Harmonie

Als Neunjährige hatte ich eine interessante Gabe: Ich konnte noch so schwere Stücke in meinem Kopf zu Ende summen, noch bevor die Melodie schon dort angekommen war, wo ich bereits war. Ich wusste einfach, wie eine reife und harmonische Melodie zu sein hat; und in meinem kleinen Weltbild dachte ich: Wenn der Komponist gut ist, wird er das Lied so weiterschreiben wie ich es in meinen Gedanken weitergesummt habe. Oft war es dann auch so – und ich war glücklich, weil es sich in einem realen Klang noch viel wunderbarer anhörte als in meinem Kopf. Manchmal wurde ich aber auch überrascht. Überrascht, wenn eine Abweichung sich als wunderbar erwies, nicht wunderbarer als das, was ich erwartet hatte, aber doch genauso. Aber meistens wurde ich enttäuscht, weil die Abweichung mehr als kakophonisch anmutete und ich nur dachte: Wie kann man ein so schönes Lied nur zerstören? Schade, dass mir gerade keine Beispiele einfallen.

Ich frage mich, ob wir Menschen ein universelles Gefühl für Harmonie haben, und ob für alle Harmonie etwas mit einer gewissen Ordnung zu tun hat. Oder ob es Menschen gibt, für die Chaos harmonisch ist und Ordnung etwas Unharmonisches. Ich glaube, wir müssen hierbei unterscheiden zwischen dem, was wir gerade brauchen und was wir wirklich als harmonisch bezeichnen. Oft brauchen wir die Aggressivität von Chaos, einer Art Zerstörung aller Regeln, damit wir uns kurz frei fühlen. Das heißt aber nicht, dass wir Chaos für harmonisch halten. Weiterlesen

Hajeetak Majeetak

Wie sehr ich diese Spirale in ihrer Stimme liebe. Das ist typisch orientalisch, das geht so tief ins Herz, dass ich mich in einer anderen Zeit und Welt wiederfinden kann. Ich kann ihre wunderschöne Stimme und das weiche Arabisch nicht in Worte fassen, hoffe aber, dass ihr ganz aufmerksam ihrer Erzählung lauscht.

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Gedankenabriss

Blutarmut. Seichtes Leben, blass an Lächeln, am Wollen, an Leidenschaft, an der Fähigkeit zu leiden, mitzuleiden, zu teilen. Wir denken, grübeln, wir vertiefen uns mit einem Spaten in alles, das wir zum graben finden des Grabens willen; und am Ende bleibt dieser eine Punkt, an dem wir zurückkehren, zu dem wir hingraben, den wir niemals verlassen werden: Uns selbst. Wenn das mal kein Gefängnis ist, das man uns als Selbstfindung verkaufen will.

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“Du fühlst dich alleine, wenn du weißt, da sind nicht viele, die jemals an diesen einen Punkt gekommen sind, an dem es eigentlich nur noch das Umfallen oder Resignieren gibt, das Loslassen und Sterben als einzige noch aushaltbare Option, aber die durch einen ungeheueren inneren und äußeren Zwang, einer Übremacht und Schicksalhaftigkeit dazu veranlasst werden, einfach weiter zu machen, bis zum Anschlag von irgendetwas. Oder kennst du Autos, die ohne Sprit fahren? Ich bin ein Auto ohne Sprit. Und ich fahre.”

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“Aber hast du nicht manchmal das Bedürfnis, über einen bestimmten Punkt hinauszugehen? Und kommt dir da nicht in den Sinn, deine Seele für diese Überschreitung zu verkaufen? Wenn du diese Grenze erreicht hast, dieses ‘Ich kann ab diesem Punkt nicht mehr weiterdenken’, was machst du dann? Soll es hier dann schon enden?” – “Ich höre dann Musik. Ganz bestimmte Musik, sie ist für mich das Grenzenloseste, das wir erfahren können. Nietzsche sagte: ‘Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.’ Im ersten Augenblick dachte ich, er meine das rein hedonistisch, weil Musik einfach Freude bereitet. Heute denke ich, dass Musik eine eigene Qualität hat, eine Dimensionsebene, die alles andere zusammenhalten kann. Keine andere Kunstform konnte das jemals so eindringlich realisieren wie die Musik. Musik ist der Beweis dafür, dass es im Universum mehr gibt als uns. Ich weiß, es macht keinen Sinn, was ich sage, aber bei der Musik, wir sind nicht allein.”

