Viele Wege des Fragens

Letzte Nacht träumte ich von Marina Abramovic. Sie begleitete mich zu einem Schulfest, das mir scheinbar viel bedeutete. Da sie nicht offiziell eingeladen war, brachte ich ihren Stuhl selbst mit. Während ich ihn den langen Weg zum Schulschloss trug, wurde er immer größer und größer, bis er zu einem Thronstuhl wurde, den ich mit einem Seil auf meinen Rücken binden musste. Anders konnte ich ihn nicht mehr halten. Als ich Marina dann endlich in dieser schlossartigen Schule traf und ihr den großen königlichen Stuhl anbot, damit sie sich drauf setzte, sagte sie freundlich und mit einem Hauch von Nachsichtigkeit, dass wir beide drauf passen würden. Also setzte sie sich auf ihn, und ich setzte mich auf ihren Schoß. Das wechselte sich ab. Manchmal saßen wir nebeneinander, manchmal saß sie auf meinem Schoß. Das Schulfest verwandelte sich in ein Theaterstück, von dem ich nicht viel mitbekam. Ich beobachtete viel mehr ihr Gesicht, achtete auf jede Regung und freute mich sogar über jede Nichtregung.

Das Theaterstück verwandelte sich ganz schleichend und sanft in ein Wissenschaftskongress. Die Räume wurden vom barockmäßigen steinigen Goldbeige zu kühlem, modernen Graublau. Es liefen Science Fiction Klassiker mit Realitätsgehalt an den vielen Monitoren. Abrisse der Szenen wurden mit reger Beteiligung diskutiert. Zukunftsvisionen wurden befürchtet oder freudig herbeigesehnt. Ich begann, mich unruhig zu fühlen aus Angst, diese technik- und wissenschaftslastigen Themen würden sie langweilen. Ich empfand den Gedanken als unerträglich, dass der eine Tag, den ich mit ihr verbringen durfte, für sie ein langweiliger war. Also drückte ich ihre Hand und sah sie mich entschuldigend an. Sie strahlte auf ruhige Weise und nickte verständnisvoll: “Wieso sollte mich das langweilen? Es gibt viele Wege, Fragen zu stellen. Hauptsache, wir stellen überhaupt welche …” Ich war beruhigt und blickte immer seltener auf ihr Gesicht, denn ich war sicher, sie genoss die Diskussionen, die Laser, die Technik, die Bakterienkulturen, die bunt aus ihren Räumen wuchsen und die Nervenzellen, denen wir in Großaufnahme beim Andocken und Verästeln zusehen durften. Alles war in Ordnung, hörte ich sie denken, so lange wir nur weiter Fragen stellten …

In der Zusammenhanglosigkeit verloren

Zusammenhanglose Zähne klappern arhythmisch um Aufmerksamkeit, und der Loseste scheint zu gewinnen. Wir beachten immer alles, das wir zu verlieren drohen, aber immer auch erst dann und nicht vorher. Gebrochene Mädchen ringen um ihr Selbstwertgefühl, indem sie sexuelle Anziehungskraft mit Liebenswürdigkeit verwechseln. Kalte Nächte, zerwühlte Betten, sexueller Devotismus ohne echte Hingabe, ein Macho, der drei andere neben ihr hat und dann die Trennung, bis der Kreislauf von neuem beginnt. Nur mit weniger Selbstwertgefühl und noch stärker der Drang, durch sexuelle Anziehung Liebe zu ergattern. Der Bruch mit sich selbst verunstaltet uns, die Atemwege sind verstopft mit Habenwollenlisten, die unsere wahren Wünsche verbergen. Wir stagnieren in unserer Maske und sind belagert von unserer Verdrängung und wundern uns über Panik- und Erstickungsanfälle in der Nacht. Lasst uns schlafen und neu beginnen, frei von Altlasten, neu beginnen. Und dann kommt die Marketingfalle und schnappt zu, weil wir die höchste Offenheit in unserer Verzweiflung zeigen, wenn jeder Wegweiser wie der letzte Strohhalm verinnerlicht wird. Weiterlesen

