[Tagebuch der Anderen] Adieu

Falls Du denkst, ich würde Dich anrufen, jemals noch im Leben den ersten Schritt zu Dir machen, dann irrst Du Dich gewaltig. Du bedeutest mir nichts, und der Grund, warum Du mir überhaupt noch im Kopf rumschwirrst und ich Dir hier, in diesem herrlich verlassenen Tagebuch schreibe ist der, dass ich mir gerne vorstelle, wie Du Dich in Selbstzweifel verlierst und Dich fragst, warum ich Dich so verachte. Dabei ist der Grund so einfach, Du kleine Bitch. So einfach. Das selbe Verhalten hast Du mir Jahre lang gezeigt, und nun, da ich Dich nicht mehr ernstnehmen kann und mein Selbstwertgefühl über Deine Dreistigkeit hinausgewachsen ist, lasse ich Dich fallen, ohne dass Du es merkst. Langsam, genüsslich, schadenfroh betrachte ich Dein Herantasten an die Realität, Deinen Versuch, eine Erklärung dafür zu finden, warum Du Dich an meinem Lächeln stoßen kannst. Du sollst langsam verstehen, die Erkenntnis gewinnen, dass Du mich verloren hast, dass Du verlassen wurdest. Du, die allseits Beliebte der Nation, wurdest verlassen von einer, die Du schon als Anhängsel – als manchmal lästiges Accessoire Deines Wesens – betrachtet hast. Das hättest Du nun nicht erwartet, was? Adieu. [31/3/2012]

Loser Faden

Ich habe aufgehört, dir zu verzeihen, als du nebenher sagtest, der Verrat sei noch harmlos gewesen. Und ich dachte an die Tage dieses Verrates und an die spitzen Kanten der Realität, an denen ich mir den Körper zerschürfte. Ich schwieg dich mit stockendem Atem an. Doch die Pause nutztest du, um sie bis zum Rand mit Alltagsgezwitscher zu füllen. Die Trennung stand vor mir und tanzte. Etwas in mir ließ etwas anderes los: eine Art seidenen Faden, an dem du schon lange nicht mehr hingst. Und anstatt, dass ich danach ins Endlose fiel, schwebte ich auf wie ein Neugeborener auf dem Weg ins Licht. Ich fühlte eine Erleichterung, die sonderbare Schwere ausstieß. Sie war nicht schön, sie war nicht erhellend, sondern real und so physisch, dass meine ganze Körperhaltung sich veränderte. Sie ließ Wahrheiten auf meinen bunten Teppich niederprasseln, die ich all die Jahre versteckt hatte vor uns. Nur, weil ich unsere erste Begegnung ehrte. Wann ich dir die Botschaft verkünden werde, dass unsere Schicksale nun voneinander unabhängig sind, weiß ich noch nicht. Der lose Faden wird mich führen, und ich weiß, bei dieser Offenbarung wird die Erleichterung in deinen Augen Knospen springen lassen.

Für mich alleine

Dann bin ich eben für mich alleine. Wenn niemand die offenen Hände und meine lautlose Bitte, geben und nehmen zu dürfen sieht, dann bleibe ich allein bei mir. Der Schnee ist auch ohne ein zweites und drittes Gesicht schön anzusehen; er schmilzt auch so auf meinen Wimpern und wird zum Geliebten von Brauen und Tränen. Dazu brauche ich kein blassrosanes Lächeln eurer Wangen oder nickend fallende Augenlider. Alleine lässt sich das Glück sehr wohl empfinden [wenn ich die Augen schließe und mir vorstelle, ihr wäret doch bei mir]. Und wenn du das nächste Mal wieder Wärme suchst, geh’ allein in den Schnee hinaus und lass mich mit meinem Selbst allein verweilen. Such weder meine Hände noch meine Stirnküsse, denn ich werde dir nur stille Vorwürfe machen und dir keine Träne nachweinen. Erst mich an dich gewöhnen und dann entwöhnen wie ein lästiges Kind, das ist fremd – und Fremde sind wir nicht. Ich spreche mit einer weißen Tracht aus halbgefrorenen Engelsmustern, die sogleich, wenn ich sie gefangen habe, wegschmelzen. Wenn ich ihren Verlust mit Würde trage, dann lass mich auch in Würde den Verlust von dir ertragen. Dann bin ich eben für mich alleine …

Die letzte Brise

Wenn gestern noch
eine Brise Liebe
zwischen unser beider
Atem tanzte,
dann war’s die Letzte
ihrer Art

