Monster abzugeben

Nein, das ist nicht die Masterarbeit, das ist ein ganz normales Diagnostisches Gutachten für eine Klientin, das wir im Rahmen des Studiums erstellen müssen. Sind ja nur achtzig Seiten, also umfangreicher als meine Bachelorarbeit. Diese Leistungen müssen wir nebenher erbringen. Neben Praktika, Präsentationen, weiteren Hausarbeiten, Klausuren, Hausaufgaben und Seminaren mit Anwesenheitspflicht. Es ist wirklich an der Zeit, dass die Uni bald zu Ende geht.

Debilium

Warum in Rätseln schreiben, wenn man das Weinen hat. Mir widerstreben diese wilden Sätze, die keinen Halt finden, geschweige denn einen geben. Mir widerstreben konstruierte Rätselhaftigkeiten, weise Worte, die sich so sehr mit Geheimnissen kleiden, dass viele nur so tun, als haben sie den tieferen Sinn darin gefühlt – aus reiner Verlegenheit -, während der Weise selbst weiß, dass er nichts Besonderes gesagt hat, als verschachtelte Sätze ineinander zu stülpen und uns zu verunsichern. Ich erinnere mich dabei immer an diese Zufallskunstwerke, die ich als Kind produzierte, mit kleinen Händen und viel Fingerfarbe. Sie waren mehr als Picasso und Monet zusammen, sie waren viel bunter, außerdem hatte ich Spaß dabei; und im Nachhinein hat jede Erzieherin ein figurales Wunder darin entdeckt – und ich nickte energisch “Ja ja, das ist genau so, wie du sagst, Sigrid! Ein Baum mit Händen dran, die sich am Himmel hochziehen! Wie hast du das gemerkt?” Und Zuhause, bei meinen Eltern, war das Bild etwas anderes, aber eben immer noch ein Kunstwerk. Na, meinetwegen. Weiterlesen

Fluchtreflexe

Nach nur zehn Tagen Vorlesungsbeginn, sah mein Ordner bereits so aus. Jetzt, paar Tage später, füllt sich bereits der Zweite. Da kann ich wieder nur den Kopf schütteln. Was denken die Dozenten eigentlich? Vermutlich hält jeder von ihnen ihre eigene psychologische Disziplin für die Wichtigste. Ich fühle mich jetzt schon erschlagen und nehme den mir schon vertrauten Fluchtreflex wahr, den ich jedes Semester von Neuem habe. Bis ich mich beim Durcharbeiten all des Materials selbst wieder dabei ertappe, wie wundervoll es ist, was ich da lesen darf. Aber mal etwas Anderes: Ich sollte mich vielleicht ernsthaft daran gewöhnen, die PDFs am MacBook zu lesen, damit ich nicht soviel Papiermüll produziere. Aber wie bei den Meisten, erfasse ich Dinge besser, wenn ich sie in der Hand habe, berühren und unterstreichen kann – und vor allem meine Notizen [Fragen] festhalten darf.

Komplementarität

Der Grund, warum ich bei dem, was ich tue, das erste Mal in meinem Leben das Gefühl angekommen zu sein genießen darf ist der, dass ich in der wissenschaftlichen Psychologie eine Gratwanderung leisten muss, die meinem stark komplementären Interessenscharakter in einer Weise entspricht, die mir die Erfüllung geben kann, die mir damals mit all meinen problematisch vielseitigen Interessen und Abzweigungsneigungen versagt worden war. Damals bin ich von Ast zu Ast gesprungen [Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Kunst] und empfand bereits im ersten Semester meines vorangegangenen Studiums eine innere Leere und einen Überdruss, der mich aggressiv machte. Ich litt unter dem Gefühl, dass ich einige Aspekte meiner Selbst abkapseln musste, um weiterzukommen. Doch heute habe ich all die Äste beieinander – und man erlaubt mir nicht nur, sie trotz ihrer Komplementarität zu besitzen, sondern macht sie sogar zur notwendigen Bedingung für die Arbeit an einem wichtigen, großartigen Puzzle bei dem das Fehlen der verschiedenen Äste das Endbild verzerren würde.

