während er mit der anderen seine Zigarette qualmt. Bevor ihm auffällt, dass der schemenhafte Mann auf dem Cover eine gewisse Ähnlichkeit in Kontur und Körperhaltung zu ihm aufweist, schlägt er vorsichtig die erste Seite auf und liest den ersten Satz. Weiterlesen

Deine ruhenden Hände

Manchmal frage ich mich, warum du die Melodien liebst, die du liebst, und warum sie immer so still und in sich vereint sind – so wie du es bist. Und ich frage mich, warum du so sehr damit wartest, einige deiner Träume zu erfüllen – sie stattdessen beim Hören deiner Lieder mit geschlossenen Augen auskostest, um sie auf einen anderen Morgen zu vertrösten. Manchmal denke ich, ich sei der Grund, dass du zu nichts kommst, was dein eigenes Herz begehrt. Pscht, sag’ jetzt nicht, ich sei alles, was dein Herz begehre. Du drehst dich viel zu sehr um mich. Tag ein, Tag aus. Stets en guard, um abzufangen, was mich zum Einstürzen bringen will – wie als sei ich ein antiques Gebäude aus den Resten einer alten Ruine. Während du mit der einen Hand meinen Feinden und Angstdämonen die Hände abschlägst, hältst du mit der anderen meinen müden Körper mit seinem hinaus fallenden Geist verzweifelt fest. Wovor hast du Angst? Dass er in wild verspielten Perlen in alle Windrichtungen auf den Boden aufprallt und sich fortstehlen könnte? So dem Wahn verfallen bin ich noch nicht, mein Herz. Pscht, glaub’ mir einfach, vertrau’ mir, sag’ jetzt nichts.

Manchmal denke ich, es sei besser, deine müden Hände zur Ruhe zu küssen. Sie zu entmachten, sie von all den Kämpfen los zu lösen und sie mir zu übergeben. Sie auf meine Wangen zu legen und dein Herz vom Schutzmantel meiner Liebe hin- und her zu wiegen. Sollen wir? Wenn du das nächste Mal wieder gegen die schwarzen Dämonen meiner Angst kämpfen willst, wirf dein Schwert einfach fort. Lass mich das erledigen, ich kenne ihre Schwächen gut, du wirst sehen. Schau’ dabei zu, wie deine Frau gar nicht mal so eine schlechte Kriegerin ist. Und pscht, sag’ nicht, du wüsstest das schon, nur wolltest du nicht, dass ich auch noch um mich kämpfen muss neben all den Kämpfen, die ich so schon führ’ um Gott und für die Welt. Für Gott und um die Welt. Gegen Gott und gegen die Welt. Doch glaub’ mir, mein Herz, ich werde niemandem helfen können, wenn ich meine eigenen Dämonen nicht einmal selbst besiegen kann. Lass also ab, schau’ das nächste Mal nur zu, damit wir danach mehr als nur einen Augenblick der Ruhe finden. Nur ich, nur ich kenne das dazu geschliffene Schwert, um diese dunklen Schatten in ihrem eigenen Schwarz zu ersticken und sie schreiende Galle bluten zu lassen. Nur ich. Pscht, sag’ nichts außer “Ja”. Lass deine müden Hände auf meinen Wangen ruhen und dein Herz vom Schutzmantel meiner Liebe in einen traumlosen Schlaf wiegen. Komm’. Jetzt. Komm’… Weiterlesen

Age ye rooz – Wenn eines Tages

Wenn ich noch einen Wunsch frei hätte, dann den, dass du uns dieses Lied eine Ewigkeit lang vorsingst. Ich habe versucht, es zu übersetzen. Noch habe ich keine Worte auf Deutsch gefunden, die all das erzeugen können, was eine Zeile auf Persisch einem antun kann. Ich weiß jetzt, warum mein Herz gespalten ist. Weil ich mit zwei Sprachen aufgewachsen bin, die unterschiedlicher nicht sein können, obwohl sie beide der selben Sprachfamilie angehören. Ich werde es bald mit der Übersetzung noch einmal versuchen und hoffe, ich werde dieser Sprache gerecht. Bis dahin versteht ihr vielleicht selbst, ganz mit der Seele, ganz mit den Wellen…

Wer das Leben einstecken will, muss auch austeilen können.

Die Schreibtischlampe surrt ihr weißes Licht auf meine müden Hände. Sie tippen wahllos weiter, ohne zu wissen, welche Vorgaben von Herz und Kopf kommen werden. Also beschließen sie, ohne ihr Zutun weiter zu tippen. Die Schreibtischlampe und ihr Licht. So habe ich mir das Licht einer abgelegenen Folterkammer immer vorgestellt, nur ist es dort in meiner Vorstellung ein aggressives, dumpfes Gelb. Ungreifbar, undefinierbar, brennend in den Augen und eiskalt wie ein Henker. Und das Surren ist nicht ein zufälliges Produkt von elektrischen Unregelmäßigkeiten, sondern ein bewusst eingesetztes Foltermittel, das dem Opfer die Zeit so unberechenbar und unwirklich erscheinen lässt, dass es Tage lang ausharren kann und trotzdem befürchten muss, es seien nur Sekunden vergangen.

