Wo man wäre wenn und wenn nicht …

Ich sieze meine Gedanken. Sie sind mir fremd. Sie passieren an mir vorbei; und irgendwo in irgendeinem Zen-Buch las ich, dass doch genau das gut sei, wenn Gedanken an einem vorbeizögen. Ich will nicht an mir vorbeiziehen, ich will alles spüren. Jeder Duft und jede Begegnung soll eine Prägung in mir hinterlassen, damit ich nie vergesse, dass meine Füße sich immer und immer wieder auf die Erde legen. Wüstenstaub macht die weichesten Abdrücke. Als sei man nie dortgewesen, kommt ein Wind und du warst nur eine Fatamorgana – niemand kann beweisen, dass es dich wirklich gab. Deshalb liebe ich die irische Landschaft so. Grün, matschig, nebelig, voll druidenhafter Romantik, und doch felsenhaft und schmerzhaft – bei jedem Schritt. Als man damals erzählte, Arielle habe bei jedem ihrer Schritte Messerstiche gespürt, fanden alle das so grausam. Nur ich dachte als zweiten Gedanken: Aber Menschsein bedeutet Leiden. Arielle wollte es so. Als ich vierzehn war, wollte ich Priesterin in Avalon sein, weil ich die Bürde des Heidentums in mir tragen wollte, alle religiösen Regeln waren so falsch wie ihre Verkünder; und was sollten wir denn anfangen mit einer Religion, die aus der Vielfalt nur das einzig Wahre machte? Heute suche ich nach dem einzig Wahren und weiß, dass sie die Vielfalt braucht und ohne sie nur ein verzerrtes Spiegelbild der alten Hexe in Schneewittchen ist.

Diese Sätze ketten sich aneinander, auch wenn ich denke, sie seien frei, nur weil ich schreibe, ohne zu denken. Doch nie hätten sie so entstehen können, wäre ich mit drei Jahren nicht aus den Armen meines Vaters gerissen und in den Flieger nach Deutschland gesetzt worden. Wo wäre ich, wäre ich in meiner Heimat aufgewachsen und wer wäre ich, wenn ich nicht hätte fliehen müssen? Wäre ich mutiger? Wäre ich größer? Wäre ich glücklicher? Wäre ich eine, die durch das Schreiben manchmal doch noch die Erlösung findet? Damals war mir das Schreiben weitaus heiliger als heute. Was es verändert hat, kann ich nur ahnen. Es liegt nicht nur an der Verfügbarkeit wunderbarer Texte, digital vermittelt und weniger greifbar und dadurch fern von sinnlichem Wert. Es ist eher, dass ich nicht mehr daran glaube, durch das Schreiben etwas verändern zu können. Meine Gedanken erschlaffen schon, bevor ich sie zum Höhepunkt bringen kann. Den Punkt, den ich treffen will mit der Bündelung meiner ganzen Energie und Leidenschaft, den verfehle ich immer öfter. Mich betrübt das. Deshalb schreibe ich so wenig und immer weniger … Ich hoffe, ich verlerne es nicht gänzlich.

