Null und Eins

„Die größte Enttäuschung eines moralisch anspruchsvollen Menschen ist vielleicht jener Moment, in dem er erkennt, dass er doch Gefallen an Rache finden könnte.“

Vielleicht verstehe ich meinen eigenen Satz nicht, deshalb setze ich sie in die wörtliche Rede und tue so, als habe ihn jemand Kluges oder Wichtiges gesagt. Vielleicht möchte ich, dass sorglos darüber debattiert wird. Vermutlich sind wir tatsächlich unsere erste und größte Enttäuschung. Vielleicht bemerken wir, dass die Essenz unserer Persönlichkeit nicht der harte, stabile Kern ist, der wir gerne wären, dass wir wandelbar sind und vom Engel bis zur Bestie alles sein können und uns nur in der Hemmschwelle unterscheiden, die es zu übertreten gilt. Vielleicht ist es diese immer latente Angst vor der eigenen Verwandlung und die des Gegenübers, das die Nähe zu Menschen so gefährlich macht, und vielleicht ist es diese Gefahr, die wir fühlen, die umso mehr nach einer Seele suchen lässt, der man vertrauen kann. Vielleicht ist die Ambivalenz zwischen dem Wunsch bedingungsloser Hingabe und der leisen, aber nagenden Gewissheit – und es ist nichts weniger als eine solche -, dass man heillos aufschlagen wird und niemals wieder abheilen kann, die uns in einen nie enden wollenden Prozess des Fragens und Bittens einsperrt. Und vielleicht beten wir deshalb zu irgendeiner Gottheit, weil wir sonst kein makelloses Wesen, kein vertrauenswürdiges Herz an Herz finden können und die Ruhe immer eine nach und vor dem Gemetzel ist. Wenn wir uns selbst nicht trauen können, weil wir uns selbst auf den Grund gegangen sind, in einem schwachen, müden oder betrunkenen Moment nicht abwehren konnten, was wir über uns selbst nicht wissen wollen – und wenn wir davon ausgehen, dass wir die besseren Menschen sind, weil wir zumindest Erklärungen für unser Tun finden, während wir andere für ihr angeborenes Widerlichsein aburteilen, dann kommen wir nicht umhin, zur letzten Erkenntnis zu gelangen, dass wenn wir Monster sein können, es andere erst recht fertig bringen, Monster zu sein. Und wem soll man dann noch vertrauen? Weiterlesen

[Tagebuch der Anderen] Adieu

Falls Du denkst, ich würde Dich anrufen, jemals noch im Leben den ersten Schritt zu Dir machen, dann irrst Du Dich gewaltig. Du bedeutest mir nichts, und der Grund, warum Du mir überhaupt noch im Kopf rumschwirrst und ich Dir hier, in diesem herrlich verlassenen Tagebuch schreibe ist der, dass ich mir gerne vorstelle, wie Du Dich in Selbstzweifel verlierst und Dich fragst, warum ich Dich so verachte. Dabei ist der Grund so einfach, Du kleine Bitch. So einfach. Das selbe Verhalten hast Du mir Jahre lang gezeigt, und nun, da ich Dich nicht mehr ernstnehmen kann und mein Selbstwertgefühl über Deine Dreistigkeit hinausgewachsen ist, lasse ich Dich fallen, ohne dass Du es merkst. Langsam, genüsslich, schadenfroh betrachte ich Dein Herantasten an die Realität, Deinen Versuch, eine Erklärung dafür zu finden, warum Du Dich an meinem Lächeln stoßen kannst. Du sollst langsam verstehen, die Erkenntnis gewinnen, dass Du mich verloren hast, dass Du verlassen wurdest. Du, die allseits Beliebte der Nation, wurdest verlassen von einer, die Du schon als Anhängsel – als manchmal lästiges Accessoire Deines Wesens – betrachtet hast. Das hättest Du nun nicht erwartet, was? Adieu. [31/3/2012]

Loser Faden

Ich habe aufgehört, dir zu verzeihen, als du nebenher sagtest, der Verrat sei noch harmlos gewesen. Und ich dachte an die Tage dieses Verrates und an die spitzen Kanten der Realität, an denen ich mir den Körper zerschürfte. Ich schwieg dich mit stockendem Atem an. Doch die Pause nutztest du, um sie bis zum Rand mit Alltagsgezwitscher zu füllen. Die Trennung stand vor mir und tanzte. Etwas in mir ließ etwas anderes los: eine Art seidenen Faden, an dem du schon lange nicht mehr hingst. Und anstatt, dass ich danach ins Endlose fiel, schwebte ich auf wie ein Neugeborener auf dem Weg ins Licht. Ich fühlte eine Erleichterung, die sonderbare Schwere ausstieß. Sie war nicht schön, sie war nicht erhellend, sondern real und so physisch, dass meine ganze Körperhaltung sich veränderte. Sie ließ Wahrheiten auf meinen bunten Teppich niederprasseln, die ich all die Jahre versteckt hatte vor uns. Nur, weil ich unsere erste Begegnung ehrte. Wann ich dir die Botschaft verkünden werde, dass unsere Schicksale nun voneinander unabhängig sind, weiß ich noch nicht. Der lose Faden wird mich führen, und ich weiß, bei dieser Offenbarung wird die Erleichterung in deinen Augen Knospen springen lassen.