Der krumme Tag

Gestern war ein krummer Tag. Eine Freundin von mir schrieb eine seltsame SMS. So, als fordere sie eine Rechtfertigung dafür, dass jemand Bestimmtes, den wir beide kennen, traurig aussah, als ihr das Glück beschert wurde, meiner Freundin über den Weg zu laufen. “Hi Süße, ich habe heute So-und-so gesehen. Sie hat mich wohl nicht gesehen, und sie sah so traurig aus. Warum denn nur?” Mein Herz pochte. In den letzten Jahren schießt meine Wut sehr schnell in meine Stirnader und randaliert dort um die Wette mit wem-oder-was-auch immer. Dann entwickelt sich eine bedrohliche Unruhe in mir, die ich mit aller Macht zu bändigen suche. Was, wenn ich das nicht schaffe? Was, wenn ich meinen animalischen Impulsen freien Lauf lasse und mit all den Vorwürfen, all dem kalten Zorn antworte, mit dem ich inzwischn jedem antworten will, selbst, wenn die Person nichts dafür kann? Gehörte die Person zu jenen, die meine Wutschleuder verdient hätten? Ganz sicher nicht. Ein lieber Mensch ist sie, schon immer gewesen. Nur ihr Weltbild ist etwas einfach gestrickt. Sie hat klare Linien, die einiges einteilen. Einteilen in Gut und Böse, Rechtschaffenheit und Unehrlichkeit, in Paradies und Hölle. Und da sie gerade selbst ein Happy End in einer brenzlichen Lage erfahren hatte, wird das Leid anderer schon in irgendeiner Weise seine Richtigkeit haben.

Dachte sie so? Fast befürchte ich: ja. Wenn auch nicht bewusst und in konkreten Gedanken aus dekliniert. Wieso nahm ich das hin? Ganz einfach. Bei langjährigen Freundschaften ist das doch immer so. Man ist gemeinsam vierzehn Jahre alt gewesen – und die Wellenlängen schwingten im selben Takt, wenn auch nicht ganz, so doch angenähert. Das lag einfach in der Natur der Pubertät. Die Themen in der Phase sind recht eingegrenzt und überlappen sich zwischen den Personen so leidenschaftlich wie zwei Nacheinanderverrückte. Und dann? Das Abitur trennt alle, jeder geht seines Weges, ohne den alten gemeinsamen Weg von damals zu vergessen. Man trifft sich, redet, hat einander lieb – teils aus Gewohnheit, teils aus dem innigen Bedürfnis heraus, eine alte, heile Welt in einem alles desillusionierenden Verstand in Interaktion mit seiner empfundenen Realität fest zu halten. Und doch klappt das nur, weil man den Kontakt so spärlich wie möglich hält, um keine Reibungspunkte zu finden. So ist das doch, oder? So scheint es zu sein. So funktionierte es. Bis jetzt – und wird es sicher noch einige Zeit lang. Weiterlesen