Wenn ich lange genug auf meine tippenden Finger schaue, sehe ich sie Klavier spielen. Obsessiv, voller Leidenschaft und teils hauend mit einem unmachbaren Ziel wie etwa der Flucht vor mir selbst. Wie eine Flucht aus den Grenzen des Körpers, des Gehirns, weit hinaus in dieses wunderschöne, kalte Universum, was der letzte Zufluchtsort sein soll und mich doch nur zurück spuckt und sagt: “Du bist doch schon im Universum, Fitzelhirnchen.” Oh, und wie sie spielen, diese Hände. In die Tasten hauen, als würden sie um ihr Leben spielen – und doch nur schreiben.

Ich war einst sehr talentiert. Mit neun Jahren kam ich aus der Schule, schmiss meinen Schulranzen in den Flur, riss meine Zimmertür auf – und ein Klavier stand in meinem Kinderzimmer. Einem ab dem Zeitpunkt unbedeutenden Kinderzimmer. Dort war nur noch ein Klavier, und drumherum ein Nebending, mein Zimmer. Mein Papa stand plötzlich hinter mir, ohne dass ich es merkte. Er legte seine warmen Hände auf meine Schultern und antwortete auf mein strahlendes “Warum, wie Papa?” mit: “Weil es ein Talent ist, wenn man mit sieben Jahren auf einem alten Keyboard kleine, neue Melodien entwirft, die so reif sind wie die traurigen Stücke der Großen, Tochter… Und sie soviel Seele haben, dass ich schon Texte und Lieder daraus machen konnte.” Also begann ich zu spielen. Es war unsere persönliche Liebe. Papas und meine. Die Musik. Er an seinem Schlagzeug und am Mikrophon, denn er konnte beides gleichzeitig und ich am Klavier oder am Keyboard, je nachdem, wo wir zusammen angaben. Bei der Familie, bei seinen Bandkollegen oder nur Zuhause für die Kinder aus der Siedlung. Im Zeitraffer rückblickend, war ich in einer unendlichen Spirale zwischen dem ehrlichen körperlichen Kampf auf dem “Fußballfeld” und dem ruhelosen Spielen auf dem Klavier in meinem Zimmer gefangen. Irgendwann saß die alte Klavierlehrerin neben mir, spielte Stücke, die ich aufzufressen schien mit jeder Zelle meines Körpers. Jene, die wir vierhändig spielten, waren mir die Liebsten. Das war wie das gemeinsame Andocken an unser beider Seelen, um mit größerer Kraft andere Seelen anlocken zu können. Und so war es dann, dass immer, wenn wir mit vier Händen spielten, Mama und Papa vorsichtig die Kinderzimmertür öffneten und dort stehen blieben. Egal wie lange. Sie standen dort und lauschten, bis sich unsere vier Hände auseinanderkeilten und jede Hand wieder zu seinem Besitzer zurück ging. Was für eine Zeit das war. Und wie verwundert meine Lehrerin damals war, als ich ihr nach zwei Jahren gestand, noch immer keine Noten lesen zu können, aber jedes Stück spielen konnte, wie sie es sich wünschte. Denn sie akzeptierte meine eigene Prägung der Stücke ohne Wenn und Aber. Und dennoch. Und dennoch tat ich etwas Unveständliches. Ich hörte auf. Der Sport übernahm meine Raserei. In ihm konnte ich mich stärker verausgaben. Die ewige Unruhe in mir in Erschöpfung umwandeln und wenigstens kurz in gedankenleere Ohnmacht fallen. Gefolgt von der ersten Verliebtheit in wen oder was und dem ersten Melancholiewahn, verblasste mein Klavier immer mehr – bis es irgendwann nicht mehr in meinem Zimmer stand. Und ich weinte ihm keine Träne nach, denn der Stift war nun mein bester Freund. Wenn ich rannte, dann nur auf dem Papier. Ich kleckste Tinte, gravierte Herzblut und Brustschmerz mit dem Kugelschreiber in jede Seite ein. Irgendwann sprengte ich die Seiten und musste einen anderen Weg für den inneren Drang finden, der Notwendigkeit, aus mir herauszuplatzen, bevor ich innerlich erstickte. Also schrieb ich Gedichte, malte Weltuntergänge und erschuf Paradiese mit Worten. Worte in Farben, Worte in Klängen, Worte in Täler, Worte in Liebe, Worte in Tode. Oasen des Glücks schrieb ich, von denen viele etwas haben wollten. Vor allem meine beste Freundin und meine Cousine. Also gehörte es irgendwann zu unserem Leben, dass ich ihnen aus meinen Tagebüchern vorlas, bis wir zufrieden einschliefen. Ich vergaß die Stücke, die ich einst mit meinen kleinen Klavierfingern komponiert hatte. Sie waren vergessen, obwohl meine summende Stimme immer wieder nach ihnen suchte, doch die Melodien brechen ab. Und heute noch, wenn ich mich an dieses Vergessen erinnere, trauere ich um diese Zeit und um mein verstorbenes Talent. Weiterlesen

