Kontrolle

Jedesmal, wenn ich uns aus der Distanz betrachte, fühle ich mich fasziniert und erschlagen zugleich. Ich beobachte immer wieder, wie wir versuchen, unseren Selbstwert zu erhöhen. Jeder von uns tut das. Die einen mehr, die anderen weniger (geschickt). Am Faszinierendsten ist jedoch, wie wir versuchen, die Kontrolle über unser Leben in die Hand zu nehmen. Die einen durch Religiösität, Spiritualität und Glauben, die anderen durch Nihilismus (indem sie sich sagen: wir haben nichts zu verlieren, also brauche ich keine Angst zu haben) – und wieder andere durch Atheismus (ich bin mein eigener Gott) und Gesundheitswahn (ich entkomme der globalen Vergiftung der Menschen durch Großkonzerne). Ich sage aber: Es gibt kein Entkommen. Das Einzige, das man sich aussuchen kann – und das auch nur, wenn man es rechtzeitig tut und wirklich nur dann – ist der Ort, die Zeit und die Art des Sterbens unter der Bedingung, man nimmt es selbst in die Hand. Und ob man das tut, hängt wiederum von der eigenen Persönlichkeit ab, die mit der Lebensbiografie entweder kollidiert oder zusammengeht, vom Schicksal, das man tragen oder nicht ertragen kann – und vom Grad der geistigen Klarheit oder der geistigen Krankheit. Im Grunde gehört uns nichts; nicht einmal wir uns selbst.

Wir Menschen

Kennt ihr das? Wenn ihr die Liebe spürt, so tief, dass es euch weh tut, weil ihr nicht wisst, wie man sie ausdrücken soll, euch die Mittel fehlen, sie zu veräußern, ihr plötzlich zu wenig Hände habt, zu wenig Augen und Umarmungen. Kennt ihr das, wenn Umarmungen nicht reichen, und ihr jemanden so sehr drücken wollt, bis er in euch oder ihr in ihm verschwindet – und selbst das noch zu wenig ist? Es macht Angst, immerhin verliert man die Kontrolle und noch mehr den Verstand. Da ist eine Flut von Irgendwas, die immer in uns lauert und darauf wartet, Menschen zusammenwachsen zu lassen – und das unwiederbringlich. Und dieses Unwiederbringliche passt nicht in unser aller Lebenskonzept von Unabhängigkeit und Stärke. Insgeheim fürchten wir doch diesen Augenblick, in dem man vor einer gigantischen persönlichen oder natürlichen Katastrophe steht und nicht nur mit seinen Klamotten am Leib fliehen kann, um neu zu beginnen, sondern nur seine Liebsten sucht. Wie unglaublich mutig es ist, Kinder in die Welt zu setzen, denke ich mir. Wie unglaublich mutig oder auch ignorant gegenüber dieser unfassbaren Last der Liebe und Verantwortung. Und wie egoistisch das ist, ein kleines Wesen dem Leid auszusetzen, einer im Moment doch eher dunkleren Zukunft einer ausbeuterischen, ja, nennen wir’s beim Namen, selbstzerstörerischen Rasse auszuliefern. Wie grotesk das ist, es einfach zu tun, gerade weil man das Ungeborene schon liebt … Weiterlesen

Wer kennt diesen Hunger?

Wer kennt diesen Hunger? Nicht diesen Diät-Hunger, den, den man sich freiwillig antut (oder auch nicht), damit man einem bestimmten Ideal entspricht. Den Hunger, den der Körper – wenn auch schwer – erträgt, weil er genug Gold am Skelett in Form von Fett hängen hat, der Hunger, der nicht Teil deiner Persönlichkeit wird, weil immer dieser Spalt offen ist, der dir versichert, dass du jederzeit aufhören kannst mit dem Magenknurren. Was ist mit dem Hunger ohne Ausweg? Was ist mit dem Hunger, der dich nachts foltert und tagsüber versagen lässt? Wer kann sich den wahren, den markzerrüttenden Hunger vorstellen, der, der an deinem Leben nagt wie ein gieriger Piranha, der dir verspricht, dass er dich bald bis auf die Knochen zerfressen hat, der, der deine körperlichen Funktionen hemmt, so dass ein System nach dem anderen ausfällt, der, der dich plötzlich auf Ideen bringt, erst mit kleinen Fantasien spielt, dann konkret denken lässt, dass man Kadaver essen könnte oder einen zufällig gestorbenen Menschen oder einen, der extra für dich “gestorben wurde”, nur um ihn zu essen; oder was ist mit dem Hunger, der dich Steine oder Lehm runterschlucken lässt, damit der Magen etwas zum verdauen hat, etwas anderes als das eigene Fleisch, das sich windet und um sein Leben fleht, während es verätzt wird, während die Säure sich nicht hemmen kann, weil es eben zersäuren muss, weil es einfach seiner Natur entspricht, etwas zu zersäuren, aber da einfach nichts da ist, um es zu tun und deshalb die eigenen Organe sind, die es fressen muss. Wer kennt diesen Hunger? Wir nicht.

