In Augenblicken denken

Am Besten, man geht so des-idealisiert wie möglich an sich ran. Das entwaffnet andere, verringert die Angst vor Gesichtsverlust und Selbstwertbedrohung. Am besten, man gibt zu, dass man manchmal auch Neid empfinden kann, dass man Dingen hinterherschaut, die man gerne hätte aber nicht hat, um sich (vielleicht) im nächsten Augenblick in einem befreienden Seufzer wieder dankbar fühlen zu können für das, was man eben doch hat. Oft denken wir, die anderen mit dem Leben voller Urlaub und einem glitzernden Meer im Hintergrund von lachenden Gesichtern in Zweisamkeit, seien glücklicher als wir. Aber so ist es nicht, denn die meisten von uns neigen doch dazu, weiter fort zu schauen und den Horizont anzuvisieren; warum auch immer, aber selten sind wir da, wo wir gerade sind. Und dann sollten wir uns selbst kneifen, aufwachen und sagen “Hier bin ich” und sich kurz freuen, sich des Daseins gewahr werden, atmen, ausatmen, lächeln …

Oft werde ich gefragt, wie er und ich es schaffen, so lange zusammen zu sein, trotz allem, trotz der fünf Jahre Fernbeziehung, trotz einem nur einwöchigen (verzweifelten) Zusammensein nach unserer Trauung, trotz der Entfernung und trotz all den Trotzdems. Ich habe lange über diese Frage nachgedacht, und zwei Dinge sind haften geblieben. Einmal das Gefühl, dass ich keine andere Wahl hatte, als bei ihm zu bleiben, denn ich lieb(t)e ihn. Ein Leben ohne ihn war unvorstellbar. Punkt. Das andere sind die heute noch zelebrierten fünf Minuten dösender Augenblicke am Ende eines Tages, wenn wir müde beieinander sitzen, ob am Headset oder in real, kaum noch in der Lage, ein Wort zu sprechen, weil die Zunge schwer und der Geist lahmt; und wenn in diesen Minuten dieser eine Augenblick vorbeihuschte, der mindestens einen von uns gewahr werden ließ: “Sie ist meine Frau. Er ist mein Mann. Das ist ein Wunder …” Weiterlesen

Die Nacht am See

Das erste Mal, als ich dir begegnete, stelltest du jemandem die Frage, ob der Mond auch dann noch existierte, wenn wir alle wegschauten. “Was für eine Frage”, dachte ich nur, “natürlich existierte er dann noch!” Man sagte mir, du seist ein wenig seltsam, deine Ansichten würden so ziemlich jede menschliche Erfahrung aushebeln. Tatsächlich schienst du alles in Frage zu stellen, was uns so natürlich vorkam. In deiner Abgerücktheit von gängigen Gedankengängen der üblichen Gott-und-die-Welt Diskussionen, warst du einzigartig. Das erste Mal, als ich dann endlich ein Wort in deine Richtung sprach, versuchte ich dir vehement zu widersprechen. Die Geduld, die du aufbrachtest, um mir deine Gedankengänge zu erklären, ließ mich verstehen, warum ich schon bei der ersten Begegnung diese Herzklopfen verspürte, sobald du den Mund aufmachtest. Du warst ein einsamer Beobachter. Jemand, der sich an ein Geschehen ran hing, aber sich nicht daran beteiligte, damit er das Übergeordnete, das diesem zugrunde lag, verstehen konnte. Du warst alles andere als schräg, sondern hattest eine unerschütterliche Methodik, den Dingen auf den Grund zu gehen; und du ließt so wenig Eventualitäten aus, dass ich mich fragte, wie schwer dein Kopf sein müsste. Und dann, als ich besonders viel Widerstand gegen deine Thesen leistete, schautest du mir endlich in die Augen und konntest dir deine eigenen Herzklopfen nicht erklären. Und so begann alles. Unsere schlaflosen Nächte. Ich lauerte dir auf und versuchte das erste Mal in meinem Leben, einen jungen Mann dazu zu bringen, mir aufzulauern. Und du? Du dachtest, das Geschehen zwischen uns liege ganz in deinen Händen, hinge von dir ab, und du bestimmtest das Tempo. Und doch reagiertest du auf jeden Atemzug von mir so, wie ich es erhoffte. Wenn ich heute an uns zurückdenke, dann sehe ich einen Tanz zwischen zwei Menschen, die sich in einem Wald am See trafen und ihn bei Mondschein umrundeten, bis der Tag anbrach und all die stille Leidenschaft wieder ins Verborgene musste. Weiterlesen

Während du in meinen Wimpern liegst

Der Wind wirft ruhige Schatten
Hier nimm, ich teil das Brot mit dir
Ich wollte in den Winter fliehen
“Er kommt bald”, sagst du
Ich nicke, und wir fallen beide
in diese unwirkliche Nacht
einfach hin

“Das sind sie – diese Momente,
weißt du nicht?” (sagst du wie dieses eine Kind)
“In denen Tag und Nacht das Selbe sind,
weil nichts mehr anders ist
nichts mehr etwas anderes will,
als das, was hier und jetzt
für immer unser ist

Weil Namen in ihren groben
Zügen leichenstumm verblassen
und nichts als alte Mythen bleiben
(kannst du sein, wer immer du willst

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Die Beschaffenheit von Gut und Böse