Feige ziehst du
keine Miene
an dir nach
Dich verleugnend
zeigst du kalte
Festigkeit

Offen zeig’ ich
Verzweiflungs-
um Verzweiflungstat
Weil ich die Brise Liebe
such’
die in ihren letzten
Atemzügen lag

Realität vs. Realität

Seit zwei Tagen spielen wir Playstation 3D Spiele. Wenn wir abgeschossen werden oder etwas abschießen, knallen uns die Funken und Feuerwerke um die Ohren. Die Maschinenteile unserer Raumschiffe splittern uns entgegen, wir halten uns die Hand zum Schutz vor’s Gesicht, damit wir nicht getroffen werden. Die schweren 3D Brillen auf unseren Nasen nehmen wir nicht mehr wahr. Das da – dort, wo wir draufschauen – ist die Realität, in jenem Moment ist sie das. Eine, in der wir zwar nicht so große Angst haben und die Ungereimtheiten nicht wirklich gewichten, aber alles, was wir denken, wahrnehmen und mit Knopfdrucken tun, aktiviert in unserem Gehirn genau jene Areale, die aktiviert werden würden, würden wir all die Aktionen tatsächlich ausführen. Was ist nun Realität? Woran genau können wir sie festmachen?

Vielleicht ist das hier ein schlechtes Beispiel für eine klare Trennschärfe der Realitätsdefinition, denn immerhin findet dieses Spiel noch immer in unserer uns bekannten realistischen Alltag statt. Kommen wir zu einem anderen Beispiel.

Letzte Nacht träumte ich. Ich stand in einem großen Atelier vor einem Gemälde. Es war noch nicht einmal ein großes Gemälde. Eine warme, vertrauenswürdige Person – ich weiß nicht mehr, ob Mann oder Frau (was dort in der Traumwelt aber einfach keinen großen Unterschied machte) – schaute mich direkt an. Das Bild war lebendig, aber nur zweidimensional und so bewegungslos, wie Bilder nun einmal sind, wenn man kein ganz spezielles Auge für sie hat. Ich verfing mich in den Augen dieser warmherzigen, vertrauenswürdigen Person und lächelte sie einfach an. Als Dank dafür, dass ich mich kurz in dieser kargen Atelierslandschaft sicher fühlen durfte.

Was dann geschah, war so faszinierend. Als hätte mein Lächeln eine Welle in das Bild geschlagen, fing es an, sich zu bewegen. Wie die Kreise in einem stillen See, der einen flachen Stein in sich aufgenommen hat, bewegte es sich, wellte es, trieb es, bis das Bild im Rahmen eine 3D-Landschaft zeigte. So ein digitales 3D, wie ich es in meinen 3D-Spielen erlebte, aber um vieles weicher, weltfremder, wärmer. Das Gemälde war ein sich bewegendes 3D Gebilde. Glitzerndes Wasser im Hintergrund, rechts oben die Milchstraße, bei der ich “um die Ecke” des Rahmens schauen konnte und die Unendlichkeit greifen konnte. Weiterlesen

Entfremdung

Die Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. Sie lassen einander im besten Fall allein – im schlimmsten Fall aber ins offene Messer laufen. Die Entfremdung von damals nahestehenden Personen, mit denen man alles geteilt hat, erleidet man oft stumm, um sich windend und einsam. “Bloß nicht darüber sprechen”, denkt man sich und hält dem darauf folgenden Gedanken schon den Mund brutal zu: “Wffwfffwfffffawaff Hmmmpffff” (“Was, wenn ich mir das nämlich doch nicht nur einbilde und so eine “Aussprache” mit dem anderen genau das bestätigt, was ich denke und fühle? – Nämlich, dass wir nichts mehr miteinander anfangen können?”) – Ja, vermutlich käme man in einem Dialog zu genau diesem Ergebnis. Und das will man nicht. Zumindest noch nicht. Nicht, bevor man nicht einen anderen Weg gefunden hat, mit dieser Entfremdung klar zu kommen. Also geht man auf die Suche nach dem großen Verbandskasten, der einem die alte, heile Welt ins neue Leben zurück bringt. Und dann scheitert man. Man gibt nicht auf und scheitert wieder.