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“Nach deiner Definition hat eigentlich niemand Freunde, Sherry.” – “Ja, richtig.”

Und wir schlafen

Der Tag ist kühl. Große Felder weiten sich. Die Sterne kommen zu Besuch und spielen Verstecken mit mir, doch ich find’ sie nicht. Kristallklar ist die Nacht, die auf mich wartet. Verschwiegen ist meine Zuneigung und voller Angst, vom Wunsch nach Einheit zum Besitzdenken zu gleiten. Mein Jähzorn ist außer Gefecht gesetzt. Nie gefundene Gefühle werden zu greifbaren Gedanken. Ich lasse sie wachsen, sich zu Wolken erheben und an mir vorbeiziehen, als seien sie nicht nur mein, sondern gehörten uns allen. Loslassen – das ist die größte Herausforderung meines Lebens. Ich sitze in Gedanken auf dieser Spätsommerwiese, die Luft riecht nach Gewitter, der Wind durchweht alles, was ich an Kopf und Leib habe. Ich vermisse niemanden, niemanden, nur manchmal uns alle zusammen. Ich versuche mich in den Tautropfen der Grashalme zu sehen und erkenne mich nicht wieder. Wann bin ich zu einer jungen Frau geworden, und wann habe ich das kleine Mädchen verlassen? Wann bin ich aus den Locken rausgewachsen, und wann habe ich von der Suche nach meinem Glück abgelassen? Nicht jeder Nachtgedanke ist richtig, aber er ist nah an meinem Bauch, dem Zentrum meines Wesens. Dort, wo alles sich zusammenzieht vor Sehnsucht oder die Liebe sich zu aller erst meldet. Wenn ich singen könnte, ich würde uns freisingen, bis das Universum vor meiner Wut und vor meiner Freiheitsliebe kapituliert und seine schiefen Gesetze in Ordnung bringt. Und der Satz kommt immer wieder hoch in mir. “Wenn es etwas gibt, das der Vollkommenheit am Nächsten ist, dann ist es doch wirklich die Musik …” Weiterlesen

Axiom of Choice

Heute möchte ich euch eine iranische Band vorstellen, die traditionelle persische Musik mit westlicher Klassik vermischt und sich auch oft der Einflüsse der “Weltmusik” bedient, um ihre Stücke zu würzen. Dieses Stück hier wird euch vielleicht auf die selbe Art entführen wie mich. Und wenn ihr die Augen schließt, kann es sein, dass ihr – wenn ihr sie wieder öffnet – entweder schon auf euren Stühlen nach dem Rhythmus wippt oder gar in euren Zimmern tanzt. Für mich ist das Stück unglaublich spirituell. Ich habe es einmal mit einem Bloothooth Headset gehört, auf laut gestellt und habe bemerkt, dass ich damit in Trance geraten bin, durch Bewegung und Unterwerfung an die Rhythmen. Ich wünsche euch viel Vergnügen und ein schönes Erlebnis …

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Bild: Mahmoud Farshchian

Von Göttinnen I

Auf dieses Stück von Aziza Mustafa Zadeh muss man sich wirklich einlassen. Falls ihr genau das wollt, dann hört es am Besten mit einem Kopfhörer oder wenigstens wirklich laut, nur so hört ihr die ganzen Feinheiten. Sie mischt traditionell azarbayjanische Musik und einige traditionelle persischen Elemente mit Jazz und Klassik. Sie ist die Pianistin und Sängerin. Die Frau ist der Wahnsinn. In dem Lied ist soviel Erschaffung und Zerstörung in einem, dass ich mich richtig geschleudert fühle. Es wird nicht jedermanns Ding sein, aber …

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