Das Versprechen

An einem offen gesprochenen Wort kann man sich die eigene Zunge verbrennen und dem anderen die Augen. Wir reden von Wahrheit, wie heilsam sie sei, wenn sie erst einmal ausgesprochen ist. Und wer trauert um ihre Opfer? Zerfallene Illusionen, tote Weihnachtsmänner und stürzende Zahnfeen. Die tragische Liste lässt sich fortführen. Es gibt zwei Wesen, von denen mich noch niemand überzeugen konnte, dass es sie nicht gibt: Einhörner und Meerjungfrauen. Und was, wenn Atlantis kein Mythos ist und Moses das Meer tatsächlich gespalten hat? Vielleicht kümmerte sich Gott damals noch um uns und ist heute nur verbittert über uns missratenen Kinder.

Was, wenn es ohne den Beobachter nichts da draußen geben würde? Was, wenn alle Atome querdurch falsch verschachtelt sind, so dass die Hälfte des Ordners eigentlich ein Teil des Mülleimers ist und der Mülleimer ein Teil des Gefrierfachs und überhaupt – was, wenn nur wir es sind, die alles in Ordnung bringen, und die Ordnung kein Zustand der Realität ist? Wenn unser Gehirn die Dinge umdrehen kann, die von unserem Auge (der Retina) eigentlich kopfüber projiziert werden, dann will ich nicht wissen, was es sonst noch kann und welchen nie ergründbaren Streichen der Wahrnehmung wir noch als Sklave dienen. Was, wenn es außer der Logik noch eine andere Denk-Art gibt, die alles besser erschließen könnte? Dann wären wir verdammt in unserem engen System, da kämen wir niemals, niemals wieder raus, denn wir können nicht anders als logisch denken. Was, wenn wir Strichmenschen auf einer zweidimensionalen Kugel sind und stets nur die selbe Linie umrunden, während wir soviel Raum vergeuden, weil wir keine Dreidimensionalität sehen? Was wäre dann noch unser? Woran könnten wir uns festhalten? Welche einfache Wahrheit wäre erreichbar, wonach greifen, woran noch glauben, was noch wissen – und wozu wäre dann das Sprechen oder Sprache noch notwendig? Und warum noch aufstehen, warum nicht gleich ins Bett pinkeln, warum überhaupt noch den Fernseher ausmachen, warum ihn überhaupt anmachen. Und von Fenstern will ich gar nicht reden … Weiterlesen

Die eine Seite der Welt

Der erste Satz schreibt sich in Unvernunft, doch dann legt er Pfade frei, die gegangen werden müssen. So beginnt ein Text bei mir, sehr oft. Auch dieser erste Satz war frei von einem echten Vorsatz; und nun habe ich eine diffuse Vorstellung darüber, welche Pfade freigelegt worden sind. Warum wir die Gewaltlosigkeit lieben, aber immerzu nach ihrem Gegenspieler greifen müssen, ohne es zu merken, frage ich heute. Warum wir Menschen ehren, die die Arme verschränken und sagen “Da mache ich nicht mit”, obwohl sie nie in der Situation waren, wo sie ernsthaft Nein sagen mussten. Woher sollen wir, ein Bündel voller Individualisten, denn wissen, was es bedeutet, der Anerkennung und dem Schutz des eigenen Clans zum Trotze handeln zu müssen? Wenn wir Nein sagen wollten, hätten wir es getan. Wir hätten nicht auf unser Eigenheim hingespart, wir hätten nicht jeden Tag immer ein Stück weiter in ein schönes Leben investiert, statt die Hälfte zurückzuhalten, ja, gar abzugeben, damit dieses hoch ambitionierte, alles einkrakelierende System in sich zusammenbricht, sich selbst nicht mehr tragen kann – ja, uns nicht mehr tragen kann, weil wir es nicht mehr tragen. Wird es so nicht immer verständlicher, wie die Sklaverei in den Stüdstaaten funktionieren konnte? Woher sollte die schwarze Frau das Brot für ihr Leben holen, wenn man ihr die Freiheit schenkte? Sie hatte nichts anderes gelernt, als ihre Pflichten zu tun. Das, was sie konnte, war die Tätigkeit einer Sklavin. Wenn sie keine mehr war, was sollte sie dann noch tun? Und was sollten wir heute tun, brächten wir unsere Regierung, die schon lange nicht mehr nur “da hinten” undemokratisch handelt, zu Bruch? Wo wäre dann mein kleiner Balkon mit den schönen Kräutern und der Urlaub ein bis zwei Mal pro Jahr? Weiterlesen

Religious Animal

»Man is the religious animal. He is the only religious animal. He is the only animal that has the true religion – several of them. He is the only animal that loves his neighbor as himself, and cuts his throat if his theology isn’t straight. He has made a graveyard of the globe in trying his honest best to smooth his brother’s path to happiness and heaven.« [Mark Twain - The Damned Human Race]

Wer weiß das schon?