Für mich alleine

Dann bin ich eben für mich alleine. Wenn niemand die offenen Hände und meine lautlose Bitte, geben und nehmen zu dürfen sieht, dann bleibe ich allein bei mir. Der Schnee ist auch ohne ein zweites und drittes Gesicht schön anzusehen; er schmilzt auch so auf meinen Wimpern und wird zum Geliebten von Brauen und Tränen. Dazu brauche ich kein blassrosanes Lächeln eurer Wangen oder nickend fallende Augenlider. Alleine lässt sich das Glück sehr wohl empfinden [wenn ich die Augen schließe und mir vorstelle, ihr wäret doch bei mir]. Und wenn du das nächste Mal wieder Wärme suchst, geh’ allein in den Schnee hinaus und lass mich mit meinem Selbst allein verweilen. Such weder meine Hände noch meine Stirnküsse, denn ich werde dir nur stille Vorwürfe machen und dir keine Träne nachweinen. Erst mich an dich gewöhnen und dann entwöhnen wie ein lästiges Kind, das ist fremd – und Fremde sind wir nicht. Ich spreche mit einer weißen Tracht aus halbgefrorenen Engelsmustern, die sogleich, wenn ich sie gefangen habe, wegschmelzen. Wenn ich ihren Verlust mit Würde trage, dann lass mich auch in Würde den Verlust von dir ertragen. Dann bin ich eben für mich alleine …

Die letzte Brise

Wenn gestern noch
eine Brise Liebe
zwischen unser beider
Atem tanzte,
dann war’s die Letzte
ihrer Art

Feige ziehst du
keine Miene
an dir nach
Dich verleugnend
zeigst du kalte
Festigkeit

Offen zeig’ ich
Verzweiflungs-
um Verzweiflungstat
Weil ich die Brise Liebe
such’
die in ihren letzten
Atemzügen lag

Realität vs. Realität

Seit zwei Tagen spielen wir Playstation 3D Spiele. Wenn wir abgeschossen werden oder etwas abschießen, knallen uns die Funken und Feuerwerke um die Ohren. Die Maschinenteile unserer Raumschiffe splittern uns entgegen, wir halten uns die Hand zum Schutz vor’s Gesicht, damit wir nicht getroffen werden. Die schweren 3D Brillen auf unseren Nasen nehmen wir nicht mehr wahr. Das da – dort, wo wir draufschauen – ist die Realität, in jenem Moment ist sie das. Eine, in der wir zwar nicht so große Angst haben und die Ungereimtheiten nicht wirklich gewichten, aber alles, was wir denken, wahrnehmen und mit Knopfdrucken tun, aktiviert in unserem Gehirn genau jene Areale, die aktiviert werden würden, würden wir all die Aktionen tatsächlich ausführen. Was ist nun Realität? Woran genau können wir sie festmachen?

Vielleicht ist das hier ein schlechtes Beispiel für eine klare Trennschärfe der Realitätsdefinition, denn immerhin findet dieses Spiel noch immer in unserer uns bekannten realistischen Alltag statt. Kommen wir zu einem anderen Beispiel.

Letzte Nacht träumte ich. Ich stand in einem großen Atelier vor einem Gemälde. Es war noch nicht einmal ein großes Gemälde. Eine warme, vertrauenswürdige Person – ich weiß nicht mehr, ob Mann oder Frau (was dort in der Traumwelt aber einfach keinen großen Unterschied machte) – schaute mich direkt an. Das Bild war lebendig, aber nur zweidimensional und so bewegungslos, wie Bilder nun einmal sind, wenn man kein ganz spezielles Auge für sie hat. Ich verfing mich in den Augen dieser warmherzigen, vertrauenswürdigen Person und lächelte sie einfach an. Als Dank dafür, dass ich mich kurz in dieser kargen Atelierslandschaft sicher fühlen durfte.

Was dann geschah, war so faszinierend. Als hätte mein Lächeln eine Welle in das Bild geschlagen, fing es an, sich zu bewegen. Wie die Kreise in einem stillen See, der einen flachen Stein in sich aufgenommen hat, bewegte es sich, wellte es, trieb es, bis das Bild im Rahmen eine 3D-Landschaft zeigte. So ein digitales 3D, wie ich es in meinen 3D-Spielen erlebte, aber um vieles weicher, weltfremder, wärmer. Das Gemälde war ein sich bewegendes 3D Gebilde. Glitzerndes Wasser im Hintergrund, rechts oben die Milchstraße, bei der ich “um die Ecke” des Rahmens schauen konnte und die Unendlichkeit greifen konnte. Weiterlesen