Das kennt Ihr doch auch. Ihr schildert einem alten Freund markerschütternde Gefühle, ohne dieses Gefühl selbst in seiner eigenen Dimension offenbaren zu können. Von Euch selbst weggespalten, hantiert Ihr mit Händen, Füßen und Mimik, um einen nicht-begreifbaren Zustand Eures Gemüts begreifbar zu machen – und erkennt mitten in Eurem Vorhaben, wie sinnlos das ist. Denn damals hat er Euch ohne all diese Hampeleien verstanden. Keine Worte zu finden, war kein Problem – im Gegenteil – sie zu finden, störte das Einvernehmen von Herz zu Herz viel mehr als blick- und bedeutungsschwangeres Schweigen. – Ihr wehrt den Gedanken ab. In der Erwartung dieser vertrauten, verständnisvollen Umarmung ferner Zeiten, strampelt Ihr weiter. Mit geschlossenen Augen rennt Ihr. Alles Reale verneinend und alles Illusionsbestätigende fixierend, hechtet Ihr in die Richtung dieser wohligen, vertrauten Umarmung Eures Freundes und scheitert an hartem Beton. Schreckgepeinigt öffnet Ihr Eure Augen und seht keine Regung in seinem unwissenden Gesicht. Nicht aus Böswilligkeit oder harter Ignoranz, sondern aufgrund der Tatsache, dass einmal Ihr und einmal Euer Freund sich verändert hat. Seine Fühler greifen nicht mehr nach Eurem Atem – und Euer Atem weht in eine völlig andere Richtung, nur nicht zu ihm. Ihr-und-Er-Passung, die damals funktionierte wie ein Schlüssel zum Schloss, sind verschoben, verschroben, verrückt und ver-allest. Keine Passung, keine Begegnung. Keine Begegnung, keine Umarmung. Weiterlesen

Alles hat ein Ende

Die traurige Wahrheit ist, dass selbst die größten Liebesbeziehungen in vielen Fällen zu Ende gehen, weil sie einfach irgendwann an der (eigenen) Realität scheitern. Noch immer wird die Liebe dazu benutzt, um eigene Defizite zu kompensieren. Gerade Männer benutzen die Hingabe ihrer Frauen immer wieder dazu, sie als schwächelndes Wesen hinzustellen, sie zu degradieren und zu demütigen, damit sie ihre eigenen Unsicherheiten kompensieren. Und Frauen? Die sind meistens schon vor der aktuellen Beziehung “willige Opfer” gewesen, so dass sie immer traurigere Mechanismen intus haben, um den Mann zu halten. Die natürliche und wunderschöne Hingabe wird dann irgendwann zum Assistieren des Mannes bei der Folterung ihrer eigenen Seele. “Wenn ich dies und jenes mit mir machen lasse, vielleicht bleibt er ja dann. Vielleicht bin ich ihm dann etwas wert.”

Am Ende einer Liebe bleibt nur die karge Hoffnung, dass es wieder eine Neue geben wird. Dass dabei niemals der oder die Richtige erscheinen kann, solange man sich nicht (therapeutisch und selbstreflektiv) auskuriert hat, weil man sich in der nächsten Beziehung noch heftiger an den selbstschädigenden und selbstverachtenden Mechanismen festhält und dabei genau jenen Typ Mann anzieht, den man vorher schon hatte, nur um ein Vieles schlimmer, macht die Chancen auf Glück völlig zunichte.

Aber wir wollen mal nicht pessimistisch sein. Passt auf Euch auf, meine lieben Frauen. Ihr seid Juwelen, bitte vergesst das nicht. Bitte vergesst das nicht. Ihr gebärt Kinder und Euer Herz ist oft groß genug, um alles stehen und liegen zu lassen, um Eure Kinder wachsen und lachen zu sehen. Karriere, Status, Selbstachtung, eigene Bedürfnisse lasst Ihr liegen und legt Euch schlaflos aber glücklich neben das leise Gurren Eurer schlafenden Babies. Am Ende des Tages begegnet Ihr Euren Männern mit einem tapferen Lächeln – immer und immer wieder, selbst wenn sie Euch, nachdem ihre Bäucher satt sind, von oben bis unten kritisieren und Euch sagen, worin Ihr wieder versagt habt.

Ihr seid Juwelen. Bitte vergesst das nicht.

Oktober der 19.-e

(Vom 19. Oktober 2004 – Brief.mp3)

Heute ist der 19. Der 19. Oktober. Der 19. Oktober 2004. Ich kenne dieses Datum genau. Genau vor einem Jahr vergruben sich seine Zahlen in mein Herz und krallten sich atemstillend ein. Lebensberaubt, blutübergebend, niedergetreten, bettelte ich um Stillstand – in welcher Form auch immer – der Tod war erflehter Gast.