Wir waren über eine Person am reden, die es nicht anders verdient hatte, als dass wir über sie redeten. Ein anderer hakte sich in das Gespräch ein und wollte wissen, um wen es sich handelte, doch ich schob ihn freundlich beiseite mit der Begründung, dass das nur seine Wahrnehmung verzerren würde. Vielleicht sei die Person zu ihm ja sehr nett, und es wäre unfair, wenn er nun aufgrund unserer Negativerfahrungen anders auf sie zugehen würde. Er versuchte es immer wieder, doch er scheiterte an mir. Wir kamen auf das Thema Religion. Weiterlesen

Ob wir die Größe haben

Ob wir die Größe haben werden, uns einer Gier zu bekennen, die erlaubt, dass die Welt so wird, wie sie heute ist, frage ich mich. Ob wir den Mut haben werden, unseren alltäglichen Altruiusmus als Gegengewicht für unser Gewissen einzusetzen, um niemals die Größe haben zu müssen, uns unserer Gier zu bekennen, frage ich mich. Und warum wir bereit sind, nicht nur uns selbst, sondern unsere Kinder einer Zukunft zu berauben, wie sie hätte sein können, wenn wir nur erkannt, gewollt, hingesehen hätten. Und ob wir die Stärke haben werden, dieses “hätte sein sollen” auszusprechen und danach auszuhalten, ohne an den vergebenen Chancen, Leben und kollektiven Glücksmomenten zu verzweifeln. Wir Menschen haben gelernt, mit den unüberbrückbarsten Widersprüchen zu leben, doch nur, wenn sie uns selbst betreffen. Fremde sind uns fremd. Wir sind die sagenhafteten (Selbst)belüger, und wir finden immer wieder Wege, dem nach Balance strebenden Regelkreis in uns genug Stoff (in welcher Form auch immer) zu besorgen, damit er sich blind selbst erhalten kann – kopfüber. Doch was, wenn unsere Kinder uns eines Tages fragen, warum wir all das zugelassen haben? Was, wenn wir, nachdem wir ihnen über unsere selbstverherrlichenden Errungenschaften eine Gute Nacht Geschichte erzählt haben, ihnen Rede und Antwort stehen müssen für die elternlosen Kinder und den synchronen Schritten der Soldaten? Wie erklären wir ihnen, dass manche Menschen im Winter auf der Straße schlafen und manche Nationen ihr Essen wegwerfen, weil sie so viel davon haben? Früher oder später nageln sie uns fest und wollen Antworten. Und ob wir die Wahrhaftigkeit haben werden, ihren Blicken standzuhalten und zu bereuen, frage ich mich.

Schneefrühling

Der Schnee hält sich an unseren Sorgen fest, und solange wir sie nicht abschütteln, drücken wir uns am großen Panoramafenster unserer Sehnsüchte die kalten Nasen platt und rufen stimmlos die Sonne. Ich habe nichts gegen den Schnee, doch im Frühling wirkt er fahl und trist, unbelebt und ohne die gutmütige Weisheit der Stille, die ich sonst an ihm begehre. Worte sind seit Wochen so gar nicht mehr meine Freunde. Sie stocken sich in Reih und Glied meine Kehle hoch, während ich auf der Suche nach Neuen bin. Ich lese sie nicht einmal mehr gern. So zweidimensional, wie sie daherplätschern wie kichernde Nymphen, die unsere Sorgen nicht kennen, machen sie mich nur auf ihre Grenzen aufmerksam und nicht auf ihre verbindende Kraft. Es gibt Tage, die nur kurz aufeinander folgen und dennoch immerwährend bleiben. An diesen Tagen muss ich über unsere selbst erschaffene Erhabenheit lachen. Vor allem, wenn ich sehe, dass Leopardenmütter kleine Affenbabies aufziehen oder Löwenmütter die Babygazelle vor einem zuschnappenden Krokodil retten. Wenn Wölfe Menschen aufziehen können, warum schlachten wir einander dann ab?