Der Grundgedanke eines jeden Augenblickes voll von Liebe und frei von allem ist: “Alles ist möglich, solange du liebst.” Vielleicht ist es ein Segen, in den jungen Jahren genau dieses Gefühl zu haben, die Gewissheit in sich zu tragen, Bäume ausreißen und Berge versetzen zu können. Von Glück kann man vielleicht auch noch reden, wenn man in genau jenen Jahren von persischer Poesie geprägt wird und der Art wie Erich Fried über die Liebe sprach. Hafez malte einst dieses Bild von sich selbst, wie er durch den Himmel flog und “tausend Schleier zerriss”, nur mit seiner Leidenschaft und seiner Ergebenheit diesem allumfassenden Gefühl gegenüber. Wem galt diese Liebe eigentlich? Mal Gott, mal einem Geliebten, mal allem, was existierte, denn er hatte nur das liebenswürdigste Bild von seinem Gott gezeichnet.

Mit den Jahren erfährt man, dass Liebe nicht alles ist, obwohl es falsch ist, dass sie nicht alles ist. Wie konnte Liebe nur nicht alles sein? Komplizierte Ereignisse drängen nach einer Erklärung, für die Liebe keine mehr hatte. Es war nicht so, dass man einen “bösen Menschen” einfach nur umarmen musste, ihm das, was er nie bekommen hatte, schenkt – und dann war alles in Ordnung. Und wie sollte man das den Geschädigten erklären? “Er hat dir das angetan, weil er zuwenig Liebe hatte. Ich gebe ihm jetzt die Liebe, die er nie hatte. Hab doch Verständnis.” Spätestens dann, wenn man auf Massenmörder stößt, die sehr wohl ein behütetes Elternhaus hatten, bleibt man ratlos mit seiner Liebe als Fundament und Heilung für alles und jeden zurück und beginnt, die andere Seite zu erkunden. (Nachdem man sich für seine Naivität geschämt hat.) Weiterlesen

Gedankenabriss

Es ist nicht immer so einfach, unter Menschen zu sitzen, die mir soviel intelligenter vorkommen als ich selbst es je sein könnte. Wie geordnet sie sind in ihren Köpfen, wie wohl akzentuiert ihre Sätze klingen. Sie singen beim Reden zwar weniger als ich, aber selbst das ist angemessener als dieses Wellenförmige, das ich von mir gebe. Sich verloren zu fühlen, das scheint sich in meine Seele gebissen zu haben, wie ein Gewand, das ich nie wollte und das sich nicht mehr wegschälen lässt.

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Manchmal gedeihen sie, diese Momente, in denen ich denke: Das war doch gerade Gott oder das Universum, wie es mir zugezwinkert hat, mit Luftkuss und der Verheißung nach süßem Wein. Warm und lächelnd, meiner Wut zum Trotz anwesend, mit beschwichtigender Stimme sagend: “Psht, ich bin doch da. Ich habe dich nicht verlassen.” Und kurz weiß ich, dass ich wieder glauben kann, eines Tages, wenn mein schwaches Herz nur wieder aufstehen würde.

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Warum liebe ich Menschen nur so sehr? Heute ist eine alte Dame für eine unmerklich ältere Dame aufgestanden und hat ihr ihren Platz angeboten. Ich hätte sie küssen können. Als ich sechszehn war, sagte eine meiner gehässigeren Mitschülerinnen leicht verachtungsvoll: “Ach, mit Sherry kann man nicht gut lästern. Die liebt ja jeden und hat für jeden Scheiß Verständnis.” Tatsächlich hielt ich mich ab da eine Zeit lang mit meiner allgemeinen Zuwendung zurück und verdurstete an dem, was sich in mir sammelte. Soviel kann ich für mich gar nicht übrig lassen, ohne dass ich krank werde.

Seine Insignien

Die Sonne ermüdet meine Augen. Glaub’ mir, du hast uns vergessen, mein Herz. Du kannst in deiner schönen Hülle zu mir kommen und dabei nichts empfangen, nichts vergeben und deine Körperwärme von mir stehlen und schaffst es dennoch, mich zu emahnen, dass du zweifellos gekommen bist; dass du abwesend anwesend warst und damit selbstzufrieden bist. Also ergeb’ ich mich.

Deine Fröhlichkeit beleidigt unseren Schwur auf Ehrlichkeit. Du lächelst wie ein Engel, mein Herz. Ein Lächeln mit unbewegtem Blick. Und wie du bei jeder deiner Regungen die Unwahrheit sprichst. Deinen Körper eine Geschichte runterhangeln lässt, die ihren Wert in jenem Moment verloren hatte, in dem du die Spuren eines anderen in dir empfingst.

Deine Finger knirschen vor Anspannung, während du von Jugend sprichst. Dein Geruch ist längst von jenem anderen eingefangen, während du dich in alter Gewohnheit an mich schmiegst. Deine Hand sucht mit der Unbeholfenheit des ersten Males mein erschlafftes Glied; du wunderst dich, es verwundet dich – aber Fragen stellen? – Das tust du nicht.

Wir sind nicht mehr jung, mein Herz. Ich glaubte einst deinen dunklen Augen. Doch heute führen sie nur in eine Vergangenheit, von der nur eine Hülle übrig ist. Und in dir noch immer seine Insignien. Sie brennen. Weniger in dir, aber dafür am unerbittlichsten in mir. Mein Herz, ich vergesse nicht. So kann ich nicht.