Der 19. Oktober letzten Jahres war jener 19. eines Oktobers, an dem wir uns das dritte Mal zerissen. Wie sehr Du Dein eigenes Glück doch mit Füßen getreten hattest und schon Tage danach händeringend meinen Tränen bis zum Boden folgtest, um in ihrem Geschmack meine Liebe aufzufangen, ohne die Du nicht leben wolltest. Nein, nicht konntest.

Alle wandten sich ab von Dir. Mama wollte kein Wort mehr über Dich hören. Meine Schwester bemitleidete Dich. Mein Bruder vergaß Deinen Namen. Hafez gab Dich auf. Selbst Du verachtest Dich, schiebst alle Schuld auf – und hasst mich.

Ich will heute nicht über jene Dinge reden, die Du wortlos geschworen, noch herzzerfetzend gebrochen hast. Kein Wort über die Demütigung jener Person, die Dir das Lieben offenbarte. Kein Wort über die Härte Deiner Hiebe, um meine Tränen versiegen zu lassen, wenn Du Deine Scham nicht tragen konntest. Ich will heute, dem prägendsten 19-ten meines Lebens gedenkend, über Deine Güte reden.

Über Spaziergänge in hoffnungsvollen Nächten, in denen ich Dir zehn Schritte kichernd vorausrannte, die Augen schloss, die Arme hob und mich nach hinten fallen ließ – immer bangend, doch immer vertrauend, dass Du mich auffangen würdest. Lachend tatest Du es, mehr als ein Duzend Mal. Ja, mehr als ein Duzend Mal

Sollen alle heute wissen, wie Du nachts im Halbschlaf die Decke um mich wickeltest, wie bei einem Kind bis zum Kinn. Sollen heute alle wissen, wie Du schlafend murmeltest “Ich liebe Dich…”, wie Du Dich bei jeder Bewegung von mir wie im Greifreflex eines Baby’s in meinen Oberarm kralltest und aus einem schlafend-nuschelnden Mund ein “Bitte geh’ nicht weg von mir…” herausgeatmet kam.

Heute sollen alle wissen, wie ich wutentbrannt die derbsten persischen, türkischen und deutschen Schimpfwörter in Dein Gesicht schleuderte, mit geballten Fäusten gegen Dich schlagen wollte. Sollen alle wissen, wie Du diese Faust zuerst mit Deinem Oberarm, dann mit Deiner Hand abfingst, sie erst mit Gewalt, dann mit Sanftmut schweigend öffnetest und die Innenfläche küsstest. “Bitte, mein Schatz, tu’ das nicht.”, sagtest Du mit großen, traurigen Augen – und die schamhafte Stille in mir regierte kapitulierend den Raum.

Heute wollte ich über Dich, ja wirklich über Dich, reden. Über die schwere Geburt Deiner ersten Liebeserklärung, wie Du stottertend-krächzender Kehle heraus in mein Herz stolpertest und dann erstaunt ob Deiner eigenen Courage sagtest: “Ich hab’s gesagt. Ich hab’s zum ersten Mal in meinem Leben gesagt…” Erinnerst Du Dich noch an Dein erstes Glaubensbekenntnis? “Ich weiß jetzt, es muss einen Gott geben. Anders kann ich mir Dich nicht erklären…”

Ja. Darüber wollte ich schreiben – über Dich und das Schöne in Dir. Aber nun fehlen mir die Worte – und ich muss mich meiner Unfähigkeit beugen.

Doch sollst Du wissen, ich hasse Dich nicht. Denn niemanden hast Du mehr verlassen als Dich selbst, als Du Dich drei Mal trenntest. Trenntest, weil Deine Familie mich “Böse Zauberin” schimpfte, denn ich war “anders” als Ihr.

Das weißt Du – und genau deshalb – ein Jahr später, höre ich Dein Atmen in der Aufnahme meines Anrufbeantworters. Stillschweigend, leise atmend – meinem Ansagetext auf ein Neues horchend. Nur deshalb.

Leb’ wohl, mein Verlorener. In meinen Gebeten bitte ich immer um Dein ehrliches Lachen – sollst auch Du Deine Liebe finden – so wie ich jetzt meine fand. Und falls Du mich hier aufsuchen solltest und mich lesen solltest, so tu’ uns den Gefallen und beschmutze unsere Geschichte nicht. Denn sie war etwas Besonderes. Dein Hass wird vergehen, sobald Du Dir verziehen hast – so wie ich Dir.

Ja. Hörst Du?
So, wie ich Dir.