Vom Schützen und Beschützen

„Weißt du, was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“, nahm sie ihren Restmut zusammen und stellte ihrer Freundin endlich die einleitende Frage, die sie in ihren Gedanken schon so oft gestellt hatte. „Nein, sag’ es mir, bitte.“ Sie atmete auf und begann, zu sprechen: „Jeder Mensch“, holperte sie den Satzanfang heraus, ohne zu wissen, worin er münden wird. „Jeder Mensch hat eine bestimmte Art, einen Menschen, eine Situation oder das Leben zu betrachten. Aus der Art, wie ein Mensch das Leben betrachtet, erfolgt seine Berufung. Warte, sag’ nichts, ich versuche es zu erklären. Wenn ich mit dir einen Ort erreichen möchte, schaust du nach dem Weg, der am schnellsten ist. Und ich schaue nach dem Weg, der vor allem für dich am Sichersten ist. Und wenn wir uns doch nach deinem Weg richten, sind meine Augen und Hände um dich herum wie unsichtbare Flügel. Sie zerren dich zurück, halten dich fest oder geben dir einen Klaps auf den Oberarm, wenn ich – viel zu früh, viel zu oft, viel zu überstürzt – eine Gefahr für dich sehe. Das ist keine Leistung, musst du wissen. Es ist in mir drin, ich kann nichts dagegen tun. Meine Aufmerksamkeit fokussierte sich schon immer – auch als Kind – darauf, andere zu beschützen. Alles, was um mich herum war, ob Tier, Mensch oder Gegenstände – selbst wenn es Fremde waren – sollte sicher sein. Der kleine Kreis um mich sollte in Frieden gelassen werden. Das ist der Unterschied zwischen uns. Bei mir kommt das an erster Stelle, was bei dir an Zweiter kommt. Es ist der, der mich anhänglich, aber auch grausamer macht. Ich kann andere mit den Zähnen einer wild gewordenen Raubkatze zerfleischen, die die Menschen in meinem Kreis verletzen wollen, während du in irgendeiner Weise Verständnis für sie aufbringen kannst.

Wir unterscheiden uns also, ja. Du schaust nach dem schnellsten Weg, der, der dich am Besten zum Ziel bringt. Gerne nimmst du mich mit, weil ich angenehm, treu, liebenswert oder auch ein guter Schutz bin, aber meine Sicherheit ist nicht dein erster Gedanke. Und das ist der Grund, warum ich mich immer wieder zurück ziehen muss in unserer Verbindung. Auch, wenn wir beide nichts für die Art, wie wir sind, können – so erwarte ich in meinen falschen Menschenbildern jenen gegenüber, die sich Freunde nennen, noch immer, dass sie mich auf die Art lieben und für mich kämpfen, wie ich es immer für sie getan habe. Du brauchst nichts zu sagen. Ich werde gehen, und ich werde zurück kommen, wie immer. Vielleicht früher, als du mich wieder zurück holen wirst, vielleicht wirst aber du aber schneller sein.“ Sie drehte sich um und ließ ihre Freundin mit lähmenden Schritten allein. Ihr Herz pochte aus Angst, sie würde fallen und sterben, wenn sie die paar Tage ohne ihren Schutz in ihrem Zimmer im Kreis drehte. Doch nichts dergleichen geschah. Und keine der beiden kehrte je zur anderen zurück. Weiterlesen

Verloren im Paradies

Letzte Nacht träumte ich einen Traum, den ich mit Euch teilen will. Ich kam an einen Ort an, den ich nicht anders als paradiesisch nennen kann. Mitten in einer Szenerie eines türkis-blauen Meer-Sees mit einem starken Wasserfall und einer Atemluft, bei der ich das Gefühl hatte, ich könne aufgrund ihrer Reinheit abheben. Umrahmt vom Grün der Büsche und der exotischen Bäume, großen, schönen Blüten, Früchte und sorglosen Tiere, fühlte ich eine Ergriffenheit, die ich kaum beschreiben kann. Ich stand machtlos gegenüber dieser Schönheit da, betrachtete dieses Kunstwerk, das sich ständig durch die Geburt neuer Flora und Fauna selber erschuf und dachte nur daran, wo denn meine Kamera sei, ich müsse all das doch irgendwie festhalten, konservieren wie ein lebloses Gebilde. Als ich sie suchte und nicht fand, tastete ich mich zu meiner Tasche und suchte nach meinem Handy. Ich holte es hastig raus und sah, ich habe keinen Empfang. Angst stieg in mir auf, mein Herz setzte kurz aus. Das Wissen, dass ich hier ganz alleine war und niemand mich mit dem Auto finden und abholen würde, weil es nicht einmal einen Straßennamen oder Ortsnamen gab, machte mich hektisch. Also suchte ich nach meinem Navigationssystem. Die GPS Koordinaten müssten doch drauf sein und es würde mich schon irgendwie zurück in die Geborgenheit bringen: Zurück in die Stadt. Doch ich fand es nicht. In meiner anderen Tasche kramte ich hastig mein Notebook raus und hoffte auf Internetempfang. Eine SOS Email könnte ich ja schicken, Peyman per Facebook benachrichtigen und ihm sagen, in was für einer lebensbedrohlichen Lage ich doch war, ihm aufgeregt erzählen, dass ich mitten in einem Paradies stehe, ohne nichts, ohne Verbindung, ohne den Weg nach Hause und was noch schlimmer war: Mit mir allein! Achwas, ich würde diese Eilmeldung gleich in meinen Status schreiben, damit alle Bescheid wüssten. Damit die Wahrscheinlichkeit steigen würde, dass sich gleich die ersten Leute auf den Weg machen würden in diese gottverlassene Gegend ohne nichts als Bäumen, Blumen, Seen und Ruhe.