Psychologie muss in gewisser Weise Natur- und Geisteswissenschaft sein, wenn sie Menschen in ihrer Doppelnatur begreifen will. Der Mensch ist eine komplementäre Verbindung zweier Komponenten, die auf dem ersten Blick nicht ganz zueinander zu passen scheinen: Er ist durch und durch ein der Natur untergebenes Wesen, ein Produkt biologischer, physiologischer Prozesse, eine Rasse, die genauso sehr dem Selektionsdruck der Evolution unterlegen war [und heute noch ist] wie alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten auch. Andererseits produziert er jedoch Geistiges und Kultur. Er ist ein Wesen, das Kunst, Literatur, Religion und Musik erschafft und sich seiner Biografie bewusst ist. Es wäre unsinnig, diese Aspekte durch rein naturwissenschaftliche Messverfahren analysieren und begreifen zu wollen. Deshalb muss Psychologie zumindest teilweise beides sein; und deshalb gibt mir diese Disziplin fast alles, was ich brauche, um sogar für mein Ast-zu-Ast-Springen nicht nur nicht getadelt, sondern im besonderen Maße gelobt zu werden, weil es ein Vorteil ist, das zu können. Weiterlesen

“Der Schmerz ist noch heiß”

Ich sitze schon seit einer halben Stunde hier an meinem Bildschirm, höre Musik und fühle den Drang, etwas schreiben zu müssen, weiß aber nicht was. Ich empfinde eine Mischung aus Erleichterung und Bewegungsdrang und frage mich, wie ich die beiden miteinander verbinden soll. Ersteres ist Entspannung, Zweiteres Anspannung. Draußen ist es so kalt wie schon ewig nicht mehr, und ich stelle mir vor, wie ich in einen zugefrorenen See springe, in dieses eine, für mich extra geschnittene Loch hinein. Ich tue mir weh, tausend Kältenadeln bohren sich in meine Haut, ich erleide einen sensorischen Schock und mein Kreislauf spielt kurz Kollaps, bevor sich alles langsam wieder in Gang setzt und ich jede Bewegung in mir spüre, jede Sehne spannen höre und jeder Muskel gegen die eigene Erstarrung kämpft, indem jede Kontraktion wie im Überlebenskampf zuckt. Alles, was ich bei dieser hier für euch unangenehmen Beschreibung empfinde, ist ein wohliges Gefühl von Freiheit, während Ihr beim Lesen vermutlich das Bild wegzuscheuchen sucht.

Oft schon habe ich mich gefragt, warum ich die Kälte so liebe. Auf eine eindeutige Antwort bin ich nicht gekommen, doch geahnt habe ich immer, dass ich die Hitze in mir nur mit ihrer Hilfe beruhigen kann. “Heiß” bedeutet auf Persisch “Daagh” [das A lang ausgesprochen]. Wenn wir sagen wollen, dass ein Schmerz noch sehr frisch ist, dass er tief in einem sitzt, pocht und wund ist, dann sagen wir: “Der Schmerz ist noch heiß … [Dardesh daagh-e ...]” Vielleicht suche ich deshalb die Kälte. Die Wunden sollen nicht weiter atmen, sondern in einen erleichternden Dornröschenschlaf fallen … Weiterlesen

Liebesberufung

Mein Smiley sieht hier so herrlich verzweifelt aus, da dachte ich, das muss ich euch einmal zeigen. Ich muss gerade den Mathekram aus den ersten zwei Semestern [Statistik & Stochastik] wiederholen, damit ich die jetzige Vertiefung in die Materie besser verstehe. Ich staune immer wieder darüber, dass man ein 600-seitiges Buch, in dem vor allem Zahlen, Formeln und ihre Herleitungen eine Rolle spielen, so gut aufbereiten kann [praxisbezogen anhand von Forschungsbeispielen], dass ich es richtig mit Interesse lese und wissen möchte, “wie es weiter geht”. Weiterlesen

Gerade eben …

… habe ich meinen ersten Zulassungsbescheid für’s »Master of Science Psychologie« erhalten. Ich bin so unendlich erleichtert, weil ich risikofreudig [oder dumm] genug war, mich nur an zwei Universitäten zu bewerben. Vielleicht bekomme ich die Zulassung für meine jetzige Uni ja auch noch, dann habe ich die Qual der Wahl. Das ist aber nur Nebensache. Ich muss mir keine Sorgen mehr machen, weil mir der eine Masterplatz sicher ist. Aber eine Sache muss ich dazu loswerden: Es ist einfach eine bodenlose Drecksscheiße, dass ich mit einem oberen Einserdurchschnitt um meine Existenz als Psychologin fürchten musste, weil die Auswahlkriterien so hart sind. Warum dürfen wir nicht – wie die Diplomer – einfach zu Ende studieren? All die Bachelor PsychologInnen, die es nicht schaffen werden, weil sie “nur eine 1,8 oder 1,9″ haben, werden um ihre Zukunft betrogen. Irgendetwas ist hier mächtig schiefgelaufen mit dem Bolognascheiß. Vonwegen, die Unis sollen dadurch homogenisiert werden. Es war noch nie schwieriger, den Studienplatz zu tauschen, als jetzt. Ständig werden Leistungen nicht anerkannt, oder man bekommt dafür weniger Credit Points, als eigentlich von der Herkunftsuni gedacht. Während wir in 6 Semestern ca. 12 Hausarbeiten schreiben mussten, müssen einige gar keine schreiben. Es gibt sogar Unis, in denen die Studierenden die Prüfungen so lange wiederholen dürfen, bis sie eine Note erhalten, mit der sie zufrieden sind. So schreibt man ein und die selbe Prüfung so oft, bis der Schnitt mächtig gehoben ist. Wo sind wir hier bloß gelandet? Bestimmt nicht bei “fairer Vergleichbarkeit von Leistungen”. Dazu empfehle ich jedem den Artikel von Gretchens Armee, den ich voll und ganz unterschreiben kann. Der könnte für jeden interessant sein, auch für die, die Kinder haben und sich später mit diesem System auskennen müssen oder vielleicht noch vorhaben, etwas dagegen zu unternehmen, bevor die eigenen Kinder unter solchen Bedingungen studieren müssen: → Bachelor-Master: Wo seid ihr alle?