Schreiben …

Ab wann reden wir bei Schreibenden von einem Talent oder einer Gabe? Ab welchem Punkt sind auch die besten Literaturkenner der Meinung, dass jemand das Schreiben wirklich beherrscht? Die Frage stellte ich mir, als ich mich – wie so oft – in Anders Wolfs Blog verirrte und mich von seiner schonungslosen Ehrlichkeit entführen ließ. Ich war während des Lesens vollkommen davon überzeugt: Bei ihm müssten alle der selben Meinung sein. Hier lässt sich nicht mehr diskutieren, dieses Talent steht für sich alleine und markiert eine neue Dimension. Schreiben mit der Bitte und nicht mit dem Anspruch, gelesen und gesehen zu werden. Schreiben, weil es einem das Atmen und die Pest in einem ist. Schreiben, damit man endlich ans Ende seiner eigenen Hölle ankommt. Schreiben, nicht um jemand zu sein, sondern um trotz all dem Erlebten, jemand zu werden, den man endlich [er]tragen kann. Schreiben, um kurz von sich selbst abzulassen, weil das Papier uns aufnimmt und der Stift uns hält.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass das Bloggen unseren ureigenen Schreibimpuls in eine andere als ursprüngliche Richtung lenkt. Dass die Öffentlichkeit und die sofortige Reaktion auf unsere Gedanken unsere Folgegedanken verändern, abkürzen und unausgereift auf die Menschheit losgelassen werden. Dass wir beginnen, anderen treu zu sein und immer weniger uns selbst, weil wir am Ende des Tages doch mehr stolz auf die Statistik schauen als auf den holprigen Weg, den wir gehen wollten, um ein Stück weit mehr zu wachsen. Und vermutlich ist es das, was ich an meinem Blog nicht mehr so gut aushielt: Ich umging mein Recht, Dinge auszusprechen, die anderen auf die Füße treten könnten. Ich versuchte Fehler zu vermeiden. Damit blieb ich allein mit der klumpigen Stagnation in mir, damit machte ich mich selbst zu jemandem, der nur unter Bedingungen dazu gehören kann. Weiterlesen

Dieses Etwas

Ich habe Wut auf das Schreiben und nur noch Verachtung übrig für die Unvollkommenheit der Sprache. Es stockt und blockt in mir. So wie Fäuste gegen einen Sandsack schlagen – sinnlos, weil sie ihn nicht verletzen können – so renne ich gegen die Widerstände der Sprache. [Oder auch nur gegen meine eigenen.] Das, was mir damals am leichtesten fiel, zermürbt mich heute, ist zu einem unbefriedigenden Akt entglitten, der mich kurz vor dem Höhepunkt im Stich lässt. Es ist, als würde ich an der Natur einer Eintagsfliege verzweifeln, mich an ihrer für mich sinnlosen Existenz aufreiben, bis ich entflamme – für nichts, für nichts denn dieser Eintagsfliege. Warum schreibe ich noch? Warum, wenn es mich nur daran erinnert, wie ungreifbar all das ist, was ich so sehr in Wort und Schrift manifestieren will? Und warum überhaupt will ich etwas in eine verständliche Gestalt bringen? Dachte ich wirklich, die Einsamkeit ließe sich auf diese Weise kidnappen? Die unüberbrückbare Eingrenzung des Menschheitsfluches – das Ich-Bewusstsein – auflösen? Die roten Fäden aller Geschichten will ich zerschneiden, die Ästhetik der Sprache in Stücke reißen. Was bringt all das, wenn es uns alle nicht zusammenhält? All diese arroganten Sätze, die nichts aussagen und keinem anderen Zwecke dienlich sind als dem Talent des Talentierten, damit er um sich selbst tanzen kann – die will ich nicht mehr lesen, die will ich vor allem nicht mehr schreiben. Das ist nicht mehr mein Zuhause. Das ist nicht mehr mein Zuhause, und ich muss meine Sachen packen und rauslaufen, in Dreck wühlen und mit der Sonne um den Mond weinen, bis ich wieder etwas gesehen habe, das es wert ist, niedergeschrieben zu werden. Und dann fällt der Wunsch nach Sprachästhetik in die bodenlose Vergessenheit, weil es dieses gesehene Etwas ist, das den Glanz einer Geschichte ausmacht, und sonst nichts anderes. Nichts anderes …

Sich frei schreiben

[...] Und dennoch möchte ich nicht aufgeben und herausfinden, wie sehr ich aus mir herauswachsen kann, wenn ich nur unbedingt will. Sich freizuschreiben, das bedeutet vielleicht wirklich, sich frei [von sich selbst] zu schreiben, aus sich hinauszuwachsen mit wilden, durchbohrenden Stacheln von Innen heraus in die unendlichen Weiten – in die Mehrdimensionalität, indem man sich entblößt und mit jeder Zwiebelschale, die man verliert, sich seiner alles beladenden Wichtigkeit entledigt. Der wunde Punkt, der, der sich schützen will, weil er denkt, er sei das Zentrum der Welt, und wenn nicht das, dann doch sein eigener Mittelpunkt – der muss endlich verheilen. Er muss der Unendlichkeit verzeihen, dass er kleiner ist als ein winziger Staubpartikel, der im reißenden Fluss der Zeiten in der Unbedeutsamkeit verendet.