Mein Herz raste. Alles, was im ersten Augenblick majestätisch schön war, war nun grässlich bedrohlich. Das Wasser im Meeres-See wurde plötzlich zum reißenden Meer. Fremdartige, tentakelgleiche Tiere würden gleich mit ihren tausend Krallen rausspinksen und mich anvisieren. Unfassbar gefährliche Tiefseekreaturen, hässliche Aale, windige Haie, die meine Angst rochen – all diese Kreaturen würden mich einfangen und fressen wollen, so wie wir Menschen es immer taten. Hinter mir spaltete sich lautlos die Erde und Treppen taten sich auf, die leider nur noch unten führten, nicht nach oben. Also raste ich sie runter, in der Hoffnung, irgendwann doch bald auf eine Autobahn zu treffen, auf Züge, Bahnen, Lärm und zu große Menschenmassen – alles soviel weniger bedrohlich als diese Idylle von Natur. Natur. Oder Natur-Gewalt. Weiterlesen

Unsere Helden

Die Jahreszeiten wechseln immer schneller, die Wissenschaft macht Fortschritte, die Technologie erschafft Unglaubliches – aber die Prinzipien der Welt ändern sich dennoch nicht. Die Relationen wachsen, die Effekte sind radikaler, die Menschen zerstören unbeteiligter mit einem Knopfdruck der Körperzerfetzung, Massenvernichtungswaffen werden durch doppelmoralische Diplomatie mit Krawatte ersetzt, Grenzen werden nicht mehr mit dem Schwert erkämpft, sondern mit dem Lineal gezogen, Völker, die seit Jahrhunderten zusammenleben, fallen übereinander her und zerfetzen sich und lenken von den Raubzügen ab. Präzise, chirurgische Eingriffe in unseren Körpern verusachen andererseits neue Krankheiten, unsichtbare Organismen zerstören unsere Körper, die eigenen Zellen zerfressen Dich – und die Menschheit ist ratlos. Noch immer.

Neue Menschen kommen und erklären Dir die Liebe als biologischen Effekt der Fortpflanzungstriebe; also gehen alle ficken. Ficken drauf los, lassen sich ficken. Ficken. Ficken. Ficken, als würden sie pissen. Pissen. Dort in die Ecke, dann mal hier, dann mal oben, dann mal im Nirgendwo. Und man fragt “Warst Du pissen oder ficken?” – und die Antwort ist “Ups! Das weiß ich gar nicht mehr so genau.” Gesichtlos, skrupellos, blind.

Nach sovielen Jahren Evolution haben wir es nicht geschafft, die Prinzipien dieses Daseins zu verändern. Damals hatte man noch die Hoffnung, mit Liebe die Welt retten zu können. Aber da Liebe heute nur noch Ficken ist, haben wir nicht einmal mehr diese Waffe. Die Liebe hat sich ausgepisst.

Auf unser Wohl.