Selbsterkenntnis

Aus einem Brief an eine Freundin [Zugunsten der Nachvollziehbarkeit leicht abgeändert]:

“Ich habe mich bei den Germanisten auch nicht gut gefühlt. Ich habe mich durchgängig dumm und Fehl am Platz gefühlt, weil ich ihre Fremdwörteranwendung nicht verstand [und das für mich ein Beweis dafür war, dass ich unterdurchschnittlich bin]. Später habe ich erkannt, dass das sehr viel mit der Art der Wissenschaft zu tun, worauf Wert gelegt wird. Je weniger praktisch orientiert ein Fach ist und je weniger fassbare Anhaltspunkte man für seine Annahmen herzeigen kann, desto mehr wird die sprachliche Eloquenz als Kriterium für die Eignung und Kompetenz einer Person angesehen. In der naturwissenschaftlichen und empirischen Forschung ist das anders. Da zählt, was du wie analysierst, wie viele Faktoren für einen Zustand X du ergründen und in einen komplexen Zusammenhang bringen kannst. Und wie gut du diagnostische oder prognostische Aussagen durch deine Erkenntnisse schlussfolgerst und wie viel Forschung durch deine Erkenntnisse angeregt wird. Das liegt mir mehr. Denn im Inneren meines Herzens, glaube mir, bin ich ein praktisch orientierter Mensch, ja, eigentlich sogar ein Prolet.”

Finally

Gedruckt und abgegeben. Zweieinhalb Monate, nachdem sie bereits fertig war. Früher ging es jedoch nicht, weil mein Prüfer mir niemals geglaubt hätte, dass ich den Bearbeitungszeitraum von drei Monaten für mich auf zwei Wochen runtergebrochen habe. Ein wunderbares Gefühl, sie endlich los zu sein. Vermutlich ist das hier der sprachlich sauberste Text, den ich je verfasst habe, wo ich doch meistens so schlampig bin. [Einige von euch hatten mich gefragt, ob sie sie lesen dürfen. Ich kann sie euch gerne schicken, aber meine Bachelorarbeit beleuchtet eher neurobiologische und -anatomische Grundlagen der Posttraumatischen Belastungsstörung. Ich befürchte, das ist den meisten von euch zu langweilig.]

Wenn Glück dumm macht

Heute gab es bunte Eier zum Frühstück; und obwohl ich kein Eiermensch bin, hat das Auge heute sehr gut mitgegessen. Ich fühle mich vitamingebombt. {Wusstet ihr, dass Eier mehr Vitamine haben als Obst?} Davon musste ich ein Foto machen, wenn auch nur sehr hektisch und technisch verschäppert {Ich hatte Mordshunger, okay?}. Die Farben beglücken mich wirklich sehr, ich war kurz berauscht und hab’ nur Regenbogenwölkchen gesehen. Ansonsten fühle ich mich ein wenig frühlingshaft fremdgesteuert. Ich weiß genau, was in meinem Gehirn abläuft, dass es mir so geht, wie es mir geht – aber irgendwie ändert sich durch die Erkenntnis nichts – so summe ich weiter vor mich hin und meine, das Glück sei mein Eigenes. {Das ist genauso wie mit dem freien Willen. Ich bin zwar Deterministin, aber das Gefühl, frei zu handeln, ist trotzdem stets präsent.} Meinen alten Matheintervallklammertick habe ich übrigens der Weberin zu verdanken, weil sie gerade ihre eigenen Eckigklammern nicht nutzen kann. Also fange ich – stellvertretend für sie – wieder an, meine eigenen zu nutzen. Ich weiß, das sind gerade ungemein wichtige Informationen, und Glück macht ein wenig dumm, aber diese Dummheit lohnt sich, bei Gott, sie lohnt sich wirklich, wenn man bedenkt, dass glückliche Menschen anderen selten weh tun. Weiterlesen