Die prägnanteste Form der Einsamkeit

Die prägnanteste Form der Einsamkeit, einer, aus der man sich rauswinden will und nicht einer, die man akzeptiert, ist das Schreiben. Schreiben ist eine Form der Einsamkeit. Die Hartnäckigste, die ich kenne. Sie geht über die anderer Kunstarten hinaus, denn sie bedient sich absolut realitätsfremder Symbole, die nicht einmal annähernd ikonische Zeichen darstellen. Ohne, sie vorher zu erlernen, kann niemand etwas mit ihnen anfangen. Die Basis ist nicht international, sie ist intelligenz- und wissensgebunden. Ohne daran zu denken, selektieren die Schreiber dieser Welt auf diese Art die Menschen, die sie erreichen wollen. Doch wer malt oder musiziert, der wird immer verstanden, auch, wenn man den Grundgedanken des Künstlers nicht direkt trifft, so versteht man das Gemälde doch für sich selbst und geht eine innere Haltung zum Werk ein. Sogar von einem Säugling bekommt man eine Resonanz, denn auch dieser liebt Töne, Farben und Formen – aber bestimmt keine abstrakten Symbole.

Deshalb ist das [übermäßige] Schreiben – das habe ich gerade für mich erkannt und wer meine Erkenntnisse kennt, der weiß, sie sind sehr wandlungsfähig – eine seelische Störung. Geht sie über die praktische Funktionalität der Informationsspeicherung und -vermittlung hinaus, fußt sie auf innerpsychische Konflikte größerer Art, weil sie eine schizophrene Haltung geradezu herausfordert. Erstens wird der Schreibende aus seiner eigenen, lebensentfremdeten Spirale der gefühlsabstrahierenden Symbolik niemals rauskommen und sichert sich somit die Einsamkeit, der er eigentlich entfliehen will – und zweitens, wird er aus dem Beklagen der Einsamkeit weiterhin die Muse ziehen und weiterschreiben, um eben diese endlich zu beenden [was ihm zu seinem Glück nicht gelingen wird, sonst würde er seine Kunst aufgeben müssen]. Ein Paradoxon, das immer wieder einmal, in den Wunsch mündet, sich selbst einen Maulkorb aufzuerlegen. Weiterlesen

Schrifsteller – ab wann ist man einer?

Ich habe oft Menschen getroffen, die mir sagten, sie seien Schriftsteller. Ob sie ein Buch veröffentlicht haben?, fragte ich sie. Nein, noch nicht, antworteten sie – aber sie würden schreiben. Leidenschaftlich gerne schreiben. Ob sie gut schrieben und der Welt wirklich etwas zu sagen hatten, das sie berühren und wachrütteln würde, konnte ich dann nicht mehr erfahren.

“Hm”, dachte ich mir. “Ich schreibe doch auch viel und ja – je nach Stimmung – auch sehr leidenschaftlich. Bin ich jetzt auch eine Schriftstellerin?” Instinktiv schüttelte ich bei der Beantwortung dieser Frage immer wieder den Kopf. Ich bin noch lange keine Schriftstellerin. Für mich ist nämlich nicht einmal jemand einer, der etwas veröffentlicht hat. Würdet Ihr Dieter Bohlen einen Schriftsteller nennen? Nein? – Er hat aber etwas veröffentlicht. Sogar selbst getippt. Ihr versteht sicher, was ich meine, oder?

Deshalb frage ich mich: Was genau ist ein Schriftsteller? Ab wann ist man einer? Wie muss die Message geartet sein, die er mitzuteilen hat, dass man ihn als Schriftsteller respektieren könnte? Worauf kommt es an?