Bauchgefühlt.

Die “Liebe”, die im Bauch weh tut. Wir hatten vielleicht nur dieses eine Gefühl in jungen Jahren. Bauchweh. Und haben das umschrieben in die eine Sehnsucht, die da zog – im Bauch und in der Brust. Zog, bis wir kannibalisch seufzten, unwissend, ob es die Gedärme sind, die sich da beschwerten oder die Seele, die nicht aus ihrem Körper konnte. Dieses Ziehen auf das Gesicht eines x-beliebigen Jungen oder Mädchen projiziert und dafür gelebt, dass es verschwindet mit – ja, verschwindet mit dem ersten Kuss. Mit der Erlösung dieses ersten Kusses. Wir haben durch dieses Bauchweh die größten poetischen Werke über Liebe, Hass, Tod und Verrat karikatiert, uns in Goethes Gesülze plötzlich Zuhause gefühlt und Wehmut und suizidale Melancholie wie Wein gesoffen, bis wir daran verkatert und gänzlich eingenässt den Alltag verneinten, nur um im dunklen, miefenden Jugendzimmer weiter leiden zu können. Am Liebeswahn, das sich nur im Bauchweh zeigte. Und Pups.

Es war eine grandiose Zeit. Grandiose Emotionen, Vulkane von Unsinnsgedanken, Wirrsinnstäler ohne Mittelhügel – nur himmelhochweit oder abgrundtieftot. Eine Zeit voller Hingabe, Größenwahn und Unterwerfung. Und all das Grandiose, das äußerte sich in Bauchweh. Und einer grandiosen Verdauung. Diese plumpen, eigentlich nichtssagenden Bauchschmerzen, die auch hätten einfach aufgrund von Blähungen entstehen und in einer Dünnschissspirale enden können. Darin fanden wir den Beweis der Echtheit und Größe unserer Emotionen. Pups.

An Erich Frieds Gedichten haben wir geschnüffelt wie an Koksstraßen zum bitteren Ende. Sie in unsere Nase gejagt, uns zurückgelehnt und “Aaahhh…” ausgerufen, als sei es das Ur-Wort unserer geballten Leidenschaft gewesen, das einzig Würdige. “Aaah, ich will leben oder auch nicht oder so!”, geschworen und dann über uns selbst gelacht. Allein und zusammen. Mit der besten Freundin unter der Decke mit der Taschenlampe – oder auf dem Spielplatz allein mit dem Tagebuch in der Hand und der Liste voll von Träumen, die man ab sofort zu jagen schwor. Dann den Fried wieder gelesen und geweint ob all dieser Tiefe, die eben nur er – Dein einziger Freund – verstand. Bis wir auf Hafez und Rumi trafen und entschieden, wir müssen sterben, weil wer (er)trägt schon all diese Fluten voller Schönheit, Rosen und Gott, ohne sich zu erhängen? Als dann die letzte Seite von Hafez Wein und Rumis Liebe gelesen war, fielen wir in Löcher. Tiefe Löcher der Leere, tiefe Löcher der Schwere, weil das Warten auf diesen einen Kuss unerträglich wurde und in immer weiterer Ferne lag. Und diese Ungeduld, der Kampf gegen sich selbst, der äußerte sich in Bauchschmerzen. Plump wie eine Magen-Darm-Verstimmung nach zuviel Völlerei und schlechtem Fisch. So in etwa. Wieder Pups. Weiterlesen

ArtPics

Dieses Bild aus der ArtPics Seite von Facebook, die von einem Iraner errichtet worden ist, hat mir letzte Nacht einfach das Herz und den Atem geraubt. Ich weiß nicht, ob Ihr darin seht, was ich sehe. Aber ich sehe darin fast alles, was mit Innigkeit zu tun hat. Seht, wie er ihren Kopf auf seiner Brust behütet. Wie sie ihre Ruhe auf seiner Brust sucht. Ihr Mund berührt sie. Ihre geschlossenen Augen beschwören den Moment, niemals zu vergehen.